Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Elisabeth von Grunelius

Manfred Berger

 

Bei der Beobachtung der konzeptionellen Weiterentwicklung des Kindergartens fällt auf, dass der Stellenwert des Waldorfkindergartens stetig wächst. Ist diese Entwicklung eine Antwort auf die Defizite der Regelkindergärten?

Die Konzeption des Waldorfkindergartens wurde maßgebend von Elisabeth von Grunelius entwickelt, die mit Recht als "Urkindergärtnerin" der Waldorfpädagogik bezeichnet wird. Sie hatte die Gedanken Rudolf Steiners aufgegriffen und auf die frühkindliche Erziehung übertragen. Über Sinn und Zweck des Waldorfkindergartens schrieb Elisabeth von Grunelius: "Den Kindergarten möchte ich sehen als einen Ort, in dem Kinder die wesensgemäßeste Möglichkeit haben, sich im Spiel und in freudiger Geselligkeit zusammenzufinden. Die Aufgabe des Erziehers an solcher Stelle müsste sein, mit Frische und wachem Verständnis ein Kinderreich inmitten der zivilisatorischen Unrast unserer Zeit zu errichten, in dem die Kinder sich nach den ihrer Altersstufe angemessenen Gesetzmäßigkeiten entwickeln und voll entfalten können. Welche sind nun die Gesetzmäßigkeiten, die der Erzieher erkennen muss, um nicht zerstörend, weil gegen die natürliche Entwicklung verstoßend, einzugreifen? Zunächst ist zu beachten, dass das kleine Kind ein Wesen ist, das ausschließlich in der Nachahmung lebt. Das ist eine Erfahrung, die jeder machen kann, dass das unverdorbene Kind, das Urwesen im Kind, hingegeben ist an die Umgebung, an das Tun der Erwachsenen; ja, dass das Kind mit einer solchen inneren Verbundenheit alles aufnimmt, was die Welt, in die es sich hineingestellt sieht, ihm offenbart, dass es dieses alles innerlich ganz fein mitmacht - was dann, wenn es vom Willensmäßigen ergriffen wird, zur Nachahmung führt. Das ist der Weg des Kindes, die Welt kennen zulernen und sie sich verstehend anzueignen. Bei diesem Vorgang ist das Kind mit sehr tiefen moralischen Kräften beteiligt, so dass es, was es als schön, wahr und gut in seiner Umgebung erlebt, auch tun und können möchte ... Das Kind im Kindergartenalter ist seiner Natur nach nicht empfänglich für das ermahnende, gebietende, korrigierende Wort des Erwachsenen. Erzieht man durch Nachahmung, so ist für das Kind ein Vorbild da, durch das es in seinem Willenswesen in Freiheit angeregt wird ... Diese Erziehungsmethode durch die Nachahmung ist überhaupt die einzige, die die Freiheit des Kindes in gesunder Weise wahrt, und gerade darauf kommt es an in diesem Lebensalter" (Grunelius 1932, S. 172 f).

Elisabeth Marie Adelheid wurde am 15. Juni 1895 als als viertes von sechs Kindern des Eisenhüttenwerkbesitzers Maurice Edouard von Grunelius (der erbliche Adelstitel wurde ihm 1908 verliehen) und seiner Ehefrau Virgine Emma, geb. Freiin von Türckheim, in Kolbesheim/Elsaß geboren. Nach mehreren Jahren Privatunterricht absolvierte sie ab 1912 in Bonn die renommierte "Klostermannsche Höhere Mädchen-Schule" und besuchte folgend das der Schule angegliederte "Comenius-Seminar zur Ausbildung von Kindergärtnerinnen". Anschließend ließ sie sich noch in Berlin am "Pestalozzi-Fröbel-Haus" zur Jugendleiterin ausbilden.

Am 7. September 1919 wurde in Stuttgart die erste Waldorfschule eröffnet. Dieser sollte auch ein Kindergarten als Teil des gesamten Schulorganismus angefügt werden. Als Leiterin war Elisabeth von Grunelius vorgesehen. Doch erst Ostern 1926 konnte der Kindergarten, in einer kleinen Baracke auf dem Schulgelände untergebracht, seiner Bestimmung übergeben werden. Bis dahin betätigte sich Elisabeth von Grunelius als Lehrerin an der Waldorfschule.

Als die Nazis die Macht übernahmen und 1938 die Stuttgarter Waldorfeinrichtungen verboten, übersiedelte Elisabeth von Grunelius in die USA. In Kimperton (Pennsyvania) gründete sie einen Waldorfkindergarten, dem bald eine Schule angegliedert wurde. Außerdem errichtete sie einen Waldorfkindergarten auf dem Campus des Adelphi College in Garden City bei New York, ebenso eine Waldorfschule. Auf ihre Erfahrungen in Deutschland und in den USA beruhend, publizierte Elisabeth von Grunelius 1950 das Büchlein "Early Childhood an the Waldorf School Plan", das eine zweite Auflage 1955 unter dem Titel "Educating the Young Child" erlebte. Die erweiterte Fassung dieser Veröffentlichung liegt heute im deutschsprachigen Raum unter "Erziehung im frühen Kindesalter - Der Waldorf-Kindergarten" vor. Sie gehört bis auf den heutigen Tag zum Grundbestand einführender Literatur in die Waldorfpädagogik im frühen Kindesalter. Darin ist beispielsweise über die Bedeutung des Spiels nachlesen:

"Im Spielen des Kindes lebt eine der wichtigsten Eigenschaften, die schöpferische Phantasie. Sie sollte man hegen und pflegen. Sie bringt Wärme und Innigkeit in das Tun des Kindes und ist seiner Sinnestätigkeit noch eng verbunden und verwandt. In ihrer Sphäre kann das innere Wesen des Kindes walten, da bleibt seine noch leicht träumerische Lebenshaltung bewahrt. Ein nüchternes, abstraktes, kombinierendes Betätigen als Spiel ist dem phantasievollen Spiele ein Gegenpol. Durch dieses wird in frühen Jahren der Krankheit unserer Zeit, ein Überhandnehmen eines vom Selbst losgelösten, seinem Interesse und seiner Wärme baren Geschäftigseins Vorschub geleistet. Phantasiedurchdrungene Spiele sind Vorläufer eines der wertvollsten Vermögen, des in seiner Lebensarbeit mit Innigkeit und Vollmenschlichkeit Darinnen-stehen-Könnens" (Grunelius 1980, S. 37).

Entsprechend der Waldorfpädagogik bietet für Elisabeth von Grunelius das ungestaltete Spielmaterial wesentlich mehr an individueller Produktivität als beispielsweise ein pädagogisch durchdachter Baukasten, dem schon "zu viel Verständigkeit" anhaftet:

"Je weniger bestimmt und ausgedacht ist, was im Spiel sich zeigt, desto besser ist es aus dem Grunde, weil ein höheres, das nicht ins menschliche Bewusstsein hereingezwängt werden kann, dann eben hereinkommen kann, weil das Kind probierend und nicht verstandesgemäß sich zum Leben verhält" (Grunelius 1980, S. 36).

1954 gründete Elisabeth von Grunelius in Chatou bei Paris einen Waldorfkindergarten, den sie über viele Jahre hinweg pädagogisch betreute. Im Alter von 75 Jahren übersiedelte sie nach Dornach (Schweiz). Von dort aus galt ihr Interesse weiterhin der Kindergartenpädagogik im Sinne der anthroposophischen Geisteswissenschaft. Ferner engagierte sie sich als Ehrenvorsitzende in der "Internationalen Vereinigung der Waldorfkindergärten". Die letzten Jahre verbrachte sie , fast erblindet, in einem Altenheim in Schopfheim (Schweiz). Hier starb Elisabeth von Grunelius am 3. Oktober 1989. Die Kremationsfeier fand auf Wunsch der Verstorbenen in Stuttgart statt: "dort hatte sie von Rudolf Steiner ihre Lebensaufgabe erhalten, dort konnten mehr Freunde zusammenkommen, die auch diesen Lebensauftrag, dass Kinder gesund in die Erdenwelt hineingeleitet werden können, zu ihrem Schicksal gemacht haben" (Kügelgen 1990, S. 189).

Literatur

Berger. M.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Ein Handbuch, Frankfurt 1995

ders.: Elisabeth von Grunelius und der Waldorfkindergarten, in: Unsere Jugend 1995/H. 6

ders.: Elisabeth von Grunelius - Waldorf "Urkindergärtnerin", in. Spielmittel 1995/Nr. 2

Grunelius, E. v.: Das Kind im Kindergarten der Freien Waldorfschule, in: Erziehungskunst 1932/H. 4

dies.: Erziehung im frühen Kindesalter - Der Waldorfkindergarten, Schaffhausen 1980

Kügelgen, H. v.: Elisabeth von Grunelius, in. Was in der Anthroposophischen Gesellschaft vorgeht. Nachrichten für deren Mitglieder 1990/Nr. 4