Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Bertha von Marenholtz-Bülow

Manfred Berger

 

Nach dem Verbot der Kindergärten in Preußen (August 1851) und dem kurze Zeit später erfolgten Tod Friedrich Fröbels (Juni 1852), sowie dem Tod ihres einzigen Kindes (Februar 1853), wurde der Baronin das Wirken für Friedrich Fröbel und den Kindergarten zur Lebensaufgabe. Sie hielt nicht nur in Deutschland bis ins hohe Alter ungezählte Vorträge, sondern auch im Ausland u.a. in Paris, London, Antwerpen, Amsterdam, Brüssel, Genf, Lausanne, Venedig, Florenz und Rom. Aber auch Einflüsse auf die Fröbelrezeption in Russland Schweden, Dänemark, Ungarn und Nordamerika lassen sich nachweisen (vgl. Berger 1995, S. 128). In Deutschland wirkte sie vor allem in Berlin (1861-1869) und Dresden (1870-1893), wo sie die Gründung von Kindergärten, Kindergärtnerinnenseminare und Kindergartenvereine initiierte.

Trotz ihrer Verdienste gehört die adelige Frau zu den umstrittensten Persönlichkeiten in der Nachfolge Friedrich Fröbels. Der Begründer des Kindergartens selbst schenkte ihr keineswegs die Wertschätzung, die sich Bertha von Marenholtz-Bülow selbst zuschrieb. Er vermerkte zu Unrecht in einem Brief an Louise Levin, seiner späteren zweiten Frau, über die Baronin: "Die Marenholtz ist mit all ihren Gärtnerinnen doch eine Verführerin, aus ihren Bestrebungen ist nicht ein einziger Kindergarten hervorgegangen" (Denner 1998, S. 162).

Aber auch innerhalb der Fröbelliteratur wird Bertha von Marenholtz Bülow äußerst unterschiedlich bewertet: "Bruno Hanschmann charakterisierte sie 1874 als eine 'wunderbare Erscheinung, die die Idee Fröbels in ihrer herrlichen Tiefe klar durchschaut, ... in sich aufgenommen und in männliche Geister übertragen hat'. Maria Müller spricht 1928 von ihr als der 'geistigen Erbin' Fröbels. H. Schrader-Breymann, die ... ebenfalls einen Anspruch auf das pädagogische Erbe Fröbels anmeldete, schätzte sie als einen ‚bedeutenden Geist, schöpferisch in ihren Gedanken und ihrer Art und Weise, aufopfernd und hingebend für die Fröbelsche Idee ... Ihr entschiedenster Gegner, Gustav Steinacker, erkannte ihren rastlosen Eifer und ihren aufopfernden Einsatz für Fröbels Sache an. Aber so Steinacker: '... diese gesamte Wirksamkeit der hochbegabten und energischen Frau wurde durch zwei Schattenseiten gehemmt, gelähmt und beeinträchtigt; nämlich durch ihre - sagen wir es offen - zur Herrschsucht und Unverträglichkeit neigende Individualität, die keine selbständige Meinung, kein fremdes Verdienst neben sich duldete und aufkommen ließ, so sehr sie dies in Abrede zu stellen sucht'" (Rockstein 1996, S. 41).

Demgegenüber formulierte Henriette Goldschmidt über die aristokratische Frau: "Was Friedrich Fröbel vorausgeahnt, das hat sie in ihrer Person verwirklicht: sie hat sich zur Höhe seines männlichen Geistes erhoben und wird gleich ihm zu den auserwählten zu zählen sein" (Goldschmidt 1896, S. 5).

Bertha Maria wurde am 5. März 1810 als fünftes von zwölf Kindern des Freiherrn Georg Christian Friedrich von Bülow-Wendhausen und seiner Gattin Henriette Amalie Marie von Wartensleben (geb. Gräfin von Wartensleben; gesch. Gräfin von Dankelmann), in Braunschweig geboren. Freiin Bertha Marie entstammte einem der ältesten hochadeligen mecklenburgischen Geschlechter. Ihre ersten Kinderjahre verlebte sie auf dem elterlichen Rittergute Küblingen bei Wolfenbüttel. 1815 übersiedelte die Familie nach Braunschweig, weil der Vater in braunschweigische Dienste trat. Nach alter Sitte der Familie erhielt die Freiin in Gemeinschaft mit ihren Geschwistern Privatunterricht. Da die Mutter von fragiler Gesundheit war, kümmerte sich Bertha schon sehr früh um die Erziehung der jüngeren Geschwister. Sie las sehr gerne und entzog sich den lärmenden Spielen im Kreise der Familie. Obwohl "eine vielgefeierte Schönheit und deshalb auch in den Gesellschaftskreisen bevorzugt und viel umschwärmt" (Goldschmidt 1896, S. 6) nahm sie nur sehr ungern an gesellschaftlichen Ereignissen teil, die ihr den standesgemäßen Bräutigam zuführen sollten:

"Als siebzehnjähriges Mädchen von einem Hofballe heimkehrend, zerfließt sie in Tränen über die Eitelkeit des Lebens. Beseelt von dem Sehen nach edleren Freuden, von dem unwiderstehlichen Drange, ein nützliches Glied der Menschheit zu werden, widmete sie sich mit allem Fleiß der Wirtschaft, der Pflege und Erziehung der jüngeren Geschwister, und bald ist sie in der Küche ebenso tüchtig wie in der Krankenstube" (Marenholtz 1996, S. 12).

Mit 20 Jahren heiratete Bertha von Bülow-Wendhausen den 21 Jahre älteren Freiherrn Wilhelm von Marenholtz (für ihn war es die dritte Ehe), der fünf Kinder im Alter von 2 bis 10 Jahren mit in die Ehe brachte. 1847 trennte sich die Baronin von ihrem Mann, ohne sich jemals formell scheiden zu lassen. Ihr einziger Sohn, der ein Jahr nach der Heirat geboren wurde, starb an Tuberkulose.

1849 lernte die Aristokratin Friedrich Fröbel bei einem Kuraufenthalt in Bad Liebenstein kennen, als dieser gerade mit den Dorfkindern spielte und tanzte und den man deshalb als "alten Narren" bezeichnete. Sie war von Fröbel und seinem Spiel mit den Kindern ergriffen.

In ihrem Einsatz für den Begründer des Kindergartens strebte die Baronin die Gründung von Kindergärten an (z.B. in Bad Liebenstein, Salzungen, Weimar, Meiningen Philippsthal u.a.m.) und "entwickelte eine regelrechte Neigung für Vereinsgründungen (u.a. in Berlin und Dresden; M.B.) und Wiederaustritten, um Gegenvereine zu gründen" (Rockstein 1996, S. 42). Ihre Propagandatätigkeit unterstützten insbesondere die Fürstlichkeiten von Weimar und Meiningen.

Daneben war sie rege publizistisch tätig, wobei sie Fröbels spielpädagogische Konzeption mehr zu einer arbeitsfunktionalen Theorie uminterpretierte und dadurch die von dem Pädagogen so stark betonte Selbsttätigkeit vernachlässigte:

"Friedrich Fröbel, der geniale Erfinder eines zusammenhängenden Ganzen von verschiedenen Spiel- und Beschäftigungsmitteln für die erste Kindheit, hatte dabei vorzüglich im Auge, dem Tätigkeitstriebe derselben das Geeignete zu geben, um durch eigenes Tun Glieder und Sinne wie Geistesfähigkeiten, in möglicher Einfachheit und Folgerichtigkeit in ihrer Entwicklung zu unterstützen. Er benutzte die vorhandenen traditionellen und von Kindern selbst erfundenen Spiele, um das hineinzulegen, was dem Zweck dienen könnte; wie dies in den gymnastischen Bewegungsspielen namentlich der Fall ist. Statt der üblichen fertigen Spielsachen gibt er Spielstoffe, um durch selbsttätiges Gestalten sowohl die Handgeschicklichkeit wie alle Sinne und Fähigkeiten zu üben und zu jeder Art von Arbeit vorzubereiten. Nicht nur die schon vielfach eingeführte Methode der Anschauung liegt hier zu Grunde, sondern Fröbel ist weiter gegangen und lässt im Spiel - also ohne wirkliche Anstrengung, und zugleich Freude erregend - die Gesetze und Kunstgriffe der Technik üben, um im vollen Sinne des Wortes die Erziehung der Arbeit anzubahnen, wie es die dringenden Forderungen der Zeit verlangen, um namentlich die arbeitenden Klassen zu frühem Erwerb zu befähigen" (Marenholtz-Bülow 1854, S. 2 f).

Dementsprechend befürwortete Bertha von Marenholtz-Bülow getrennte Erziehungsanstalten für Kinder der höheren und der niederen Stände. Dabei setzte sie sich für die Verbreitung von sog. Volkskindergärten ein, damit die Kinder der "rohen Masse" nicht harter Arbeit entwöhnt würden. Der Volkskindergarten hatte ihrer Ansicht nach eine Schule zu sein, "um sich keiner Arbeit zu schämen, auch die niederste zum Wohle des Ganzen nicht zu scheuen und die eigene Würde nicht dadurch verletzt zu fühlen, weil sie aus Liebe für das Gemeinwohl ausgeführt wird" (Marenholtz-Bülow 1866, S. 63 f). Die Kinder erlernten nützliche Arbeiten, wie beispielsweise Matten- und Korbflechten, Bandweben an einem kleinen Webstuhl, die schon dem späteren Broterwerb dienten. Den Volkskindergärten standen sog. Familienkindergärten oder Privatkindergärten gegenüber, die Kinder von begüterten Familien besuchten, um negative Einflüsse seitens armer Kinder zu vermeiden.

Nach längerer schwerer Krankheit starb Bertha von Marenholtz-Bülow am 9. Januar 1893 in Dresden.

Literatur

Berger, M.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch, Frankfurt 1995

Denner, E.: Das Fröbelverständnis der Fröbelianer. Studien zur Fröbelrezeption im 19. Jahrhundert, Bad Heilbrunn 1988

dies.: Fröbel und die Frauen, in: Heiland, H./Neumann, K. (Hrsg.): Friedrich Fröbel in internationaler Perspektive. Fröbelforschung in Japan und Deutschland, Weinheim 1998

Goldschmidt, H.. Bertha von Marenholtz-Bülow. Ihr Leben und Wirken im Dienste der Erziehungslehre Friedrich Fröbels, Hamburg 1896

Heiland, H.: Fröbelbewegung und Fröbelforschung. Bedeutende Persönlichkeiten der Fröbelforschung im 19. und 20. Jahrhundert, Hildesheim 1992

Marenholtz-Bülow, B. v.: Ein zusammenhängendes Ganzes von Spielen und Beschäftigungen für die erste Kindheit von Fr. Fröbel, Dresden 1854

dies.: Die Arbeit und die neue Erziehung nach Fröbels Methode, Berlin 1866

Marenholtz, A.v.: Bertha Freifrau von Marenholtz-Bülow - Ein Beitrag zur Fröbelrezeption im 19. Jahrhundert, München 1996 (unveröffentlichte Diplomarbeit)

Rockstein, M.: Bertha von Marenholtz-Bülow - Repräsentantin der Fröbelbewegung in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhunderts, in: Zeitschrift für Bildung- und Wissenschaftsgeschichte 1996/H. 1