Konzeption und Konzeptionsentwicklung

Tassilo Knauf

 

Zum Begriff und zur Geschichte

Seit der Verabschiedung des Kinder- und Jugendhilfegesetzes (KJHG) im Jahr 1991 ist für viele Kindertageseinrichtungen das Erstellen einer Konzeption als Spiegel ihrer Arbeit und der gemeinsamen pädagogischen Grundüberzeugungen im Team zu einer Selbstverständlichkeit geworden. Nicht wenige Teams arbeiten schon an der zweiten oder sogar dritten "Generation" ihrer Konzeption. Die Gründe hierfür können vielfältig sein, z.B. weil

  • Teams sich in Arbeitsweisen und Ansprüchen weiterentwickelt haben,
  • sie ihre erste Konzeption noch nicht als ein authentisches, ehrliches Arbeitsdokument empfinden,
  • sie gravierenden Veränderungen im Personal (z.B. in Leitungsfunktionen) ausgesetzt waren und sie die Notwendigkeit sahen, in der neuen Personalzusammensetzung auch einen neuen Versuch zu unternehmen, professionelles Selbstverständnis schriftlich zu fassen.

Der für den erstellten Text verwendete Begriff, der vom lateinischen concapere (= zusammenfassen, zusammennehmen) abgeleitet wurde, ist allerdings schillernd. Viele Teams sprechen zumindest alltagssprachlich vom "Konzept". "Konzept heißt erste Niederschrift - erste Fassung oder ... der Plan einer Sache (Wahrigs Deutsches Wörterbuch) ... Danach bedeutet Konzept die Niederschrift einer Idee, eines Gedankens oder Einfalls und zwar in einer vorläufigen Form. Es kann einem Arbeitspapier gleichgesetzt werden, was noch bearbeitet und stets aktualisiert werden muss (Kindergarten 2010 - Traum - Vision - Realität)" (Küfler 1994, S. 7).

Eine "Konzeption" ist dagegen etwas Verbindlicheres. Amin Kreuz definiert sie so: "Eine Konzeption ist eine schriftliche Ausführung aller inhaltlichen Schwerpunkte, die in dem betreffenden Kindergarten/ einer Kindertagesstätte für die Kinder, die Eltern, die Mitarbeiterinnen selbst, dem Träger und die Öffentlichkeit bedeutsam sind. Dabei spiegelt die Konzeption die Realität wider und verzichtet auf bloße Absichtserklärungen. Jede Konzeption ist damit individuell und trifft in ihrer Besonderheit nur für diese spezifische Einrichtung zu, um das besondere Profil zu verdeutlichen und unverwechselbar mit anderen Institutionen zu sein. Ihre Aussagen sind für alle Mitarbeiterinnen verbindlich" (Krenz 1996, S. 13 f.).

Stärker den Prozesscharakter betont Ludger Pesch: "Unter einer pädagogischen Konzeption verstehe ich den Zusammenhang von Aussagen über Erziehungsziele, pädagogische Standard und Umsetzungsmaßnahmen, der eine ideelle Grundlage für das Handeln in der Einrichtung bildet. Die notwendige Transparenz, aber auch die Überprüfbarkeit und die Möglichkeit der Weiterentwicklung erfordert dabei eine schriftliche Fassung - in irgendeiner Form" (Pesch 1996 b, S. 174).

Die Idee, pädagogische Arbeit, ihre Begründungen und Ziele in Text (und Bildern) zu dokumentieren und damit nach innen und außen transparent zu machen, stammt aus Reggio Emilia in Norditalien. Dort begann man um 1970, die Fülle von Ideen und Erfahrungen, die in den noch "jungen" kommunalen Kindertagesstätten gesammelt wurden, zu verschriftlichen, zusammenzufassen und damit für das eigene Team, für Eltern, den Träger und alle Interessierten als Spiegel des Erreichten und als Programm für die Weiterentwicklung fest zu halten. Über das an der Reggio-Pädagogik besonders interessierte Schweden gelangte die Idee knapp zwei Jahrzehnte später nach Deutschland.

Widerstände

Zahlreich sind allerdings die Einrichtungen, die bis heute noch keine Konzeption vorgelegt haben (vgl. Pesch 1996a, S. 14 f.). Auch hierfür gibt es ganz verschiedene Motive:

  • Jahrzehntelang ging es ohne Konzeption; warum soll es nicht auch weiterhin ohne sie gehen?
  • Warten wir noch ein paar Jahre, dann ist auch der Modetrend Konzeption ausgestanden!
  • Wir haben im Team unsere gemeinsamen pädagogischen Überzeugungen. Das müssen wir nun nicht auch noch aufschreiben.
  • Wir arbeiten situationsbezogen, wobei jeder von uns seine Stärken einbringt. Ein festgeschriebenes Konzept würde uns in unserer Arbeit unnötig einengen.
  • Die Konzeption würde uns zur gläsernen Einrichtung machen, die vom Träger und vor allem von den Eltern ständig kontrolliert wird.
  • Wir leiden ständig unter Zeitmangel. Den Luxus intensiver Diskussionen über Punkt und Komma solcher Texte wie der Konzeption können wir uns einfach nicht leisten.

Solche und andere Vorstellungen verbinden sich häufig auch mit der Meinung, "Konzeption" wäre ein Thema der 1990er Jahre gewesen, das durch die Diskussion um den Bildungsauftrag und um die Qualitätsentwicklung in Kindertageseinrichtungen abgelöst worden sei.

Konzeption und pädagogische Qualität

Eine solche Einschätzung übersieht die enge Verknüpfung aller drei Themen. Der Bildungsauftrag, dessen Diskussion durch die Pisa-Studie weiter intensiviert wurde, lässt sich in der einzelnen Einrichtung nur umsetzen, wenn das Team der Einrichtung

  • Aufgaben und Ziele seiner Arbeit aus der diffusen Bereitschaft, für die Kinder da zu sein, herauspräpariert und - vielleicht nach schwierigen Diskussionen - definiert hat,
  • die qualitativen Bedingungen für die Erledigung von Aufgaben und das Erreichen von Zielen kritisch geprüft hat,
  • nach neuen Wegen sucht, um eine bessere Übereinstimmung zwischen Zielen und deren Realisierungsbedingen herzustellen.

Die wesentlichen Momente, die gerade heute dafür sprechen, (wieder) an der Konzeption zu arbeiten, sind ihre Wirkungen in Hinblick auf

  • Qualitätsorientierung,
  • Prozessorientierung,
  • Verbindlichkeit,
  • Transparenz,
  • Verbesserung von Motivation und Arbeitszufriedenheit.

Die Qualitätsorientierung der Konzeption ergibt sich vor allem aus der Klärung von Aufgaben, Zielen, deren Umsetzungsbedingungen und Beurteilungskriterien, zu der das Team bei der Konzeptionsentwicklung präzise gelangt. Qualität der Arbeit ergibt sich nur in Ausnahmefällen als Produkt unreflektierten Handelns (Hauptsache, die Kinder fühlen sich wohl und die Eltern sind zufrieden). Qualität ist orientiert an Ziel- und Aufgabendefinitionen sowie Bewertungsmaßstäben (vgl. Kamiske/ Brauer, 1999, S. 160 ff.). Oft bildet die Arbeit an der Konzeption die erste Möglichkeit, in der sich Teammitglieder der Bedeutung und der Prinzipien qualitätvoller Arbeit bewusst werden. Sie tun dies, indem sie die persönlichen, meist unbewussten und in der Regel auf Krisenfälle bezogenen pädagogischen Überzeugungen und Wertvorstellungen artikulieren, kommunizieren und einer Diskussion unterziehen, um Konsense zu finden.

Konzeptionsentwicklung als Prozess

Konzeptionsentwicklung ist vor allem zu sehen als ein Kommunikations- und Reflexionsprozess, an dem alle Mitarbeiter/innen der Einrichtung und im Idealfall auch die Vertreter der Eltern beteiligt sind. Bestandteile dieses Prozesses sind "Innen-" und "Außenschau"; denn es geht in ihm darum, die heimlichen Theorien des pädagogischen Handelns sichtbar und kommunizierbar zu machen und genau hinzuschauen auf die meist nicht hinterfragten Strukturen und Produkte alltäglichen Handelns.

Das geht in der Regel nicht ohne Konflikte und Krisen. Krisen können aber heilsam sein. In ihnen kann gelernt werden, dass es nicht um richtig oder falsch geht, sondern um die Suche nach den Ressourcen und Potenzialen im Team und um die Suche nach einer Basis gemeinsamer Überzeugungen, die das Team nach innen und außen stark machen kann (vgl. Knauf 2003, S. 245 ff.).

Organisationsentwicklung

Eine der wichtigsten Strategien zur Förderung pädagogischer Qualität und damit auch der Konzeptionsentwicklung ist die Organisationsentwicklung (OE). Der OE-Ansatz hat seine wichtigste Wurzel in den sozialpsychologischen Forschungen und Experimenten Kurt Levins in den 1940er und 1950er Jahren am Massachusetts Institute of Technology. Schon in dieser frühen Phase der Entwicklung des Ansatzes kristallisierten sich folgende Leitvorstellungen der Organisationsentwicklung heraus:

  1. Eine Organisation, deren Leistung auf der Zusammenarbeit von Menschen beruht, kann ihre Effektivität dann verbessern, wenn alle Mitglieder der Organisation in einen gemeinsamen und demokratischen Prozess der Überprüfung und Neubewertung von Handlungszielen und Arbeitsweisen der Organisation eintreten.
  2. Dieser Prozess kann zwar von externen Beratern oder Moderatoren angestoßen bzw. begleitet werden, er ist aber im Wesentlichen ein innerer Prozess der kritischen und zugleich konstruktiven Auseinandersetzung mit Gewohnheiten und nicht hinterfragten Konventionen im (Zusammen-) Arbeitsprozess.
  3. Dieser Prozess kann als Selbstreflexionsprozess bezeichnet werden, der die Organisation zur lernenden Organisation macht.
  4. Der Prozess hat eine klare Phasenstruktur, die sich in der einfachsten Version als Abfolge von
    • Situationsanalyse,
    • Neudefinition von Zielen,
    • Handlungsplanung,
    • Umsetzung
    darstellt. Diese Abfolge von Aktionsschritten sollte sich regelmäßig wiederholen, so dass eine fortwährende Erneuerung der Organisation ermöglicht wird. Die Situationsanalyse wird dann zur Evaluation des vorangegangenen Prozessverlaufs.
  5. Organisationsentwicklung versucht die Effektivitätsverbesserung von Organisationen mit der Entwicklung von Arbeitszufriedenheit der Organisationsmitglieder und der Verbesserung des Kooperationsklimas zu verbinden.

In Anschluss an das Konzept der Organisationsentwicklung sind speziell für die Konzeptionsentwicklung Schrittfolgen des gemeinsamen Handelns entworfen und erprobt worden (vgl. Erath 1996, S. 148 ff; Hollmann/ Benstetter 2000, S. 94 ff.). Dabei wird eine externe Prozessbegleitung oft als sehr hilfreich eingeschätzt, weil sie neutraler und gezielter die notwendigen Schritte initiieren und stützen kann (vgl. basiswissen kita, S. 38 ff; Pesch 1996 b, S. 175 f.). Ziel ist es dabei, die Grundsätze der Transparenz der Arbeit, der Verbindlichkeit der beschriebenen Arbeitsprinzipien und der Verbesserung von Berufsmotivation und Arbeitszufriedenheit sicher zu stellen und zu verknüpfen.

Inhalte und formale Gestaltung der Konzeption

Die Orientierung an den Prinzipien Dialog und Diskussion birgt Gefahren, wenn Ziele und Inhalte aus dem Blick geraten. Daher ist die frühzeitige Stoffsammlung und Ordnung der möglichen Inhalte für den Konzeptionsentwicklungsprozess ebenso wichtig wie eine gut strukturierte, großformatige Visualisierung der (Zwischen-) Ergebnisse. Inhalte der Konzeption könnten dann sein:

  • Die "Visitenkarte" (Name, Anschrift, Träger, Personen, Räume, Zeitstruktur),
  • pädagogische Ziele und Prinzipien (unser Bild vom Kind, unsere Vorstellung von Bildung, Orientierung an pädagogischen Ansätzen),
  • pädagogische Handlungselemente (Eingewöhnung, Tagesrhythmus, Freispiel, Projekte, Bewegung, Mahlzeiten, Feste, Gesundheitsförderung, Schulvorbereitung...),
  • Erzieherinnenrolle,
  • pädagogische Raumgestaltung und Öffnung der Einrichtung,
  • Zusammenarbeit mit Eltern,
  • Vernetzung in der Gemeinde (Einrichtungen, jahreszeitliche Aktivitäten...).

Die Menschen, die in den Einrichtungen arbeiten und leben, sollten stolz auf "ihre" Konzeption sein können. Daher ist auf ihre äußere Gestaltung, ihre Ästhetik wert zu legen. Der Text sollte übersichtlich, nie "überladen" strukturiert sein. Er sollte durch Kinderzeichnungen und Fotos illustriert und durch Zitate und Gedichtausschnitte bereichert sein.

Adressaten

Die Konzeption wird mit ihrer Gestaltung zu mehr als einer Visitenkarte. Sie ist gehaltvoll und hat etwas Kostbares, auch wenn ihre Wirkzeit auf vier bis sieben Jahre beschränkt ist. Sie soll Eltern ansprechen, aber nicht allen Eltern aufgedrängt werden. Sie ist wichtig für den Träger, der sich oft auch um eine zusammenfassende "Trägerkonzeption" oder um eine Abstimmung der Konzeptionsgestaltung der einzelnen Einrichtungen bemüht (vgl. z.B. die Städte Braunschweig, Moers oder Recklinghausen). Auch für Bewerber/innen auf vakante Stellen, Sponsoren oder Kolleg/innen aus anderen Einrichtungen sind Kenntnisnahme und Studium der Konzeption bedeutungsvoll.

Literatur

Basiswissen Kita: Konzeptionsentwicklung (Sonderheft der Zeitschrift "Kindergarten heute"). Freiburg o.J.

Erath, Peter: Ein Modell zur Konzeptionsentwicklung in Kindertageseinrichtungen. In: Kita aktuell MO 7-8/1996, S. 147-151

Hollmann, Elisabeth/ Bensteller, Sybille: In sieben Schritten zur Konzeption. Seelze 2000

Kamiske, Gerd F./ Brauer, Jörg-Peter: Qualitätsmanagement von A bis Z. München 1999

Knauf, Tassilo: Der Einfluss pädagogischer Konzepte auf die Qualitätsentwicklung in Kindertageseinrichtungen. In: Fthenakis, Wassilios E. (Hrsg.): Elementarpädagogik nach PISA. Freiburg 2003, S. 243-263

Knauf, Tassilo: Pädagogische Richtungen und Konzeptionsentwicklung. In: Kita aktuell MO 4/1999, S. 81-83

Krenz, Armin: Die Konzeption - Grundlage und Visitenkarte einer Kindertagesstätte. Freiburg 1996

Küfler, Walter: Konzepterstellung - Mode oder Notwendigkeit. In: Treffpunkt Kindertagesstätte - Forum Sozialpädagogik. 6/1994, S. 7-8

Pesch, Ludger: Konzeptionsentwicklung geschieht nicht im Schlaf. In: Welt des Kindes 5/1996 (a), S. 13-17

Pesch, Ludger: Konzeptionsentwicklung und -umsetzung als gemeinsamer Prozess. In: Kita aktuell MO 9/1996 (b), S. 174-176