Den Kindern eine Stimme geben - zu Entwicklung und Ausbau der Kindheitswissenschaften

Raimund Geene, Beatrice Hungerland und Michael Klundt

 

Mit der 1989 verabschiedeten Kinderrechtskonvention haben die Vereinten Nationen einen Maßstab für Kindheit gesetzt, der nun auch in Deutschland 2010 vorbehaltlos angenommen worden ist. Die Umsetzung von Kinderrechten stellt sich als wichtige Gestaltungsaufgabe. Dabei haben Kinder Rechte auf Beteiligung an allen sie betreffenden Entscheidungen und Prozessen, auf gerechten Zugang zu gesellschaftlichen Ressourcen und einen effektiven Schutz vor Gewalt und Ausbeutung. Staatliche und gesellschaftliche Einrichtungen sind aufgefordert, alle kinderbezogenen Institutionen, Prozesse und Maßnahmen unter diesen Gesichtspunkten auszurichten.

In diametralem Gegensatz dazu steht die öffentliche Wahrnehmung von Kindern, die auch heute noch überwiegend von Krisenberichterstattung geprägt ist: Kinder statt Job und daher Armutsrisiko oder Karrierehindernis, Übergewicht von Kindern wegen Bewegungsmangel in der autogerechten Stadt, Probleme von Gewalt und Vernachlässigung, Schutzbedarf von (unbegleiteten) geflüchteten Kindern oder auch die Bildungsmisere sind Schlagworte einer Diskussion darüber, wie die schlimmsten Folgen abgeschwächt werden könnten. Geführt werden die Debatten nicht nur in den kleiner werdenden Kreisen der Eltern und Familien, sondern auch darüber hinaus - ist sie doch auch im Interesse der kinderlosen Generation der mutmaßlich "kinderentwöhnten Gesellschaft", fürchtet diese doch um die eigene Rente.

Mit Maßnahmen wie Elterngeld, Ausbau institutioneller Kleinkindbetreuung und Bildungsförderung schon im Vorschulalter soll die Lage von Kindern und Eltern verbessert werden. Ob dies jedoch Wirkung zeigt, kann bislang nur bedingt beantwortet werden aus der Perspektive einzelner Fachdisziplinen wie der Pädagogik (die für ein Mehr an Pädagogik eintritt), der Pädiatrie (die für lückenlose Vorsorgeuntersuchungen plädiert) oder der Psychologie (die in der Entwicklungspsychologie den Schlüssel sieht). Doch wie steht es um die Selbstwahrnehmung der Eltern und insbesondere auch die der Kinder? Welche Interessen verfolgen sie, welche Schwerpunkte setzen sie?

Schon im Ansatz zeigt sich hier die Problematik, dass eine gebündelte Perspektive nicht nur fehlt, ihr wird sogar implizit die Berechtigung abgesprochen. Denn wie alle Fachdisziplinen ihren eigenen Gesetzen folgen, so sehen auch die kindheitsbezogenen sich selbst als Maßstab. Pädagogische, psychologische oder medizinische Anforderungen werden als Parameter der Beschreibung des Zustandes der Kinder und Jugendlichen genommen. Kinder werden noch immer kaum als selbstständige Personen wahrgenommen, sondern als zu Betreuende und für eine - mehr oder weniger ungewisse - Zukunft zu Erziehende. Solch wohlmeinender Paternalismus übersieht aber die Vielfalt kindlicher Sozialisationsprozesse und die unterschiedlichen Möglichkeiten, sich dieser zu stellen. Er geht aus von einem eher mittelständischen Blick, der die subjektiven Rationalismen von Kindern oder auch Eltern, gerade in sozial benachteiligten Lebenslagen, oft nicht zu verstehen mag.

Dabei stößt eine solche Wahrnehmung auf ein besonderes Paradox: Gerade die Mittel- und Oberschichten, die die (ver)öffentlich(t)e Meinung repräsentieren, sind der Kindheit weitgehend entwöhnt, weil diese zum einen selbst deutlich weniger Kinder haben und diese zum anderen weitgehend in separierte "Kinderinseln" ausgegliedert wurden. Doch gleichzeitig prägt öffentliche Meinung die Bilder und Anforderungen einer Kindheit, der sich ihre Träger in ihren eigenen Lebenswelten bereits weitgehend entledigt haben. Finanziell oder kulturell benachteiligte Bevölkerungsgruppen, die - wie beispielsweise viele Familien mit Migrationserfahrung - weiterhin Kinder bekommen und dies in fast unveränderter Anzahl, wird das bildungsbürgerliche Kindheitsbild hingegen übergestülpt. Diese Diskrepanz zwischen erlebter Realität und bürgerlichem Anspruch setzt nicht nur die sozial benachteiligten Eltern, sondern auch deren Kinder unter enorme Spannung und ist letztendlich kaum auflösbar.

Um fachlichen Ansprüchen der Förderung des Kinder- und Elternwohls gerecht zu werden, muss sich in der professionellen Arbeit mit und für Kinder ein empathisches, Empowerment förderndes Konzept etablieren.

Studiengänge der Kindheitswissenschaften

Ausgehend von einem solchen modernen kindheitswissenschaftlichen Verständnis haben sich bereits vor der Jahrtausendwende an Hochschulen in Skandinavien, Großbritannien, Kanada oder Australien sog. Childhood Studies etabliert. Sie knüpfen daran an, dass sich die Schulen der Sozialarbeit und Sozialpädagogik in diesen Ländern längst ressourcenorientiert weiterentwickelt haben, in dem nicht die nachsorgende Unterstützung des Einzelnen im Vordergrund steht, sondern die aktive Integration in Teilhabeprozesse. Entsprechend wird weniger einzelfallbezogen, sondern stärker sozialraumbezogen und netzwerkorientiert gearbeitet.

Kindheitswissenschaften umfassen als Querschnittsfach Erkenntnisse aller Disziplinen und Fächer, die für die Altersgruppe Kinder und Jugendliche relevant sind. Dazu zählen neben Pädagogik, Soziologie und Sozialarbeitswissenschaften auch Psychologie, Diversity Studies, Politik- und Gesundheitswissenschaften sowie fundierte Kenntnisse der Kinderrechte, der nationalen und europäischen Kinder-, Familien-, Sozial-, Bildungs- und Gesundheitspolitiken, ferner der Organisation und Praxis von Beratungs-, Bildungs- und Gesundheitsinstitutionen gerade auch in innovativen Handlungsfeldern wie Schulsozialarbeit, Frühen Hilfen und Gesundheitsförderung sowie vertiefend in spezifizierten Wissensfeldern wie Disability Studies, Sozialmanagement, Genetik und Neurowissenschaften.

Eine besondere Bedeutung kommt dem Wissen um die Eigenart und Eigengesetzlichkeit von Kinderwelten zu, den geschlechtsspezifischen und ethnischen Aspekten des Aufwachsens und dem Verständnis für die interkulturelle Differenz und den historischen und sozialen Wandel der Kindheit. Vermittelt werden Kompetenzen zur Beratung und Kommunikation von und mit Familien, zur Bildungs- und Gesundheitsförderung im Kindes- und Jugendalter, nicht zuletzt auch zur Stärkung der Mitwirkungsmöglichkeiten von Kindern und Jugendlichen.

Ausgestattet mit einem solchen Querschnittswissen und erforderlichen Schlüsselkompetenzen im Bereich Kommunikation, Management, Moderation und Mediation sind Kindheitswissenschaftler/innen inzwischen in allen Bereichen der Gesellschaft für die Belange von Kindern und Familien tätig; der Schwerpunkt liegt dabei in Einrichtungen für Kinder und Jugendliche, insbesondere im Bildungs-, Beratungs- und Gesundheitsbereich.

Studienprogramme in Stendal

Mit dem BA-Studiengang "Angewandte Kindheitswissenschaften" (Applied Childhood Studies) an der Hochschule Magdeburg-Stendal wird dieses Sozialmanagement-Konzept für kindliche Lebenswelten seit 2005 erstmalig in Deutschland umgesetzt. Der grundständige Vollzeitstudiengang führt in Regelstudienzeit nach sechs Semestern zu einem ersten berufsqualifizierenden Abschluss mit dem Grad eines Bachelor of Arts (B.A.).

Durch das Gesetz zur Anerkennung von Fachkräften vom 29.1.2016 können Absolvent/innen auf Antrag - bei Nachweis ihrer persönlichen Eignung - die Bescheinigung einer/s "staatlich anerkannten Kindheitswissenschaftler/-in" erhalten, bis Ende 2018 auch rückwirkend. Mit der Staatlichen Anerkennung wird nicht nur ihre wissenschaftliche und praxisorientierte Qualifizierung gewürdigt, sondern auch das mit dem Studiengang verbundene gesellschaftliche Anliegen. Für die Absolventinnen und Absolventen bedeutet das neue Gesetz vor allem einen erleichterten formalen Zugang zu einschlägigen Tätigkeitsbereichen.

Ergänzt wird der BA-Studiengang ab 1. Oktober 2016 durch einen viersemestrigen, konsekutiven Master-Studiengang "Kindheitswissenschaften und Kinderrechte", der ebenfalls in Vollzeit am Standort Stendal angeboten wird. Das Master-Programm ist ein Meilenstein für die Stendaler Kindheitswissenschaften, denn dadurch können Absolvent/innen des KiWi-Bachelors sowie anderer kindheitsrelevanter BA-Studiengänge gezielt zu Nachwuchswissenschaftler/innen der Kindheitswissenschaften (als "Agent/innen des Wandels"/ "Change Agents") qualifiziert werden.

Zur Umsetzung gibt es eine enge Verzahnung mit der Praxis, die von Beratungsstellen für Familien und Kinder über Kitas, Schulen, Jugend-, Sozial- und Gesundheitsämter, Krankenhäuser bis hin zu Ministerien, Interessensverbänden und Parteien reicht. Kooperationen mit Ämtern und Einrichtungen, freigemeinnützigen wie auch gewerblichen kinder- und familienbezogenen Angeboten werden als Ausgangspunkt für Projektentwicklung und Change Management genutzt.

Das Studium der Angewandten Kindheitswissenschaften befähigt dazu, in direktem Kontakt mit Kindern und ihren Familien sowie in einschlägigen Trägereinrichtungen des Bildungs-, Erziehungs-, Sozial- und Gesundheitswesens bzw. entsprechenden Planungsgremien auf kommunaler, Länder- oder Bundesebene zu arbeiten und gegenüber zuständigen politischen Instanzen die Belange und Bedürfnisse der Kinder zu vertreten.

Aber auch neben den Projektaktivitäten im Rahmen der Praktika arbeiten KiWis bereits im Studium eng mit Einrichtungen für Kinder und Jugendliche und deren Trägern zusammen, sowohl überregional als auch vor Ort. Dabei wurden und werden zahlreiche gemeinsame Forschungs- und Praxisprojekte unterstützt und initiiert, so zur Armutssituation von Kindern und Familien in der Altmark, zu Bedarf und Nutzung von Gesundheitsangeboten und Frühen Hilfen, zur Betreuung von Kleinkindern und Elternarbeit in Kitas in sozial benachteiligten Stadtteilen oder zu spezifischen Bedarfen von Kindern mit Migrationshintergrund sowie Fluchterfahrungen im ländlichen Raum. Auch überregionale Bestandsaufnahmen wurden erstellt, u.a. zur Situation von Gesundheitsförderung in bundesdeutschen Kitas sowie ein Überblick zu Kinderbeauftragten und Kinderbüros in Deutschland.

Berufliche Perspektiven der Kindheitswissenschaften

Die Absolvent/innen der Kindheitswissenschaften arbeiten in diesen und ähnlichen Handlungsfeldern regional ebenso wie auf Landes- und Bundesebene. Mit innovativem Wissen aus verschiedenen Disziplinen initiieren, begleiten und gestalten sie Reformprozesse, die - konsequent im Interesse von Kindern - auf die Veränderung gesellschaftlicher Bedingungen von Kindheit zielen. Mit zunehmendem Bekanntheitsgrad erweisen sie sich als gesuchte Fachkräfte in kindheitsrelevanten Einrichtungen, da sie auf wissenschaftlich fundierte Verwirklichung der UN-Kinderrechte spezialisiert sind.

Kindheitswissenschaftler/innen sind vor allem erfolgreich in sozialen Arbeitsfeldern tätig, z.B. in Beratungseinrichtungen für Kinder, Jugendliche und Familien, in Jugendeinrichtungen, als Schulsozialbeiter/innen und pädagogische Mitarbeiter/innen an Schulen und Horten, in Kinderheimbetreuung und -leitung, in Vormundschaften, Pflegekindervermittlung und -betreuung, in Gesundheitsförderung, Prävention und Frühen Hilfen oder auch in Kinderbüros. Dabei können Kiwi-Absolvent/innen und ihre Praxiseinrichtungen davon profitieren, dass das Studium neben dem theoretischem Ansatz einer "kindlichen Subjektorientierung" - also das Kind als nicht nur abhängiges Wesen, sondern auch als autonomen Akteur mit eigenständigen Rechten zu sehen - auch breite Kenntnisse zum Sozial-, Gesundheits- und Kinder- und Jugendhilferecht sowie zu sozialpädagogischen Methoden vermittelt.

Mit integrierten Praxiszeiten - darunter einem Praxissemester ab 2018 - wird zudem sichergestellt, dass innovative pädagogische Konzepte unmittelbar in die Praxis ein- und aus dieser in den Studiengang zurückwirken.

Politische Initiativen durch die Kindheitswissenschaften

Über enge Zusammenarbeit u.a. mit dem Deutschen Kinderschutzbund, der National Coalition für die UN-Kinderrechtskonvention, dem Nationalen Zentrum Frühe Hilfen und den Wohlfahrtsverbänden sowie dem studiengangseigenen An-Institut KinderStärken e.V. ergänzt sich die praktische Orientierung durch eine politische und wissenschaftliche Dimension. So wird sichergestellt, dass die Kindheitswissenschaften auch überregional Gehör finden. Die Verankerung in fachlichen und wissenschaftlichen Diskussionen wird von KiWis genutzt, um anwaltschaftlich für das Wohlbefinden von Kindern und Familien einzutreten.

Die Kindheitswissenschaften haben sich in den zehn Jahren ihres Bestehens umfassend eingebracht in bundesweite Diskussionen um Kinderrechte, Antirassismus, Frühe Hilfen und viele weitere aktuelle kinder- und familienpolitische Fragestellungen. In diesem Rahmen wurden zahlreiche Kongresse und Fachtagungen ausgerichtet u.a. zu Kinderrechten, Kinderarmut, zum Wandel in der Kinder- und Jugendhilfe, zu Frühen Hilfen, zum Bundeskinderschutz- und zum Präventionsgesetz, Gesundheitsförderung und Prävention und weiteren Themen. Kooperationspartner und mitunter zugleich Praktikums- und Arbeitgeber von KiWis sind dabei u.a. die Kinderkommission des Deutschen Bundestags, das Deutsche Jugendinstitut, die Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, kommunale Verwaltungen, Bundes- und Landesministerien, Deutscher Kinderschutzbund, Deutsches Kinderhilfswerkes, die Wohlfahrtsverbände, die Bundes- und Landesvereinigungen für Gesundheit, die Telekom-, Flick-, Bertelsmann-, Hans-Böckler-, H.u.H.-Kaschade- oder die Friedrich Ebert-Stiftung und viele weitere Partner. Mitwirken konnten KiWis auch an zahlreichen fachlichen Stellungnahmen für Institutionen, Verbände und Ministerien sowie Expertisen in Bundes- und Landtagen sowie auf kommunaler Ebene. Als Mitglieder der National Coalition zur Umsetzung der Kinderrechte nehmen KiWis über entsprechende Projektseminare regelmäßig (öffentlich) Stellung zu kinderrechtlich relevanten Themenstellungen. Eine vierte überregionale KiWi-Fachtagung wird aktuell für den 1.-3. November 2016 in Stendal vorbereitet.

Exkursionen führten die Studierenden u.a. zu den Vereinten Nationen nach Genf, an Partnerunis in die USA und nach Italien oder in Deutschland in das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend, zur Kinderkommission des Deutschen Bundestages, zum Bundesvorstand des Deutschen Gewerkschaftsbundes, in die Kinderklinik des Universitätsklinikums Magdeburg oder auch zu Kinderstädten nach Berlin, Rathenow, Magdeburg und Halle.

Im Rahmen der Bundesarbeitsgemeinschaft Bildung und Erziehung im Kindesalter (BAG BEK), des Modellverbundes der Robert Bosch-Stiftung und des Nationalen Zentrums Frühen Hilfen konnten sich die Kindheitswissenschaften u.a. auch in bundesweite Diskussionen um die Stärkung der Kindheitspädagogik und die Professionalisierung von Advocacy-Ansätzen für und mit Kindern einbringen.

Bereits dieser Ausschnitt zeigt das wachsende Bewusstsein von Politik und Fachöffentlichkeit darüber, welche Potenziale und Lösungskompetenzen in einem intersektoralen, multidisziplinären Verständnis stecken, das die Grundlage der Kindheitswissenschaften darstellt. Mit einem behutsamen, aber gezielten Aufbau der Kapazitäten werden die Kindheitswissenschaften zukünftig umfassende Praxis- und Forschungsprojekte abwickeln und die Fachdisziplin nicht nur in Sachsen-Anhalt, sondern auch insgesamt in Deutschland nachhaltig etablieren können.

Autor/innen

Prof. Dr. Raimund Geene ist Professor für Kindergesundheit.

Prof. Dr. Beatrice Hungerland ist Professorin für Kindheitswissenschaften.

Prof. Dr. Michael Klundt ist Professor für Kinderpolitik.

Adresse

Prof. Dr. Raimund Geene
Hochschule Magdeburg-Stendal
Osterburger Str. 25
39576 Stendal
Tel.: 03931/2187-4866
Fax: 03931/2187-4870
Email: raimund.geene@hs-magdeburg.de
Websites: https://www.hs-magdeburg.de/studium/bachelor/angewandte-kindheitswissenschaften.htmlhttps://www.hs-magdeburg.de/studium/master/kindheitswissenschaften-und-kinderrechte.html