Sinnzusammenhängende Erlebnisse bilden die beste Spielbasis

Barbara Perras

 

Bei einer Autofahrt mit einem 3 Jahre und 3 Monate alten Jungen mussten wir eine geraume Zeit hinter einem Lkw mit Holzladung, genauer gesagt mit so unvorstellbar langen Stämmen hinterherfahren, dass wir uns kaum vorstellen konnten, wie dieser abbiegen kann. Jonas interessierte besonders die Holzladung - jedoch nicht als feste Masse, wie dies Erwachsene üblicherweise tun, sondern als Bewegung:

J: "Hat der das Holz aufgeladen?"
Ich: "Ich weiß nicht, wer es aufgeladen hat."
J: "Er hat es mit dem Lader aufgeladen." (Er kennt viele Maschine vom heimischen Bauernhof.)
Ich: "Vielleicht wurde es auch mit dem Kran aufgeladen?"
J: "Wir haben auch Holz mit dem Lader aufgeladen."
Ich: "Hat der einen Kran gebraucht?"

Die Unterhaltung dauerte etwa 10 Minuten, bis der Lkw in eine andere Richtung abbog, was Jonas bedauerte: "Wo fährt er hin?" Während des gesamten Gesprächs redete er von Vorgängen, die uns Erwachsene eigentlich kaum noch interessieren. Das Aufladen ist für uns selbstverständlich; wir haben verinnerlicht, wie es vor sich geht. Wir haben unser Denken und unsere Sprache vom Verb zum Substantiv hin entwickelt. Das erklärt aber auch, warum viele Kinder Sprachprobleme haben: Sie erhalten nur noch Erlebnisse aus zweiter Hand - also Ergebnisse. Welcher Weg dahin führt, wissen sie meist nicht!

Bewegung ist die erste Sprache

Jonas hat das große Glück, zu Hause mit auf dem Lader oder Traktor sitzen zu dürfen, wenn Arbeiten verrichtet werden. Er verfügt anschließend über genug freie Zeit, um das Erlebte nachspielen und verarbeiten zu können. Er hat gleichaltrige und jüngere Kinder in einer Kindergruppe und ältere Geschwister, denen er Erlebnisse mitteilen und mit denen er sich austauschen kann. Jonas kann einzelnen Wahrnehmungen eine Gesamthandlung zuschreiben: Er hört einen Lader im Hof und vermutet aufgrund der Bewegungsrhythmen der Motorgeräusche, dass dieser Maissilage auflädt. In Bilderbüchern interessieren ihn überwiegend Bilder und Geschichten, die er mit seinem unmittelbaren Erfahrungsschatz in Verbindung bringen kann. In Ansätzen können wir ihn anregen, Erlebtes auf andere Situationen zu übertragen und bildliche Vergleiche zu machen.

Den Kindern in unseren Kindergärten fehlen solche Vorerfahrungen häufig. Sie wissen vom Sehen, vom Fernsehen oder aus Büchern, dass Männer Traktor fahren; ihnen fehlen jedoch die Zusammenhänge und der Sinn der Handlungen. Sie finden es im Augenblick lustig oder interessant und spielen die Situation mit dem Minitraktor im Sandkasten nach. Ihr Spiel hat jedoch weniger Inhalt und Tiefe, weil sie nicht verinnerlicht haben, dass da mehr ist: nämlich eine Arbeit ernsthaft und ausdauernd zu Ende führen, weil z.B. die Tiere auf Futter warten, das Heu noch vor dem Regen in der Scheune sein muss usw.

Die Generation, welche auf dem Bauernhof aufwuchs, übernahm meist den Hof nicht und wollte ihren Kindern ersparen, in regelmäßige Arbeitsabläufe eingespannt zu sein. Sie genossen es, am Sonntag ausschlafen zu können, anstatt in den Stall zu müssen, und fuhren spontan in den Urlaub. Sie wählten ihre Freiheit, weil sie das Gegenteil kannten. Die nächsten Generationen können jedoch nicht mehr vergleichen, weil ihnen der Alltagsbezug fehlt.

Im Alter von zwei bis drei Jahren benötigen die Kinder dringend Sinn gebende Beschäftigungen. Es genügt nicht, wie bei Vorschulkindern, eine Einrichtung wie die Feuerwehr zu besuchen. Sie müssen voll und bewegt in den Arbeitsprozess integriert sein, um das zu aktivieren, was Maria Montessori den absorbierenden Geist nennt. Am einfachsten geht das in Einrichtungen, welche Mittagessen anbieten. Beim Kochen mit den Kindern erleben diese Regelmäßigkeit (= Rhythmik), welche nicht immer Spaß macht. Und trotzdem haben sie Freude an einzelnen Arbeitsschritten, wie Lebensmittel einkaufen, Auto ausladen, Schränke einräumen, Gemüse schneiden, Obst waschen, Tisch decken usw.

Außerhalb des Kindergartens sind Besuche in Einrichtungen ideal, in denen das Kind aktiv sein kann und wo es noch Sinnzusammenhänge erlebt. Leider sparen heute nicht nur Eltern und Erzieher/innen Zeit, indem sie vieles selbst machen, weil es schneller geht - auch Betriebe können es sich kaum leisten, mit Kindern Löcher zu vergipsen, Wände zu streichen, Möbel zu bauen usw. Andere Unternehmen sind aufgrund der Einrichtung nicht geeignet, "Kinderarbeit" zu ermöglichen, wie z.B. beim Bäcker, wo die Glasaufbauten für Kinder unüberschaubar und unüberbrückbar hoch sind.

Aufgrund der beschriebenen Erfahrungen braucht es uns nicht zu wundern, dass viele Kinder im Kindergarten die Waren aus dem Kaufladen, aus den Puppenecken und vieles andere nur noch ziellos durch die Gegend werfen, statt ihrem Zweck entsprechend damit zu spielen.

Unsere Chance sind vor allem die Unterdreijährigen - die häufig unerwünschten "Hosenscheißer" in Kindertagesstätten: Mit ihnen können wir in Sinnzusammenhängen arbeiten und anschließend spielen. Sie erleben gerade eine sensible Phase für Ordnung und Rhythmus, welchen es für uns zu nutzen gilt. Die Fähigkeit zum Beispiel, ein Tier oder ein Pflanze regelmäßig und verantwortungsbewusst versorgen zu können, entsteht nicht, wie viele Eltern glauben, im Alter von acht Jahren oder später, sondern bereits mit zwei bis drei Jahren. Natürlich müssen die Kinder dabei angeleitet und unterstützt werden - aber das müssen sie auch im Alter von acht Jahren, wenn sie noch keine einschlägigen Erfahrungen sammeln konnten. In jüngeren Jahren entwickelt sich leichter Routine; die Aufgabe wird zur Selbstverständlichkeit und Freude statt später häufig zu einer lästigen Pflicht.

Autorin

Barbara Perras, Erzieherin, Motopädagogin, ist seit 01.01.2006 Leiterin des Evang. Kindergartens Eckenhaid. Email: birkhof-mit7sinnen@t-online.de