Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Martha Back

Manfred Berger

 

Martha Back wurde auf der 13. Hauptversammlung des Deutschen Fröbel-Verbandes (DFV) in Leipzig (vom 26.-27. Oktober 1907) zur ersten Vorsitzenden gewählt. Sie war die erste Vorstandsvorsitzende in der Geschichte des DFV's, der Anfang Juni 1873 in Nordhausen gegründet wurde. Noch heute existiert dieser unter der Bezeichnung "Pestalozzi-Fröbel-Verband". Mitte 1918 legte Martha Back aus Gesundheitsgründen ihr Amt nieder, blieb aber weiterhin dem DFV bis zu ihrem Tode verbunden.

Unter ihrer Ägide entwickelte sich der DFV zu einer hochgeschätzten Institution, die verstärkt die "soziale Frage" und die "Frauenfrage" in den Mittelpunkt ihrer Arbeit stellte. "Der DFV versuchte, überall dabei, überall vertreten zu sein - die Frauen mischten sich ein" (Carstens 1998, S. 29). Über das aktive Wirken der ersten Vorsitzenden für den DVF schrieb treffsicher Ella Schwarz:

"Mit großer Zielsicherheit und mit einem lebhaften Gefühl für das im Augenblick Notwendige verhalf sie dem Verbande zu neuem, kraftvollem Leben. Die gut vorbereiteten und geistvoll geleiteten Tagungen in Magdeburg, Rudolstadt, Nürnberg, Halle, Mannheim, Hamburg und Eisenach gaben nach außen hin Zeugnis von der wiedererwachten Lebenskraft des Verbandes. Im inneren schuf diese Kraft die von der preußischen Regierung angenommenen Vorschläge für die Ausbildungsbestimmungen für die Kindergärtnerinnen und Jugendleiterinnen, ferner neue Richtlinien für die Kinderpflegerinnenschulen und die heute noch wertvolle erste Broschüre des Verbandes 'In Friedrich Fröbels Bahnen'. Dem Weitblick und dem Takt seiner Vorsitzenden verdankt der Verband die Verbindung mit Erzieherkreisen im Sinne Fröbels in Dänemark, Finnland, Frankreich und Amerika und die Mitarbeit wertvoller Kräfte des Inlandes im Ehrenvorstand und Vorstand. Die Gründung der Berufsorganisation der Kindergärtnerinnen begrüßte Martha Back als eine Bereicherung der Verbandsarbeit, und mit Takt und Geschick fügte sie in der Kriegszeit den Verband in die Tätigkeit des Deutschen Ausschusses für Kleinkinderfürsorge, in der richtigen Erkenntnis, daß für die erschwerten Aufgaben eine breitere Grundlage erst die rechte Stoßkraft ermögliche" (Schwarz 1932, S. 285 f).

Josephine Johanna Martha erblickte am 4. Juni 1866 als ältestes von fünf Kindern des Kaufmanns Ernst Julius Auerbach und seiner Gattin Juliane, geb. Schöler, in Zittau das Licht der Welt. Ihr Lebensweg ist typisch für die damalige Situation höherer Töchter. Martha wurde u.a. privat unterrichtet und besuchte noch ein vornehmes Mädchenpensionat in Genf, um ihre französischen Sprachkenntnisse zu verfestigen. Gegen den Willen der Eltern ging Martha Auerbach nach Dresden. Dort absolvierte sie die Kindergärtnerinnenausbildung am Seminar der "Fröbelstiftung", gegründet und geleitet von der Baronin Bertha von Marenholtz-Bülow, die eine der bedeutendsten Persönlichkeiten der Fröbel- und Kindergartenbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundert war. Nach der Ausbildung arbeitete die junge Kindergärtnerin für kurze Zeit ehrenamtlich in einem Volkskindergarten der Dresdner "Fröbelstiftung".

Nachdem Martha Auerbach wieder als "Haustochter" zur Familie zurückgekehrt war, heiratete sie im September 1892 den Gewerbeschuldirektor Heinrich Ferdinand Georg Back. Dem Ehepaar wurden drei Kinder geboren, zwei Söhne (einer starb zwei Tage nach der Geburt) und eine Tochter, die eine bekannte Rhythmikerin wurde. Die Familie führte ein unruhiges Leben, verbunden mit mehreren Umzügen von Dresden nach Karlsruhe, Neckargemünd, Frankfurt und schließlich Mannheim. Insbesondere in Frankfurt und Mannheim setzte sich Martha Back für die Gründung von "Volkskindergärten" ein. Dies waren Einrichtungen speziell für Kinder des Proletariats, um sie vor den "Gefahren der Entsittlichung" (zit. n. Steiner 1996, S. 48) zu bewahren. Des weiteren regte sie die Organisation von örtlichen Berufsverbänden für Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen an. Über deren Notwendigkeit vermerkte sie:

"Die Fürsorge für das kleine Kind hat in den letzten Jahren an Bedeutung und Ausdehnung ungemein gewonnen. Neben Pestalozzi, dem Unterrichtsreformator, gelangt damit auch Friedrich Fröbel, der Erziehungsreformator, allmählich zu gerechter Würdigung. Was heutzutage an staatlich anerkannten Seminaren in seinem Geiste und vielfach unter seinem Namen besteht und arbeitet, bietet die Gewähr für gediegene Ausbildung. Das Verständnis für die pflichtgemäße Anteilnahme der Frau an den sozialpädagogischen und kulturellen Aufgaben des Staates ist in den organisierten Kindergärtnerinnen und Hortnerinnen sehr lebendig. Ihre Berufsbildung und ihr Weiterstreben befähigen sie dazu, sowohl auf dem weitverzweigten Gebiete der öffentlichen wie auf dem grundlegenden der häuslichen Erziehung wertvolle Bausteine zur Gesundung unseres Familien- und Volkslebens zu liefern" (Back 1919, S. 15).

Friedrich Fröbels Gedanke der Mütterlichkeit wurde von Martha Back verinnerlicht und zu ihrer Lebensaufgabe. In Anlehnung an Fröbel forderte sie die "Vergeistigung der natürlichen Mutterliebe", entsprechend dem seinerzeit vorherrschenden Konzept der "Geistigen Mütterlichkeit", der zentralen Sichtweise bürgerlich-konservativer Frauenrechtlerinnen. Dazu formulierte Martha Back:

"Fröbel ... sagt: 'Es ist das Charakteristische der Zeit, das weibliche Geschlecht seiner nur instinktiven, passiven Tätigkeit zu entreißen, und es von seiten seines Wesens und seiner menschheitspflegenden Bestimmung zu gleicher Höhe wie das männliche zu erheben.' Hätte sich Fröbels Erziehungsideal verwirklicht, so wäre die Frau längst schon in alle Rechte eingesetzt, welche die Frauenbewegung erstrebt. Weist er doch den hauptsächlichen Anteil an der Lösung der sozialen Frage den Frauen, und in erster Linie den Müttern zu, als den ersten Erzieherinnen des Menschengeschlechts. Von ihrer Tätigkeit in der Familie aus hält er sie für berufen, bis zur Universität hinauf alle Fragen der Erziehung und Bildung mitzuberaten, die er aus dem großen Zusammenhange des Lebens nicht loszutrennen vermag. Kann es bei solcher Auffassung für das höchste geistige Streben der Frau herabwürdigend sein, wenn Fröbel auf die besonderen weiblichen Anlagen verweist und vor allem im 'echten Frauensinn und dem echten Frauengemüt' das Gedeihen der Menschheit gewährleistet sieht? Gerade jetzt, da sich die Wege mehr und mehr öffnen, welche die Frauen in höhere Berufe und verantwortungsvolle, öffentliche Ämter führen, sollte das in den Frauen zu pflegen und zu entwickeln nicht versäumt werden, wodurch ihre Arbeit auf öffentlichen Gebieten eine ergänzende wird, und dazu verhilft, die allgemeinen Lebensfragen besser und vielseitiger zu lösen. In richtiger Erkenntnis der großen Gefahren einer einseitigen intellektuellen Bildung wendet sich unsere Zeit wieder viel mehr der Pflege des Körpers zu gesunder Entwicklung von Kraft und Schönheit zu! Die vielen sittlichen Schädigungen an unserm sozialen Körper wiesen den Weg der Kultur des Herzens und Gemütes! Die tiefsten Wurzeln aller traurigen Erscheinungen im Leben unseres Volkes (bei weitem nicht nur der unteren Schichten) sind in der Zersetzung und Zerstörung des Familienlebens zu suchen! Fröbel fordert eine Wissenschaft der Mütter, und trifft damit den Kern des Lebens. Diese Wissenschaft, auf Grund von Fröbels Erziehungslehre erworben, läßt die Frau ihre Kulturaufgabe im höchsten und weitesten Sinne erkennen, und weist ihr die Wege zu deren Ausführung auch im geistigen Sinne von Mutterschaft und Mütterlichkeit. Darum wünschen wir, daß sich die Einführung der Schülerinnen von Frauenschulen in die Kleinkindererziehung auf Fröbelscher Grundlage gestalten möge" (Back 1909, S. 20).

Martha Back starb am 28. Oktober 1932 in Mannheim, wo sie seit 1924 lebte.

Literatur

Back, M.: Aufgaben und Ziele, in: Deutsche Fröbelverband (Hrsg.): In Friedrich Fröbels Bahnen, Berlin 1909

Dies.: Der Verband Frankfurter Frauenvereine und seiner Mitglieder. Arbeit und Wirksamkeit während eines Jahrzehnts, Frankfurt 1919

Berger, M.: Martha Back: Die erste DFV-Vorsitzende, in: Kinderzeit 1999/H. 2

Carstens, C.: Der Deutsche Fröbel-Verband 1873-1923, in: Pestalozzi-Fröbel-Verband (Hrsg.): Die Geschichte des Pestalozzi-Fröbel-Verbandes. Ein Beitrag zur Entwicklung der Kleinkind- und Sozialpädagogik in Deutschland, Freiburg 1998

Schwarz, E.: Martha Back, in: Kindergraten 1932/H. 12

Steiner, S.: Führende Frauen des Deutschen Fröbel-Verbandes und Pestalozzi-Fröbel-Verbandes und ihr Wirken für den Kindergarten und den Beruf der Kindergärtnerin, Freiburg 1996 (unveröffentlichte Diplomarbeit)