In: klein & groß 06/2005, S. 48-50

Qualitätsfeststellung mit Einschätzskalen in Kitas: Was gibt's und wie funktioniert's?

Ulrich Braun

 

1997 erschien die Kindergarten-Einschätz-Skala (KES). Sie war eines der Instrumente, die für die Untersuchung von Prof. Dr. W. Tietze zur pädagogischen Qualität in deutschen Kindergärten Verwendung gefunden haben. In Anschluss an die Veröffentlichung der KES begann eine kurze intensive Diskussion über Einschätzskalen. Diese Diskussion war geprägt von der grundsätzlichen Frage, ob und gegebenenfalls wie Qualität überhaupt "gemessen" werden kann.

Im Herbst 2001 wurde dann eine revidierte Fassung der KES veröffentlicht, die sich als "2. völlig neu bearbeitete Auflage" versteht. In der KES-R sind einige Merkmale hinzugekommen, andere wurden redaktionell bearbeitet. Methodisch ist noch mehr als bei der KES ein sehr enger Bewertungsrahmen vorgegeben.

Weitere Einschätzskalen aus der KES-Skalenfamilie sind die Hort-Skala (HOS), die Krippen-Skala (KRIPS) und die Tagespflege-Skala (TAS). Sie sind im Beltz-Verlag 2005 erschienen.

Vereinzelt sind andere Qualitätsbewertungsskalen veröffentlicht worden. Dr. Armin Krenz, bisher eher bekannt im Kontext des Situationsansatzes, hat z.B. ein Selbstevaluationsprogramm zur Qualitätsprüfung veröffentlicht. Auch der Diözesan-Caritasverband für die Diözese Köln hat ein Qualitätsmessinstrument entwickelt.

Wo werden die Einschätzskalen angewendet?

Lange vor der Veröffentlichung der KES wurde diese Skala bereits in einer wissenschaftlichen Studie in Deutschland verwendet. Die Studie hieß "Wie gut sind unsere Kindergärten" und untersucht wurden im Kindergartenjahr 1993/1994 103 Kindergartengruppen unterschiedlicher Träger in vier Untersuchungsregionen in Deutschland. Eine eher "mittelmäßige Qualität" wurde festgestellt, d.h. die Ergebnisse lagen zwischen 3 und unter 5 auf der Kindergarten-Einschätz-Skala von 1-7. Bei 30% der Kindergartengruppen konnte eine gute, entwicklungsangemessene pädagogische Prozessqualität angenommen werden. Die gewonnenen Ergebnisse sagten wenig über die Qualität eines Kindergartens aus, sondern mehr über die Qualität (und zwar vor allem über die pädagogische Qualität) einzelner Kindergartengruppen. Durch eine Zufallsstichprobe sind in ausgewählten Kindergärten nur einzelne ausgewählte Kindergartengruppen eingeschätzt worden, nicht aber alle Gruppen eines Kindergartens. Dieses Auswahlverfahren - nicht alle Gruppen einer Kita werden eingeschätzt - findet in vielen späteren Einschätzungen eine Fortsetzung.

Bis heute, also 10 Jahre nach der Erhebung, werden die Ergebnisse dieser Studie herangezogen, um die überwiegende Mittelmäßigkeit der Kindergärten und die Qualitäts-Unterschiede in Kindergärten, die bei fünfjährigen Kindern bis zu einem Jahr Entwicklungsunterschied ausmachen können, zu belegen. Diese Aussage hat sich aber immer nur auf eine Gruppe von Kindern bezogen, die zum Zeitpunkt der Untersuchung vier Jahre alt waren. Für die Fünf- und Sechsjährigen lässt sich diese Aussage nicht generalisieren, vor allem, weil im letzten Kindergartenjahr in unterschiedlicher Weise Aktivitäten und Förderungen für die künftigen Schulkinder unternommen werden. Hier könnte der Zusammenhang zwischen pädagogischer Qualität und Entwicklungsfortschritt schon ganz anders aussehen.

Bremen

Die erste größere Studie zur Qualitätsfeststellung mit Einschätzskalen für die Einrichtungen einer Trägergruppe hat die Bremische Kirche 2001 nach einer Erhebung im Jahr 2000 veröffentlicht. Das Ergebnis der Einschätzungen mit KES-R und HOS entsprachen in etwa den Ergebnissen der überregionalen Studie von 1993/1994. Erstmalig wurde ein besonderes Augenmerk auf die pädagogische Prozessqualität in Gruppen mit einer integrativen Förderung gelegt.

Recklinghausen

Eine weitere Studie entstand 2001 in der Stadt Recklinghausen. Dort sind alle städtischen Kindergartengruppen (mit der KES) und erstmalig auch alle Gruppen mit Schulkindern und Kindern unter drei Jahren (mit der amerikanischen Fassung der HOS und der KRIPS) eingeschätzt worden. Die Einschätzung haben sorgfältig ausgebildete städtische Leiterinnen aus Kitas vorgenommen. Recklinghausen hat die einzige umfangreiche Einschätzung für alle Einrichtungen einer Trägergruppe durchgeführt, bei der nicht externe Einschätzer die Einschätzung vorgenommen haben. Die Ergebnisse entsprachen in etwa den Ergebnissen der bundesweiten und der Bremer Studie. Eine spätere neuerliche Anwendung der KES konnte erhebliche Qualitätsverbesserungen bis hin zu einem Spitzenwert von 6,2 aufzeigen. 2004 wurde auch die KES-R (als Selbstevaluationsverfahren) in das Qualitätsmanagement integriert.

Bochum

Seit etwa drei Jahren wird im Rahmen eines Qualitätsmanagementverfahrens im evangelischen Kirchenkreis Bochum, fachlich begleitet von der Evangelischen Fachhochschule Bochum, die Feststellung der pädagogischen Qualität als Teil der Stärken- und Schwächenanalyse mit der KES vorgenommen. Die Einschätzungen werden von Mitarbeiterinnen aus Recklinghausen durchgeführt. Vorgesehen ist, alle drei Jahre eine neuerliche Stärken- und Schwächenanalyse mit der KES zu wiederholen.

Brandenburg

2002/2003 wurden im Rahmen des Kita-Qualitätswettbewerbs "Beste Kita" in Brandenburg erstmals Einschätzskalen zu einer direkten Vergleichbarkeit von Kitas im Rahmen eines Wettbewerbs eingesetzt. Die Ergebnisse wurden im Internet veröffentlicht. Inzwischen ist der 2. Kita-Qualitätswettbewerb abgeschlossen. Auch diese Ergebnisse sind in Brandenburg veröffentlicht und mit dem ersten Wettbewerb in einen Vergleich gesetzt worden. Da aber das Losverfahren über die Teilnahme an den Wettbewerben entschied, lassen sich lediglich jeweils nach dem Zufallsprinzip ausgewählte Kitas vergleichen. Mit einem Losverfahren kann nicht ermittelt werden, ob die prämierten Kitas wirklich die "besten Kitas" in Brandenburg sind, was die Aussagekraft der veröffentlichten Ergebnisse erheblich schmälert.

Göttingen

2003 wurde in der Stadt Göttingen eine Einschätzung von Gruppen aller Trägergruppen mit KES-R, HOS und KRIPS vorgenommen. Erstmalig wurde dieses Verfahrens durch eine Evaluation der Uni Lüneburg (Auftraggeber: Land Niedersachsen) begleitet. Die Ergebnisse dieser Evaluation zeigten eklatante Schwächen dieser Form der Qualitätseinschätzung auf.

Jena, Flensburg und Wien

Weitere Evaluationen sind u.a. in Jena, Flensburg und in Wien durch PädQuis gGmbH durchgeführt worden. Die Ergebnisse der Erhebung in Flensburg (4,29) wurden in einen Vergleich gesetzt zu den Ergebnissen in Bremen (2000) 4,29, Brandenburg (2002) 4,14 und Göttingen (2003) 4,64. Im Jugendhilfeausschuss wurde konstatiert: "Dieses Ergebnis bescheinigt den städtischen Kindertagesstätten, dass die Ergebnisse alles in allem leicht über dem Durchschnitt dieser Vergleichsgruppe liegen."

Münster

Die Stadt Münster hat in einem längeren Prozess von 2001 bis 2004 alle Kindergartengruppen mit der KES einschätzen lassen. Von 2003 bis 2005 wird in Münster ein Qualitätsentwicklungsprozess "KES-Skalenfamilie-basiert" mit 15 Einrichtungen verschiedener Träger durchgeführt. Zugrunde liegt der Dreischritt "Feststellen - entwickeln/ verbessern - erneut feststellen", d.h. zu Beginn und nach einem Qualitätsentwicklungsprozess finden Einschätzungen statt. Auch hier sind nicht alle Gruppen einer Einrichtung zu Beginn eingeschätzt worden, obwohl die gesamte Einrichtung am Qualitätsentwicklungsprozess teilnimmt. In Münster wird auch die Tagespflege-Skala zur Qualifizierung von Mitarbeiterinnen, die in der Tagespflegevermittlung tätig sind, eingesetzt.

Welcher Stellenwert ist den Einschätzskalen beizumessen?

In den meisten Bundesländern werden Einschätzskalen kaum eingesetzt, und es gibt nur wenige qualifizierte Einschätzer. Fachartikel zu Einschätzskalen sind eher selten. Auch in den Ergebnissen der Nationalen Qualitätsinitiative (NQI) und in der Bildungsdebatte nach PISA (Programme for International Student Assessment) werden sie nicht gesondert herausgehoben.

Der Vergleich der bisherigen Ergebnisse von KES-Einschätzungen untereinander mag den Eindruck eines "Benchmarkings", also des Vergleichs von Leistungen unterschiedlicher Anbieter, erwecken. Allerdings hat die kurze Diskussion um Einschätzskalen gezeigt, dass ein Durchschnittsergebnis für einen Qualitätsvergleich so viel oder wenig austrägt, wie eine Durchschnittszahl auf einer Skala von 1 - 7 für die Qualität der Betreuung alter Menschen in Pflegeeinrichtungen oder die Qualität von Fachberatung. Ohne eine ausführliche Kommentierung des Vergleichs der Ergebnisse von KES-Einschätzungen ist ein effektives Benchmarking nicht möglich.

Erst wenn deutlich ist, ob die Qualität der Interaktionen von Erzieherinnen und Kindern oder aber die Sauberkeit der Toiletten in einem Benchmarking verglichen werden sollen, beginnt eine sinnvolle Fachdiskussion. Vorher "4,23", nachher "4,98" - welche Aussagekraft hat ein solches Ergebnis? Wie ist es dazu gekommen, dass sich Qualität in einem Bereich verbessert hat? Welche Faktoren sind dafür ausschlaggebend? Haben alle Mitarbeiterinnen Intensiv-Fortbildungen zum Thema Sprachförderung besucht, oder sind die Toiletten und Außenspielflächen erneuert worden? Welche Maßnahmen haben welche Effekte auf Qualitätsentwicklung?

Festzuhalten bleibt aber: Mit Einschätzskalen kann man auf effektive Weise einen ersten Überblick über die Qualität in verschiedenen Bereichen gewinnen. Der Nachweis, dass die an sozialwissenschaftlichen Messgütestandards orientierten Messungen einen "objektiven" Vergleich zulassen, ist aber bisher noch nicht geführt worden. Es wird sich noch zeigen, welchen Platz "Einschätzskalen" in der Qualitätsentwicklung in den nächsten Jahren einnehmen werden. Ein "einschätzskalenbasiertes Gütesiegel für Kitas" (wie in Brandenburg) ist ja weiterhin durchaus in der Diskussion.

Literatur

Tietze, W. (Hrsg.): Wie gut sind unsere Kindergärten? Eine Untersuchung zur pädagogischen Qualität in deutschen Kindergärten. Weinheim: Beltz 1998

Tietze, W., Schuster, K.-M., Grenner, K., Roßbach, H.-G.: Kindergarten-Skala. Revidierte Fassung (KES-R). Weinheim: Beltz 2001

www.paedquis.de (KES-Skalenfamilie; Qualitäts-Wettbewerbe Brandenburg; NQI)

www.kindergartenpaedagogik.de (Einschätzskalen in Recklinghausen und in Göttingen; andere Einschätzskalen)

www.kiki-bremen.de (Einschätzskalen in Bremen)

www.flensburg.de (Einschätzskalen in Flensburg)

www.muenster.de (Einschätzskalen in Münster)

Autor

Ulrich Braun, Diplom-Pädagoge
Email: Ulrich.Braun@recklinghausen.de
Homepage: www.u-braun.de