Rezension

Marie-Luise Compani, Peter Lang (Hrsg.): Waldorfkindergarten heute. Eine Einführung. Stuttgart: Verlag Freies Geistesleben 2011, 272 Seiten, EUR 18,00 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Marie-Luise Compani und Peter Lang legen mit diesem Sammelband eine fundierte Einführung in Theorie und Praxis des Waldorfkindergartens vor. In 15 Kapiteln behandeln 11 Autor/innen, die allesamt ausgewiesene Kenner der Waldorfpädagogik sind, folgende Themen:

  1. Waldorfkindergärten weltweit: Nach einem kurzen historischen Überblick stellt Peter Lang heraus, dass es heute etwa 1.600 Waldorfkindergärten in mehr als 50 Ländern gibt. Die meisten Einrichtungen (550) befinden sich aber in Deutschland. Ferner beschreibt Lang, wie Waldorfkindergärten gegründet werden können und welche Funktionen Vereinen und Landesverbänden zukommen. Schließlich setzt er sich mit den PISA-Studien auseinander und betont, dass es in der frühen Kindheit nicht nur auf kognitive Förderung, sondern auch auf kaum messbare Fähigkeiten wie Fantasiekraft, Spielfreude und soziale Kompetenzen sowie auf die Qualität des Kinderlebens ankäme.
  2. Waldorfkindergarten am Anfang des 21. Jahrhunderts: Marie-Luise Compani knüpft an die PISA-Studien an, die zu einer starken Betonung der frühkindlichen Bildung geführt hätten. Auch Waldorfkindergärten müssten die Bildungspläne der Bundesländer berücksichtigen - aber auch andere Entwicklungen der letzten Jahre wie z.B. die zunehmende Erwerbstätigkeit beider Eltern oder die schlechtere Entwicklung von Jungen gegenüber Mädchen.
  3. Erziehung im Vorschulalter - Salutogenese und Kompetenzbildung: Peter Lang geht auf die Resilienzforschung und die Suche nach Faktoren ein, die Menschen körperlich und seelisch gesund erhalten. In der Waldorfpädagogik sieht er einen "gesund machenden Erziehungsansatz" und einen "Beitrag zur Weiterentwicklung unserer gesamten Kultur" (S. 39 ff.). Er betont, dass Kindheit "Spielzeit" bedeute, stellt drei Spielstufen dar und schildert einige Szenen aus dem Kita-Alltag, die zu einer positiven Entwicklung von Kindern im Sinne der Salutogenese-Forschung beitragen würden. Schließlich zeigt Lang auf, wie in den Bildungsplänen genannte Basiskompetenzen in Waldorfkindergärten gefördert werden.
  4. Die Metamorphose von Wachstumskräften in Denkkräfte: In diesem Beitrag von Claudia McKeen steht der anthroposophische Entwicklungsbegriff im Mittelpunkt, nach dem die Entwicklung nicht linear, sondern in stufenweisen Verwandlungen ("Metamorphosen") verläuft. Daraus ergibt sich als Aufgabe für den Waldorfkindergarten, "die Bildekräfte in ihrer Arbeit am Leib zu unterstützen und sie im Denken und Bewusstsein nur so weit zu benützen und direkt anzusprechen, als sie nach und nach frei werden, wenn ihre Arbeit im Leib zu einem Abschluss gekommen ist" (S. 70). Dieser Übergang wird dann von McKeen an einigen Beispielen erläutert, wobei sie vor einem zu frühen Ansprechen der "Kräfte des Vorstellens, Erinnerns und Verstehens" warnt.
  5. Kinderzeichnungen verstehen: Angelika Prange skizziert zunächst die frühkindliche Entwicklung auf Grundlage der Anthroposophie und beschreibt dann, wie sich diese in den Bildern von Kindern während des ersten Jahrsiebts zeigt. Illustriert durch 32 farbige Abbildungen auf Hochglanzpapier geht Prange auf Urwirbel, geschlossene Kreise mit Sinnesfühler, Kopffüßler, Baummenschen, Leiterbildung, Herzwirbel usw. ein und zeigt auf, wie sich die Abfolge von Entwicklungsschritten und neuen Erfahrungen in der Reihenfolge der Bilder widerspiegelt.
  6. Das freie Spiel - ein Quell der Bildung: Marie-Luise Compani beginnt das Kapitel mit folgender provokanter Aussage: "Infolge der vielfältigen Bildungspläne für das Vorschulalter, die in vielen Ländern der Welt ausgearbeitet werden oder bereits bestehen, wird dem Kind zunehmend das Ureigenste genommen: das Spiel. Stattdessen wird es angehalten, das Lernen zu lernen und die Erfahrungen, die es dabei macht, zu reflektieren. Auffallend viele Kinder sind heute in den verschiedenen Vorschuleinrichtungen zu erleben, die nicht mehr spielen können. Das Natürlichste im Leben eines Kindes - zu spielen und spielen zu wollen - wird häufig übergangen" (S. 93). Demgegenüber betont Compani die Bedeutung des freien Spiels für die kindliche Entwicklung und das Lernen, für Erleben, Fantasie und Stimmung. Sie skizziert verschiedene Phasen der Spielentwicklung und befasst sich kurz mit der Gestaltung der Spielumgebung.
  7. Waldorf-Kindertageseinrichtungen - die Betreuung von Kindern unter drei Jahren: Birgit Krohmer zeigt zunächst auf, dass sich in den letzten Jahren viele Waldorfkindergärten zu Ganztagseinrichtungen gewandelt haben und dass zunehmend unter dreijährige Kinder aufgenommen werden. Inzwischen wurden Leitlinien entwickelt, wie Säuglinge und Kleinkinder unter drei Jahren nach den Grundsätzen der Waldorfpädagogik betreut werden können. Zunächst geht Krohmer auf die Entwicklungsbedürfnisse dieser Kinder ein und skizziert die kindliche Entwicklung im ersten Drittel des ersten Jahrsiebts. Unter Dreijährige benötigen einen "geschützten Lebensraum, in dem das Kind für sich oder neben bzw. mit den anderen Kindern sein kann" und sich "den pflegerisch und hauswirtschaftlich tätigen Erwachsenen nachahmend anschließen kann" (S. 122) - nicht aber einen vorweggenommenen Waldorfkindergarten.
  8. Aus dem Alltag des Waldorfkindergartens - pädagogische Aspekte und Grundlagen: Marie-Luise Compani befasst sich mit der Eingewöhnung von Kleinkindern, der Bindung als Grundlage für den Bildungsprozess, der prägenden Kraft der Erzieherpersönlichkeit, der Bedeutung von Rhythmus und Wiederholung im Tages-, Wochen- und Jahresverlauf, besonderen Aufgaben für ältere Kinder und dem Übergang in die Schule.
  9. Die Arbeit der Erwachsenen im Waldorfkindergarten: Freya Jaffke beschäftigt sich mit der Aufgabe der Erzieher/innen, Lebenstätigkeiten in den Kindergarten hereinzuholen. Auf diese Weise sollen Kinder "die Vielfalt, die Reichhaltigkeit und Notwendigkeiten des täglichen Lebens erleben" und Impulse für ein "sinnvoll erfülltes, schöpferisches Spiel" erhalten (S. 147). Dann skizziert sie die verschiedenen Tätigkeitsbereiche und zeigt das Besondere an ihnen anhand einiger Beispiele auf.
  10. Rhythmisch-musikalische Sprech-, Sing- und Bewegungsspiele: Diese Spiele haben laut Jacqueline Walter-Baumgartner einen festen Platz im Waldorfkindergarten, da sie "von den Grundelementen der Bewegung, der Sprache und des Gesangs geprägt sind" (S. 157) und dem Alter der Kinder angepasst werden können. Sie sollten immer in derselben Art dargeboten werden, um die Nachahmungskräfte des Kleinkindes anzuregen. Urgebärden, Rhythmen, Hand- und Fingergesten, dynamisches und musikalisches Sprachgeschehen und Quintenstimmung in der Musik sind laut Walter-Baumgartner von besonderer Bedeutung: "So werden Spiele und Reigen zu einer wichtigen Nahrung für die kindliche Individualität" (S. 178).
  11. Eurythmie im Vorschulalter: Elisabeth Göbel beschreibt die Eurythmie als "Bewegungskunst", deren Elemente die "Hingabefähigkeit des Kindes an die mannigfaltigen Erscheinungen der Welt", der Rhythmus, die Sprachförderung, die Freude an der eigenen Gestalt und die Ausbildung eines geometrischen Empfindens seien (S. 180). Dann stellt sie dar, wie Eurythmie im Kindergarten praktiziert wird und welch' positive Auswirkungen sie auf die kindliche Entwicklung hat.
  12. Dem Medienkonsum vorbeugen - Medien im Vorschulalter: Nach einem kurzen Überblick über verschiedene Medien plädiert Andreas Neider für eine "Medienbalance": Jeder Art von passivem Medienkonsum sollten aktive Formen wie Fingerspiele, Vorlesen von Märchen, Singen, Musizieren usw. gegenübergestellt werden. Dies wird an Beispielen aus den Bereichen Sprache/ Lesen, Musik und Spiel erläutert.
  13. Per Mausklick durch die Kindheit?: Peter Lang ist der Meinung, dass Computer erst in der Mittel- und Oberstufe der Schule ihren Platz hätten - nicht aber im Kindergarten. Hier würden sie die frühkindliche Entwicklung eher beeinträchtigen, da Kleinkinder "aus erster Hand" lernen würden, ihre Fantasie ausleben müssten und die Welt handelnd am besten erforschen könnten (also "in Bewegung"). Computer würden hingegen die Sprach- und Denkentwicklung behindern und zu einem "schleichenden seelischen Abstumpfungsprozess" beitragen.
  14. Ernährung im Kindergarten heute: Michael Kassner beschreibt, wie im Waldorfkindergarten bei der Ernährungserziehung folgende drei Ziele umgesetzt werden: "an der gesunden, funktionsfähigen Ausgestaltung der gesamten Verdauungsorgane mitzuwirken", "Dankbarkeit gegenüber Mensch, Tier und Pflanze, Erde und Himmel durch den Umgang mit Lebensmitteln anzuregen" und "anhand des eigenen Vorbilds auch bei Tisch das Kind in das soziale Miteinander einzuführen" (S. 217). Kassner geht auf Abendessen, Frühstück, Mittagessen, verschiedene Lebensmittel und Getränke, Gewürze und Süßigkeiten ein.
  15. Warum Elternarbeit heute so wichtig ist: Claudia Grah-Wittich beschreibt das Verhältnis von Familie und Kindertageseinrichtung: Wie bei einem Eisberg würden die meisten Aspekte "in einem nicht bewusst bearbeiteten Bereich" unter der Oberfläche liegen. Ferner geht sie auf Bindungen, Abholsituation sowie Formen der Elternarbeit, -mitwirkung und -beratung ein. Grah-Wittich betont die Notwendigkeit der Selbstreflexion und plädiert für einen authentischen, empathischen und respektvollen Umgang mit Eltern.

Der Sammelband endet mit Anmerkungen (gegliedert nach den einzelnen Kapiteln), Literaturhinweisen, einem Adressverzeichnis und Kurzbiographien der Autor/innen. Er ist mit farbigen Fotos aus dem Alltag von Waldorfkindergärten illustriert, die separat auf Hochglanzpapier gedruckt wurden.

Abschließend ist festzuhalten, dass das gut lesbare Buch einen umfassenden Überblick über den Waldorfkindergarten bietet - unter Berücksichtigung aktueller Entwicklungen in Frühpädagogik, Familie, Gesellschaft und Politik.

Martin R. Textor