Aus: Kita aktuell NRW. Nr. 11/2004.S. 227-229.

Ganz unten fängt es an… Eine Bestandsaufnahme und Perspektive für den frühpädagogischen Bereich

Ulrich Braun

 

Kinder lernen von Geburt an und auch schon viel früher, in der pränatalen Phase, im Bauch der Mutter. Lebenslanges Lernen fängt also tatsächlich sehr früh an. Zunächst in der Familie und anschließend im Elementarbereich.

In den letzten Jahren ist in die Wahrnehmung des Elementarbereiches bzw. der Frühpädagogik Bewegung gekommen. Ausgelöst haben dies vor allem die PISA-Ergebnisse, obwohl die Schulleistungen 15-jähriger in gar keinen Zusammenhang mit der Qualität vorschulischer Einrichtungen gebracht werden können. Es ist noch nicht einmal erhoben worden, ob die 15-jährigen einen Kindergarten besucht hatten. Die PISA-Studie hat aber gezeigt, dass die Spitzenländer gerade auch dem Elementarbereich ein besonderes Gewicht einräumen, und sicher ist dies ein Grund, weshalb nun das lebenslange Lernen verstärkt die ersten Jahre in den Blick nimmt.

Eine Empfehlung des Forum Bildung, einem Arbeitsstab in der Geschäftstelle der Bund-Länder-Kommission, etwa zeitgleich mit der PISA-Studie veröffentlicht, stellte die Forderung nach einer "frühen Förderung". Es heißt da: "Weichen für Bildungschancen und damit für Lebenschancen werden bereits früh gestellt. ... Neben dem wichtigen Lernen in der Familie sind die Möglichkeiten der Kindertageseinrichtungen zur Unterstützung früher Bildungsprozesse deutlich besser zu nutzen" (1).

Schon vor den Ergebnissen der PISA-Studie gab es erste Ansätze zur Weiterentwicklung der Frühpädagogik. Bereits 1999 hat die Bundesregierung eine "Nationale Qualitätsinitiative im System der Tageseinrichtungen für Kinder" (2) begonnen. Es sollten Qualitätskriterien für die Arbeit mit Kindern unter drei Jahren, im Kindergarten- und im Schulalter und für Trägerqualität erarbeitet und handhabbare Qualitätsfeststellungsverfahren entwickelt werden. Die Ergebnisse dieser Projekte liegen inzwischen vor, und die Implementierung in die Tageseinrichtungen für Kinder wird vorbereitet.

OECD: Nationale Bildungspläne notwendig

Nach einer OECD-Studie ("Starting Strong") sind nationale Bildungspläne die notwendige Voraussetzung für die Entwicklung und Sicherstellung von Bildungsqualität in Kindertageseinrichtungen. Curriculare Vorgaben können Kindern optimale und vergleichbare Bildungschancen geben. Bereits mehrere Länder innerhalb und außerhalb Europas haben solche Pläne erstellt und eingeführt (z.B. Norwegen, Schweden, Finnland, England, Neuseeland). Diese internationalen Entwicklungen haben wesentlich dazu beigetragen, dass in Deutschland in allen Bundesländern mit der Einführung von Bildungsplänen begonnen worden ist.

Neuere Befunde aus der Gehirnforschung und der Entwicklungspsychologie belegen die Erkenntnis, dass im Leben eines Menschen die frühe Kindheit die lernintensivste Zeit und damit die prägendste Phase ist. Versäumnisse in der frühen Bildung können durch spätere Bildungsinstanzen ungeachtet ihrer Qualität nur begrenzt unter hohem finanziellem und personellem Aufwand wettgemacht werden, weil für bestimmte Entwicklungs- und Lernschritte Zeitfenster existieren.

Und schließlich, so kann man es im Bayrischen Bildungs- und Erziehungsplan (3) lesen, lehrt die allgemeine Lebenserfahrung, dass Kinder in hohem Maße lernbegierig sind und sich mit dem Einsatz der ganzen Person neues Wissen über eine Welt aneignen wollen, in der es für sie noch so vieles zu entdecken gibt. Kinder sind fasziniert vom Umgang mit erwachsenen Experten, die ihnen reales Leben zeigen und ernsthaftes Tun und Wissen vermitteln. Kinder sind sehr empfänglich für Lernimpulse von Erwachsenen, aber auch von anderen Kindern. Kindern frühe Bildungserfahrungen zu ermöglichen ist deshalb eine Hauptaufgabe verantwortungsvoller Pädagogik.

Es gibt also in den letzten drei Jahren eine Vielzahl von Veröffentlichungen und Statements zum Bereich der frühen Kindheit. Aufzuführen sind z.B. auch die Gewerkschaften (GEW - Bildungsplan) oder eine Vielzahl von Stiftungen (Bertelsmann-Stiftung: Kinder früher fördern; Hertie-Stiftung; Nixdorf-Stiftung; Konrad Adenauer Stiftung; Friedrich-Ebert-Stiftung).

Erkennbare Veränderungen

Sind aber Erfolge und Veränderungen im Bereich der Förderung der frühen Kindheit erkennbar? Die folgenden Beispiele für die gegenwärtigen Problemstellungen im Bereich des frühen Lernens verdeutlichen die Situation.

In jedem Bundesland hat "frühes Lernen" andere Rahmenbedingungen. Ein Beispiel aus Niedersachsen: Eine Kindertageseinrichtung aus Melle ist an einem Forschungsprojekt zu "Bildungs- und Lerngeschichten" beteiligt. Melle liegt in Niedersachsen, etwa 10 km hinter der Grenze zu Nordrhein-Westfalen. Dort wird eine Betreuungszeit von 8.00 Uhr - 12.00 Uhr im Rahmen des Rechtsanspruchs vorgehalten. (In Nordrhein-Westfalen in der Regel 7.30 Uhr - 16.00 Uhr bzw. 35 statt 20 Stunden in der Woche). Es gibt in Niedersachsen so gut wie keine Erzieherinnen, die ihren Beruf Vollzeit ausüben können. Im letzten Sommer wurde die vorhandene Betreuung für Kinder unter drei Jahren und für Schulkinder von der Kommune gestrichen, weil die Kommune diese Betreuungsleistungen nicht mehr bezahlen wollte. In jeder Kommune in Niedersachsen entscheidet der Stadt- oder Gemeinderat, wie viele Mittel er für Tageseinrichtungen bereitstellt. In Melle sind es für die kirchlichen Einrichtungen mehr Mittel als für die vorgenannte Einrichtung eines Trägervereins. Das Konzept dieses Trägervereins gefällt den politischen Entscheidungsträgern nicht so recht, also gibt es geringere Zuschüsse. Noch ist die Finanzierung in Nordrhein-Westfalen anders. Aber es ist angekündigt, dass es zu einer Kommunalisierung der Finanzierung der Tageseinrichtungen kommen soll. Dann sind die Entwicklungsmöglichkeiten für Kinder in jeder Kommune ausschließlich abhängig von der Finanzkraft der jeweiligen Kommune. Da darf schon mal gefragt werden: Warum gibt es eine Bundeszuständigkeit für Umweltschutz, nicht aber für die Bildung von Kindern?

Screening senkt Risiko einer Lese-Rechtschreib-Schwäche

Zunehmend, aber insgesamt noch viel zu selten, wird in Kindertageseinrichtungen zu Beginn des letzten Kindergartenjahres ein Screening, das Bielefelder Screening zur frühen Prävention bei Lese-Rechtschreib-Schwierigkeiten (BISC), durchgeführt (4). Alle Kinder, die im darauffolgenden Sommer in die Schule kommen, werden nach einem vorgegebenen Verfahren getestet. Kinder, die ein Risiko zeigen, möglicherweise eine Lese-Rechtschreib-Schwäche zu entwickeln, werden in einer Kleingruppe täglich 10 Minuten nach einem vorgegebenem Programm (Würzburger Trainingsprogramm "Hören, Lauschen, Lernen") 20 Wochen lang gefördert. Damit kann das Risiko der Ausbildung einer Lese-Rechtschreib-Schwäche für Risikokinder nachweislich von 85% auf 15% gesenkt werden. Es handelt sich um ein fachlich unstrittiges, wissenschaftlich abgesichertes Förderprogramm.

Es wäre sinnvoll, dieses Screening mit anschließendem Förderprogramm in jeder Tageseinrichtung für Kinder durchführen zu lassen. Das kann aber im Rahmen der derzeitigen Trägerstruktur in Deutschland nur durch jeden Träger selbst entschieden werden. Jeder Träger entscheidet für sich - in der Regel sogar eher die Einrichtungsleitung -, ob sie "so etwas" möchte. Das führt dann in Nordrhein-Westfalen und anderswo dazu, dass z.B. die Einrichtungen der Arbeiterwohlfahrt, der Stadt und der evangelischen Kirche dies anbieten, nicht aber die Einrichtungen anderer Träger, z.B. Elterninitiativen oder die Einrichtungen der katholischen Kirche. Es wird nicht gern gehört, aber damit etablieren sich fachliche Unterschiede, die nachweislich unterschiedliche Bildungschancen von Kindern zur Folge haben.

Fehlende Qualitätssicherung führt zu ungleichen Bedingungen

Die Problematik einer fehlenden Qualitätssicherung kann am Beispiel einer systematischen Sprachförderung ebenfalls aufgezeigt werden. Einrichtungen entscheiden unterschiedlich (oder gar nicht!), ob und mit welchem Konzept sie das Ziel erreichen wollen, dass Kinder aus Migrationsfamilien dem Unterricht in der Schule von Anfang an genauso folgen können wie Kinder, die die deutsche Sprache sicher beherrschen.

Es müsste in allen Einrichtungen mit mehr als 30% Kindern mit Migrationshintergrund eine systematische Sprachförderung nach einem gemeinsamen Programm mit täglichen Spracheinheiten geben. Die Fortbildung und fachliche Begleitung müsste zentral gesteuert werden, sinnvoller Weise über das Jugendamt. Gleichzeitig müsste eine rege Elternarbeit durchgeführt werden. Solche Modelle gibt es (z.B. in Recklinghausen (5)), allerdings sind sie bisher eher selten.

Die derzeitige Nicht-Steuerung von Qualität führt zu ungleichen Bedingungen der Entwicklung von Kindern allein schon in einer Kommune! Wolfgang Tietze, Professor für Frühpädagogik in Berlin, hat die Folgen in der Studie "Wie gut sind unsere Kindergärten?" Mitte der 90er Jahre des letzten Jahrhunderts bereits nachgewiesen. Er konnte einen Entwicklungsrückstand von bis zum einem Jahr zwischen gleichaltrigen Kindern ausmachen, je nachdem welche Qualität die Kindertagesstätte hatte, die das jeweilige Kind besuchte.

Vision: Kindertageseinrichtungen als Familienzentren

Ein letztes Beispiel aus der Familienbildung: Mit dem Prager-Eltern-Kind-Programm (kurz PEKiP) gibt es in der Familienbildung ein Konzept der sehr frühen Förderung von Kindern im ersten Lebensjahr. Der Zugang zu diesen Förder-Ressourcen der Familienbildung ist aber bisher in der Regel nur denen möglich, die eine entsprechende Bildung schon besitzen, d.h. die Programme lesen können, die genügend Geld haben, um die in der Regel in der Innenstadt liegenden Familienbildungsstätten zu erreichen, und die auch ein Bewusstsein dafür haben, dass frühe Förderung Kindern mehr Entwicklungsmöglichkeiten eröffnet.

Konzeptionell wären Alternativen denkbar, wenn man der frühen Förderung mehr Möglichkeiten eröffnen würde. Es müsste dezentrale Angebote für junge Familien an einem Ort geben, am besten schon vom Zeitpunkt der Feststellung einer Schwangerschaft mit Beratung, Unterstützung und Ermutigung rund um Kind und Familie. Eine Idee wäre, Kindertageseinrichtungen zu Familienzentren auszubauen. Das würde Sinn machen, weil damit die vorhandene Niederschwelligkeit von Kindertageseinrichtungen nutzbar werden würde für Familien von Geburt an - man hätte einen Ort für alle, an dem das Thema "Kinder früher fördern" einen festen Platz hätte und von allen in Anspruch genommen werden könnte.

Resümee

Diese Beispiele könnten vielfältig fortgesetzt werden. Es gibt noch wenig Aufbruch, wenig wirkliche Veränderungen in der Förderung des frühen Lernens.

Das Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend hat im letzten Jahr unter der Leitung von Prof. Dr. Fthenakis "Perspektiven zur Weiterentwicklung des Systems der Tageseinrichtungen für Kinder in Deutschland" veröffentlicht (6). Dort werden wesentliche Forderungen aufgeführt - einige sollen im Folgenden vorgestellt werden (alle Zitate stammen aus dem vorgenannten Buch).

Quantitativer Ausbau des Systems der Tageseinrichtungen für Kinder: Hier ist die Bundesregierung in diesen Tagen bemüht, neue Impulse für den Bereich des Ausbaus von Betreuung für Kinder unter drei Jahren zu geben. Ein neues Gesetz, das Tagesbetreuungsausbaugesetz (kurz TAG) ist in Vorbereitung. Das Grundproblem, dass die Verantwortung für diesen Ausbau bei den Kommunen liegt, wird dabei nicht zum Thema. Im Moment steht eher zu erwarten, dass die zu erwartenden Einsparungen bei Ländern und Kommunen durch den Rückgang der Kinderzahlen zur Haushaltskonsolidierung beitragen sollen und nicht in den qualitativen und quantitativen Ausbau der Tagesbetreuung investiert werden.

Notwendig: Qualitätsstandards und Reform der Ausbildung

Bildungsqualität und pädagogische Qualität dürfen nicht länger allein Träger- und Finanzentscheidungen sein. Es sollte eine länderübergreifende Verständigung über Qualitätsstandards für Kindertageseinrichtungen angestrebt werden. Es kann nicht länger akzeptiert werden, dass jede Tageseinrichtung für Kinder in Deutschland ausschließlich allein bestimmt, welche Standards sie für ihre Arbeit zugrundelegen, ohne dass dies je überprüft wird. Die (auch externe!) Evaluation von Bildungsqualität und pädagogischer Qualität muss zu einem verbindlichen Standard werden.

Ein zentraler Punkt aller Vorschläge zur Weiterentwicklung ist die Professionalisierung der Fachkräfte: "Es wird empfohlen, in Anlehnung an die meisten europäischen Länder mittelfristig die Erzieherausbildung auf Hochschulniveau anzuheben, das Abitur als Haupteingangsvoraussetzung einzuführen und ein vierjähriges Studium vorzusehen. Es sollte geprüft werden, ob zumindest in den ersten zwei Studienjahren eine gemeinsame Ausbildung von Erziehern und Lehrern vorgesehen werden sollte."

Das Verhältnis der Tageseinrichtung zur Familie sollte neu bestimmt werden. Ein Vorschlag ist hier, wie zuvor schon ausgeführt, eine stärkere Einbettung der Angebote der Familienbildung in die Tageseinrichtungen. Es ist erforderlich, nebeneinander stehende Systeme neu zu zusammen zu denken.

Erstrebenswert: vernetztes Denken

Das gilt vor allem auch für die Vernetzung der Wege und Einrichtungen im Bildungsverlauf. Auf Dauer wird das Problem des Übergangs (vor allem vom Kindergarten zur Grundschule) nur dann angemessen bewältigt werden, wenn es gelingt, Bildungspläne institutionsübergreifender Art zu entwickeln. Die Ausbildung der Fachkräfte ist so zu gestalten, dass sie die Entwicklung und Bildung von Kindern in beiden Bildungsstufen, von 0 bis 10 Jahre, verantworten können. Was benötigt wird, ist ein zusammenhängendes Bildungssystem in Deutschland.

Besonders deutlich werden die Ausführungen zu einem neuen vernetzten Denken unter der Überschrift "Die Entwicklung von Einrichtungsformen europaweit": "Krippe, Kindergarten, Hort, aber auch die Schule in ihrer bisherigen Form waren Einrichtungen des 20. Jahrhunderts. Für das 21. Jahrhundert werden neue Formen von Einrichtungen benötigt, in denen vielfältigere Angebote für Kinder sowie Angebote für Eltern und Beratungs- und Professionalisierungsangebote für die Fachkräfte miteinander verbunden sind."

Erforderlich: Ausbau der Forschungsförderung

Wenn es zu einem Aufbruch in der Förderung des frühen Lernens kommen soll, ist eine ganz andere Forschungsförderung als bisher notwendig. Es gibt in Deutschland fast keine frühpädagogische Forschung. Es gibt mehr Lehrstühle für Sinologie (der Lehre von Chinesisch und Japanisch) als für Frühpädagogik (etwa 5). Unter anderem werden 12 Lehrstühle für den Aufbau der Teildisziplin Frühpädagogik gefordert, aber auch Stipendienprogramme, Bachelor- und Magisterstudiengänge u.a.m. Hinsichtlich neuer Studiengänge gibt es gerade einige Bewegung. In Hannover, Freiburg und Berlin werden neue Ausbildungsgänge an Fachhochschulen für Frühpädagogik eingerichtet.

Dies hat aber noch keinerlei Auswirkungen auf die gesetzlichen Rahmenbedingungen. Denkbar wäre, künftig für die Leitung neue Qualifikationsgrundlagen vorauszusetzen. Noch ist es so, dass Nordrhein-Westfalen sogar so kleinlich ist, Diplom-Pädagoginnen nicht die Leitung einer Tageseinrichtung zu ermöglichen. Das bleibt Sozialpädagoginnen und Erzieherinnen vorbehalten. In Berlin ist das z.B. anders. Dort werden viele der großen kommunalen Einrichtungen von (oft auch frühpädagogisch) ausgebildeten Diplom-Pädagoginnen geleitet.

Zur Steuerung und Weiterentwicklung des Systems der Tageseinrichtungen gehört auch:

  • Elementarbildung ist als öffentliche Pflichtaufgabe anzuerkennen.
  • Ausgaben für Kindertageseinrichtungen sind nicht als verlorene Zuschüsse, sondern als Investitionen von hohem volkswirtschaftlichem Ertrag anzusehen.
  • Das Gesamtbudget ist deutlich anzuheben. Statt die monetären Leistungen für Familien weiter zu erhöhen (wie Kindergeld, Erziehungsgeld), sollte die Bundesregierung vorrangig in den Ausbau der infrastrukturellen Angebote für Familien (ausreichende Betreuungsmöglichkeiten für Kinder von 0 - 14 Jahren) investieren.
  • Viele Gründe sprechen dafür, dass Gebühren für Kindertagesstätten ungleiche Bildungschancen erzeugen bzw. verstärken. Eigene Erfahrungen bestätigen dies. Es ist auch heute noch so, dass manche Eltern mit einem geringen Einkommen ihre Kinder nicht in der Kindertagesstätte anmelden, weil es ihnen zu teuer ist und sie nicht die Notwendigkeit sehen. Daraus muss die Politik Schlussfolgerungen ziehen.

Dringend: Senkung des Fachkraft-Kind-Schlüssels

Ein Punkt aus dem Bereich der Strukturqualitäten ist noch besonders herauszuheben. Eine Absenkung des Fachkraft-Kind-Schlüssels ist dringend erforderlich, um die steigenden Ansprüche an die pädagogische Arbeit (Bildungsarbeit, Gesundheitsprävention, Förderung von beeinträchtigten Kindern und vieles andere mehr) künftig bewältigen zu können. International besteht ein fachlicher Konsens über einen Fachkraft-Kind-Schlüssel von etwa 1:8 mit einer maximalen Gruppengröße von 16 Kindern im Kindergartenalter. Bei kleineren Kindern sollte der Schlüssel entsprechend kleiner sein. In Nordrhein-Westfalen ist der Schlüssel Fachkraft - Kind 1 : 25, wobei die Fachkraft durch eine Ergänzungskraft unterstützt wird. Eine Ausbildung ist für diese Ergänzung nicht zwingend erforderlich. Eine Öffnung zu einer Gruppengröße von bis zu 30 Kindern allein als kommunale Entscheidung (ohne die Möglichkeit, dass das Landesjugendamt die Erlaubnis verweigern kann) ist gerade im letzten Jahr politisch entschieden worden.

Die "Perspektiven" enden mit den Worten: "Die Zukunft eines jeden Landes ist verknüpft mit der Qualität der Antwort, die es auf die Frage nach der Bildung seiner Kinder bereithält. Nur ein Land, das die Bildungsbedürfnisse seiner Kinder zentral absichert, kann seiner Zukunft zuversichtlich entgegen sehen."

Ilse Wehrmann, Vorsitzende der Bundesvereinigung evangelischer Tageseinrichtungen für Kinder (etwa 9.000 Einrichtungen), hat jüngst in einem Interview im Deutschlandfunk konstatiert: "In Deutschland ist nicht nur eine Reform, sondern eine Revolution nötig, wenn man den Rückstand betrachtet, den wir international haben."

Anmerkung

Am 14. Juli 2004 fand ein Münsterlandgespräch der Friedrich-Ebert-Stiftung: "...ganz unten fängt es an... - Die Lissabon-Strategie in ihren Auswirkungen auf die Bildung" in Nottuln im Münsterland statt. Prof. Dr. Klaus Niederdrenk, Rektor der Fachhochschule Münster, referierte über "Wir brauchen in unserer Wirtschaft gut ausgebildete Menschen". Ulrich Braun, Stadt Recklinghausen, führte in "Ganz unten fängt es an..." ein und Uwe Schulz, Institut für soziale Arbeit (ISA), stellte zu dem Thema "Schule hilft Kindern - die Ganztagsbetreuung" erste Erfahrungen mit der offenen Ganztagsgrundschule in Nordrhein-Westfalen vor. Die Moderation hatte Angelica Schwall-Düren, SPD-Bundestagsabgeordnete im Münsterland.

Fußnoten

(1) Empfehlungen und Einzelergebnisse des Forum Bildung. Ergebnisse des Forum Bildung II. Arbeitsstab Forum Bildung in der Geschäftsstelle der Bund-Länder-Kommission für Bildungsplanung und Forschungsförderung. Hermann-Ehlers-Straße 10, 53113 Bonn. Forum Bildung 2002, S. 19.

(2) Vgl. www.ifp-bayern.de; www.paedquis.de; www.spi-nrw.de; www.ina-fu.org/ista/; www.beltz.de

(3) Der Bayerische Bildungs- und Erziehungsplan. Vgl. Staatsinstitut für Frühpädagogik - www.ifp-bayern.de

(4) Vgl. zum Ganzen www.phonologische-bewusstheit.de

(5) Vgl. www.kindergartenpaedagogik.de/1026.html

(6) Bundesministerium für Familie, Senioren, Frauen und Jugend (BMFSFJ) (Hrsg.): Perspektiven der Weiterentwicklung des Systems der Tageseinrichtungen für Kinder. Zusammenfassung und Empfehlungen. Berlin 2003. BMFSFJ, 11018 Berlin (eine Langfassung ist im Beltz-Verlag erschienen), www.bmfsfj.de

Autor

Ulrich Braun ist stellvertretender Abteilungsleiter Tageseinrichtungen für Kinder im Fachbereich Kinder, Jugend und Familie bei der Stadt Recklinghausen, u.a. verantwortlich für Qualitäts- und Personalmanagement. Expertentätigkeiten im Bereich Frühpädagogik, z.Zt. im Beirat des Projektes "Kinder früher fördern" der Bertelsmann-Stiftung (www.kinder-frueher-foerdern.de).

Homepage: www.u-braun.de

E-Mail: info@u-braun.de