Kommission der Europäischen Gemeinschaften: Effizienz und Gerechtigkeit in den europäischen Systemen der allgemeinen und beruflichen Bildung. Mitteilung der Kommission an den Rat und das Europäische Parlament. KOM(2006) 481 endgültig. Brüssel: Selbstverlag 2006

 

Einleitung

1. Auf seiner Frühjahrstagung 2006 hob der Europäische Rat hervor, dass die europäischen Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung Schlüsselfaktoren für die Entwicklung des langfristigen Wettbewerbspotenzials der EU sowie für den sozialen Zusammenhalt sind und damit einer doppelten Herausforderung gegenüberstehen. Außerdem müsse das Reformtempo zügiger werden, damit qualitativ hochwertige Bildungssysteme entstehen, die sowohl effizient als auch gerecht sind. Dies ist entscheidend für die Erreichung der Ziele der EU im Rahmen der Lissabon-Partnerschaft für Wachstum und Beschäftigung sowie der offenen Koordinierungsmethode für soziale Eingliederung und soziale Sicherung.

2. Angesichts der Lage der öffentlichen Haushalte und der durch die Globalisierung, den demografischen Wandel und die technologischen Innovationen entstehenden Herausforderungen kommt der Effizienz im Bereich der allgemeinen und beruflichen Bildung eine immer größere Bedeutung zu. Häufig wird allerdings angenommen, dass sich die - an sich wünschenswerte - Effizienz und die Gerechtigkeit gegenseitig ausschließen. Derzeit werden bestehende Ungerechtigkeiten noch zu häufig durch die bestehenden Systeme der allgemeinen und beruflichen Bildung gestützt oder sogar verstärkt.

3. Betrachtet man die Problematik jedoch in einem umfassenderen Kontext, zeigt sich, dass Gerechtigkeit und Effizienz sich sogar gegenseitig verstärken. In der vorliegenden Mitteilung werden politische Strategien beschrieben, bei denen diese Wirkung eintritt. Die politischen Entscheidungsträger sollen über Trends in anderen Mitgliedstaaten und die Ergebnisse der unterstützenden Forschung auf EU-Ebene informiert werden, so dass sie im laufenden Prozess der Bildungsreform fundierte Entscheidungen treffen können. ...

3.1. Vorschulbildung: Das Lernen vom frühesten Kindesalter an in den Vordergrund stellen

11. Es gibt umfassende Belege dafür, dass eine qualitativ hochwertige Vorschulbildung einen langfristigen Nutzen für den Lernerfolg und die Sozialisierung während der weiteren schulischen und beruflichen Laufbahn hat, da sie das spätere Lernen erleichtert.

12. Erfahrungen aus Europa und den Vereinigten Staaten zeigen, dass frühzeitig ansetzende Programme, insbesondere für benachteiligte Kinder, hohe sozioökonomische Erträge liefern können, und dass die positive Wirkung solcher Programme bis weit in das Erwachsenenalter hinein anhält. Unter anderem wirken sich diese Programme positiv auf Folgendes aus: schulische Leistungen, Versetzungsaussichten, Beschäftigungsquote, Einkommensniveau, Verhütung von Straffälligkeit, familiäre Beziehungen und Gesundheit. Um jedoch während des gesamten Bildungswegs Benachteiligung entgegenzuwirken, müssen solche Vorschulprogramme durch Follow-up-Maßnahmen ergänzt werden (z.B. Unterstützung des Erlernens von Fremdsprachen und der sozialen Anpassung), da anderenfalls der Nutzen der Programme geschmälert wird. Wird nicht bereits im frühen Kindesalter genügend in die Bildung investiert, fallen durch - weniger effiziente - Fördermaßnahmen in späteren Lebensphasen weitaus höhere Kosten an. Hinzu kommen dann höhere Ausgaben in anderen Bereichen wie Verbrechensbekämpfung, Gesundheitsschutz, Arbeitslosenunterstützung und Sozialfürsorge.

13. Einige europäische Länder haben Investitionsstrategien festgelegt, die auf den Ausbau der Früherziehung und die Beseitigung von Benachteiligung im frühen Kindesalter abzielen (z.B. BE, ES, FR, IT, HU). Solche Strategien sind in Bezug auf Effizienz und Gerechtigkeit ausgesprochen wirksam, d.h. es ist gerechtfertigt, ihnen hohe Priorität bei der Zuweisung öffentlicher und privater Mittel einzuräumen.

14. Es sollte eingehend darüber nachgedacht werden, welche Art der Früherziehung benötigt wird und welche pädagogischen Konzepte angewandt werden sollen. Programme, bei denen das Lernen und die Entwicklung persönlicher und sozialer Kompetenzen gleichermaßen im Mittelpunkt stehen, erzielen in der Regel die besten Ergebnisse und somit auch eine bessere Hebelwirkung für den gesamten Lebensweg. In vielen Ländern werden jedoch mehr speziell für den Vorschulbereich ausgebildete Lehrkräfte benötigt. Auch das Engagement der Eltern ist für den Erfolg der Vorschulbildung entscheidend, und im Falle benachteiligter Kinder kann dieses Engagement durch spezifische Elternbildungsangebote und aktive Elternarbeit gefördert werden.

Die Vorschulbildung liefert im Hinblick auf den Bildungserfolg und die soziale Eingliederung der Kinder die größten Erträge. Entsprechend sollten die Mitgliedstaaten ihre Investitionen in die Vorschulbildung verstärken, damit diese wirksam dazu beitragen kann, eine Basis für das weitere Lernen zu schaffen, den Schulabbruch zu verhindern, mehr Gerechtigkeit bei den Bildungsergebnissen zu erreichen und das allgemeine Kompetenzniveau zu steigern.

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32. Im Rahmen der überarbeiteten Lissabon-Strategie und des Programms "Allgemeine und berufliche Bildung 2010" unterstützt die EU außerdem die Mitgliedstaaten bei der Entwicklung und Umsetzung ihrer Politik im Bereich der allgemeinen und beruflichen Bildung: Wechselseitiges Lernen und Peer Reviews sollen den Austausch von Informationen, Daten und vorbildlichen Verfahren anregen. Effizienz und Gerechtigkeit sind zwei Leitmotive dieser Maßnahmen, und die EU wird insbesondere im Bereich der Vorschulbildung die Entwicklung einer Kultur der Evaluierung und des Austauschs bewährter Verfahren aktiv vorantreiben. ...

Quelle: http://ec.europa.eu/education/policies/2010/doc/comm481_de.pdf (ohne Fußnoten)