Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Anna Maria Hagenbusch

Manfred Berger

 

Anna Maria, genannt Anne, Hagenbusch, geboren am 26. Juli 1913 in Neu-Ulm, war das älteste von vier Kindern des Reichsbahnzugführers Kaspar Hagenbusch und seiner Ehefrau Anna Hagenbusch, geb. Gansler. Die geistige Atmosphäre des christlichen Elternhauses prägte nachhaltig die Erziehung der Kinder. So lebte Anna Maria Hagenbusch bis zu ihrem Tod in einem tiefverwurzelten, unerschütterlichen Glauben, der geprägt war von Offenheit und Toleranz gegenüber ihren Mitmenschen - egal welcher Nation oder Konfession diese angehörten.

Nach vier Jahren Volksschule besuchte Anna Maria die sechsklassige Mittelschule in Ulm, anschließend vier Jahre die dortige Frauenarbeitsschule. Da sie aus finanziellen Gründen nicht die gewünschte und ihr von vielen Seiten angeratene Fachlehrerinnenausbildung für Handarbeit und Hauswirtschaft absolvieren konnte, entschied sie sich für den Beruf der Kindergärtnerin und Hortnerin. 1935 schloss sie erfolgreich das Examen am Ulmer Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenseminar "St. Maria" ab.

Von 1935 bis 1938 war sie als Privaterzieherin in einer kinderreichen Arztfamilie in Hohenzollern tätig. Anschließend übernahm sie die erzieherische Verantwortung für die drei Kinder der italienischen Diplomaten- und Grafenfamilie Pecori-Giraldi, die feste Wohnsitze in Rom und Berlin hatte. Diese Tätigkeit war, wie Anna Maria Hagenbusch in ihrem Lebenslauf vermerkte, "durch die besondere Verantwortung, die sich aus der Aufgabe des Diplomaten und seinen vielen Reisen ergab, geprägt und sehr interessant. Sie machte mit vielen Diplomaten-Familien aus den verschiedensten Ländern bekannt. Hier konnte ich auch die schwierige Lage und Situation der damaligen Diplomaten aus nächster Nähe erleben" (Ida Seele-Archiv: Akte A.M. Hagenbusch/Nr. 1).

Die große Kriegsnot ließ Anna Maria Hagenbusch wieder nach Deutschland zurückkehren. Sie unterstützte insbesondere ihre Schwester, die ihr zweites Kind erwartete, und deren Mann im Russlandfeldzug gefallen war. Nach einer längeren Diphtherieerkrankung übernahm sie von 1942 bis 1944 die Leitung eines NSV-Kindergartens in einem Ulmer Notstandsgebiet. Da sie diese Arbeit nicht länger mit ihrer christlichen Überzeugung vereinbaren konnte, legte Anna Maria Hagenbusch die Verantwortung in andere Hände und bereitete sich an einem Ulmer Privatgymnasium auf das Abitur vor. Doch bald wurde sie kriegsdienstverpflichtet und musste somit ihre schulische Ausbildung aufgeben.

Nach dem Zusammenbruch der Nazi-Diktatur engagierte sie sich am Aufbau der katholischen Pfarrjungend in Neu-Ulm und sorgte sich zudem um die vielen Flüchtlinge aus dem Osten, die in die Stadt kamen. Um hauptamtlich als Bezirksfürsorgerin angestellt werden zu können, absolvierte sie mehrere Kurzkurse für Soziale Arbeit.

Von Mai 1948 bis August 1949 besuchte Anna Maria Hagenbusch in Freiburg das Jugendleiterinnen-Seminar des dort ansässigen "Deutschen Caritasverbandes".

Oktober 1949 wurde sie zur Geschäftsführerin des "Bayerischen Landesverbandes Katholischer Kindertagesstätten e.V." (heute "Bayerischer Landesverband kath. Tageseinrichtungen für Kinder e.V."), mit Sitz in München, berufen: "Der Bayer. Landesverband Kath. Kindertagesstätten ist der Zusammenschluss katholischer Kindergärten und Horte zu ihrer fachlichen Förderung. 20% seiner Mitglieder haben einen gemeindlichen Träger. Er ist zum größten Fachverband Bayerns und der Pfalz geworden und zählt heute (1968, zur 50 Jahrfeier; M.B.) rund 1.700 Mitglieder... In diesen Einrichtungen werden rund 115.000 Kinder betreut. Die zentrale Aufgabe des Verbandes ist die Fortbildungstätigkeit. Jährlich werden rund 2.400 Erzieherinnen erfasst. Der Verband sieht in den sozialpädagogischen Einrichtungen keinen Selbstzweck. Nur in der Zusammenarbeit mit der Familie liegt ihre sinnvolle Aufgabe. Das Subsidiaritätsprinzip gilt hier ganz besonders" (Hagenbusch 1968, S. 8).

Es ist das Verdienst von Anna Maria Hagenbusch, den bayerischen Verband in der schwierigen Nachkriegszeit nach 1949 aufgebaut zu haben, und ihre große Leistung bestand darin, dass in den 1950er Jahren in den Diözesan-Caritasverbänden Kindergarten-Referate (einschließlich Horte) errichtet wurden. Auf ihre Initiative hin wurden "Jahreskurse durchgeführt zur Erwerbung der Nachqualifikation als Erzieherin, gab es doch sowohl unter den älteren Klosterfrauen als auch unter den Erzieherinnen aus den Kreisen der Flüchtlinge eine Anzahl von Kräften, die wohl praktische Erfahrung, aber kein entsprechendes Abschlusszeugnis hatten. Hinzu kamen die Jahreskurse, die der Erwerbung einer besonderen kirchlichen Missio für Religionspädagogik am Kleinkind und Familie dienten" (Gumppenberg 1987, S. 7).

Im Alter von 57 Jahren entschied sich Anna Maria Hagenbusch für einen beruflichen Neuanfang. Sie übernahm die Stelle einer Fachreferentin/ Referatsleiterin im Bayerischen Kultusministerium (später: Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus) für Angelegenheiten der Frühpädagogik, für Kindergärten, Horte und Spielplätze. In dieser Funktion war sie Vorsitzende zahlreicher Fachkommissionen für die Erarbeitung wichtiger Vorschriften, Empfehlungen, Gesetze (beispielsweise dem Bayerischen Kindergartengesetz, das 1972 in Kraft trat), Bestimmungen in Zusammenarbeit mit den Spitzenverbänden der freien und öffentlichen Wohlfahrtspflege sowie für Modellversuche in Verbindung mit dem renommierten und international bekannten Staatsinstitut für Frühpädagogik (dessen Mitbegründerin sie war).

Sie zeichnete verantwortlich für Qualifizierungskurse für das sozialpädagogische Fach- und Hilfspersonal in Verbindung mit den Träger- und Berufsverbänden, ebenso als Leiterin der Kommissionen für die "Empfehlungen für den Kindergartenbereich 'Der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule: Hilfen und Anregungen in altersgemischten Gruppen'". Die von ihr mitinitiierte und vom Bayerischen Staatsministerium für Unterricht und Kultus herausgegebenen Publikation "Der Übergang vom Kindergarten in die Grundschule", erschienen im Donauwörther Auer Verlag (für den Anna Maria Hagenbusch auch als Herausgeberin der Schriftenreihe "Erzieherische Praxis" verantwortlich zeichnete), war seinerzeit als curricular orientierte Richtlinien für die Erziehung und Bildung der Kinder vor dem Schuleintritt für den deutschsprachigen Raum richtungsweisend und hatte wesentlich dazu beigetragen, dass der Kindergarten als wichtige Bildungs- und Erziehungsinstitution aufgewertet und (endlich) anerkannt wurde. Dabei versäumte Anna Maria Hagenbusch nicht darauf hinzuweisen, dass das kindliche Spiel die Existenzform, Lebensaufgabe sowie Lebensschule des Kindes schlechthin ist und Lernen und Spiel durchaus zusammen gehören. Demzufolge lehnte sie das Lernen auf spielerische Weise ab, denn: "Lernen im Spiel ist die Weise des kindlichen Lernens" (Hagenbusch 1972, S. 22), oder anders ausgedrückt: "Spiel ist demnach eine spezielle Form des Lernens, die am besten als Lernprozeß auf dem Weg spontanen Tuns bezeichnet werden kann" (Hagenbusch 1979, S. 152).

Zeitlebens stand für Anna Maria Hagenbusch die religiöse Erziehung im Vordergrund. Darum plädierte sie für eine christlich orientierte Aus- und Fortbildung aller in pädagogischer Verantwortung stehender Fachkräfte: "'Bildung hat ihren Ursprung in der Kirche.' Was helfen der Kirche viele katholische Einrichtungen, wenn die vom 'universalen Ziel der Kirche - CHRISTLICHE LEHRE - CHRISTLICHES LEBEN- geformten Menschen mangeln?' (Hans Maier) Ausbildung und Fortbildung müssen deshalb ein kirchliches Anliegen bleiben, übertragen auf die kath. Träger- und Berufsverbände. Die Zukunft christlicher, familiengemäßer Erziehung hängt - wie zu jeder Zeit - von jenen 'Menschen ab, die sich an der Botschaft Jesu orientieren und sie zu leben versuchen, nicht zuletzt auch im Engagement der christlichen Erzieher und Pädagogen' (Wolfgang Scharl)" (Hagenbusch 1995, S. 11 f.).

Trotz anstrengendem Berufsleben engagierte sich Anna Maria Hagenbusch noch in vielfältiger ehrenamtlicher Arbeit. Von 1970 bis 1983 war sie Bundesvorsitzende des "Berufsverbandes katholischer Erzieher und Sozialpädagogen Deutschlands". Als solche lag ihr besonders der deutsch-französische Erzieher/innenaustausch am Herzen. Im Jahre 1978 wurde sie zur unabhängigen Sachverständigen in der Kommission "Vorschulische Erziehung der Europäischen Länder" bei der EG in Brüssel bestellt. Außerdem war sie Mitglied im "Zentralkomitee der Deutschen Katholiken", im "Präsidium der Arbeitsgemeinschaft Katholischer Verbände für Erziehung und Schule", im "Deutschen Nationalkomitee für Erziehung im frühen Kindesalter" sowie im "Seniorenbeirat" der Stadt München, um nur einige ihrer Ehrenämter zu nennen.

Für ihr Engagement für Staat und Kirche erhielt Anna Maria Hagenbusch mehrere Auszeichnungen: 1973 die Goldene Ehrennadel des "Deutschen Caritasverbandes", 1978 die Silberne Plakette des "Deutsch-Französischen Jugendwerkes", 1979 den Päpstlichen Orden "Pro ecclesia et pontifice" und 1981 das "Bundesverdienstkreuz Erster Klasse".

In den letzten Lebensjahren litt Anna Maria Hagenbusch unter zunehmender Demenz. Ihre Schwester und deren Kinder konnten sie mit viel Mühe überreden, zu ihnen nach Stuttgart (2001) zu ziehen. Dort starb sie am 6. September 2005 im Kreis ihrer Familienangehörenden.

Literatur

Bayerisches Staatsministerium für Unterricht und Kultus (Hrsg.): Der Übergang vom Kindergarten zur Grundschule, Donauwörth 1973

Berger, M.: Hagenbusch, Ann(e)a Maria. In: Bautz, G. (Hrsg.): Biographisches-Bibliographisches Kirchenlexikon. XXVII. Band. Nordhausen 2007, Sp. 585-593

Gerbert, M.: Anne Maria Hagenbusch. Ein erfülltes Leben mit großen Verdiensten für Kindergarten, Hort und das katholische Verbandswesen. Christ und Bildung, 2005, H. 11/12, S. 19

Gumppenberg, H. v.: Rückschau auf 70 Jahre Landesverband. Die Kindergartenschaukel. In: Bayerischer Landesverband katholischer Kindertagesstätten e.V. (Hrsg.): Jubiläumszeitung, München 1987, S. 6-9

Hagenbusch, A.M.: 50 Jahre im Dienst von Kind und Familie. Welt des Kindes, 1968, H. 1, S. 4-9

Hagenbusch, A.M.: Überlegungen zur Kooperation von Kindergarten und Grundschule. In: Wehrfritz GmbH (Hrsg.): Kooperation von Elementar- und Primarbereich, Rodach 1969

Hagenbusch, A. u.a.: Was ist vorschulische Erziehung? Antworten auf ein aktuelles Thema, Ravensburg 1972

Hagenbusch, A.M. (Hrsg.): Leben mit Kindern in Tageseinrichtungen und anderen Formen der Familienhilfe, Donauwörth 1995