Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Henriette Schrader-Breymann

Manfred Berger

 

Johanne Juliane Henriette wurde am 14. September 1827 im Pfarrhaus zu Mahlum geboren. Sie war das älteste von zehn Kindern des Pfarrers Ferdinand Breymann und seiner Frau Louise, geb. Hoffmann. Die Tante der Mutter, Jacobine Eleonore Friederike Hoffmann, hatte 1765 den Oberweißbacher Pfarrer Johann Jacob Fröbel geheiratet und war die Mutter Friedrich Fröbels. Henriette ist also die Großnichte des Kindergartenbegründers.

Die älteste Tochter der Familie Breymann war ein schwieriges aber begabtes Kind. Von 1838 bis 1841 besuchte Henriette Breymann die "Töchterschule" in Wolfenbüttel, lernte 1844/45 bei ihrem Onkel in Reichenbach/Sachsen ländliche Hauswirtschaft und ging 1848 zu Friedrich Fröbel nach Keilhau. Schnell wurde sie Fröbels Schülerin und später seine Mitarbeiterin. Mit großer Energie arbeitete sie sich in die Schriften Fröbels ein.

Nach der Lossagung von Fröbel und unruhigen Jahren kehrte Henriette Breymann 1853 ins Elternhaus zurück. Zwischenzeitlich war die Pfarrersfamilie nach Watzum umgezogen. Im Hause der Eltern eröffnete Henriette Breymann eine Privatschule für Mädchen mit Pension:

"Sie verband auf die natürlichste Weise die Lebensgemeinschaft einer Familie und ihre praktischen Aufgaben mit einer Ausbildung für den Frauenberuf, die zugleich eine Vorstufe der Berufsausbildung zur Kindergärtnerin werden konnte. In diesem Kreis konnte sie die Pädagogik Fröbels weitergeben, indem sie sie zugleich in genialer Weise selbst ausgestaltete und fortbildete" (Bäumer 1939, S. 651).

Wegen der großen Nachfrage wurde das Institut nach Wolfenbüttel verlegt und "Neu-Watzum" genannt. In den Jahren ihrer Tätigkeit als Lehrerin, Erzieherin und Institutleiterin ist der Pädagogin "Mütterlichkeit" zum pädagogischen Prinzip geworden, zu einem erlernbaren Beruf auch für diejenigen Frauen, die physisch keine Mütter waren. Doch dazu müssten die Mädchen und Frauen erst erzogen und gebildet werden, d.h. ausgebildet in "geistiger Mütterlichkeit". Demnach bedarf die jeder Frau innewohnende Mutterliebe einer Vergeistigung:

"Die Natur hat das Weib zur Mutter erschaffen, diesen Ausspruch setzen die Gegner der Emanzipationsbestrebungen den Frauen entgegen, und sie haben Recht; aber hat man sich auch die ganze Bedeutung, die ganze Tragweite des Mutterberufes klar gemacht? Ist dieses Berufes geistige Bedeutung verstanden, ist innerhalb dieser Sphäre der Geist in seine Rechte eingesetzt, welche die Jetztzeit fordern muss? so, dass die geistige Mütterlichkeit mit ihrer pflegenden Kraft, ihrer wärmenden Liebe sich nicht allein an die eigene Kinderstube, nicht allein an die physische Mütterlichkeit bindet; sondern dass überall, wo Hilfsbedürftige sind an Leib und Seele, die Frau auch außerhalb des Hauses zum mütterlichen Wirken berufen ist, wenn keine eigenen Familienbande sie fesseln oder ihre Zeit genügend ausfüllen können. Und hat man verstanden, dass Instinkt und Liebe, so hoch bedeutungsvoll diese beiden Faktoren auch sind zum wahrhaft mütterlichen Wirken, doch nicht mehr allein ausreichen in unserer Zeit, weder bei der Erziehung eigener Kinder, noch bei der Pflege Anderer?" (Schrader-Breymann o.J. S. 11 f).

Diese Ansicht über das "Wesen der Frau" machte sich die bürgerliche Frauenbewegung zu eigen und wies damit den Frauen den Weg in die Öffentlichkeit, in Beruf und Politik, wenngleich gebunden an das geschlechtsspezifische Rollenverständnis. Dies wirkte sich u.a. dahingehend aus, dass gerade im Bereich der Kleinkindererziehung eine Feminisierung der Berufsrolle erfolgte.

Im 45. Lebensjahr stehend heiratete Henriette Breymann 1872 den Juristen Karl Schrader. Bald übersiedelte das Ehepaar nach Berlin:

"Hier baut Henriette Schrader das 'Pestalozzi-Fröbel-Haus' auf. Zunächst übernimmt sie 1873/74 einen Volkskindergarten, gründet einen von ihr geleiteten Verein als Träger dieses Kindergartens. Dann wird ein Kindergärtnerinnenseminar dem Kindergarten angegliedert. Das ist in ersten Umrissen das 'Pestalozzi-Fröbel-Haus'. Ab 1878 werden Handfertigkeitskurse für Schulkinder ('Arbeitsschule') angeboten, 1879 eine Elementarklasse angegliedert. 1880 werden alle Vereinsanstalten in der Steinmetzstraße zusammengefasst. Nun kann man im eigentlichen Sinn vom 'Pestalozzi-Fröbel-Haus' sprechen, dem 1881 noch Küche, Bäder, ein Mädchenheim und 1884 eine Koch- und Haushaltungsschule, später eine Krippe, hinzugefügt wurden. 1896 kommt ein Neubau ('Haus I und II') in Schöneberg (heute Barbarossastraße) zustande ... Die offizielle Verwendung der Bezeichnung 'Pestalozzi-Fröbel-Haus' lässt sich auf den Anfang des Jahres 1883 datieren" (Heiland 1999, S. 15).

In ihrer Tätigkeit als Leiterin des Pestalozzi-Fröbel-Hauses führte Henriette Schrader-Breymann das Konzept des "Monatsgegenstandes" ein. Sie erstellte eine Liste von Monatsgegenstände für zwei Jahre, eine Art Lehrplan und ein Schema für die Auswahl und Behandlung des Monatsgegenstandes:

"Ein Thema, etwa Haustiere, ihre Lebensweise und ihr Nutzen für den Menschen, wurde im Monatsturnus in das Interesse der Kinder gerückt und mit Informationen und praktischen Tätigkeiten, z.B. Butter, Quark und Käse aus Milch herstellen, Liedversen, Märchen und Erzählungen, Bastelarbeiten oder mit Bauaufgaben aus dem Fröbelbaukasten z.B. einen Kuhstall bauen den Kindern nahegebracht" (Erning1987, S. 69).

Über den "Monatsgegenstand im Bestreben des Pestalozzi-Fröbel-Hauses" konstatierte Henriette Schrader-Breymann:

    "Neben den täglich wiederkehrenden, oder sich den Umständen nach erneuernden häuslichen und Gartenbeschäftigungen der Kinder stellt das Bestreben des Pestalozzi-Fröbel-Hauses nacheinander ganz bestimmte Gegenstände in den Mittelpunkt der Kleinkinderarbeit. Weil die Beschäftigung mit jedem einzelnen Gegenstande und dessen Hauptbeziehungen zu anderen Dingen gewöhnlich einen Monat in Anspruch nimmt, und weil dem Charakteristischen der jedesmaligen Jahreszeit entsprochen werden soll, so hat man der hier zu entwickelnden Beschäftigungsmethode den Namen Monatsgegenstand im Bestreben des Pestalozzi-Fröbel-Hauses beigelegt.
    Unsere jetzige so schnell lebende Zeit führt die Menschen leicht zur Oberflächlichkeit und Zerstreutheit. Solchen Gefahren muss die Kunst der Erziehung das nötige Gegengewicht bieten.
    Das Kind muss früh Gelegenheit finden zur Vertiefung und Konzentration der Anschauungen der Tatkraft, zur Erfassung des einheitlichen Zusammenhangs aller Dinge, zu der Lebenseinigung, wie Fröbel sagt.
    Während die Schulerziehung ihre Lehrmittel in den Dienst des Kindes stellt, stellt das Bestreben des Pestalozzi-Fröbel-Hauses das Kind in den Dienst der Dinge oder eines höheren Zweckes, der mittelst der Tätigkeit mit den Gegenständen erreicht werden soll. In der Schule muss z.B. die Blume ihr Leben für das Kind dahingeben, es zerlegt sie in ihre Teile, es zerzupft ihre zarten Blüten.
    Im Kindergarten lernt es die Blumen pflegen, um ihr Leben zu erhalten und sie zu gedeihlicher Entwicklung zu bringen, oder es pflückt sie zur Verschönerung des gemeinsamen Lebens, zur Freude der Anderen. Es lernt die Mittel, welche zur Lebenspflege von Menschen, Pflanzen und Tieren dienen, nicht nur kennen, sondern es lernt sie anwenden je nach seinen Kräften" (zit. n. Berger 1999, S. 63f).

Bis kurz vor ihrem Tod, arbeitete Henriette Schrader-Breymann für ihre Berliner Erziehungs- und Bildungsinstitution, die 1999 das125-jähriges Bestehen feierte. Sie starb nach längerer Krankheit am 25. August 1899 in Berlin-Schlachtensee.

Literatur

Bäumer, G.: Gestalt und Wandel, Berlin 1939

Berger, M.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch, Frankfurt 1995

ders.: Henriette Schrader-Breymann. Eine Wegbereiterin der modernen Erlebnispädagogik ?, Lüneburg 1995

ders.: Henriette Schrader-Breymann. Leben und Wirken einer Pionierin der Mädchenbildung und des Kindergartens, Frankfurt 1999

Erning, G.: Bilder aus dem Kindergarten. Bilddokumente zur geschichtlichen Entwicklung der öffentlichen Kleinkindererziehung in Deutschland, Freiburg 1987

Heiland, H.: Henriette Schrader-Breymann. Das pädagogische Konzept des Volkskindergartens, in: Sommer, E. (Hrg.): Festschrift. 125 Jahre Pestalozzi-Fröbel-Haus, Berlin 1999

Schrader-Breymann, H.: Henriette Schrader-Breymann, Berlin o.J.