Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Maria Wachendorf

Manfred Berger

 

1938 übernahm Maria Wachendorf ihre Tätigkeit als "Fachberaterin" beim "Zentralverband Katholischer Kinderhorte und Kleinkinderanstalten Deutschlands e.V." (heute: "Verband Kath. Tageseinrichtungen für Kinder [KTK] - Bundesverband e.V."). Von 1962 bis 1978 war sie beim Caritasverband für das Bistum Aachen tätig. Nach 46 Dienstjahren wurde Maria Wachendorf in den Ruhestand verabschiedet. Bischof Klaus Hemmerle schrieb der Scheidenden zum Abschied:

"Sie haben es vermocht, den Charakter der katholischen Kindergärten und Horte entscheidend mitzuprägen. Nicht wenige Jahre fielen in die schwere Zeit des Nationalsozialismus und in die nicht minder schwere Zeit des Aufbaus nach dem Kriege. Ich weiß, dass Sie all ihre Mühe aufgewandt haben in dem Glauben und der Zuversicht, dass Sie damit in Ihrem Wirkungskreis mit berufen waren, apostolisch zu handeln" (zit. n. Mörsberger 1998, S. 60).

Gerade während der Zeit der Nazi-Diktatur setzte sich Maria Wachendorf mutig für die Vertiefung und Verfestigung "katholischen Denkens und Lebens" im Kindergarten ein:

"All unser Sprechen, Singen und Bilderbetrachten muss ungezwungen und familienhaft sein, damit die Kinder aus Freude an der Sache gern freiwillig mitmachen. Wir können da soviel von der gesunden Familie lernen, aber auch wir müssen der Familie wieder Wege zeigen, wie man die Kinder einführt in katholisches Denken und Leben. Engel- und Heiligenverehrung ist nur ein kleiner Ausschnitt daraus. Aber sie ist unendlich wichtig wie jedes religiöse Tun. Die Engel- und Heiligenverehrung muss lebendig eingebaut sein in das übrige religiöse Leben und an dem ihr gebührenden Platz stehen. Die Engel sind Gottes mächtige Gesandte, die uns schützen sollen, vor allem vor den Gefahren, die den Seelen drohen. Die Heiligen sind unsere Fürbitter bei Gott, weil sie Gottes Freude sind. Gott aber ist es, der uns seine Gnade verleiht" (Wachendorf 1939, S. 120).

Maria Wachendorf ist aber auch ein Beispiel für die damaligen Anpassungstendenzen katholischer Einrichtungen an die "völkische Erziehung" (vgl. Berger 1986, S. 157 ff.). Beispielsweise schlug sie folgendes Gebet für "nationale Feste" vor:

"Sind wir auch noch kleine Deutsche,
aber Deutsche sind wir doch,
können wir auch noch nicht streiten,
lieben tun wir Deutschland doch.

Deutsche Kinder müssen beten:
Herr Gott, schütze unser Heer!
Sei Du mit ihm auf dem Lande,
in der Luft und auf dem Meer!

Lieber Gott im Himmel droben,
segne unser deutsches Land.
Jeder Deutsche soll Dich loben,
schützen soll uns Deine Hand"

(Wachendorf 1939, S. 38).

Ihr besonderes Verdienst war, dass die Montessori-Pädagogik nach 1945 in der Arbeit der katholischen Kindergärten einen so breiten Eingang gefunden hatte. Sie unterstützte Helene Helming 1954 bei der Gründung der "Katholischen Arbeitsgemeinschaft für Montessori-Pädagogik" (heute: "Montessori-Vereinigung e. V., Sitz Aachen), um die bedeutenden (katholisch-christlichen) Wahrheitselemente in der Pädagogik Montessoris voller und tiefer zu erfassen und zu praktizieren. Aber auch publizistisch wirkte Maria Wachendorf für die Montessori-Pädagogik. Dabei war ihr ein besonderes Anliegen die "Pflege der tätigen Beziehung zur Natur", auf die schon Maria Montessori in ihrer Praxis besonderes Gewicht legte:

"Es wird aber vielleicht manche Leser in Erstaunen setzen, zu erfahren, dass auch Maria Montessori bei aller zeitgemäßen Andersartigkeit ihrer Praxis besonderes Gewicht auf die Pflege der Beziehungen zur Natur legt; ja dass sie gerade in ihrer Pädagogik, die unserer technisierten Zeit entspricht, das Augenmerk des Erziehers bewusst auf die Notwendigkeit der echten Beziehungen zur Natur lenkt. Sie berichtet in ihren Schriften von dem Tun der kleinen Kinder in den Gärten, die ihre Kinderhäuser umgaben. Sie spricht viel von der Pflanzenpflege innerhalb und außerhalb des Hauses, von der Haltung von Aquarien und Terrarien. Die Pflege von Topf- und Schnittblumen spielt unter ihren Übungen des praktischen Lebens eine besondere Rolle. Schon beim Bau ihrer ersten Kinderhäuser achtete sie darauf, dass sie ebenerdig waren und von Gartenland umgeben, so dass die Kinder von den Gruppenräumen aus direkten Zugang zum Garten hatten, wie wir es heute ja fast überall finden, zumindest anstreben. Da die kleinen Kinder weniger durch Anschauen als durch Tun Beziehung zu ihrer Umgebung gewinnen, ist es notwendig - und heute mehr denn je -, dass wir uns gegebenen oder - besser gesagt - noch verbliebenen Möglichkeiten zur Pflege der Beziehung des Kindes zur Natur ausnützen" (Wachendorf 1962, S. 88).

Maria Wachendorf wurde am 18. Dezember 1913 als fünftes von sechs Kindern ihrer Eltern in Düsseldorf geboren. Unmittelbar nach ihrer Geburt übersiedelte die Familie nach Aachen. Dort übernahm der Vater ein gut eingeführtes Eisenwarengeschäft. Mit drei Jahren verlor das Mädchen den Vater, der in Nordfrankreich fiel. Die Mutter führte das Geschäft mit Hilfe ihrer Schwester und mehreren Angestellten bis zu den schwierigen 30er Jahren weiter. Trotz Verlust des Vaters, verlebte Maria im großen Familienkreise eine glückliche Kinder- und Jugendzeit. Die Mutter achtete sehr auf eine "gute katholische Erziehung und Bildung" ihrer Kinder. 1930 schloss Maria Wachendorf erfolgreich das Aachener "Lyzeum St. Leonhard" ab. Daraufhin absolvierte sie von 1930 bis 1936 die Ausbildung zur Kindergärtnerin, Hortnerin und Jugendleiterin am "Fröbelseminar" in Aachen, das unter der Leitung von Helene Helming stand. Bereits in sehr jungen Jahren engagierte sich Maria Wachendorf aktiv in der Jugend- und Frauenbewegung, sowie in der Liturgischen Bewegung.

Es war Helene Helming, die Maria Wachendorf für die Montessori-Pädagogik begeisterte. Zeitlebens verband die beiden Frauen eine herzliche Freundschaft. Zusammen publizierten sie das seinerzeit hochgeschätzte Buch "Der religionspädagogische Auftrag der Kindergärtnerin" (1963). Über die Notwendigkeit einer religiösen Erziehung im Kindergarten vermerkten die beiden Autorinnen:

"Die Notwendigkeit, den Kindergarten ... zu geeigneten Lebensbereichen des Kindes zu machen, wird in unserer Zivilisation, die dem Kind den Spielraum für eine gesunde leibseelische Entwicklung in den Bedingungen einer organischen Kultur raubt, dringend. Das Niveau des Kindergartens muss gehoben, die Bildung der Kindergärtnerin erweitert, ihre Religiosität vertieft werden. Nur dann wird die religiöse Erziehung im Kindergarten ihre notwendigen Voraussetzungen und gegebenen Ansatzpunkte finden" (Helming/Wachendorf 1963, S. 9).

Im Alter setzte sich Maria Wachendorf weiterhin aktiv und in ungebrochener geistiger Frische für die Montessori-Pädagogik ein, ferner für die ungeborenen Kinder, die Behinderten und "bedrohten Alten". Sie starb am 30. April 1998 in Aachen.

Literatur

Berger. M.: Vorschulerziehung im Nationalsozialismus. Recherchen zur Situation des Kindergartenwesens 1933 - 1945, Weinheim 1986

Helming, H./Wachendorf, M.: Der religionspädagogische Auftrag der Kindergärtnerin. Ein Handbuch für die religionspädagogische Arbeit der Kindergärtnerin. Mit Vorschlag eines Lehrplanes für Fachschulen, Düsseldorf 1963

Mörsberger, H.: Maria Wachendorf, in: Welt des Kindes 1998/H. 4

Wachendorf, M.: Sprüche und Lieder zu nationalen Feiern, in: Kinderheim 1939/H. 2

dies.: Zur Verehrung der Engel und Heiligen in Kindergarten, Hort und Heim, in: Kinderheim 1939/H. 5

dies.: Die Pflege der tätigen Beziehung zur Natur, in: Kinderheim 1962/H. 2