Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Johanna Goldschmidt

Manfred Berger

 

Johanna Goldschmidt, geb. Schwabe, erblickte am 11. Dezember 1806 in Bremerlehe bei Hannover das Licht der Welt. Die Eltern waren jüdischer Herkunft und zählten zur begüterten und wohlangesehenen Bürgerschicht. 1812 übersiedelte die Familie Schwabe nach Hamburg. Die Hansestadt hatte seinerzeit den Juden volle politische und bürgerliche Gleichberechtigung garantiert.

Johanna war ein hochbegabtes Mädchen, das mehrere Sprachen beherrschte, Klavier, Geige und Harfe spielte und zudem noch hervorragend gut singen konnte. Ihre Begabungen wurden durch beste Lehrkräfte gefördert. Mit 21 Jahren heiratete Johanna Schwabe den wohlhabenden jüdischen Kaufmann Moritz David Goldschmidt. Aus der Ehe gingen acht Kinder hervor. Als die Erziehung der eigenen Kinder Johanna Goldschmidt nicht mehr ausschließlich beanspruchte, widmete sie sich der Schriftstellerei, sowie der Erziehung der Kinder des Proletariats und insbesondere der Bildung des weiblichen Geschlechts.

Ihr erstes Buch - "Rebekka und Amalia. Briefwechsel zwischen einer Israelitin und einer Adeligen über Zeit- und Lebensfragen" (1847) - publizierte sie anonym: Probleme jüdischer Assimilation und Konversion standen im Mittelpunkt des Briefromans. 1849 veröffentlichte Johanna Goldschmidt das zweibändige Werk "Muttersorgen und Mutterfreuden. Worte der Liebe und des Ernstes", zu dem der bekannte Pädagoge Adolph Diesterweg die Vorrede verfasste:

"Von den meisten der mir bekannten, von Frauen herrührenden Erziehungsschriften zeichnet es sich durch schlichte Einfachheit aus ... Der Ton in demselben flößt mir das volle Vertrauen ein, dass die Verfasserin keine andere Religion kennt, als die, welche in Werken der Liebe sich kund tut, und dass sie nicht zu denjenigen gehört, welche sich durch gute Werke, die sie schreiben, davon dispensiert glauben, gutes zu tun (Goldschmidt 1849, S. XI f).

1849 wurde der "Allgemeine Bildungsverein deutscher Frauen" ins Leben gerufen, der ein dreifaches Ziel verfolgte:

"Er wollte als erstes die Lebensverhältnisse der Armen verbessern und zum Abbau sozialer Spannungen beitragen, zweitens die Ausbildungsmöglichkeiten von Frauen erweitern und drittens ihre gesellschaftliche Stellung heben.. Johanna Goldschmidt setzte sich dafür ein, den ersten und zweiten Punkt der Zielsetzung zu verbinden. Sie bemühte sich, die Bildung der Frauen, die sie im Bereich mütterlicher Aufgaben sah, zu heben, um sie für den Abbau sozialer Spannungen dienstbar zu machen. Als geeignet erschienen ihr hierzu Fröbels Kindergärten, die Kinder unterschiedlicher sozialer Herkunft zusammenbrachten. Sie lud den in Dresden lehrenden Friedrich Fröbel zu einem halbjährigen Aufenthalt in Hamburg ein. Er sollte in einem Kurs Kindergärtnerinnen ausbilden, die zum Ausgleich sozialer Gegensätze beitragen würden" (Fassmann 1996, S. 143).

März 1850 konnte in Anwesenheit von Friedrich Fröbel und Adolph Diesterweg der erste "Bürger-Kindergarten" (für 70 Kinder) seiner Bestimmung übergeben werden. Weitere acht sollten noch folgen, trotz des 1852 verhängten preußischen Kindergartenverbots, das allgemein die Kindergärten diskriminierte.

Mit erstaunlicher Zivilcourage verteidigte Johanna Goldschmidt Fröbels Ideen. Dabei verdient ihre Streitschrift "Zur Sache Friedrich Fröbels" besondere Aufmerksamkeit. Der bekannte Literat Karl Gutzkow widersprach u.a. den Fröbelianern, "die sich von der Reform der Kleinkinderpädagogik mittels weiblichen Einflusses die gewaltlose Erneuerung der Gesellschaft von unten erhofften" (Fassmann 1996, S. 149) und brandmarkte den Beruf der Kindergärtnerin als "Taglöhnerei". Dagegen konterte Johanna Goldschmidt:

"Warum Herr Dr. G. den Kindergärtnerinnen den Beruf, den sie erwählen, als 'Taglöhnerei' bezeichnet, das zu erklären, bleibe Anderen überlassen; könnte man nicht mit demselben Rechte jeden Beruf also herabsetzen, der neben innerer Befriedigung Lebensunterhalt bietet? Wir glauben nicht, dass Herr Dr. G. den Beruf der Lehrer, Erzieher, Künstler und Schriftsteller mit dem Namen der 'Taglöhnerei' zu brandmarken versuchen wird; protestieren daher auch im Interesse der Beteiligten gegen jede herabwürdigende Bezeichnung für die Beschäftigung der Kindergärtner oder Kindergärtnerinnen. Noblesse der Gesinnung werden wir immer nur da erkennen, wo die Sache frei von jeder Parteilichkeit beurteilt wird. Herr Dr. G. hätte diese niedrige Betrachtungsweise vermeiden sollen; er konnte durch sie die Würde seiner Besprechung nur beeinträchtigen" (Goldschmidt 1853, S. 339 f).

Ab 1860 engagierte sich Johanna Goldschmidt verstärkt im "Hamburger Fröbel-Verein", den sie mitbegründet hatte und dessen Hauptaufgabe es war, ein Seminar zur Ausbildung von Familienkindergärtnerinnen zu schaffen und zu unterhalten. Die Ausbildung begann mit 6 Schülerinnen. Dem Seminar wurde ein eigener Kindergarten als Übungsstätte der auszubildenden Mädchen und Frauen angegliedert. Über die Ausbildung konstatierte Johanna Goldschmidt:

"Wir lehren unsre Schülerinnen neben der Praxis auch die theoretische Grundlage des Fröbel'schen Systems kennen. Es ist nicht genug, dass die Familien-Kindergärtnerin versteht, mit den Kindern zu flechten und zu bauen, sie soll durch den Zeichen-Unterricht die Grundformen kennen lernen aus denen sich diese Beschäftigungen entwickeln lassen; sie soll nicht nur die Lieder im Kindergarten mitsingen, man lehrt sie dieselben erst genau selbst verstehen, die Bedeutung erkennen, welche sie für die Erziehung der Kinder haben können, dann aber die größere Schwierigkeit überwinden, sie den Kindern in richtiger Weise klar zu machen. Die meisten Fröbel'schen Lieder und Kreisspiele sind dem Naturleben entnommen und besonders geeignet, das Gemüt der Kinder zu wecken und richtig zu leiten ... Die Arbeiten, welche der Kindergarten bietet, erfordern auch mechanische Übung, sie schärfen die Sinne, fördern Kraft und Beweglichkeit der Glieder und bringen eine wohltuende Heiterkeit in das Leben des Kindes" (Goldschmidt 1872/73, S. 150 f).

Um die angehenden Familienkindergärtnerinnen mit Haushaltspflichten und vornehmen Umgangsformen vertraut zu machen, wurden vom Fröbel-Verein "sorgfältig ausgesuchte Hausfrauen, sogenannte 'Schutzdamen' verpflichtet, sich ein bis zwei Vormittage in der Woche, gelegentlich auch am Wochenende, in ihren eigenen Haushalten (es waren Haushalte mit Kindern) um die Schülerinnen zu kümmern" (Geddert 1985, S. 25).

Johanna Goldschmidt wirkte auch noch durch ihre Zeitschrift "Blicke in die Familie" für die Verbreitung der Fröbelschen Ideen, wie Marie Beßmertny anschaulich darlegte:

"Hier zeigt sie sich ganz besonders als die unerschrockene Kämpferin, die nicht ansteht, den Müttern unverblümt ihre Pflichten und Unterlassungssünden vorzuhalten. Sie tadelt die Geschäftigkeit der Hausmütter, die es wichtiger finden, mühsame Handarbeiten, große Toiletten zu machen, Gesellschaften zu besuchen, als den heiligern und lebendigern Teil ihres Berufes wahrzunehmen. Und die Kinder? 'Sie sind bei solch einer Zeiteinteilung der Mutter nicht am besten behütet und - langweilen sich überdies gründlich!'" (Beßmertny 1910, S. 17).

Johanna Goldschmidt starb am 10. Oktober 1884 in Hamburg.

Literatur

Berger, M.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch, Frankfurt 1995

ders.: Goldschmidt, Johanna, in: Maier, H.: Who is who der Sozialen Arbeit, Freiburg 1998

Beßmertny, M.: Johanna Goldschmidt, in: Hamburger Correspondent 1910/Nr. 40

Fassmann, I. M.: Jüdinnen in der deutschen Frauenbewegung 1865-1919, Hildesheim 1996

Geddert, U.: 125 Jahre Geschichte einer Schule, in: Verein der Freunde und Förderer der Fachschule für Sozialpädagogik I e. V. (Hrg.): 125 Jahre. Vom Fröbelseminar zur staatlichen Fachschule für Sozialpädagogik, Hamburg 1985

Goldschmidt, J.: Rebekka und Amalia. Briefwechsel zwischen einer Israelitin und einer Adeligen über Zeit- und Lebensfragen, Leipzig 1847

dies.: Mutterfreuden und Muttersorgen. Worte der Liebe und des Ernstes, Hamburg 1849

dies.: Zur Sache Friedrich Fröbels, in: Rheinische Blätter für Erziehung und Unterricht, Jhg. 1853

dies.: Auszug aus dem Berichte über die Tätigkeit des Hamburger Fröbel-Vereins von 1868 bis 1872, in: Der Frauenanwalt Jhg. 1872/73