Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Hubertha von Gumppenberg

Manfred Berger

 

Hubertha Paula Irene Hildegard Maria wurde am 17. Februar 1910 in Regensburg geboren. Sie war das dritte und jüngste Kind des Freiherrn Hans von Gumppenbergs und dessen Ehefrau Hedwig, geb. von Wolff-Metternich zur Gracht.

Nach dem Lyzeum besuchte die Freiin noch eine Haushaltungsschule. Bereits mit 16 Jahren trat sie dem Katholischen Deutschen Frauenbund, Landesverband Bayern, bei und betätigte sich ehrenamtlich im Jugendsekretariat. In München, dorthin übersiedelte die Familie 1929, lernte sie u.a. auch die Leiterin und Gründerin des Katholischen Bayerischen Frauenbundes, Ellen Ammann, kennen. Diese riet der adeligen jungen Frau die Ausbildung zur Wohlfahrtspflegerin zu absolvieren. Von 1931 bis 1933 besuchte Hubertha von Gumppenberg in München die "Soziale- und caritative Frauenschule", die von Ellen Ammann vor über zwei Jahrzehnten ins Leben gerufen wurde.

Nach ihrer Ausbildung arbeitete die Freiin in der Geschäftsstelle des Caritasverbandes der Erzdiözese München und Freising. Dabei kam sie mit Gertrud Luckner in Kontakt, die "im Auftrag der Caritas-Zentrale Freiburg und Erzbischof Gröbner auch in München wie in allen anderen Diözesen Hilfsaktionen für die mehr und mehr bedrohten Juden zu organisieren" (Gumppenberg 1995, S. 70) hatte. Eine lebenslange Freundschaft verband Hubertha von Gumppenberg mit Gertrud Luckner, die das Konzentrationslager Ravensbrück überlebte.

1937 wurde sie zur 1. Vorsitzenden des "Bayerischen Landesverbands Kath. Kinderhorte und Kleinkinderanstalten" (heute: "Bayerischer Landesverband Kath. Tageseinrichtungen für Kinder e.V.") gewählt. Diese ehrenamtliche Position hatte die Freiin 40 Jahre inne.

Während der Zeit der Nazi-Diktatur hatte Hubertha von Gumppenberg schwierige Situationen zu meistern. In Erinnerung an diese Zeit schrieb sie:

"In den Jahren nach der Machtübernahme erschwerte sich die Situation zunehmend, sowohl für den einzelnen Kindergarten, wie auch für den Verband. Die Einrichtungen mussten mit der Auflösung oder mit Übernahme durch die NSV (Nationalsozialistische Volkswohlfahrt; M. B.) rechnen; am meisten gefährdetsten und oftmals nicht zu retten waren die Kindergärten in kommunaler Trägerschaft. Die Kindergärten in kirchlicher Trägerschaft blieben zum größeren Teil erhalten, teils weil zuerst die Kräfte zur Ablösung fehlten, teils weil die Partei - und das gilt vor allem für die Jahre während des Krieges - letztlich doch die Empörung der Bevölkerung fürchtete. Daß bereits ein geheimer Führerbefehl bestand, alle kirchlichen Einrichtungen aufzulösen, war allgemein bekannt. Was die Verbandsarbeit betrifft, so war auch diese an allen Ecken und Enden beengt ... Bei der letzten Tagung vor dem Krieg, in Augsburg, wurden wir von der Gestapo gesprengt. Sie kamen - 10 Mann stark - und beschlagnahmten alles Geld, alles Material, auch alle privaten Notizen der Zuhörer. Ich selber bekam ein Verfahren angehängt und musste mich bei der Gestapo in München verteidigen. Der Ausgang war völlig ungewiß. Dann kam im September 1939 der Kriegsbeginn und nach einigen Wochen eine allgemeine Amnestie für alle derartigen Vergehen. Von diesem Zeitpunkt an waren aber keine Veranstaltungen mehr möglich - außer ganz kleine, verschwiegene Kreise, auch unser umfangreicher Schriftverkehr wurde fast ganz lahmgelegt, schon durch die rigorose Beschneidung der Papierzuweisungen, Trotzdem gelang es uns ... wenigstens den jährlichen Vorweihnachtsbrief mit Arbeitsanregungen an alle Mitglieder zu versenden" (Gumppenberg 1987, S. 6).

Die überzeugte Katholikin war den Nazis auch wegen ihrer Veröffentlichungen ein Dorn im Auge. So schrieb sie 1940 die damals durchaus mutigen Worte, dass Gott "unser aller Vater ist, weil er uns das Leben geschenkt hat, als Schöpfer und noch einmal in überströmenden Reichtum in der Erlösung Christi. In diesem Gedanken der Vaterschaft Gottes liegt zugleich auch die Sicherung gegen jeden Feindeshaß, vor dem wir die Kinder bewahren müssen. Wer in Kriegszeiten die Kinder vor dem Haß behütet, hilft zugleich, seinem Volk den Frieden in der Zukunft zu sichern. Nur da, wo die Seele rein von jeglichem Haß ist, kann die wahre Caritas ihre Früchte bringen" (Gumppenberg 1940, S. 15).

1939 trat Hubertha von Gumppenberg als seelsorgerische Assistentin in die Dienste der "Katholischen Hochschulgemeinde", der sie bis 1975 als hauptamtliche Kraft angehörte.

Neben ihrem anstrengenden Beruf, galt das Interesse der adeligen Frau insbesondere der religiösen Erziehung der Kinder im Kindergarten. Dafür setzte sie sich in Wort und Schrift ein. Zum Thema Religionspädagogik schrieb sie:

"Wenn wir fragen: wie lernt das Kind glauben?, so lautet die Antwort ähnlich wie auf die Frage: wie lernt das Kind sprechen? Nämlich: indem wir mit ihm reden! So ist es auch mit dem Glauben: das Kind lernt glauben, indem wir mit ihm glauben, indem wir das Kind teilhaben lassen an unserem eigenen Glauben. Bei welchen Eltern oder bei welcher Erzieherin lernt das Kind besser beten? Bei jener, die während des Gebetes immer wieder zur Ordnung ruft: Schau nicht herum, halte die Hände schön, sei bei der Sache! - oder bei jener, die sich selbst im Gebet mit den Kindern bewusst in die Gegenwart Gottes stellt und so das Kind in die eigene Haltung der liebenden Ehrfurcht hereinholt. So ist es auch mit dem Glauben: nicht das Reden über den Glauben, sondern das Miteinander-Glauben ist das Entscheidende ... In den vergangenen Jahren haben wir uns angewöhnt, auch in der Kleinkindererziehung nach der unmittelbaren Effektivität, nach dem Erfolg unseres Bemühens zu fragen. Wir führen Kontrollen ein, ähnlich wie in der Schule oder - mehr noch - wie bei einem Computer, den wir gefüttert haben. Dieses Prüfen und Kontrollieren ist im Kleinkindalter immer eine gewagte Sache, denn das Kind lernt in diesem Alter nach anderen Gesetzen: nicht in logischen Schritten, nicht eine Erkenntnis auf der anderen aufbauend, sondern punktuell, mosaikartig, ein Steinchen hier, ein Steinchen dort, und erst sehr viel später vollendet sich das Bild. Wie soll man hier kontrollieren? Jeder, der mit Kindern zu tun hat, wird immer wieder überrascht von der 'Sprunghaftigkeit' und Unberechenbarkeit ihres Denkens. Dieses Gesetz gilt auch und erst recht im religiösem Bereich. Eine ketzerische Frage: wir rufen immer wieder nach Curricula für die Religionspädagogik. Haben wir schon einmal geprüft, ob Curricula im Kleinkind überhaupt möglich, richtig, brauchbar sind, und wenn dies bejaht werden könnte (was m.E. noch nicht bewiesen ist), ob sie dann auch für religiöse Erziehung anwendbar sind?" (Gumppenberg 1975, S. 123 f).

Für ihr soziales Engagement wurde Hubertha von Gumppenberg 1981 mit dem Bayerischen Verdienstorden 1. Klasse ausgezeichnet. Sie starb am 14. Juli 1999 in München.

Literatur

Berger, M.: Führende Frauen in sozialer Verantwortung: Hubertha von Gumppenberg, in: Christ und Bildung 2000/H. 3

ders.: Jugendarbeit in der Nazizeit. Hubertha Freiin Gumppenberg (*1910): geschätzt wegen ihrer großen sozialen Erfahrungen, in: Caritas-Kalender 1998

Gumppenberg, H. v.: Caritas im Kriege, in: Kinderheim 1940/H. 1

dies.: Erdachtes und Gelesenes zur Religionspädagogik, in: Bayerischer Landesverband kath. Kindertagesstätten e.V. (Hrsg.): Religionspädagogik. Praxis der Bibelrunde, München 1975

dies.: Rückschau auf 70 Jahre Landesverband. Die Kindergartenschaukel, in: Jubiläumszeitung. Bayerischer Landesverband katholischer Kindertagesstätten e.V., München 1987

dies.: Erinnerungen an Dr. Gertrud Luckner, in: Caritasdienst München 1995/H. 4