Beobachtung und Dokumentation in der städtischen Kindertageseinrichtung Einstein in Recklinghausen

Manuela Rodner

 

Das Beobachtungssystem der städtischen Kita "Einstein" setzt sich aus mehreren Elementen zusammen:

1. Die Anwesenheitsbeobachtung

In jedem Aktionsbereich liegt für jede Gruppe eine Anwesenheitsliste. Kinder, die sich längere Zeit dort beschäftigen, bekommen einen Anwesenheitsvermerk.

Einmal monatlich werden die Listen aus den acht Aktionsbereichen von den Gruppenmitarbeiter/innen eingesammelt und in einem Auswertungsformular zusammengefasst. Damit können die Beschäftigungsschwerpunkte jedes Kindes langfristig nachvollzogen werden. Verbunden damit sind auch hin und wieder "Spielaufträge" an das Kind, um zu gewährleisten, dass alle Lernbereiche von jedem Kind genutzt werden.

2. Das Schulfähigkeitsprofil

Mit Blick auf die Zusammenarbeit mit der Grundschule und als ein Element der standardisierten Entwicklungsbeobachtung nutzen wir das Schulfähigkeitsprofil. Es wurde zusammen mit den Bildungsvereinbarungen NRW entwickelt und veranschaulicht die Kompetenzen aus acht Entwicklungsbereichen, die einem Kind einen günstigen Start bei der Einschulung ermöglichen.

Einzelne Bestandteile des Kompetenzprofils werden in den passenden Aktionsbereichen für jedes Kind beobachtet und dokumentiert und vor den Entwicklungsgesprächen von den Mitarbeiter/innen der jeweiligen Gruppe zusammengefasst. Die Dokumentation des Sprachverhaltens und der Sprachfähigkeiten finden auf Gruppenebene statt.

3. Bielefelder Screening und HLL

Ein weiteres Beobachtungsinstrument ist das Bielefelder Screening zur Prävention von Lese-Rechtschreib-Schwächen, von denen nachgewiesenermaßen 10-15% aller Kinder betroffen sind. Ursachen dafür sind visuelle oder auditive Verarbeitungsprobleme, die laut wissenschaftlicher Untersuchungen effektiv nur in der frühen Phase des Schriftspracherwerbs ausgeglichen werden können. Der Beobachtungsbogen und das Testverfahren ermitteln die notwendigen Basisfertigkeiten (Phonologische Bewusstheit, auditive Merkfähigkeit, schnelle Zugriffe auf gespeicherte Gedächtnisinhalte und visuelle Verarbeitungsmöglichkeiten) der Fünfjährigen.

Im Oktober und Mai findet dieses Bielefelder Screening für die Einschulungskinder statt und wird durch eine Mitarbeiterin mit entsprechender Zusatzqualifikation durchgeführt. Zwischen diesen Screenings nehmen die ermittelten Risikokinder 20 Wochen lang täglich am Trainingsprogramm HLL (sechs aufeinander aufbauende Einheiten) teil.

4. Projekt Zweitspracherwerb

Ein weiteres sprachbezogenes Beobachtungselement ist der Beobachtungsbogen SISMIK (Sprachverhalten und Interesse an Sprache bei Migrantenkinder im Kindergarten) von M. Ulich und T. Mayr. Beobachtet und dokumentiert werden das kindliche Interesse an Sprache, Situationen, in denen Sprache motiviert eingesetzt wird, das Verstehen sprachlicher Zusammenhänge, Satzbau, Grammatik, Artikulation sowie der sprachliche Kontext in der Kita und in der Familie.

Im November und Juli nehmen alle Migrantenkinder (und einige deutschsprachige Kinder mit entsprechenden Defiziten) an gezielte Sprachstandsmessungen teil. Der dazugehörige Beobachtungsbogen wird zusammen von der geschulte Mitarbeiterin und der Gruppenleiterin ausgefüllt. Dazwischen findet ein wöchentliches Förderprogramm mit aufeinander aufbauenden Spieleinheiten statt, das den Spaß an der Sprache und die Erweiterung des Wortschatzes ebenso zum Ziel hat, wie die Lernchancen der Kinder in der Einrichtung zu optimieren.

5. Kuno Bellers Entwicklungstabelle

Diese Entwicklungstabelle (http://www.beller-und-beller.de) ermöglicht die grafische Darstellung der Kompetenzen der Kinder in folgenden acht Bereichen: Selbständigkeit und Körperpflege, Umgebungsbewusstsein, sozial-emotionale Entwicklung, Spieltätigkeit, Sprache, kognitive Entwicklung, Grobmotorik und Feinmotorik.

Das Beobachtungs- und Dokumentationssystem wird z.Zt. nur in der kleinen altersgemischten Gruppe angewandt, wo diesbezüglich jeweils eine Erzieherin für fünf Kinder zuständig ist. Die Entwicklungsprofile werden einmal jährlich bis zum Entwicklungsgespräch erstellt. Darauf bezogen wird jeweils ein individueller Förderplan für das Kind aufgestellt.

Obwohl sich die Darstellung der Kompetenzen an alterspezifischen Normen orientiert, ist das angestrebte Ziel nicht vorrangig die Erreichung dieser Kompetenzen, sondern der Überblick über die aktuelle Kompetenzverteilung, um das Kind in dieser prägnanten Entwicklungsphase bis zum 3. Lebensjahr weder zu über- noch zu unterfordern.

6. Erzieherfragebogen U8/ U9

Wir verstehen unsere Kindertageseinrichtung als Teil eines Frühwarn- und Präventionssystems. Aus diesem Grund arbeiten wir, wie alle städtischen Kitas in Recklinghausen, in einem Verbundsystem mit den örtlichen Kinderärzten zusammen ("Initiative Seelisch gesundes Kind Recklinghausen").

Die Erzieher/innen füllen für die Ärzte, jeweils vor der U8 oder der U9-Untersuchung, einen Beobachtungsbogen aus, der die Entwicklung des Kindes in den für den Arzt interessanten Bereichen beschreibt. Über die Eltern ist ein Rücklauf dieses Bogens in die Einrichtung möglich, so dass eine qualifizierte Planung von potentiellen Hilfsmaßnahmen ermöglicht wird.

7. Beschreibung von Bildungsprozessen

Jede(r) Mitarbeiter/in beschreibt monatlich mindestens vier kurze Bildungsprozesse von Kindern. Dies geschieht in der gruppeninternen Zeit, aber auch in der gruppenübergreifenden Zeit in den acht Aktionsbereichen. Vorzugsweise beschreiben sie Prozesse der Kinder der eigenen Gruppe. Da alle Kolleg/innen aus jeder Gruppe wöchentlich in den Bereiche rotieren, erleben sie "ihre" Kinder in vielfältigen Spielsituationen und Kontexten.

Mittlerweile gehen diese Beschreibungen so einfach von der Hand, dass auch für Kinder der anderen Gruppen Bildungsprozesse festgehalten werden.

Die Beschreibungen werden regelmäßig eingesammelt und zusammengefasst und dienen als weitere Bausteine für das Erstellen der Entwicklungsdokumentationen. Schriftlich festgehalten werden folgende Beobachtungsaspekte:

  • Stärken, Talente und Interessen des Kindes
  • die Entwicklung von Selbstvertrauen, Selbstwertgefühl, Ausgeglichenheit, Emotionalität und Empathie
  • beliebte Aktivitäten
  • Wie engagiert und konzentriert beschäftigt es sich?
  • sein individuelles Lerntempo
  • Neugier, forschendes Lernen
  • individuelle Lernstrategien
  • Wird das Kind auf seinen individuellen Lernwegen unterstützt und gefördert?
  • Hat es dafür genug Freiräume?
  • Wo entdecken wir Selbstbildungspotentiale (Wahrnehmung über Körper- und Fernsinne, Gefühle, innere Verarbeitung durch Fantasie, sprachliches Denken und Wahrnehmung über Körper- und Fernsinne)?

Konkrete Aussagen zu den oben genannten Punkten fließen in die jährlichen Texte der Entwicklungsdokumentation des Kindes mit ein.

Da Beobachtung nie objektiv ist, sind die Erzieher/innen angehalten, bei der Formulierung dieser Aussagen einen Blick auf sich selbst zu werfen. Sie sollen sich die Gefühle, Erwartungshaltungen und eigenen Reaktionen in Verbindung mit dem Kind bewusst machen und objektivieren.

8. Entwicklungsdokumentation/ Ampelbogen

Für jedes Kind wird die Einschätzung seines Entwicklungstandes mindestens einmal jährlich schriftlich festgehalten. In diesen Texten werden Aussagen über mindestens acht Entwicklungsbereiche - die Sprachentwicklung, die kognitive Entwicklung, die sozialen Kompetenzen, die fein- und grobmotorische Entwicklung, die Wahrnehmungsfähigkeit, die Motivation und das Engagement des Kindes und seine Fähigkeiten im lebenspraktischen Bereich - gemacht. Weiterhin werden beliebte Aktivitäten sowie Stärken, Talente und Lernstrategien des Kindes erwähnt.

Im Gegensatz zu einigen Entwicklungsbögen, in denen lediglich angekreuzt wird, ob eine Kompetenz besteht, werden diese Texte "offen" formuliert, um Interpretationen, Zusammenhänge, Schlussfolgerungen und Hinweise auf den umgebenden Kontext zuzulassen.

Es ist erforderlich, dass entwicklungsspezifische Kenntnisse zur altersgemäßen Entwicklung eines Kindes vorhanden sind. Dazu findet sich in der Einrichtung vielfältige Literatur. Für die Erzieher/innen gibt es einen Ordner mit Formulierungshilfen, um die Vielzahl an Texten abwechslungsreich, individuell unterschiedlich, aber auch qualifiziert abzufassen.

Zusammengefasst wird der jeweilige Entwicklungsstand des Kindes nach einem "Ampelverfahren", bei dem bei einer normalen oder ausgezeichneten Entwicklung grün angekreuzt wird und bei einer nicht altersgemäßen Entwicklung, die erhöhte Aufmerksamkeit und Unterstützung bedarf, gelb. Rot bedeutet der Hinweis darauf, dass große Teile der Entwicklungsbereiche nicht altersgemäß sind und Hilfemaßnahmen durch Ärzte, Logopäden, Motopäden o.ä. eingeleitet werden sollten. Bezogen auf Defizite oder Stärken werden Förderaufträge formuliert.

In der folgenden Dienstbesprechung geben die entsprechenden Mitarbeiter/innen der Gruppe kurz weiter, welche Defizite oder Stärkenförderung herauskristallisiert wurden und in welchem Aktionsbereich gezielt auf welches Kind eingegangen werden sollte. Zusätzlich werden entsprechende Notizen auf einem Blatt über den Anwesenheitslisten vermerkt.

Die Entwicklungsdokumentation ist Grundlage für das jährliche Entwicklungsgespräch mit den Eltern.

Bei den mit rot und gelb markierten Kindern wird schon nach sechs Monaten der Entwicklungsstand nochmals genau unter die Lupe genommen und Vereinbarungen mit den Eltern reflektiert.

9. Portfolios

Selbstverständlich gibt es auch Verfahrensvereinbarungen für die Bildungsbeobachtung- und Dokumentation. Neben den Beschreibungen von Bildungsprozessen werden die individuelle Wahrnehmung des Kindes, seine Ideen, Werke, Vorstellungen und neuesten Entwicklungen in der individuellen Beschäftigung mit dem eigenen, persönlichen "Kinderheft" festgehalten.

Jedes Kind hat einen eigenen Ordner. Im September eines Jahres werden die Portraits der (neuen) Kinder fotografiert und auf Din A5 vergrößert entwickelt. Gemeinsam mit dem Namen des Kindes zieren sie das Deckblatt. Inhalte der Kinderhefte sind z.B. gemalte Bilder, die von den Kindern kommentiert und von den Erwachsenen beschriftet werden, Fotos von prägnanten Situationen für das Kind, von seiner Familie, seinen Freunden, von Ausflügen oder Lernprozessen. Oder diktierte Texte wie Wunschzettel oder Briefe (Kopien). Weiterhin Urkunden, Postkarten, Handabdrücke, witzige Sprüche, Lieblingslieder, der erste Kopffüßler, aufwendige Mandalas, besondere Kreativtechniken, Beschreibungen von Bildungsprozessen und vieles, vieles mehr.

Gemeinsam mit einer Erzieherin der Gruppe haben die Kinder morgens in der Zeit zwischen 8.00 und 9.00 Uhr und nachmittags ab 13.30 Uhr Zeit für die Ausgestaltung ihrer Ordner. Da viele Blätter aber auch mit Symbolen versehen angeboten werden (z.B. meine Freunde, meine Familie, meine Telefonnummer, wo ich wohne, was mir wichtig ist, Das bin ich usw.) können sich die Kinder auch zu anderen Zeiten des Tages alleine oder mit anderen Kindern damit beschäftigen. Die überall anwesenden Erwachsenen beschriften die Bilder, schreiben diktierte Texte dazu oder regen die Kinder zu bestimmten Techniken an.

Es gibt ein Aktionsblatt "Das kann ich besonders gut", das einmal jährlich von den Kindern diktiert ausgefüllt wird. Die Erwachsenen versuchen dann, ein Foto von dieser Tätigkeit zu machen und dem diktierten Text des Kindes hinzuzufügen.

Die Kinderhefte sind quasi die Dokumentation für die Lern- und Erlebniswelt des Kindes. Für das Herstellen und regelmäßige Bearbeiten der Mappen sind die jeweiligen Mitarbeiter/innen der Gruppe zuständig. Ein System zum Fotografieren und Entwickeln ist wichtiger Bestandteil der Portfolioarbeit.

Zur Zeit besitzt noch jedes Kind einen Schnellhefter für ein Kindergartenjahr. Es ist geplant, ab August 2006 einen Ordner für jedes Kind anzuschaffen, um Materialien für drei Jahre zusammenhängend zu sammeln.

Autorin

Manuela Rodner, Leiterin der Städtischen Kita Einstein, Agnesstraße 79, 45663 Recklinghausen, Homepage: http://www.kita-einstein.de