Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Christine Uhl

Manfred Berger

 

Bauen gehört von jeher zu den häufigsten Formen des Spielens, und zwar auf allen Altersstufen. Darum gibt es in jeden Kindergarten eine Bauecke. Darin befindet sich in den meisten Einrichtungen der sogenannte "Uhl-Bauwagen". Doch kaum jemand kennt dessen geniale Erfinderin, die durch eine logische Weiterführung der 3. und 4. Fröbelschen Gaben Baukästen geschaffen hat, die dem Kind durch Ordnung und innere Gesetzmäßigkeit des Materials eine systematische Eroberung des Raums ermöglichen:

"Das Bauen ist eine besondere Form der kindlichen Raumerforschung, indem das Kind dabei den Raum nicht nur mit seinen Gliedern oder mit Dingen durchmisst, sondern indem es selber Raum schafft. Bauen ist eine spielende Raumgestaltung, in der die Wechselwirkung zwischen Kind und Umwelt ganz besonders fruchtbar und deutlich wird. Das Kind nimmt seine Umwelt, Raum und Dinge, in sich auf, indem es sie umgeformt, umgestaltet, aus sich herausstellt" (Uhl 1948, S. 11).

Christine Uhl war aber nicht nur die Erfinderin eines Bauwagens, sie entwickelte ein System von Legetafeln, ersann Fadenspiele und anderes Spiel- und Beschäftigungsmaterial, regte eine Reihe von praktischen Spielheften und Sammlungen von volkstümlichen Spielen (Hüpfspiele, Knobeln u.a.m.) an, entwarf Sachbilderbücher und setzte sich insbesondere für eine kindgerechte "Spielpflege" ein, die mehr beinhaltete als dem Kind genügend Zeit und Raum zum Spielen zu verschaffen.

Christine Hanna Theodora wurde am 18. Februar 1906 als zweitjüngstes von sieben Kindern des Pastors Ernst Uhl und seiner Ehefrau Mathilde Uhl (geb. Gericke) in Cobbel geboren. Nach dem Besuch des Lyzeums absolvierte sie noch mehrere Ausbildungen: 1925-1926 in Bremen die Hortnerinnen-, 1928-1930 in Hamburg die Krankenschwester- und 1930-1931 in Halle die Jugendleiterinnenausbildung. Nachdem sie ihren Bruder den Haushalt geführt hatte, zwei Jahre als Heimleiterin in Trüpers Erziehungsheimen auf der "Sophienhöhe" bei Jena tätig war, leitete sie von 1934 bis 1945 den Seminarkindergarten der "Frauenfachschule für sozialpädagogische Berufe" in Weimar, sowie den Hort "Falkheim". Ab 1945 war Christine Uhl im Thüringer Ministerium Referentin für das Kindergartenwesen und sah ihre Aufgabe dort vornehmlich in einer besseren Versorgung der Praxis mit Bildungsmitteln und der systematischen Fort- und Weiterbildung der Kindergärtnerinnen. 1949 entzog sie sich diesen Verpflichtungen durch "Republikflucht". Die Gründe dafür waren schwerwiegend: Sie wollte u.a. ihre Mitarbeiter/innen nicht denunzieren.

Im "Westen" fasste Christine Uhl schnell Fuß. Sie leitete bis zu ihrer Pensionierung (1966)in Bremen zuerst ein Kinderheim, dann noch zwei Schulkindergärten. Im Jahre 1969 übersiedelte nach Todtmoos-Rütte, um aktiv an der dortigen Bildungs- und Begegnungsstätte von Graf Dürckheim mitzuwirken. Als Christine Uhl schwer erkrankte, wurde sie auf eigenem Wunsch in ein Krankenhaus nach Bremen verlegt. Dort starb sie am 18. Februar 1976.

Schon in der "Ostzone" entwickelte Christine Uhl ihren Baukasten, der dort unter der geschützten Bezeichnung "Eule" vertrieben wurde:

"Damit wurde einerseits den Kindern reichlich das ersehnte Spielmaterial geboten und andererseits ein Grundstein gelegt für ein Baukastensortiment, das heute in ganz Deutschland in den Kindergärten und Tagesstätten verbreitet ist und den Fortbestand der Fröbelschen Tradition gewährleistet. Mit der Übersiedlung Christine Uhls nach Westdeutschland gingen ihre Vorstellungen von einem sinnvollen Bausortiment auch in die dortige industrielle Fertigung ein" (Thier-Schroeter/Diedrich 1995, S. 67).

Im Laufe der Zeit entstand der bewegliche "Uhl-Bauwagen", bestehend aus: sechs Baukästen und einem Zusatzbaukasten. Dabei ging Christine Uhl davon aus, dass es "sich beim Bauen wie bei jeder kindlichen Tätigkeit um ein Spiel der Kräfte zwischen subjektiver freier Lebensäußerung einerseits und Anerkennung und Einordnung in die objektive Gesetzmäßigkeit der Sache andererseits" (Uhl/Stoevesandt 1991, S. 8) handelt.

In Anlehnung an Fröbel vermerkte Christine Uhl über Sinn und Zweck des Bauens und die sich daraus ergebende Spielpflege:

"Fröbel war der erste, der ein besonderes Spielgut zur 'erzieherischen Pflege des kindlichen Spieles' ersann. Er hatte erkannt, dass die Entwicklung der kindlichen Kräfte im Spiel sich nach einer besonderen Gesetzmäßigkeit vollzieht. In seinem Spielgabensystem verwirklichte er konsequent sein Wissen um die Wesensganzheit des Kindes, die sich an der Vielfalt der Welt entwickelt. Deshalb ist das Spiel mit den Gaben ein tätiges Zergliedern von Ganzheiten und umgekehrt ein Zusammenordnen von Teilen zum Ganzen. Im Spiel mit Körper, Fläche, Linie und Punkt zerlegt das Kind den Körper in seine Elemente und fügt ihn andererseits wieder aus ihnen zusammen. Die durchdachte Ordnung im Aufbau der Gaben führt das Kind, tätig fortschreitend, immer tiefer hinein in die Gesetzmäßigkeit der räumlichen Welt und dementsprechend differenziert sich die Bildung der kindlichen Kräfte. Wenn Fröbel schon vor 150 Jahren eine Spielpflege für nötig hielt, damit das Kind organisch in die Zusammenhänge des Lebens hineinwachsen sollte, so ist sie heute lebensnotwendig. Denn seit Fröbel ist die Welt erheblich komplizierter geworden. Mit der Entwicklung der Industrie und der fortschreitenden Technisierung und Mechanisierung des Lebens hat sie ein Spezialistentum herausgebildet, dem schon der erwachsene Mensch kaum zu folgen vermag. Und wenn wir, in der heutigen Zeit der Umordnung, nicht wollen, dass dem Kinde die Welt als ein Chaos erscheint, sondern als ein sinnvolles Ganzes, dem es sich organisch eingliedern kann, so sind wir in der praktischen Erziehungsarbeit aufgefordert, uns dem kindlichen Spiel mit größter Aufmerksamkeit zuzuwenden und neue Wege zu finden, um in der Praxis eine 'entwickelnd erziehende Spielpflege' durchzuführen" (Uhl o. J., S. 6).

Sehr anschaulich hat Veronika Wührl in ihrer Facharbeit das kindliche Bauen in seiner Bedeutung für das Kind herausgearbeitet. Sie kommt zu folgendem Fazit:

"Zusammenfassend dient das Bauen mit dem 'Christine-Uhl-Baukasten' der ganzheitlichen Förderung des Kindergartenkindes:

  1. Förderung im sozialen Bereich: z. B. gegenseitige Rücksichtnahme und Umsicht beim gemeinsamen Bauen und Gebrauch des Baukastens.
  2. Förderung im kreativen Bereich: z. B. Anregung der Phantasie, um neue Gebilde und Bauwerke zu entwickeln.
  3. Förderung im kognitiven Bereich: z. B. Übertragung von Umwelteindrücken und der Realität, Grundgesetze der Statik und Mechanik werden entdeckt, durch gemeinsame Absprachen wird der Ausdruck gefördert.
  4. Förderung im motorischen Bereich: z. B. Üben der Fingerfertigkeit und -geschicklichkeit; vorsichtige Körperbewegungen, damit ein entstandenes Bauwerk nicht zerstört wird" (Wührl 1987, S. 2).

Literatur

Berger, M.: Über die Entstehung des Uhl-Bauwagens, in: Spielmittel 1994/Nr. 3

Thier-Schroeter, L./Diedrich, R.: Kinder wollen bauen. Kreatives Spielen nach Fröbel, München 1995

Uhl, Ch.: Schaffen mit Kindern. Grundsätzliches zur Pflege von Spiel und gestaltendem Tun, Weimar 1948

dies.: Ordnung und Gesetz im Spiel, Witten o. J.

dies./Stoevesandt, K.: Von Fröbel lernen: Das Bauen mit Würfel und Quader, Bielefeld 1991

Wührl, V.: Das Bauen des Kindes in der Bauecke mit dem "Christine-Uhl-Baukasten", Sontheim 1987 (unveröffentlichte Facharbeit)