Aus: TPS-Sonderheft Dezember 2004

Ich und die anderen

Margarete Blank-Mathieu

 

Jedes Kind ist einmalig und unverwechselbar. Es hat eigene Wünsche, Ziele und Bedürfnisse. Dies zeigt sich in einer individuellen Zugehensweise auf die Umwelt und einer nur diesem Kind entsprechenden Reaktion auf Umweltreize. Dennoch kann ein Kind ohne Anregungen von außen und ohne soziale Kontakte nicht existieren.

1. Wer bin ich?

Zunächst erlebt das Kind sich noch nicht als unabhängiges Wesen. Wie sollte es auch, da es bei der Befriedigung seiner Bedürfnisse ganz auf die Zuwendung anderer angewiesen ist. Bestätigende, warmherzige, liebevolle emotionale Interaktionen mit Säuglingen fördern seine gesunde Entwicklung. Erik Erikson, Anna Freud, Dorothy Burlingham, René Spitz, John Bowlby u.a. haben dies in ihren Untersuchungen stets bestätigt gefunden und sind zu dem Schluss gekommen, dass nur durch das Aufbauen eines sogenannten Urvertrauens in die Welt Kinder zu einem eigenständigen und gesunden Leben gelangen können (siehe auch: Brazelton/ Greenspan 2002, S. 31 ff.).

Hurrelmann (2003) erklärt: " Zu Beginn seines Lebens ist die dyadische Interaktion, also die Beziehung zur Mutter, für den Säugling Baustein und Fundament seiner späteren Soziabilität, seiner Fähigkeit zur Kommunikation und zur Interaktion mit anderen" (S. 75). Die Mutter wird wohl in den meisten Fällen die engste Bezugsperson für den Säugling sein, wenn sie ihn stillt und versorgt. Das bedeutet aber nicht, dass das Urvertrauen nicht auch durch eine andere Bezugsperson erfahren und stabilisiert werden kann.

Nach Stern und Spitz empfindet sich der Säugling dennoch bereits bei der Geburt als eigenständige Person. Bereits mit 4 bis 5 Monaten beginnt die erste Ablösungsphase, in der das Kind die Erfahrung macht, dass es selbst Wirkungen erzielt und eigenständig handeln kann. So kann es selbst nach der Rassel greifen, um Geräusche hervorzurufen. Wenn es weint, erfährt es, dass jemand an sein Bettchen tritt und auf sein Weinen reagiert. Wenn Säuglinge eine Bestätigung der eigenen Person häufig erleben, so werden sie diese, je nach Temperament, immer wieder ausprobieren wollen. Mit etwa einem Jahr merken sie, dass sie auf ihren eigenen Füßen die Umwelt erkunden können.

Nach H. Kohut ist das Kind ein Wesen, das sich auf gesunde Art und Weise selbst zu behaupten weiß und mehr oder weniger versteht, seine Wünsche und Bedürfnisse zu äußern. Kinder erfahren so, wer sie sind, wie sie Wirkungen erzielen können und wie sie auf unterschiedliche Art dazu gelangen, ihre Wünsche und Bedürfnisse durchzusetzen. Je häufiger sie dabei unterstützt und bestätigt werden, desto selbständiger erkunden sie ihre Umwelt und desto neugieriger gehen sie auf alles Neue zu. Mit etwa 2 ½ Jahren sprechen sie in der Ich-Form. Jetzt wird auch der Umwelt deutlich, dass das Kind sich als selbständiges Wesen begreift.

2. Vom Ich zum Wir

Wie bereits angeklungen ist, gibt es keine Erfahrungen, die den Menschen betreffen, die nicht auch mit Erfahrungen im Kontext eines Systems zusammenhängen. Dieses System betrifft zunächst eine oder wenige Bezugspersonen. Je älter das Kind wird, desto mehr Systeme kommen hinzu. Die Systeme werden immer umfangreicher. Die Familie und die Verwandtschaft werden durch Erfahrungen in einer Kleingruppe ergänzt. Dies kann eine zufällige Gruppe auf dem Spielplatz sein, ebenso wie eine Gruppe von Kindern in einer Krabbelgruppe oder einem Kindergarten. Die Gleichaltrigengruppe spielt eine andere Rolle als die alters- und geschlechtsgemischte Gruppe.

Es ist nicht gleichgültig, in welchen kulturellen Zusammenhängen ein Kind aufwächst. Auch diese prägen das Kind mit, und das Kind reagiert auf seine ihm eigene Weise auf die Kultur um sich herum. Zur Kultur, in der ein Kind aufwächst, gehören auch die Schule, das politische System und die ökonomischen Voraussetzungen (Liegle 2002, S. 50 ff.). Das Kind agiert innerhalb dieser Systeme und erlebt die Reaktion auf sein Verhalten. Dies kann das eigene Ich stärken oder die "Lust" auf Begegnungen und neue Erfahrungen mindern.

2.1 Interaktionspartner und deren Bedeutung

Sicher wird ein Kind solche Interaktionspartner bevorzugen, die das eigene Ich unterstützen und akzeptieren. Solche, die seine eigenen Wünsche und Bedürfnisse nicht wahrnehmen oder abwerten, wird es, so gut es geht, meiden. Kinder suchen sich, so weit das möglich ist, bereits im Vorschulalter ihre sozialen Kontakte selbst aus. Viele Gruppen und Personen nehmen aber Einfluss auf das Kind, ohne dass es diesem immer bewusst ist oder es solche Kontakte selbst bestimmen kann.

2.1.1 Eltern und Geschwister, Verwandte, Großeltern

Es würde zu weit führen, hier alles auszuführen, was über die Gruppe der Verwandten gesagt werden müsste. Dazu wären wohl ganze Bücher nötig, die es ja auch bereits gibt. Festzuhalten ist jedoch, dass Eltern und Geschwister als frühe Bezugspersonen Einfluss auf das Kind vom ersten Lebenstag an haben und diese Beziehungen auch, wenn sie problematisch sein sollten, das Leben eines Kindes prägen. Es kann sich diesen nicht entziehen.

Was das Kind in der Familie erlebt, wie es dort angenommen wird, welche Rolle es innerhalb der Geschwisterreihe spielt, wie es durch Großeltern und andere Verwandte mitgeprägt wird, das wird neben dem eigenen Selbstverständnis bestimmend für sein Leben werden. Ja, das eigene Selbstverständnis wird dadurch wesentlich beeinflusst. Erfährt ein Kind, dass es von den engsten Angehörigen als kompetent und liebenswert betrachtet wird, so kann es sich auch selbst so erleben. Wird es jedoch als "Dummerchen" gehandelt, so empfindet es sich selbst bald auch so und kann keine neuen Erfahrungen machen, da es nur immer diese Seite seines Wesens sieht.

Auch das soziale Verhalten wird zunächst wesentlich von den sozialen Kontakten innerhalb der Familie und Verwandtschaft geprägt. Geht man dort emphatisch miteinander um und akzeptiert den anderen auch in seiner Unterschiedlichkeit, so wird ein Kind schon bald nachfühlen können, wie es anderen Menschen geht. Es kann sich dann in andere hineinversetzen und wird sich selbst auch einmal den anderen zuliebe zurücknehmen können. Bereits im Alter von 2 Jahren ist das Kind in der Lage, seine eigenen Bedürfnisse anderen zuliebe zurückzunehmen. Wenn es dem Großvater nicht gut geht, so kann auch das lebhafte Kind eine Weile darauf verzichten, laut zu spielen oder herumzurennen.

Im Umgang innerhalb der Familie erfährt das Kind erste soziale Dimensionen und macht Erfahrungen über die Kommunikation mit anderen, auch in krisenhaften Situationen. Wie läuft ein Streit innerhalb der Familie ab, wie versucht man, die Bedürfnisse aller unter einen Hut zu bringen, wie tröstet man jemanden oder wie geht man mit Konflikten um? Die Familie ist nicht nur in den ersten Lebensjahren bestimmend für solche Erfahrungen, sondern bleibt dies bis ins Erwachsenenalter hinein. Diese Erfahrungen werden ein Stück unseres Selbst, das wir häufig gar nicht von unserer Selbstwahrnehmung trennen können.

2.1.2 Erste Gruppenerfahrungen

In der Regel werden Kinder mit gleichaltrigen Kindern das erste Mal in einer Kindergruppe konfrontiert. Dies ist häufig eine Krabbelgruppe, in der Mütter wegen des Austausches mit anderen Müttern gehen, oder eine Kleinkindgruppe, in die Kinder ab dem 2. Lebensjahr angemeldet werden können.

Das Kind, das bisher erlebt hat, dass es von Erwachsenen oder älteren Geschwistern besonders beachtet wurde, muss nun die Zuwendung einiger weniger Erwachsener mit vielen Gleichaltrigen teilen. Dies ist für viele Kinder nicht einfach. Nun heißt es, Spielsachen zu teilen, zurückstehen zu müssen, wenn ein anderes Kind im Mittelpunkt steht, sich durchsetzen zu müssen, wenn man eigene Bedürfnisse anmelden will.

Keiner fragt, ob man Hunger oder Durst hat, ob man müde ist oder alleine sein möchte. Alles muss man jetzt mit Worten ausdrücken oder durch nonverbale Signale mitteilen. Und diese werden häufig falsch verstanden. Wenn ich jemanden anstupse, um ihm sagen zu wollen, dass ich mitspielen will, so wird das eventuell falsch interpretiert. Je besser ein Kind sprechen kann, desto eher wird es sich mitteilen können.

In jeder Gruppe herrschen bestimmte Regeln. Die muss ein Kind nun lernen zu akzeptieren und sich in die Gruppe einfügen. Was dies im Einzelnen bedeutet, wird z.B. in dem Praxisbuch "Soziales Verhalten im Kindergarten" näher ausgeführt (Bleckmann 1993).

2.1.3 Gleichaltrige

Mit Gleichaltrigen zusammen zu spielen kann aber auch viele neue Erfahrungen bringen. Kinder lernen, sich miteinander durch Sprache zu verständigen, aufeinander zu hören, sich einzubringen und Konflikte auszutragen. Entwicklungsimpulse gehen vor allem von Kindern derselben Altersstufe aus, da die Kinder in ihrer Entwicklung unterschiedlich sind und durch Nachahmen viele neue Dinge ausprobieren können (und ihnen das entwicklungsgemäß auch am ehesten gelingen kann). Wie baut das andere Kind einen Turm, wie bindet man eine Schleife? (Anm.: Manche Autoren sind der Meinung, dass Kinder nur von älteren Kindern lernen können).

Alles, was andere Kinder können, möchte man nun auch selbst ausprobieren. Dabei gibt es Herausforderungen, denen man sich sonst nicht gestellt hätte. Nun aber will man genauso schnell laufen können, genauso schaukeln, genauso malen und schneiden können wie die anderen Kinder. Ja, Kinder, die bisher noch keine Lust hatten, auf die Toilette zu gehen, werden nun angeregt, wie die anderen Kinder die Toilette zu benützen, anstatt gewickelt werden zu müssen.

Kinder lernen jetzt durch Nachahmung und durch einen gewissen Wettstreit. Es geht hier nicht um Konkurrenz, sondern um sich auszuprobieren, sich an anderen zu messen, das eigene Können präsentieren zu dürfen. Wettbewerb, der nicht ausgrenzt, sondern ermutigt, kann in einer Gleichaltrigengruppe durchaus entwicklungsfördernd sein.

2.1.4 Altersgemischte Gruppen

In altersgemischten Gruppen können Kinder sich einmal als groß und einmal als klein erfahren. Sie sehen, dass sie schon Dinge können, die andere noch lernen müssen. Dabei fühlen sie sich kompetent. Das stärkt ihr Selbstbewusstsein. So bekommen sie Lust, von größeren Kindern Neues abzuschauen und neue Dinge auszuprobieren. Schon Kinder im Alter von 2 Jahren kann man dabei erleben, dass sie kleinere Kinder als Babys bezeichnen und dabei sehr stolz sind, dass sie keine Babys mehr sind.

Je nachdem, ob es sich um eine große Altersmischung handelt oder ob nur einige Jahrgänge von Kindern in der Gruppe sind, können unterschiedliche Erfahrungen gemacht werden. In Kinderhäusern sind altersgemischte Gruppen auch mit Schulkindern möglich, auf jeden Fall sind dort Begegnungsmöglichkeiten vieler Altersstufen gegeben. Eine breite Palette von Erfahrungen können stattfinden, die Kindern heute durch wenige oder fehlende Geschwister nicht mehr zur Verfügung stehen (siehe auch: Krappmann/ Peukert 1995).

2.1.5 Kinder derselben und anderer Geschlechtszugehörigkeit

Identität ist stets auch Geschlechtsidentität. Von Kindern desselben Geschlechts erfährt man, wie man als Mädchen oder Junge sein sollte, wie diese sich verhalten und was man tun muss, um sich als Junge oder Mädchen "richtig" zu benehmen. Die Abgrenzung zwischen den Geschlechtern ist notwendig, um eine sichere Geschlechtsidentität zu erreichen.

Im Austausch zwischen Jungen und Mädchen erfahren beide, dass eine unterschiedliche Geschlechtszugehörigkeit nicht auch eine unterschiedliche Wertung bedeuten muss. Jungen und Mädchen können vielleicht andere Dinge gut, aber sie sind beide kompetent und können voneinander lernen. Diese Erfahrungen sollten Kinder in gemischtgeschlechtlichen Kindergruppen machen können. Dazu gehört aber, dass Erzieherinnen bereit sind, sich diesem Thema zu stellen und Begegnungsräume für Kinder desselben Geschlechts, aber auch Möglichkeiten von gemeinsamen Erfahrungen, z.B. in Projekten zur Verfügung stellen.

2.1.6 Der beste Freund, die beste Freundin

Einen Freund oder eine Freundin zu haben bedeutet eine positive Verstärkung der eigenen Person. In einer Gruppe braucht jedes Kind ein Kind, das es besonders mag, das es unumschränkt akzeptiert, mit dem es lachen kann und dem es seine Kümmernisse anvertraut. Ein Freund, eine Freundin bietet die Garantie, dass man stets einen Spielpartner findet und sich in der Gruppe nie ausgegrenzt fühlen muss. Mit einer Freundin, einem Freund kann man sich auch gegen andere verbünden, Geheimnisse austauschen und etwas Neues wagen. Jede Gruppe grenzt auch aus, macht zeitweise einsam. Mit einem Freund oder einer Freundin ist man nie allein (siehe auch: Blank-Mathieu 1999).

3. Unterschiedliche Rollen

Je älter die Kinder sind, desto mehr wollen sie ihre Wirkung auch auf andere ausprobieren. Dies gelingt besonders gut im Rollenspiel. Kann ich mich als Mutter gut darstellen? Wie wäre es, wenn ich Busfahrer oder Feuerwehrmann wäre?

Im Schulalter setzt sich das fort, Rollen innerhalb einer Gruppe, die ich mir aussuche oder die mir zugewiesen werden, zu "spielen". Anführer zu sein, im Tor zu stehen, eine Gruppe anzuleiten oder etwas vor anderen vorzutragen. Man kann seine Stärken erleben, aber auch sehen, was man sich nicht zutraut.

3.1 In der Klasse

Gruppenprozesse bestimmen das Leben in einer Schulklasse. Im Wesentlichen werden Kinder in drei Gruppen agieren:

  1. Als Gruppenführer, auch in Kleingruppen, die bestimmen, Rollen und Normen setzen und die andere anleiten.
  2. Als Mitläufer, die mitmachen und meist nicht selbständig agieren.
  3. Als Außenseiter, die ständig Opfer von Aggressionen oder Späßen sind. Leider gibt es die in fast allen Gruppen. Sie müssen dazu dienen, dass die Gruppe sich stets stabil und zusammengehörig fühlen kann.

Obwohl es auch Kinder gibt, die zwischen diesen Gruppen wechseln, wird die Rolle eines Kindes sehr früh innerhalb der Gruppe festgelegt (Hackordnung!) und kann weder von Eltern noch von Lehrern wirklich dauerhaft beeinflusst werden. Dies wird vor allem für den oder die Außenseiter problematisch, da diese teilweise für ihr Leben stigmatisiert werden. Meiner Meinung nach hilft da nur das Herausnehmen aus der Klasse und ein Wechsel möglichst in eine andere Schule.

3.2 Im Verein

Im Fußball-, Sport-, Schwimmverein oder in einer Bastel- oder Jungschargruppe hat jedes Kind die Möglichkeit, entsprechend seinen eigenen Begabungen und Bedürfnissen eine Gruppe selbst zu suchen. Obwohl es auch hier wie in anderen Gruppen um Konkurrenz geht und bestimmte Gruppenprozesse das Verhalten der einzelnen Gruppenmitglieder bestimmen, können Kinder hier ihr Können zeigen, sich einbringen, Begabungen ausleben, die in der Schule weniger gefragt sind. Soziale Kompetenzen und Spezialwissen werden hier leichter dazu führen, dass Kinder nicht ausgegrenzt werden. Vor allem in kirchlichen Gruppen wird darauf geachtet, dass auch Außenseiter in die Gruppe integriert werden.

3.3 In der Nachbarschaft

Leider geht die Zahl der Kinder stark zurück, und Kindergruppen, die sich durch eine räumliche Nachbarschaft bilden, sind selten geworden. Wo es sie gibt, lernen Kinder auf besondere Weise unterschiedliche Vorstellungen und Erwartungen kennen zu lernen und sich ihnen anzupassen, da die Kinder gerade diese Nachbarschaftsspielgruppe unmittelbar nützen können. Nach den Hausaufgaben klingelt man rasch beim Nachbarn, um ihn zum Spielen abzuholen. Hier werden viele unterschiedliche Begegnungen und Erfahrungen möglich, man lernt andere Familienformen und -werte kennen, man gewinnt Interesse an anderen Spielen.

3.4 Freunde/Freundinnen

Mädchen treffen sich bis zur Pubertät häufig nur mit einer oder wenigen Freundinnen. Dort tauschen sie ihre Erfahrungen aus, bilden Interessengruppen, gehen miteinander in denselben Verein. Sie tauschen sich über alles aus, was ihr Leben ausmacht; vor allem Gefühle werden lang und breit besprochen und hinterfragt.

Anders ist das bei den männlichen Heranwachsenden. Sie bilden fast ausschließlich Interessengruppen und unterhalten sich vorwiegend über Spezialkenntnisse. So schließen sie sich Fußballgruppen an oder treffen sich beim Computerspiel oder beim Skateboarden. Jungen, die kein Spezialwissen und keine speziellen Bedürfnisse in ihrer Freizeit haben, werden leicht zu Außenseitern, die alleine zu Hause vor dem Fernseher oder Computer sitzen. Einen besten Freund, mit dem sie auch über ihre Gefühle sprechen können, haben sie meistens nicht. Eltern und andere Erwachsene können diese Bedürfnisse aber nicht abdecken.

4. Der Weg zur Identität

Alle Erfahrungen mit anderen prägen den einzelnen Menschen. Das Ziel eines jungen Menschen muss es sein, eine eigene Identität zu erlangen, die sich nicht über die Werte und Bedürfnisse anderer Gleichaltriger definiert. Das gilt vor allem auch im Hinblick auf die Geschlechtsidentität. In der Pubertät und bis ins Erwachsenenalter hinein brauchen deshalb junge Menschen immer wieder Erwachsene, an denen sie sich ausrichten können. Man kann an diesen ablesen, wie Erwachsene leben und welche Erfahrungen auf einen selbst zukommen. Auf dem Weg zum Erwachsenwerden können Vorbilder - egal ob aus der eigenen Umgebung, der Welt des Sportes, der Religion, der Stars - entscheidende Impulse für die eigene Identität setzen. Leider gibt es heute wenig Erwachsene, die Jugendliche auf diesem schwierigen Weg zu sich selbst richtig begleiten können.

Junge Männer brauchen männliche Vorbilder, junge Frauen reale Frauen, die ein glückliches, selbstbestimmtes Leben zu führen in der Lage sind. An ihnen können sie ablesen, wie eine berufliche Zukunft gelebt werden kann, wie man eine Partnerschaft führt und welche Werte und Bedürfnisse man für die Zukunft definiert.

Kinder können nur das werden, was ihnen vorgelebt wird. "Man kann die Kinder erziehen, wie man will, letzten Endes machen sie einem alles nach", diese Aussage hat ihre Richtigkeit. Aber auch der Umkehrschluss ist möglich. Kinder müssen ihren eigenen Weg gehen und das können sie nur, wenn sie sich gegen das abgrenzen, was ihnen die Erwachsenen vorleben. Deshalb brauchen sie viele unterschiedliche Erfahrungen mit einzelnen Menschen und Gruppen, um sich ihres eigenen Selbst bewusst zu werden und um ein eigenes, glückliches und selbstbestimmtes Leben führen zu können.

Literatur

Blank-Mathieu, Margarete: Kinderfreundschaft, in: Schüttler-Janikulla, Klaus (Hrsg.), Handbuch für Erzieherinnen, 31. Lieferung, mvg-verlag, Landsberg, August 1999

Bleckmann, Ruth: Soziales Lernen im Kindergarten, Herder, Freiburt, 3. Auflage 1993

Brazelton, T. Berry/ Greenspan, Stanley I.: Die sieben Grundbedürfnisse von Kindern, Beltz, Weinheim 2002

Hurrelmann, Klaus/ Bründel, Heidrun: Einführung in die Kindheitsforschung, Beltz, Weinheim, 2. Auflage 2003

Krappmann, Lothar/ Peukert, Ursula (Hrsg.): Altersgemischte Gruppen in Kindertagesstätten, Lambertus, Freiburg 1995

Liegle, Ludwig: Über die besonderen Strukturmerkmale frühkindlicher Bildungsprozesse, in: Liegle, Ludwig/ Treptow, Rainer (Hrsg.): Welten derBildung in der Pädagogik der frühen Kindheit und in der Sozialpädagogik, Lambertus, Freiburg 2002