Zwieback essen bedeutet so viel wie "Streicheln von innen"

Barbara Perras

 

"Wer nie sein Brot im Bette aß, weiß nicht wie Krümel pieksen!"

Dieses alte Sprichwort bezeichnet eher eine unangenehme Wirkung von Bröseln. Kinder mit Wahrnehmungsstörungen empfinden jedoch anders. Bei hyposensibler (hypo = wenig) taktiler Oberflächenwahrnehmung wird leichtes, sanftes Streicheln als lästig empfunden, etwa so, als ob ein durchschnittlich entwickeltes Kind mit einer Feder gekitzelt wird. Bei hypersensibler Körperempfindung (hyper = stark, übernormal) findet die gegenteilige Wirkung statt. Viele Kinder finden Sand in den Schuhen als angenehm, andere dagegen stört bereits das kleinste Sandkorn. Kinder mit Wahrnehmungsstörungen können sich selten in einer Reihe (z.B. beim Turnen) anstellen und ecken überall an.

Unsere Schleimhäute sind unsere "innere" Haut, die Fortsetzung unserer äußeren Schutzhülle. Sie werden stimuliert durch essen und trinken, Kaugummi kauen, saugen, mit einem Strohhalm trinken, ein Eis, einen Lolly oder ein Bonbon lutschen u. v. m. (leider auch rauchen). Dieser enge Zusammenhang, wenn uns "nicht wohl in unserer Haut ist", spiegelt sich in Essstörungen, Erkrankungen des Verdauungstraktes und Süchten wider.

Im Kindergarten ist es deshalb - nicht nur Förderung der Mundmotorik - sinnvoll,

  • einen Zwiebacktag,
  • einen Salzlettentag,
  • einen Strohhalmtag,
  • einen Rohkosttag und
  • einen Kaugummitag

zu veranstalten. Diese vielfältigen Sinneserfahrungen für Mund, Zunge und Gaumen sind eine wichtige Ergänzung zur taktilen Oberflächenwahrnehmung im Bällebad, in der Sandkiste bzw. im Wasser. Zudem wird beim Kauen das Kiefergelenk gelockert, und die Nebenhöhlen werden belüftet. Ein guter Mundschluss, wenn die Zunge den Gaumen berührt, unterstützt die Konzentration, und die Nervenverbindung des Rückenmarks über das Gehirn zum Solarplexus wird geschlossen. Das Kind lebt aus seiner Mitte heraus und bezieht seinen Kopf mit ein - eine ideale ganzheitliche Voraussetzung für körperlich-emotionales Wohlbefinden und kognitives Lernen. Ich selbst erinnere mich sehr gerne an meine Kindheit, als Brausewürfel prickelnd auf meiner Zunge zergingen...