Von der Kunst, gemeinsam Zeit zu verbringen - Wie die Beschleunigung des Alltags moderne Familien herausfordert

Antje Bostelmann

 

Zeit ist ein kostbares Gut. Wir haben heute im Grunde alles, was wir uns wünschen, doch dafür haben wir einen hohen Preis bezahlt - unsere Zeit. Während wir arbeiten, die privaten Angelegenheiten richten, die Kinder zur Schule und zu Kursen fahren, die eigenen Eltern kontaktieren und im Nachbarschaftsverein engagiert sind, verrinnt die Zeit. Sie lässt sich nicht festhalten oder ansparen. Dies verleitet viele Menschen dazu, schneller und effektiver zu handeln, um neue Zeit zu gewinnen. Die Zeit wird getaktet, eingeteilt, die einzelnen Abschnitte bekommen Namen, als würden sie sich dadurch festhalten lassen - vergeblich.

Die althergebrachten Grenzen zwischen Arbeit und Freizeit verwischen. Neuere Arbeitsformen lassen diese Trennung kaum noch zu. In immer mehr Berufen können Menschen ortsungebunden arbeiten. Flexible Arbeitszeiten machen es möglich, Pflichten und Freizeit zunehmend nach persönlichen Bedürfnissen einzuteilen. Der Wunsch nach sinnvoll genutzter Freizeit hat längst die Familienwelt erreicht. Eltern sprechen häufig von "Quality Time", also von einer bewusst gestalteten Zeit, die sie mit ihren Kindern gemeinsam verbringen wollen. "Dem Konzept der Quality time liegt die Annahme zugrunde, dass sich die Zeit, die wir Beziehungen widmen, irgendwie von der gewöhnlichen Zeit trennen lässt. Natürlich gehen Beziehungen auch während der Quantity time weiter, aber dann sind wir nur passiv bei unseren Gefühlsbindungen und betreiben sie nicht aktiv, gezielt und nicht von ganzem Herzen", so sagt es die amerikanische Soziologin Arlie Russel Hochschild (2006).

Über dieses neudeutsche Schlagwort wird in Medien und Gesellschaft viel diskutiert. Eines sollte dabei nicht vergessen werden: Der Begriff "Quality Time" ist im Zusammenhang mit den Konzepten von Work-Life-Balance und der Vereinbarkeit von Familie und Beruf entstanden. Solche Konzepte, die meist aus politischen Debatten und wirtschaftlichem Kalkül heraus entstehen, erzeugen eher Leistungsdruck, als dass sie uns tatsächlich helfen. Zuerst einmal ist es eine größere logistische Aufgabe, die einzelnen Familienmitglieder zur gleichen Zeit in einem Freizeitmodus zusammenzubringen. In vielen Patchwork-Familien halten sich die Kinder abwechselnd beim einen oder anderen Elternteil auf. Da stimmen die Anwesenheitszeiten nicht immer mit den Arbeitsprojekten der Eltern überein.

Es reicht noch lange nicht, zu Hause zu sein oder gerade mal nicht zu arbeiten: Damit aus einer Familienfreizeit wirkliche Qualitätszeit wird, muss vieles ineinandergreifen. Alle Familienmitglieder sollten sich darauf einlassen können, andere Dinge einfach mal ruhen zu lassen - auch mental. Genauso wichtig ist die Fähigkeit, sich einer gemeinsam festgelegten Betätigung mit Lust und Einsatz zu widmen. Als Mutter von drei Kindern und Großmutter von Enkeln weiß ich leider allzu genau, wie schwer dies oft ist: Die Siebenjährige hat absolut keine Lust auf irgendeine Aktivität, weil sie sich mit ihrer Freundin zum Spielen verabredet hat. Der fünfjährige Bruder möchte die Dinosaurier sehen, während die Eltern einen Ausflug in den Wald vorziehen würden. Familienaktivitäten zu planen und durchzuführen, hat mit entspannter Freizeit zur Festigung der familiären Beziehungen meist nur wenig zu tun.

Ich möchte zur Entspannung raten!

Gemeinsam verbrachte Familienzeit kann auf ganz unterschiedliche Weise gelingen. Ein Sonntagmorgen im Bett, mit Fernsehen und Frühstück, kann deutlich mehr zum Familiengefühl beitragen als ein ehrgeizig durchgeplantes Wochenende. Eltern, die auch am Wochenende viel zu tun haben, sollten sich davon kein schlechtes Gewissen machen lassen. Hier kann es helfen, die Arbeitszeit genau festzulegen und zu kommunizieren: "Von 16 bis 19 Uhr sitze ich heute am Computer. Vorher bin ich nur für euch da, und an unserem gemeinsamen Abend natürlich auch." In einer solchen klar bestimmten Arbeitszeit schafft man dann auch meist viel mehr, weil die nötige Konzentration nun leichter fällt. Der Rest der Familie stellt sich darauf ein und erlebt so ganz praktisch das Recht auf eine persönliche Rückzugszeit.

Familienzeit gelingt vor allem dann, wenn eine entspannte Atmosphäre herrscht. Hier sind besonders die Eltern gefragt. Es ist wichtig, trotz Stress und ständig voller To-Do-Listen die Ruhe zu bewahren: Die Wäsche und der Haushalt können ruhig etwas warten, wenn es darum geht, sonntägliche Gemütlichkeit zu schaffen und zu erhalten. Glück und Entspannung lassen sich aber nur schwer planen. Das gilt auch für Eltern-Kind-Nachmittage. Es reicht einfach nicht, den Dienstplan um 14 Uhr enden zu lassen; und es ist erst recht nicht damit getan, das Kind eilig zum Kurs zu bringen, dazwischen ein paar Erledigungen zu machen, um es dann wieder abzuholen. Gute familiäre Beziehungszeit entsteht oft auch ungeplant und spontan: durch intensive Gespräche, in Momenten, in denen man sich entscheidet, noch zusammen ein Eis essen zu gehen oder im Buchladen eine Weile zu stöbern. Sie kann in gemeinsamer Arbeit im Garten oder in der Küche entstehen. Die Anlässe sind verschieden, doch häufig ist der Augenblick des friedlichen Miteinanders ganz plötzlich da.

Wer Familienzeit mit Qualität erleben möchte, sollte sich nicht allzu viel vornehmen und die schönen Momente aus dem gemeinsamen Nichtstun wie von selbst entstehen lassen. Das lässt sich nicht erzwingen. Eine Familie besteht nun einmal aus verschiedenen Menschen in unterschiedlichen Lebensphasen. Da passt nicht immer alles so gut zusammen wie man es sich wünscht. Wer damit gut leben kann, bringt Entspannung in den Familienalltag. Vor allem aber sollte man die Arbeit nicht als Feind der familiären Qualitätszeit ansehen. Mein Enkelsohn liebt es, mich in meinem Arbeitszimmer zu besuchen. Während ich am Computer sitze und schreibe, schiebt er sich ganz leise seinen Kindertisch und seinen Stuhl zurecht und sucht Papier und Stifte, um dann seine Arbeit aufzunehmen. In diesen Momenten, in denen wir beide in unsere Arbeit vertieft sind, erleben wir ein großartiges Gefühl der Verbundenheit. Es ist seine Art mir zu sagen: "Oma, ich bin gerne bei dir!"

Autorin

Antje Bostelmann ist ausgebildete Krippenerzieherin, Erfinderin der Klax-Pädagogik und Autorin pädagogischer Fachbücher.