Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Netti Christensen

Manfred Berger

 

Netti Christensen ist eine der vielen unbekannt gebliebenen Frauen, die den Aufbau und die Entwicklung der Institution Kindergarten in der ehemaligen DDR maßgebend beeinflusst hatten. So war sie beispielsweise entscheidend an der Erarbeitung von Bildungs- und Erziehungsplänen beteiligt, für deren Konzeptionen sie die wissenschaftlichen Grundlagen schuf (vgl. Ulbrich 1994, S. 102 ff.). Ferner erarbeitete sie die ersten Lernprogramme für die Ausbildung von Vorschulerzieherinnen und war zudem eine gesuchte Referentin und bekannte Fachpublizistin, weit über die DDR hinaus. Netti Christensen war langjährige(s) Mitarbeiterin und Mitglied des Redaktionskollegiums der 1948 gegründeten Fachzeitschrift "Die Kindergärtnerin", seit 1951 "Neue Erziehung im Kindergarten und Heim", seit 1955 "Neue Erziehung im Kindergarten" (die 1990 vom Luchterhand Verlag übernommen wurde und heute unter dem Titel "klein & groß" erscheint), die als "Vermittler marxistisch-leninistischer Pädagogik und Psychologie... das Nachdenken über die Erziehung der Kinder in unserer sich zum Wohle des Menschen verändernden Welt [anregte]" (zit. n. Ulbrich 1994, S. 70).

Netti Davidsohn wurde am 21. Februar 1914 in Hamburg als Tochter des Metallarbeiters Moritz Davidsohn und dessen Ehefrau Rosa, geb. Langenberg, geboren. Sie hatte noch einen Bruder. Von 1920 bis 1930 besuchte sie in ihrer Geburtsstadt die Mädchenschule der jüdischen Gemeinde, die sie mit dem Zeugnis der Mittleren Reife verließ. Anschließend erlernte sie den Beruf der Kinderpflegerin, folgend den der Kindergärtnerin am renommierten Hamburger "Fröbel-Seminar", das seinerzeit von Conradine Lück geleitet wurde. Doch letztgenannte Ausbildung musste Netti Davidsohn abbrechen, bedingt durch die politische Entwicklung in Deutschland und ihrer nicht arischen Abstammung.

Bereits schon 1932 schloss sich die junge Frau dem Kommunistischen Jugendverband an, da sie den Nazis die organisierte Kraft der Arbeiterklasse entgegensetzen wollte. Obgleich man ihr keine illegale Tätigkeit nachweisen konnte, wurde sie von der Gestapo verhaftet. Mit Hilfe der KPD emigrierte Netti Davidsohn im März 1935 nach Schweden. Bald wurde sie nach Dänemark gesandt, um von dort aus gegen die Nazis zu kämpfen und die Rettung der jüdischen Bevölkerung Dänemarks zu organisieren. In Kopenhagen ging Netti Christensen 1936 eine Ehe ein, die bereits ein Jahr später geschieden wurde. In der Hauptstadt Dänemarks bildete sie sich zur Arbeitstherapeutin aus. Als solche war sie von Dezember 1943 bis Juni 1945 am Orthopädischen Krankenhaus in Stockholm tätig.

Sofort nach Kriegsende ging Netti Christensen wieder nach Dänemark zurück, in der Hoffnung, von dort aus schneller nach Deutschland zurückkehren zu können. Aber die Engländer gaben den kommunistischen Emigranten weder eine Einreise- noch eine Durchreiseerlaubnis für die von ihnen besetzte Zone. So musste Netti Christensen in Dänemark bleiben. Sie gründete im Flüchtlingslager Klöwermarken einen Kindergarten für ca. 700 Kinder und erteilte 40 jungen Mädchen und Frauen praktischen und theoretischen Unterricht für ihre pädagogische Arbeit im Kindergarten.

Im August 1946 kehrte Netti Christensen über Polen nach Deutschland zurück, und zwar in die sowjetisch besetzte Zone. Sie arbeitete als Werklehrerin im renommierten Berliner "Pestalozzi-Fröbelhaus" und im Hauptschulamt von Berlin , wo sie als Referentin für die Ausbildung von Kindergärtnerinnen verantwortlich zeichnete. Bereits nach wenigen Monaten musste sie ihre Tätigkeiten aufgeben, bedingt durch gesundheitliche Spätfolgen der Misshandlungen durch die Gestapo. Nachdem sich ihr Gesundheitszustand gebessert hatte, wurde Netti Christensen im Oktober 1948 als wissenschaftlicheAspirantin an der Pädagogischen Fakultät der Berliner Humboldt-Universität angestellt. Außerdem war sie noch im Deutschen Pädagogischen Zentralinstitut als Oberreferentin tätig.

Erneute schwere gesundheitliche Probleme führten dazu, dass Netti Christensen 1952 auf eigenen Wunsch aus ihrer hauptberuflichen Tätigkeit ausschied. Seitdem war sie freiberuflich tätig für den "Volkseigenen Verlag Volk und Wissen", für das Ministerium für Volksbildung und für die Pädagogische Fakultät der Humboldt-Universität. Im Jahre 1959 wurde ihr vom Institut für Systematische Pädagogik und Geschichte der Pädagogik der Humboldt-Universität, Fachrichtung Fachpädagogik, die Attestation als Lehrerin für das Fach Pädagogik-Methoden an Pädagogischen Schulen erteilt.

Nach längeren Querelen zwischen dem Staatssekretariat für das Hochschul- und Fachschulwesen und der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität konnte Netti Christensen 1962 als wissenschaftliche Mitarbeiterin an der Pädagogischen Fakultät der Humboldt-Universität angestellt werden. Anlässlich ihres 50. Geburtstages wurde sie zur Studienrätin ernannt.

Netti Christensen erhielt mehrere Auszeichnungen: 1958 die Medaille "Kämpfer gegen den Faschismus", 1959 die "Dr. Theodor Neubauer Medaille" in Bronze; 1960 die "Dr. Theodor Neubauer Medaille" in Silber; 1966 den "Vaterländischen Verdienstorden" in Bronze und 1967 die "Pestalozzi-Medaille" in Silber.

Insbesondere durch ihre vielen Referate und Veröffentlichungen hatte Netti Christensen die Entwicklung des Kindergartens in der ehemaligen DDR maßgebend beeinflusst. Auf der vom 6. und 7. Oktober 1949 in Berlin stattgefundenen "Arbeitstagung von Kindergärtnerinnen und Grundschullehrern" vertrat sie die Ansicht, dass es keine für alle Zeiten gültige Kindergartentheorie geben könne; sie entwickele und verändere sich mit den gesellschaftlichen Verhältnissen. In ihrem Referat wandte sie sich entschieden gegen den Rückgriff vieler Kindergärtnerinnen auf Altbewährtes, auf "bürgerliche Theorien" (Christensen 1989, S. 204). In diesem Zusammenhang setzte sich die Referentin dafür ein, eine "Theorie und Methode der Kindergartenarbeit zu entwickeln, die unseren gesellschaftlichen Verhältnissen entspricht" (Christensen 1989, S. 204). Ferner bemängelte sie, dass die übliche Planung nach Wochen- und Monatsgegenstand den neuen gesellschaftlichen Anforderungen nicht mehr entspräche und forderte die Erarbeitung eines zentralen Plans, "in dem angegeben wird, welche Kenntnisse und Fertigkeiten auf den verschiedenen Gebieten das Kind in den jeweiligen Alterstufe besitzen muss" (Christensen 1950, S.12.).

Anfang 1951, nachdem sich der Einfluss der SED auf die Kindergartenerziehung in der damaligen DDR stabilisiert hatte, schrieb Netti Christensen (1951) über den Auftrag des Kindergartens: "Unser Kindergarten ist eine Einrichtung mit vorwiegend pädagogischem Charakter, und damit ein Teil des allgemeinen Bildungswesens. In Zusammenarbeit mit anderen gesellschaftlichen Einrichtungen, wie Familie, Schule, Junge Pioniere usw., hat er die Aufgabe, die sich aus dem Aufbau unserer antifaschistisch-demokratischen Ordnung ergibt: unsere Kinder zu fortschrittlichen Demokraten zu erziehen, zu bewussten und aktiven Erbauern einer helleren und glücklicheren Zukunft unseres Volkes. Wir haben auch schon oft darüber gesprochen, dass dieses, unser großes Erziehungsziel, zum bestimmenden Faktor in der Vorschulerziehung werden muss" (S. 3).

Hochgeschätzt waren ihre Bücher "Der Kindergarten im Dorf. Erfahrungen aus der Praxis" (1952), "Das Rollenspiel des Kindes" (1962) und insbesondere "Über das Spiel der Vorschulkinder" (1979). In letztgenannter und weitverbreiteter Publikation versuchte die Autorin, das Wesen des Spiels als besondere Form der menschlichen Tätigkeit im Sinne des "historischen Materialismus" zu analysieren. Dabei kritisierte sie die "bürgerlichen Wissenschaftler", wie Erika Hoffmann oder Karl Groos, da diese von falschen Vorausetzungen ausgehen würden und der Ansicht wären, die Arbeit hätte sich aus dem Spiel entwickelt, das Spiel also der Arbeit vorausginge. Dem hielt Netti Christensen (1979) entgegen: "Spielen können die Kinder nur dann und dort, wo die Menschen durch ihre Arbeit die Grundlage ihrer Existenz gesichert haben. Erst muss der Mensch essen, trinken, sich kleiden, irgendwo wohnen, muss imstande sein, sein Leben aufrechtzuerhalten, bevor er sich einer anderen Tätigkeit hingeben kann. Der historische Materialismus hat nachgewiesen, dass die Entwicklung der Menschen und der menschlichen Gesellschaft durch die Art und Weise bestimmt wird, durch die sie sich ihren Lebensunterhalt schaffen" (S. 14).

Das Freispiel war für Netti Christensen die Beschäftigung des Kindergartens, das die größte Anforderung an das pädagogische Können der DDR-Kindergärtnerin stellte. Über das Freispiel und seine Bedeutung bilanzierte die Pädagogin:

"Es ist nicht schwer, eine Kindergruppe zu führen, so wie man es früher tat, wenn man die Kinder zwingt, stillzusitzen und nur das zu tun, wozu sie aufgefordert werden. Aber ein Freispiel von 20 bis 30 aktiven Kindern so zu leiten, dass die Kindergärtnerin kaum bemerkt wird, obgleich sie die ganze Zeit das Spiel in der Hand hat, so, dass alle Kinder froh sind, jedes sich in irgendeiner Richtung weiterentwickelt, keine störenden Konflikte entstehen, kein Material unnötig verdorben wird, das ist wirklich eine Kunst; und die brauchen Jahre, um sich diese anzueignen... In keiner anderen Beschäftigung lernen wir das Kind so gut kennen wie im Freispiel, indem seine eigene Initiative vorherrschend ist. Ein Kind arbeitet langsam und methodisch, das andere schnell und ungenau, eines ist gutmütig und teilt gerne, ein anderes ist ein richtiger Geizhals, eines ist absolut ehrlich, während es dem anderen nichts ausmacht zu betrügen. Da finden sich wieder zwei Kinder zusammen, und das eine ist immer führend, das andere muss nur folgen. Was aber die Kindergärtnerin auch sieht und beobachtet, fortwährend stellt sie sich die Frage, warum ist das Kind gerade so, wie wurde es so, und wie kann ich ihm helfen, diese und jene gute Eigenschaft zu entwickeln und die schlechte zu überwinden. Genaue Beobachtungen müssen die Grundlage der ganzen Erziehung im Kindergarten bilden" (Christensen 1947, S. 213 ff.).

Frau Netti Christensen starb am 1. März 2006 in Berlin.

Anmerkung

Der Autor bittet um Hinweise zu weiteren bedeutenden Frauen der Kindergartenpädagogik in der ehemaligen DDR.

Literatur

Christensen, N.: Und Spiel ist Arbeit - Arbeit ist Spiel. Die neue Schule, 1947/H. 6, S. 213 ff.

Christensen, N.: Die Vermittlungsgruppe. Die Kindergärtnerin, 1950/H. 1, S. 4 ff.

Christensen, N.: Einige Bemerkungen zur Frage der Planung. Neue Erziehung im Kindergarten, 1951/H. 1, S. 2 ff.

Christensen, N.: Der Kindergarten im Dorf. Erfahrungen aus der Praxis, Berlin 1952

Christensen, N.: Das Rollenspiel des Kindes, Berlin 1962

Christensen, N.: Über das Spiel der Vorschulkinder, Berlin 1979

Christensen, N.: Bewegende Vorschulpolitik und -pädagogik miterlebt und mitgestaltet für das Heute und Morgen. Neue Erziehung im Kindergarten, 1989/H. 10, S. 201 ff.

Ulbrich, L.: Wandlungen des Kindergartens in der DDR - unter besonderer Berücksichtigung der Bildungs- und Erziehungspläne. Tübingen 1994 (unveröffentl. Diplomarbeit)

Autor

Manfred Berger, Starkstromelektriker, Dipl. Sozial-/ Heilpädagoge (FH), Dipl. Pädagoge (Univ.), Supervisor, Dozent für Psychologie, Pädagogik, Jugendliteratur/ Medienpädagogik und Rhythmik an Fach(hoch)schulen/ -akademien für Sozialpädagogik, ehrenamtlicher Leiter des Ida Seele-Archivs (ISA) in 89407 Dillingen. Das ISA betreffend, finden sich nähere Hinweise unter Wikipedia.

Tel.: 09071/794287
Telefax: 09071/79288
Email: manfr.berger@t-online.de