Defizit orientiert - oder an den Stärken ansetzen?

Barbara Perras

 

"Es gibt keine andere vernünftige Erziehung, als Vorbild sein".
Albert Einstein (1879-1955), deutsch-amerikanischer Physiker

Vorbild sein heißt, den Kindern Angebote zu machen und ihnen Anregungen zu geben, ihnen Alternativen anzubieten, selbst an den Aktivitäten teilzunehmen und gemeinsam mit den Kindern zu lernen. Es bedeutet aber auch, geeignete Bedingungen für selbständiges Handeln und Lernen schaffen, den Kindern Entscheidungsmöglichkeiten geben und genügend Freiraum für eigene Ideen und Initiativen lassen.

Die Macht der Annahme eines Kindes wird mit dem entsprechenden Erzieherverhalten vermittelt:

  • Achtung,
  • Wärme,
  • Vertrauen,
  • Rücksichtnahme,
  • einfühlendes, nicht wertendes Verhalten,
  • Echtheit, Aufrichtigkeit, Authentizität,
  • fördernde, nicht dirigierende Einzeltätigkeiten,
  • Lernen in Beziehungen und Zusammenhängen.

Der Erzieher jongliert mit Wärme, Regeln und Selbständigkeit. Das Kind fühlt sich angenommen, so wie es ist. Werte und Regeln stützen das Zusammenleben mit anderen. Übertragene Verantwortung und das Gefühl, gebraucht zu werden, lassen das Kind groß werden, wenn es ermuntert wird, kleine und alltägliche Probleme selbst zu lösen.

"Ich möchte gern so sein, wie Gott mich haben will, weil er mich so behandelt, als wäre ich schon so".
Hannelore Frank

Ein Mensch, der imstande ist, einem anderen gegenüber echte Annahme zu empfinden und sie ihn spüren zu lassen, kann dem anderen ein mächtiger Helfer zu sein. Sein Vertrauen in den anderen, so wie er ist, stellt einen wichtigen Faktor in der Pflege einer Beziehung dar. Kinder können dadurch wachsen, sich entfalten, konstruktive Veränderungen durchmachen, Probleme lösen lernen, sich psychologischer Gesundheit nähern, kreativer, produktiver und schöpferischer werden und ihre ganzen Möglichkeiten verwirklichen. Wenn ein Mensch fühlt, dass ihn ein anderer wirklich so annimmt, wie er ist, dann hat er die Möglichkeit, sich zu verändern, anders zu werden und seine Fähigkeiten voll auszuschöpfen.

Annahme ist wie ein fruchtbarer Boden, der einem winzigen Samenkorn erlaubt, zur Blume zu werden. Er setzt die Fähigkeit des Samenkorns zum Wachsen frei, die Fähigkeit dazu aber liegt ausschließlich im Samenkorn selbst. Wie beim Samenkorn ist die Fähigkeit des Kindes, sich zu entwickeln, ausschließlich in seinem Organismus enthalten. Annahme und Vertrauen sind wie der Boden - sie ermöglichen dem Kind nur, sein Potential zu verwirklichen (Gordon 1989, S. 47 ff.).

Intrinsische Motivation und Flow-Erlebnisse als Basis von Widerstandskraft (Resilienz)

Erwachsenen fehlt leider häufig dieses Vertrauen in die Entwicklung von Kindern. Sie schließen leicht von sich auf andere. Wenn sie selbst jeder Anstrengung versuchen aus dem Weg zu gehen, wie können sie dann glauben, dass Kinder sich anstrengen wollen? Kinder vertiefen sich um einer Sache willen in diese, was in etwa dem Erwerb von Wissen für ein Hobby beim Erwachsenen gleichkommt. Sie benötigen dabei keine Anreize - extrinsische Motivation - von außen. Da Erzieher jedoch in ihrer Ausbildung gelernt haben, gewünschtes Verhalten müsse belohnt werden, damit es wiederholt wird, werden entsprechende Belohnungen als Verstärker eingesetzt.

Die intrinsische Motivation, unsere Antriebsfeder, die von uns immer wieder das Beste fordert, wird durch Bewertung, Belohnung, Notengebung und Bestrafung zerstört. Kinder verlernen, auf ihre innere Stimme zu hören. "Und was besonders bedenkenswert ist: Es gibt dabei immer Gewinner und Verlierer, bessere und schlechtere Menschen. Wir erfahren eine Stigmatisierung und Klassifizierung, anstatt zu lernen: Wir sind Menschen mit unterschiedlichen Begabungen und Interessen und all diese sind gut und sinnvoll. Jeder Mensch ist wertvoll" (Messmer 2005, S. 137 f.).

Die Polarisation der Aufmerksamkeit nach Maria Montessori oder ein Flowerlebnis nach Mihaly Csikszentmihalyi bei einer Tätigkeit führen über die Ausschüttung von Glückshormonen zu Veränderungen im Gehirn und damit zu Veränderungen im Verhalten eines Kindes. Wird diese natürliche Belohnung durch eine äußere ersetzt, wird das Kind nicht nur in seiner Aktivität von Äußerem und anderen Personen abhängig gemacht, sondern es entwickelt auch gleichzeitig Intoleranz gegenüber anders denkenden und anders handelnden Menschen. Vermeintliche eigene Schwächen versucht es in seinem Inneren zu unterdrücken; diese melden sich jedoch wieder als Projektionen auf andere zurück. Indem es Verhalten anderer beurteilt, hält es seine eigenen Unzulänglichkeiten in Schach. "Wer im Auge des anderen ein Sandkorn entdeckt, übersieht den eigenen Balken bei sich", heißt es bereits in der Bibel.

Resilienz, Ressourcenansatz statt Defizitorientierung

Resilienz im Bayerischen Bildungs- und Erziehungsplan beschreibt

  • Schutz-Faktoren, welche eine gesunde Entwicklung der Kinder auch bei ungünstigen Lebensumständen bedingen und die sie zugleich befähigen, Risikobedingungen und Problemsituationen erfolgreich zu bewältigen.
  • Ansätze, die Kinder stärken und die auf eine Weiterentwicklung ihrer Ressourcen und Kompetenzen abzielen.
  • das Kind als aktiven Gestalter seiner Entwicklung gemäß dem Motto Maria Montessoris: "Das Kind entwickelt sich nach einem inneren Bauplan".

Dieser ressourcenorientierte Ansatz erfordert eine stärkere Betonung von Primärprävention in Form von

  • individueller Resilienzförderung, die das Kind für den direkten Umgang mit Belastungen stärkt und ihm wichtige Basiskompetenzen vermittelt, sowie
  • Resilienzförderung auf der Beziehungsebene, welche indirekt über die Erziehungs- und Beziehungsqualität von Erzieher/innen und Eltern erreicht werden kann.

Die traditionelle Defizitorientierung suchte, was Kindern fehlte, während der neue pädagogische Ansatz den Fokus darauf richtet, was Kinder trotz widriger Umstände stark werden lässt. Das Kind gestaltet seine Entwicklung selbst (nach einem inneren Bauplan = Montessoripädagogik); es ist aktiv und kompetent (Reggio-Pädagogik); und wir setzen als Erzieher bei den Stärken an (Motopädagogik). Gleichzeitig übernimmt das Kind Verantwortung für sich selbst und lernt, vorbeugend zu handeln, z.B. mit gesunden Methoden nach Sebastian Kneipp. Es bildet seine eigene Persönlichkeit und übt Sozialverhalten - wichtige Voraussetzungen für das Leben in einer Demokratie.

Primärprävention auf individueller Ebene

Dies bedeutet zunächst Körperbewusstsein und Sinneswahrnehmung. Jeder Wahrnehmung geht eine Bewegung voraus; deshalb ist bereits auf einfachster Lernebene Eigenaktivität unabdingbar. Die körpernahen Sinne, die "Eigensinne" bzw. die niederen Sinne oder Willenssinne nach Rudolf Steiner, bilden die Basis für die höheren körperfernen Sinn wie Hören und Sehen. Die bekanntesten körpernahen Sinne sind der Tastsinn, der Geschmackssinn und der Geruchssinn. Sie sind ja auch beim Säugling gut ersichtlich! Weniger Bedeutung wird heute leider dem Gleichgewichtssinn (Vestibuläre Modalität) und dem Tiefensinn (Propriozeption oder Kinästhetik) beigemessen.

Der Tastsinn oder die taktile Modalität führen über die Körperwahrnehmung zum Ich-Sinn - vom Körperbewusstsein zum Selbstbewusstsein. Der Bewegungssinn und die Propriozeption fördern die Entwicklung des Sprechens: Bewegung ist die erste Sprache! Der Gleichgewichtssinn übt den Umgang mit den physikalischen Impulsen unserer Umgebung wie Eigendrehung (der Erde) und Kreisen um andere (die Sonne), der Schwerkraft und der Fliehkraft. Kinder üben spielerisch den Umgang mit Kräften und Ängsten, mit Beständigkeit und Veränderung. Nicht nur das Bewusstsein "Ich werde geliebt" fördert eine gesunde Entwicklung, auch das Wissen "Ich kann etwas". Stabile Werte, feste Regeln und konsequente Grenzen geben Halt und Sicherheit; sie benötigen aber auch einen Gegenpol: Ich kann mich verändern und Regeln sinnvoll abwandeln.

Ein gesund entwickelter Gleichgewichtssinn schützt ein Kind gegenüber Gefahren und unterstützt die Ausreifung des Gehörs. Fehlende Vestibularisreize führen häufig zu einer Art Ersatzbefriedigung mit lauten und/oder unangenehmen Tönen, welche anscheinend auf das Kind wie Schaukel- und Schwindelreize wirken können.

Die Propriozeption oder Tiefenwahrnehmung lässt uns den Druck und Zug auf Muskeln, Sehnen und Gelenke spüren - sie ermöglicht Anspannung und Entspannung. Erst wenn Kinder beides aktiv erlebt haben, z.B. beim Tauziehen, können sie bei Entspannungsgeschichten ihren Körper entsprechend loslassen und auch im übertragenen Sinn lernen, mit ihrer Körperspannung zu variieren.

Eine gesunde fördernde Bewegungserziehung (Motopädagogik und Psychomotorik) im Kindergarten kann alle Punkte der Persönlichkeitsentwicklung aufgreifen und bearbeiten: Die Kinder

  • lernen sich selbst kennen und entwickeln Selbstbewusstsein (-> Persönlichkeitsbildung).
  • tun gemeinsam mit anderen etwas, setzen sich mit ihnen auseinander (-> Sozialerziehung).
  • machen selbst etwas.
  • drücken Empfindungen in Bewegung aus.
  • erfahren Gefühle über Bewegung.
  • lernen die Umwelt kennen, passen sich an oder machen sie für sich passend.
  • vergleichen sich mit anderen, lernen Erfolg und Misserfolg zu ertragen, üben Frustrationstoleranz.
  • ertragen Belastungen, lernen eigene und fremde Grenzen kennen und akzeptieren.

Dieses Lernen über Bewegung fördert nicht nur eine gesunde Entwicklung in der Kindertagesstätte, es kann später Kindern und Jugendlichen Erlebnisräume zur Weiterentwicklung und zur Kompensation von Entwicklungsrisiken bieten. Menschen, die von klein an auf ihren Körper "hören", wenden sich leichter sportlicher Aktivität zu. Sie können wählen zwischen persönlichen Höchstleistungen und Teamgeist, zwischen gesunder Entspannung und ehrgeiziger Anspannung.

Hand in Hand und doch aufbauend auf der individuellen Ebene mit ihren Körper-, Sinnes- und Bewegungserfahrungen kann sich das Sozialverhalten entwickeln. Leider bevorzugen wir Erwachsenen den Blick auf die soziale Erziehung beim Kind - es ist vermutlich einfacher, als einen intensiven und kritischen Blick auf uns selbst und die Persönlichkeit des Kindes zu werfen. Und so gehen wir bei den Angeboten für Sozialverhalten von unserem Bild aus: Wir reden, reden, reden... Ein Kind muss sich jedoch erst ein Bild machen und seine Sozialkontakte bilden. Es darf nicht Vorgeformtes von uns übernehmen, denn Erfahrungen sind maßgeschneidert - sie passen nur dem, der sie macht!

Literatur

Gordon, Thomas: Familienkonferenz. München, 23. Aufl. 1989

Messmer, Rita: Mit kleinen Kindern lernen lernen. So fördern Sie Ihr Kind fürs Leben. Weinheim, Basel 2005

Orientierungsplan für Bildung und Erziehung für die baden-württembergischen Kindergärten. Pilotphase. Weinheim, Basel 2006