Vorschulische Erziehung und Betreuung in England und Wales

Michaela Hensgen

 

Die Wurzeln des englischen Vorschulwesens liegen bei keinem geringeren als dem Philosophen John Locke (1632 - 1704). Wenn er auch vom heutigen Standpunkt auf Grund seiner Sichtweise des Kindes als tabula rasa durchaus kritikwürdig ist, so hat er mit der rationalen Pädagogik die Basis moderner englischer Vorschulerziehung gelegt. Beispielsweise hat er auf die Bedeutsamkeit frühkindlicher Erziehung und der damit verbundenen Erfahrungen des Kindes für dessen weiteres Leben hingewiesen. Kinder - damit meint Locke die männlichen Nachkommen des Landadels - sollen frühzeitig von vernünftigen Erziehern umgeben sein, die auch das Kind als vernünftiges Wesen begreifen und behandeln (1).

Diesen Aspekt findet man m.E. in England aktuell in zwei beispielhaft genannten Aspekten repräsentiert: der Liebe zu Büchern, die oft einen zentralen Stellenwert in vorschulischen Einrichtungen einnehmen, und im nationalen Curriculum, das ab der Geburt des Kindes in der institutionellen Erziehung bedeutsam ist (s. unten).

Einen guten Überblick über die Entstehungsbedingungen des Systems und die Entwicklung einzelner Einrichtungsformen bietet Swift (2).

Angebote zur Erziehung und Betreuung im Vorschulbereich richten sich in England und Wales an Kinder bis fünf Jahren. Mit fünf Jahren beginnt die Schulpflicht. Gemeinsam mit den Niederlanden haben England und Wales das niedrigste Schuleintrittsalter in Europa.

In Wales wurde das englische System in weiten Teilen übernommen. Zwar ist Wales autonomer Staat mit eigener Kultur, ist aber am engsten von allen Teilen Großbritanniens mit England verbunden. Aus diesem Grund beziehen sich diese Ausführungen auf beide Länder; jedoch darf nicht außer Acht gelassen werden, dass es trotz der Nähe zu England Besonderheiten in der walisischen Vorschulerziehung gibt, die der Zweisprachigkeit des Lande geschuldet sind.

Seit 2004 haben alle Drei- bis Fünfjährigen in England und Wales Anspruch auf einen kostenlosen Teilzeitplatz (2 bis 2,5 Stunden täglich an fünf Tagen die Woche) in Einrichtungen des frühen Lernens (early education). Diese kostenlosen Plätze stehen in Pre-Schools, Playgroups und bei registrierten Childminder-Netzwerken zur Verfügung.

Im Januar 2006 besuchten 38% aller Dreijährigen eine staatlich geförderte Maintained Nursery School, 55% dieser Altersgruppe besuchten private Angebote oder von Freiwilligen geführte Einrichtungen. Dies meint in der Regel Teilzeitangebote. In der Altersgruppe der Vierjährigen besuchen nahezu 100% aller Kinder eine vorschulische Einrichtung; davon besuchen 79% eine Maintained Nursery School (3). Bei den Vier- und Fünfjährigen besucht ein Großteil der Kinder Vollzeiteinrichtungen.

Alle Einrichtungen, unabhängig von ihrer Trägerschaft, müssen sich den National Standards verpflichten. Diese regeln 14 zentrale Aspekte, die für alle Mitarbeiter/innen in allen Kinderbetreuungseinrichtungen Geltung haben, z.B. Räumlichkeiten, Essen, Ausstattung der Räume und das Verhalten der Betreuungspersonen gegenüber den Kindern (4).

Das System der Kinderbetreuung in England ist sehr vielfältig. Neben staatlichen und kommunalen Einrichtungen gibt es auch eine Vielzahl privater Angebote der Kinderbetreuung (5). Da sich das System nicht mit dem deutschen deckt, kann im Folgenden lediglich eine unscharfe Übersetzung der englischen Begriffe versucht werden:

  • Crèches (Krippen) bieten gelegentliche Betreuung für Kinder unter acht Jahren. Bieten sie mehr als zwei Stunden täglicher Betreuung an, müssen sie in England bei Ofsted (Office for Standards in Education) oder in Wales bei der CSIW (Care Standards Inspectorate for Wales) regisitriert sein.
  • Toddler-Groups (Kleinkindgruppen): Informelle Gruppen, die von Eltern oder den jeweiligen Tagespflegepersonen (Childminders, Home Childcarers und Nannies) der Kinder geleitet werden. Es finden regelmäßige Treffen, meist in privaten Räumen, statt. In der Regel werden diese Gruppen von Kindern unter fünf Jahren besucht.
  • Pre-School- und Playgroups (Vorschul- und Spielgruppen): Die Vorschulgruppen bieten eine Mischung aus Spiel und frühem Lernen für Kinder unter fünf Jahren. Die Playgroups bieten - nomen es omen - reine Spielmöglichkeiten in der Regel ohne gezielte Förderung. Diese beiden Gruppenformen sind behördlich registriert und bieten zeitweise Betreuung und Erziehung für Kinder zwischen drei und fünf Jahren. Der einzelne Betreuungszeitraum darf fünf Stunden nicht übersteigen; es wird keine Hauptmahlzeit angeboten. Es gibt derzeit in England ungefähr 15.000 Pre-School- und Playgroups. Viele von ihnen werden von freiwilligen Privatpersonen, z.B. Eltern, betreut.
  • Childminders (Tagesmütter) bieten Betreuung von Kindern unter zwölf Jahren im Haus der Tagesmutter - für Kinder bis fünf Jahren ganztägig, für Schulkinder nach der Schule. Sie arbeiten ggf. eng mit den Children's Centres zusammen. Die Tätigkeit als Childminder erfordert eine kurze Ausbildung. Childminders bedürfen einer Anerkennung und einer Registrierung durch die Ofsted (6) in England oder die CSIW (7) in Wales. Vor ihrer Anerkennung müssen sie sich einer behördlichen Prüfung und einer Inspektion unterziehen. Darüber hinaus werden die Childminder während ihrer Tätigkeit in unregelmäßigen Abständen durch Vertreter der Behörde überprüft.
  • Home-Childcarers (heimische Kinderbetreuung): Tagesmütter betreuen die Kinder im Zuhause des Kindes. Childcarers müssen nicht ausgebildet oder registriert sein.
  • Nannies (Kindermädchen) bieten langfristige Kinderbetreuung für alle Altersgruppen im Zuhause des Kindes. Die Ausbildungszeit für Nannies beträgt meist zwei Jahre. Die Ausbildung findet oft an privaten Schulen statt. Nannies werden in der Regel von wohlhabenden Familien angestellt und betreuen nur Kinder einer Familie.
  • Maternity Nurse (Säuglingsschwestern): Direkt nach der Geburt eines Babys gibt es - wiederum eher für wohlhabende Familien - die Möglichkeit, eine Maternity Nurse anzustellen. Diese arbeitet in der Regel in den ersten Lebensmonaten des Babys in der Familie und betreut das Baby.
  • Neighbourhood Nurseries (Nachbarschaftskindergärten): Diese Einrichtungen wurden 2001 im Rahmen des Sure-Start-Programmes gegründet. Bis 2004 wurden 45.000 neue Betreuungsplätze geschaffen. Ziel war eine bessere Versorgung der Kinder mit Ganztagesplätzen, die in besonders deprivierten Stadtteilen/ Ortschaften leben, in denen es keine oder nur wenig Betreuungsmöglichkeiten gibt. Sie bieten eine Vollzeit-Betreuung für Kinder und oft Informationsangebote für Eltern. Träger dieser Einrichtungen sind unterschiedlichste kommunale und privat organisierte Verbände.
  • Nursery Schools (Kindergärten) (8): Nursery Schools sind Einrichtungen für Drei- bis Fünfjährige. Ziel der Nursery Schools ist die Schulvorbereitung. Es handelt sich dabei jedoch nicht um eine standardisierte Institutionsform mit festgelegten Öffnungszeiten, Betreuungsformen oder Angeboten. Auch die Trägerschaft kann variieren. Es gibt zumeist eigenständige Nursery Schools; einige Einrichtungen sind aber auch Grundschulen oder Reception Classes (Vorschulklassen für Vier- bis Fünfjährige) angeschlossen. Ganztagsbetreuung bieten die Day-Nurseries (Tagesstätten). Neben den Nurseries in privater Trägerschaft gibt es Maintained Nurseries (staatlich geförderte Kindergärten). Diese erhalten finanzielle Unterstützung durch die Regierung. Damit geht für die Einrichtung die Verpflichtung einher, nach dem Foundation Stage Curriculum zu arbeiten. 2004 gab es 470 Maintained Nursery Schools in England. Durchschnittlich wurde jede Einrichtung von 83 Kindern besucht. Maintained Nursery Schools dürfen bereits zweijährige Kinder aufnehmen. Die Mitarbeiter in den Maintained Nursery Schools sind ausgebildete Lehrer und Assistenten. Der Personalschlüssel sieht einen Erwachsener pro 13 Kinder vor. Bei privaten Einrichtungen kann dieser sehr abweichen, beispielsweise kann eine pädagogische Fachkraft 28 Kinder betreuen (9). In einigen privaten Nursery Schools ist das Tragen eine Schuluniform für alle Kinder verpflichtend. Dadurch sollen soziale Unterschiede, die sich oftmals durch Kleidung ausdrücken, schon bei den Kleinsten aus dem Blickfeld rücken.

In den frühen 80er Jahren des 20. Jahrhunderts entstand die Idee, die Früherziehung umzugestalten. Ziel war eine kindgerechtere Erziehung kleiner Kinder. Modellhaft für dieses neue Konzept der Früherziehung steht das 1983 gegründete Pen Green Centre for Under 5's & their Families in Corby. Aus diesem Modell entwickelte sich die Idee der Early Excellence Centres, die seit 1997 erfolgreich über England und Wales ausgedehnt wurden.

Early Excellence

Die Early Excellence Centres in England sind Teil des staatlichen Sure Start Programms. Derzeit gehören dem Sure Start Programm mehr als 520 Einrichtungen in England und Wales an. Ziel ist es, bis zum Jahr 2008 die Zahl der Sure Start Zentren auf 2.500 zu erhöhen und ein solches Zentrum in jeder Gemeinde zu errichten. Deshalb wurden inzwischen neben den bisher bestehenden Zentren so genannte Mini- und Rural-Zentren gegründet, die schwächer besiedelte und ländliche Gebiete abdecken.

Das Early Excellence Programm wurde in Großbritannien 1997 begonnen. Ziel ist ein niedrigschwelliges Angebot von interdisziplinären Teams für Kinder und Eltern, das alle Aspekte von Erziehung und Betreuung umfasst. Es soll ein "one-stop shop"-Angebot (10) geschaffen werden, um so möglichst viele Anliegen rund um Kindheit und Familie an einem Ort zu bündeln. Auf diese Weise sollen viele Menschen erreicht werden.

Neben der pädagogischen Betreuung von Kindern im Vorschulalter werden auch nachschulische Aktivitäten für größere Kinder organisiert. Familien mit sehr geringem Einkommen können diese Angebote kostenlos nutzen. So sollen gerade sozial deprivierte Familien befähigt werden, ihre meist sehr schlechte Lebenssituation zu verändern.

Eine weitere Zielgruppen des Programms sind Pädagog/innen, Erzieher/innen und Lehrer/innen, die dort an Aus- und Fortbildungsprogrammen teilnehmen können. Daneben stehen die Early Excellence Centres auch allgemein der Öffentlichkeit als Informationsstelle zur Verfügung.

Einen Überblick über die einzelnen Einrichtungen bietet die Internetseite von Sure Start, eines Programms der britischen Regierung zur Verbesserung der frühkindlichen Erziehungsbedingungen in Großbritannien (11). Von anfänglich 29 Zentren ist deren Zahl im Jahr 2006 auf ca. 100 gewachsen. Die in Deutschland vermutlich bekannteste Einrichtung dieser Art ist das Thomas Coram Early Excellence Centre in Camden (London). Dort kümmern sich 30 Lehrer/innen, Erzieher/innen und pädagogischer Hilfskräfte, viele selbst aus Migrantenfamilien, um ca. 100 Kinder.

Ein Teil dieser Early Excellence Zentren wurde in deprivierten Stadtvierteln errichtet. Hintergrund war eine der höchsten Raten von Kinderarmut in Europa; etwa 1/3 aller Kinder lebten 1997 in Großbritannien in Armut (12). Durch die breite Streuung der Zentren über das gesamte Land soll qualitativ hochwertige Erziehung und Betreuung einer möglichst großen Zahl von Kindern und deren Familien zu gute kommen. Es soll die soziale Inklusion gerade jener Familien ermöglicht werden, die sozial isoliert oder sozial benachteiligt sind. Dazu gehört auch, dass die Zentren eng mit den Schulen und außerschulischen Betreuungseinrichtungen zusammenarbeiten, um Kontinuität in der Ausbildung der Kinder und deren Unterstützung im weiteren Lernprozess sicherzustellen.

Die Zentren sind sowohl mit ihrem Angebot als auch mit ihrer Ausstattung modellhaft für andere Einrichtungen, die nicht an diesem Programm teilnehmen. Die Ofsted prüft die Early Excellence Zentren regelmäßig. Dabei wurden 2006 ¾ aller Einrichtungen gute bis sehrgute Leistungen bescheinigt. Besonders die Idee der Inklusion sozial benachteiligter Kinder und deren Familien trägt Früchte (13).

Derzeit werden die Early Excellence Centres sukzessive in sog. Children's Centres umgewandelt. Der integrierende Charakter von Kinderbetreuung und Unterstützung von Familien wird noch enger gestaltet. So wird in einigen Einrichtungen eine Grundschule auf dem selben Gelände installiert. Ziel ist es, Kinder und Eltern bis mindestens zum Ende der Grundschulzeit zu begleiten.

In Großbritannien gibt es derzeit 213 Children's Centres, davon 20% in besonders benachteiligten Gebieten (14). Der Ausbau der Children's Centres hat zur Folge, dass viele der Maintained Nursery Schools seit 2001 geschlossen wurden oder aktuell unmittelbar von der Schließung bedroht ist. In einigen Gemeinden sind die Maintained Nursery Schools die Basis für den Aufbau eines Children's Centres.

Aufgabe und Ziel der Early Excellence Centres ist die Verknüpfung einer gezielten Förderung der Kinder mit Angeboten zur Unterstützung und Entlastung von Familien. So bieten die Zentren beispielsweise

  • Einzel- oder Gruppenangebote für Eltern zur Kindererziehung und Kinderpflege.
  • Orientierungshilfe und Informationen zu den Institutionen, die von den Kindern besucht werden (Kindergarten, Schulen, etc.). Es soll so den Eltern ermöglicht werden, die dortigen Abläufe und Anforderungen zu verstehen. Dadurch sollen sie in die Lage versetzt werden, ihre Kinder besser zu unterstützen.
  • unterstützende Angebote für berufstätige/ in Ausbildung befindliche Eltern, um ihre Arbeitsplatzsituation zu verbessern, und Angebote für Eltern, die einen Arbeitsplatz/ einen Ausbildungsplatz suchen.
  • aufsuchende Angebote, um die Eltern und Kinder in ihrem heimischen Umfeld zu unterstützen.
  • Oft gibt es für die Eltern auch die Möglichkeit, Spielzeug und Kinderbücher auszuleihen.

Beispielsweise arbeitet das Thomas Coram Zentrum eng mit der örtlichen Arbeitsbehörde und der Sozialbehörde zusammen. Arbeitsberater und Therapeuten für die Kinder bieten ihre Sprechstunden im Zentrum an. Das Angebot wird von den Eltern rege genutzt, denn 90% aller von den Eltern vereinbarte Beratungstermine werden eingehalten (15).

Die Zentren stehen allen Kindern offen; behinderten Kindern soll der gleiche Zugang zu Lernmöglichkeiten eröffnet werden wie nicht-behinderten Kindern (16). Ziel ist es, das Leben des einzelnen Kindes jetzt und in Zukunft zu verbessern und ihm Teilnahme- und Teilhabemöglichkeiten zu eröffnen.

Jedes Kind erhält zum Abschluss seiner Zeit im Early Excellence Centre ein mehrseitiges Gutachten. Dort sind die wichtigsten Informationen für die Lehrer/innen in der Grundschule zusammengestellt. Ziel ist es, den Übergang in die Grundschule so reibungslos wie möglich zu gestalten. Grundlage dieses Gutachtens ist das nationale Curriculum, dass für alle Kinder verbindlich ist.

Curriculum

Seit dem Jahr 2000 gilt das von der staatlichen Qualifications and Curriculum Authority (QCA) entwickelte nationale Curriculum; es schließt seit dem Jahre 2002 die Foundation Stage 3-5 (17) für den vorschulischen Bereich ein. Auch der Zeitraum von der Geburt bis zum dritten Lebensjahr ist in das Curriculums integriert; dieser Teil ist im Unterschied zu den weiteren Altersstufen nicht formalisiert.

Der Education Act aus dem Jahr 2002 verpflichtet alle staatlich geförderten Schulen und vorschulischen Einrichtungen (dazu zählen auch die Early Excellence Centres und die Children's Centres), die Umsetzung eines Curriculums sicher zu stellen. Ziel dieses Curriculums ist die Förderung der geistigen, moralischen, kulturellen und körperlichen Entwicklung der Schüler/innen innerhalb und außerhalb von Schulen und vorschulischen Einrichtungen. Sie sollen auf die Möglichkeiten und Erfahrungen sowie ihre Verantwortungen in ihrem späteren Leben vorbereitet werden.

Das Foundation Stage Curriculum gilt für Kinder im Vorschulalter. Durch geplante spielerische Aktivitäten soll sichergestellt werden, dass alle Kinder die Möglichkeit haben, ihr ganzes Potential auszuschöpfen und den bestmöglichen Start für ihre Ausbildung (Education) zu erhalten. Das Lernen im Sinne des Foundation Stage besteht aus sechs Elementen (vgl. QCA: Curriculum Guidance for the Foundation Stage, S. 26-116) (18):

  1. Persönliche, soziale und emotionale Entwicklung,
  2. Kommunikationsfähigkeit, Sprachentwicklung sowie die Lese- und Schreibfähigkeit,
  3. Mathematisches Verständnis,
  4. Weltwissen (Knowledge and understanding of the world),
  5. Physische Entwicklung,
  6. Kreative Entwicklung.

Mit jedem dieser Elemente sind Lernziele verbunden. Diese Lernziele sind so formuliert, dass Spiel, Spaß am Lernen und Herausforderungen, die die Kinder annehmen, integrale Bestandteile sind.

Die Entwicklungsschritte des jeweiligen Kindes werden von den pädagogischen Fachkräften dokumentiert, beispielsweise durch das Anlegen von Mappen mit Zeichnungen des Kindes oder durch Lerntagebücher, die von den Pädagog/innen geführt werden. "Das Interesse der Kinder für Buchstaben und Zahlen wird dem Curriculum folgend stark gefördert. Überall in der Kita, an Türen, Wänden und Spielzeug erwecken Zahlen, Schriftzeichen und Wörter die Aufmerksamkeit, meist in Englisch, mitunter auch in Arabisch oder Hindi. Anders als üblich sind [...] keine Symbole aus der Tier- oder Pflanzenwelt über Handtuchhaken und Fächern zu finden. Stattdessen tauchen die Namen der Kinder immer wieder auf" (19). Das jedes Kind mit seinem Nahmen angesprochen wird, ist der Idee geschuldet, dass jedes Kind möglichst früh in der Lage sein soll, seinen eigenen Namen lesen und schreiben zu können.

Alle Mitarbeiter/innen in staatlich geförderten Einrichtungen müssen sicherstellen, dass das Foundation Stage Curriculum mit seinen sechs Elementen in ihrer täglichen Arbeit Anwendung findet und dass es allen Kindern möglich ist, auf das Erreichen dieser Lernziele hinzustreben. Als Arbeitshilfen steht den Mitarbeitern das Foundation-Stage-Profile Handbuch der Regierung zur Verfügung, mit Hilfe derer sie Aktivitäten und Spiele gemäß der sechs Elemente des Curriculums planen können.

Dort sind auch Informationen zum Beurteilungssystem niedergelegt, welches ein weiterer Teil des Education Act aus dem Jahre 2002 ist. Es besteht aus 13 Tabellen, die die sechs Elemente des Lernens abdecken. Diese können bei der National Assessment Agency eingesehen werden (20). Für jedes Kind, das eine staatlich geförderte Einrichtung besucht, muss zum Ende des Foundation Stage eine solche Beurteilung erstellt werden.

Fazit

Durch seine Vielzahl an Institutionen ist die vorschulische Erziehung und Betreuung in England und Wales sehr vielfältig. Es gibt neben staatlich geförderten Einrichtungen auch viele privat geführte Angebote, die oft auch mit ehrenamtlich tätigen Personen arbeiten. Jedoch zeichnet sich eine Einschränkung der einstigen Vielfalt ab, da ein Großteil der staatlich geförderten Nursery Schools zu Children's Centres umgewandelt oder zu deren Gunsten geschlossen wird. Ob dies ein Vorteil für die Versorgung der Kinder mit qualitativ hochwertigen Betreuungsplätzen im Vorschulbereich ist oder ob dies negative Auswirkungen haben wird, ist in den nächsten Jahren zu beobachten.

Diese Vielfalt in der Vorschulerziehung lässt Eltern viel Entscheidungsspielraum, diejenige Betreuung auszusuchen, die ihnen für ihr Kind und für dessen Bedürfnisse sowie den Bedürfnissen der Eltern angemessen scheint. Jedoch sind die Eltern auch gezwungen, sich zwischen diesen vielen Angeboten zu entscheiden und sich umfassend zu informieren. Es kann vermutete werden, dass nicht alle Eltern (auch finanziell) dazu in der Lage sind und dies zu Lasten des Kindes geht. Rundum-Angebote wie die der Early Excellence Centres und der Children's Centres können dort sinnvolle Hilfestellung sein.

Nicht nur in diesem Punkt können diese beiden relativ neuen Institutionen positive Auswirkungen haben: Durch sie kann - bei konsequentem Ausbau - soziale Inklusion gerade von Familien in deprivierten Stadtteilen gefördert werden. Durch niedrigschwellige Strukturen und eine zunehmende Abdeckung des Landes mit solchen Zentren können möglicherweise die Lebensbedingungen gerade der Menschen verbessert werden, die am Rand der Gesellschaft leben. Auch für alle anderen Kinder und deren Familien kann dieses Angebot eine Verbesserung darstellen, da in diesen Zentren die Kompetenzen vieler Fachpersonen gebündelt werden und so eine gezielte und zeitnahe Förderung möglich ist.

Über die vorschulische Erziehung und Betreuung in England und Wales kann allgemein festgehalten werden, dass dem frühen Lernen ein herausgehobener Stellenwert zukommt. Die Vorschulzeit ist kein Moratorium, das lediglich dem Spielen vorbehalten ist. Lernen ist allgegenwärtig und ist im nationalen Curriculum festgeschrieben. Wie sich das Curriculum in der täglichen erzieherischen Praxis bewährt und wie viel Spielraum der Individualität jedes einzelnen Kindes geschuldet ist, kann an dieser Stelle nicht beantwortet werden. Es ist an geeigneter Stelle zu überprüfen, ob und in welchem Umfang das deutsche Vorschulsystem von dem englischen Curriculum Verbesserungen übernehmen könnte.

Für die Entwicklung des Vorschulbereiches in Deutschland können England und Wales Vorbildcharakter haben. Das Konzept der Early Excellence Centres und der Children's Centres böte beispielsweise im Hinblick auf die Integration von Kindern mit Migrationshintergrund und deren Familien eine wertvolle Chance. Darüber hinaus kann durch die Bündelung von Kompetenzen in solchen Zentren Handlungsbedarf bei Kindern und deren Familien frühzeitig erkannt und in Form konkreter Angebote umgesetzt werden. Eine Mustereinrichtung dieser Art gibt es bereits in Deutschland: das Early Excellence Zentrum für Kinder und ihre Familien in Berlin (21). Ob sich das Konzept in Deutschland etablieren kann bleibt abzuwarten.

Anmerkungen
  1. Locke, J. (1967): Einige Gedanken über die Erziehung. Paderborn, dort § 81
  2. Swift, J. (1984): Kleinkinderziehung in England. Geschichtliche Entwicklung und gegenwärtige Fragen. Würzburg
  3. http://www.dfes.gov.uk/rsgateway/DB/SFR/s000674/SFR32-2006.pdf
  4. http://www.surestart.gov.uk/_doc/P0000767.doc
  5. http://www.direct.gov.uk/Parents/Childcare/ChildcareArticles/fs/en? CONTENT_ID=10037375&chk=80ZEcm
  6. http://www.ofsted.gov.uk/assets/Internet_Content/Early_Years/childminding_guide.pdf
  7. http://www.csiw.wales.gov.uk/index.asp
  8. http://www.everychildmatters.gov.uk/earlyyears/nurseries/
  9. Bouctot, E. (1997): Über den Zaun geschaut. Besuch einer vorschulischen Einrichtung in England. Kindergarten heute, Heft 4, S. 35
  10. Department of Education and Skills (2002): Inspection Report Thomas Coram Early Excellence Centre. London, S. 5
  11. http://www.surestart.gov.uk/
  12. http://www.labour.org.uk/index.php?id=familiesandchildren04
  13. https://ofsted.gov.uk/reports/index.cfm?fuseaction=earlyEx
  14. http://www.labour.org.uk/index.php?id=3852
  15. Spiewak, M. (2004): Wo Mutter mit zur Kita geht. http://www.zeit.de/2004/49/B-Kindergarten-England
  16. "This category includes children identified as gifted and able. We fully support each child's rights to a broad, balanced and relevant Curriculum and promote access to the curriculum through the implementation of individualised learning programmes that focus on particular areas of difficulty for the child. In this way a child with special needs may receive additional support to encourage and accelerate their development. Close collaboration with ensures mutual goal setting and review of progress. We utilise expertise within the Centre and guidance may be sought following parental agreement from outside agencies, e.g. Speech therapists, educational psychologist, physiotherapist etc." (http://www.thomascoram.camden.sch.uk/).
  17. http://www.qca.org.uk/
  18. http://www.qca.org.uk/223.html#Downloading
  19. Spiewak, M. (2004): Wo Mutter mit zur Kita geht. http://www.zeit.de/2004/49/B-Kindergarten-England
  20. http://www.naa.org.uk/tests/
  21. http://www.early-excellence.de/de/aktuell.html

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Autorin

Michaela Hensgen (Dipl. SA/ SP, Pädagogin M.A.)
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