Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Nelly Wolffheim

Manfred Berger

 

Nelly (Eleonore) Wolffheim wurde am 29. März 1879 als zweites und jüngstes Kind einer relativ wohlhabenden jüdischen Kaufmannsfamilie in Berlin geboren. Ihr um zwei Jahre älterer Bruder war von Anbeginn der vorgezogene, verwöhnte "und mit seinem gewinnenden Äußeren und musikalischer Begabung, der allgemein beliebte, der die Herzen aller gewann" (Biermann 1997, S. 17). Die Mutter scheint eine schwierige Persönlichkeit gewesen sein, die Nelly Wolffheim als "schwer neurotisch" (Wolffheim 1964, S. 2) bezeichnete. Zu ihr hatte sie zeitlebens eine "gestörte" Beziehung.

Aufgrund schwerwiegender Krankheiten hatte Nelly Wolffheim nur wenige Jahre eine öffentliche Schule besucht. Sie wurde überwiegend privat unterrichtet.

Ende des 19. Jahrhunderts absolvierte sie am renommierten Berliner "Pestalozzi-Fröbel-Haus" eine Ausbildung zur Kindergärtnerin. Anschließend arbeitete sie in mehreren Kindergärten. Wegen erneuter schwerer Erkrankungen musste Nelly Wolffheim ihren Beruf aufgeben. Es folgten Jahre in Sanatorien und Kurheimen.

1914 eröffnete sie in Hallensee einen Privatkindergarten, den sie ganz im Sinne der Fröbelpädagogik führte. Ihre gewonnenen Erfahrungen publizierte Nelly Wolffheim in der Broschüre: "Soll ich mein Kind in einen Kindergarten schicken?" Darin vertrat sie die heute modern anmutende Ansicht, dass der Kindergarten bestrebt sein sollte, "die natürlichen Erziehungsmittel der Familie in Betracht zu ziehen und sie nach Möglichkeit zu ersetzen. Der Kindergarten bemüht sich deshalb einer Familie, nicht einer Schule zu gleichen, und je mehr es ihm gelingt, sich dem Ideal zu nähern, je mehr kommen die Kinder zu ihrem Recht" (Wolffheim o.J., S. 10).

Sommer 1921 erlebte Nelly Wolffheim erneut einen schweren gesundheitlichen Rückfall. Daraufhin begab sie sich in psychoanalytische Behandlung. Ihr Analytiker war der seinerzeit bedeutende Nervenarzt und Freud-Schüler Karl Abraham. Nach dessen Tod (1925) wurde die nicht weniger bekannte Karen Horney ihre Analytikerin. Bedingt durch ihre positiven Erfahrungen mit den eigenen Analysestunden, stellte Nelly Wolffheim ihren Privatkindergarten auf die Psychoanalytische Pädagogik um. Somit war ihre Einrichtung der erste tiefenpsychologisch orientierte Kindergarten Deutschlands.

Ihre psychoanalytischen Kindergartenerfahrungen veröffentlichte Nelly Wolffheim in der "Zeitschrift für Psychoanalytische Pädagogik", die erstmals 1930 in Buchform erschienen sind. Sie bemängelte u.a., dass die kindliche Sexualität von der Pädagogik stillschweigend negiert werde. Dazu vermerkte sie kritisch:

"Dass auch in der modernen Kindergartenliteratur die Frage der sexuellen Probleme des Kleinkindalters unerörtert blieb, dass selbst in den Schriften der Ärztin Maria Montessori der sexuellen Erziehung keine Zeile gewidmet ist, dass ferner, wie es den Anschein hat, in den Kindergärten keine diesbezüglichen Beobachtungen gemacht wurden, all dies scheint mir für die herkömmliche Einstellung charakteristisch zu sein. Versuchen wir uns darüber klar zu werden, warum man im Kindergarten die Äußerungsformen der kindlichen Sexualität zu übersehen pflegte. Wir müssen dies mit der allgemeinen Neigung in Zusammenhang bringen, das nicht zu sehen, was man, wenn vielleicht auch unbewusst, nicht zu sehen wünscht. Ist es nicht auch auffallend, dass in veröffentlichten Tagebüchern über die Entwicklung von Kleinkindern (Stern, Skupin und andere) nichts von Sexualäußerungen der geschilderten Kinder vermerkt wird? Es wird Zeit, dass wir unser Augenmerk darauf richten, um bisher gemachte Erziehungsfehler besser vermeiden zu können" (Wolffheim 1975, S. 119 f).

Entsprechend ihrer psychoanalytischen Erkenntnisse sah Nelly Wolffheim "Fröbel als Vorläufer von Freud". Ihre Feststellung belegte sie u.a. auch anhand der hohen Übereinstimmung der beiden Männer hinsichtlich der Bewertung des kindlichen Spiels:

"Fröbel bezeichnet es als Ende der Säuglingsstufe, wenn das Kind anfängt, Innerliches äußerlich darzustellen. 'Was der Mensch darzustellen strebt, fängt er an zu verstehen'. Wenn wir das nicht rein intellektuell auffassen, sondern Emotionelles und vor allem im Unbewussten Wirkendes einbeziehen, stimmt die psychoanalytische Auffassung über die tiefere Bedeutung (Symbolsprache) von Kinderzeichnungen und -malereien, des Modellierens und anderen darstellenden Betätigungen des Kindes mit bildsamen Material damit überein. Nicht nur in der Erziehung, sondern auch in der Kinderanalyse verhelfen uns diese Betätigungen das Kind zu verstehen und werden als psychische Eigenhilfe des Kindes bewertet. Vor allem gilt dies natürlich vom Spiel. Bei Freud lesen wir: 'Man sieht die Kinder alles im Spiele wiederholen, was ihnen im Leben großen Eindruck gemacht hat, dass sie dabei die Stärke des Eindruckes abreagieren, und sich sozusagen zu Herren der Situation machen'. ... 'durch diese Art von der Passivität zur Aktivität überzugehen, sucht es seine Lebenseindrücke psychisch zu bewältigen'. Fröbel sagt in gleichem Sinne: 'Alle freitätigen Äußerungen des Kinderlebens sind sinnbildlich, deuten im äußeren Erscheinen auf ein inneres Sein, inneren Grund'. Und weiter: 'Spielen, Spiel ist die höchste Stufe der Kindesentwicklung, der Menschenentwicklung dieser Zeit; denn es ist freitätige Darstellung des Inneren, die Darstellung des Inneren aus Notwendigkeit und Bedürfnis des Inneren selbst. Spiel ist das reinste geistige Erzeugnis des Menschen auf dieser Stufe. Es gebiert darum Freude, Freiheit, Zufriedenheit, Ruhe in sich und außer sich, Frieden mit der Welt'" (Wolffheim 1975, S. 99).

1930 löste die Pädagogin ihren Kindergarten auf, weil sie wieder öfters erkrankte und sich auch für die Arbeit mit Kleinkindern zu alt fühlte.

Als die Nazis an die Macht kamen, musste Nelly Wolffheim sofort ihre publizistische Tätigkeit, als auch ihre Vortragsreisen einstellen. Von 1934 bis 1939 leitete sie das von der Jüdischen Gemeinde Berlins ins Leben gerufene Kindergärtnerinnenseminar. Darüber vermerkte sie in ihrer Autobiografie:

"Die jungen Mädchen und ich bildeten eine Gemeinschaft, uns gegenseitig für unsere Aufgaben erziehend. Denn auch ich, die Leiterin, hatte ja zu lernen: Ich war vor ganz neue Pflichten gestellt, für die ich keine Vorbereitung hatte; ich hatte Verantwortung zu tragen, also das zu erfüllen, was mir zeitlebens am schwersten fiel ... Zwischenfälle aller Art infolge des Eingreifens der Nazibehörden haben die Leitung des Seminars sehr erschwert und mich in einer andauernden Spannung gehalten. Trotzdem, als ich im März 1939 das Seminar schloss, tat ich es mit großem Bedauern. Aber sowohl Lehrkräfte wie Schülerinnen nahmen durch die Auswanderung ab, dass eine Fortsetzung des Seminars unmöglich war" (zit. n. Biermann 1997, S. 172).

Nelly Wolffheim emigrierte nach England. Dort lebte sie in Oxford und London. Nach dem Krieg publizierte sie auch wieder in Deutschland. Dabei verdient ihre Arbeit "Kinder aus Konzentrationslagern" besondere Erwägung. Diese ist auch heute noch lesenswert und zu empfehlen für Lehrer/innen, Erzieher/innen ... und jeden, der sich für Psychologie, Erziehung, Trauma, Trennung, Entwicklung von Kindern und verwandte Themen interessiert.

Nelly Wolffheim starb am 2. April 1965 in London.

Literatur

Berger, M.: Nelly Wolffheim. Eine Wegbereiterin der modernen Erlebnispädagogik? Lüneburg 1996

ders.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens. Ein Handbuch, Frankfurt 1995

Biermann, G.: Nelly Wolffheim und die Psychoanalytische Pädagogik, Gießen 1997

Wolffheim, N.: Soll ich mein Kind in den Kindergarten schicken? Nürnberg o.J.

dies.: Psychoanalyse und Kindergarten und andere Arbeiten zur Kinderpsychologie, München 1975

dies.: Die Rätselhaftigkeit menschlichen Lebens, o.O. 1964