Suchtprävention in Kindertageseinrichtungen

Margarete Blank-Mathieu

 

Am 5. April las ich in der Tageszeitung: "Eltern verleiten Kinder häufig zur Einnahme von Beruhigungspillen". Diese Tatsache wird mit zunehmendem Stress in der Schule erklärt. Dass Kinder dann ab der Pubertät auch selbständig solche Medikamente einnehmen, um mit Stresssituationen besser zurechtzukommen, ist die Folge. Wenn sich solche Mechanismen bereits im Schulalltag abspielen, so müssen wir uns überlegen, wie frühzeitig Suchtprävention anzusetzen hat und ob sich bereits Möglichkeiten dazu in der Kindertageseinrichtung ergeben.

Aus dem zitierten Artikel kann man die Vorbildfunktion der Eltern unschwer erkennen. Nehmen Eltern Mittel, um Stress oder missliebige Gefühle abzuwenden, so sind auch Kinder eher gefährdet, eines Tages süchtig zu werden.

Und Sucht muss nicht ausschließlich durch Alkohol oder Drogengebrauch gekennzeichnet sein: Alles, was dazu benützt wird, negative Gefühle abzuwenden, etwas, das man nicht bekommen kann, zu ersetzen, kann zur Sucht werden. Es kann sich dabei um den Ersatz von Zuwendung, von Geliebt- oder Verstandenwerden, von Gefühlen, Körperbewusstsein oder Selbstwertgefühl handeln. In Angst- und Unwohlsituationen können Süßigkeiten helfen, die Situation besser zu ertragen. Wenn häufig Nahrungs- und Genussmittel dazu benützt werden, unangenehme Situationen, z.B. die Abwesenheit der Bezugsperson. besser ertragen zu können, so kann dies zur Gewohnheit, sprich zur Sucht werden.

Es gibt Kinder, die sich an Geschenken freuen und ohne solche auch Stresssituationen gut meistern. Andere Kinder können nur durch ein Versprechen einer Belohnung dazu gebracht werden, unangenehme Dinge auszuhalten oder eine Aufgabe zu übernehmen. Oft liegt dies auch in einer individuellen Charaktereigenschaft des Kindes. Gerade solche Kinder müssen aber lernen, ohne Hilfsmittel leben zu lernen. Frustration zu ertragen, Abgrenzung und Ausgrenzung nicht als persönliche Niederlage zu erleben. Ihre eigene Ich-Stärke erfahren zu können, dies muss auch ein Erziehungsziel bei kleinen Kindern sein.

Welche Suchtmittel gibt es im kindlichen Alltag?

Nicht die harten Drogen sind es, vor denen man Vorschulkinder beschützen muss. Es ist auch kein Alkohol- oder Tablettenmissbrauch. Kinder sollten ebenso wie Erwachsene alles genießen dürfen, was das Leben schön und angenehm macht. Bedenklich wird es dann, wenn Kinder ohne bestimmte Dinge im Alltag nicht befriedigend leben können. Da ist z.B. das Kinderfernsehen, das durch nichts ersetzt werden kann. Kein Ausflug erscheint so verlockend, als dass die geliebte Fernsehsendung versäumt werden darf. Statt einen Freund zu besitzen, beschäftigen sich die Kinder stundenlang mit Phantasiegeschichten aus dem Kassettenrecorder. Nur der Schokoriegel aus der Fernsehreklame kann das Kind zum Kindergartenbesuch bewegen. Diese Liste ließe sich um viele Beispiele aus dem Kinderalltag erweitern.

Woran erkennt man eine Suchtgefährdung?

Kinder, die durch viele Regeln eingeengt werden, oder solche, die keine festen Regeln erfahren, sind eher gefährdet, sich aus Unsicherheit Befriedigung zu verschaffen oder sich selbst als Handelnde erfahren zu können, indem sie Verbote übertreten. Wenn Kinder an Entscheidungen beteiligt werden, die Regeln hinterfragen dürfen und deren eigene Regeln anerkannt und eingehalten werden, entwickeln sie in der Regel die Ich-Stärke, die sie unabhängig von Suchtmitteln aller Art macht. Dies gilt insbesondere für die häusliche Erziehung, ist aber auch für die Erziehungshaltung in den Einrichtungen gültig. Kinder, die beteiligt werden, ihren Alltag mitzugestalten, benötigen weniger Ersatzdrogen aller Art. Sie fühlen sich in ihrer eigenen Haut wohl.

Vorbildfunktion von Erwachsenen

Wie erleben Kinder Erwachsene? Greift die Mutter stets zur Kopfschmerztablette, wenn es ihr nicht so gut geht, und braucht der Vater unbedingt sein Bier, um den Ärger im Geschäft herunterzuspülen? Die Nachahmung von Erwachsenen geht bis zur inneren Einstellung gegenüber Genussmitteln und deren Gebrauch oder Missbrauch.

Die Erzieherin, die stets mit neuen Kleidern erscheint oder an jedem Wochenende unterwegs ist, um den Alltagstrott zu ertragen, wird vom Kind genauso kritisch beäugt wie die Oma, die immer ein Schlafmittel einnehmen muss. Medikamente und Alkohol, Kaffeemissbrauch oder Kaufsucht, dies alles wird den Kindern vorgelebt, und sie erfahren dadurch, wie man sich gegen Frustration schützen kann. Wie gehen Erwachsene mit Langeweile oder Frust um? Dieses wird Kindern zum Vorbild.

Erziehungsstile von Eltern und Erzieher/innen

Wie schon erwähnt, sind einengende oder gewährenlassende Erziehungsstile verantwortlich, dass Kinder sich nicht ernst genommen fühlen oder verunsichert werden. Und alles, was Kinder unsicher macht, schwächt ihre Persönlichkeit. Kinder, die nicht das bekommen, was sie benötigen, verschaffen sich Ersatzbefriedigung, entweder indem sie sich etwas aneignen, was ihnen nicht gehört, oder indem sie auffällig werden. Eltern, die Kindern nichts versagen, geben den Kindern damit keine Möglichkeit, ihren Stärken zu erfahren und Frust oder Langeweile auszuhalten. Wenn das Leben eines Tages Verzicht von ihm fordert, weicht das Kind auf erlaubte und unerlaubte Hilfsmittel aus. Extreme Erziehungsstile sind also für die Vorbereitung einer Suchtkarriere mitverantwortlich.

Belastungen, Konflikte

Wie besondere Belastungen und Konflikte erlebt werden, spielt bei der Suchtvorbeugung ebenfalls eine Rolle. Können Kinder am Vorbild Erwachsener sehen, dass auch schwierige Situationen gemeistert werden können, dass Konflikte ausgetragen und gelöst werden, dass es immer einen Weg gibt? Durch die Begleitung in ihren kleinen Konflikten und Streitigkeiten mit Freunden oder die Auseinandersetzung mit Eltern und Erzieherinnen erfahren sie ihre eigenen Stärken, diese Belastungen aushalten zu können, können Konfliktlösungsstrategien entwickeln und die Bewältigung als eigene Leistung erleben.

Suchtprävention in Kindertageseinrichtungen

Kinder brauchen glaubwürdige Vorbilder. Was leben wir den Kindern vor, wie machen wir sie stark in ihren kleinen und großen Belastungen? Erfahren sie die Akzeptanz ihrer Person, auch wenn sie nicht immer so sind, wie wir es von ihnen erwarten? Klären wir unsere eigenen Angelegenheiten, z.B. den Konflikt mit Eltern oder der Kollegin, oder verdrängen wir dieses?

Wie können Kinder soziale Kompetenz lernen? Unterstützen wir Freundschaften und helfen bei Problemen innerhalb der Kindergruppe zu einer Lösung? Lernen Kinder bei uns, dass sie etwas ganz besonderes sind? Müssen sie sich aber auch einmal zurücknehmen und mit einem Platz am Rande vorlieb nehmen? Wie erfahren sie Konfliktlösungen innerhalb der Kindergruppe?

Kinder sind kompetent genug, um ihre eigenen Angelegenheiten selbst zu regeln. Sie benötigen höchstens Unterstützung in Form einer Moderation. Wenn Kinder streiten, brauchen wir uns nicht einzumischen, sondern müssen beobachten, nach welchen Regeln Kinder miteinander diesen Streit ausfechten und ob dabei keiner zu kurz kommt. Niemandem bewusst schaden, niemanden auf die Seite drängen, die Person des anderen achten und sich auch einmal zurücknehmen können, das alles muss gelernt werden.

Vertrauen statt Misstrauen muss vorgelebt werden. Kinder können in unseren Einrichtungen ihre Stärken erfahren und sich dabei wohl fühlen; sie dürfen aber auch Schwächen zeigen, ohne abgewertet zu werden. Gefühle zeigen zu dürfen, offen über negative Erlebnisse sprechen zu können, dies gelingt in einer offenen Atmosphäre. Jungen und Mädchen dürfen dabei ihre Bedürfnisse auf unterschiedliche Weise ausdrücken; auch Zorn und Wut gehört zu den von uns akzeptierten Gefühlen.

Kinder erfahren sich und ihren ganzen Körper als gut und leistungsfähig. Sie erleben bei uns, dass alle Sinne wichtig sind, dass ein positives Körpererleben auch Auswirkungen auf das Selbstwertgefühl hat. Theater und Rollenspiele sind geeignet, probeweise Rollen zu übernehmen und sich dabei wohl zu fühlen. Musik und Tanz sind weitere wichtige Selbsterfahrungen. Alles, was Kinder stark macht, macht sie weniger anfällig für Suchtmittel aller Art. Starke Kinder brauchen keine starken Unterstützer, weder Erwachsene noch Suchtmittel oder Ersatzdrogen.

Und sie brauchen Wissen über ihre Welt, wie sie wirklich ist. Dass die Fernsehreklame nur Gefühle vorgaukelt und Produkte meint, das können wir mit den Kindern besprechen. Wie man wirklich glücklich leben kann, das erfahren sie durch Beispielgeschichten und eigenes Erleben. Rollenspiele lassen Kindern ihre Fähigkeiten ausprobieren, sie können sich dabei zurücknehmen oder in Positur setzen. Theater- und Puppenspiele können anregen, über Süchte aller Art ins Gespräch zu kommen.

Und nicht zuletzt ist eine gute Zusammenarbeit mit den Eltern unbedingt notwendig, da der Einfluss des Elternhauses meist weiter reicht und länger andauert als der Aufenthalt der Kinder in unseren Einrichtungen. Gemeinsam mit den Eltern können wir uns auf den Weg machen, Suchtgefährdung auszumachen und Suchtprävention zu etablieren. Dazu gibt es auch zahlreiche Literatur oder Adressen von Fachleuten, die uns beraten und gute kindgemäße Information bieten können.

Wir können nicht vermeiden, dass Kinder andere Wege gehen, als wir ihnen wünschen? Eine Suchtgefährdung kann durch vielerlei Anlässe stets möglich werden. Durch unser Vorbild und die Akzeptanz der kindlichen Persönlichkeit können wir jedoch erreichen, dass sie selbst entscheiden können, was sie tun, und dass sie auch in der Lage sind, schwierige Situationen in ihrem Leben zu meistern.

Literatur

Büttner, Christian; Dittmann, Marianne (Hrsg.): Brave Mädchen, böse Buben? Beltz-Verlag, Weinheim 1992

Gordon, Thomas: Familienkonferenz, Heyne-Verlag, München 1989

Gross, Werner: Was ist das Süchtige an der Sucht? Neuland-Verlag, Geesthacht 1992

Haug-Schnabel, Gabriele; Schmid-Steinbrunner, Barbara: Suchtprävention im Kindergarten, Herder-Verlag, Freiburg 2000

Hurrelmann, Klaus; Unverzagt, Gerlinde: Wenn es um Drogen geht..., Herder-Verlag, Freiburg 2000

Michel, Beatrice; Frei, Mathias: Tom und Tina, mit Begleitheft zum Thema Drogenkinder. Bilderbuch zur Situation von Kindern drogenabhängiger Eltern, Pro juventute, Zürich 2000

Peukert, U.: Interaktive Kompetenz und Identität, Patmos-Verlag, Düsseldorf 1979

Rennert, Monika: Co-Abhängigkeit, Lambertus-Verlag, Freiburg 1990

Schiffer, Eckhard: Warum Huckleberry Finn nicht süchtig wurde, Beltz-Verlag, Weinheim 1999

Stein, Arnd: Wenn Kinder aggressiv sind, Kösel-Verlag, München 1988

Suckfüll, Thomas; Stillger, Barbara: Starke Kinder brauchen starke Eltern, Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, Köln 1999

Vogt, Felicitas: Sucht hat viele Gesichter, Urachhaus 2000

Wille, Rolf: Sucht und Drogen und wie man Kinder davor schützt, Beck, München 1994

Materialien und Arbeitshilfen

Bundeszentrale für gesundheitliche Aufklärung, 51101 Köln (http://www.bzga.de): Kinder stark machen, zu stark für Drogen (Best. Nr. 33 710 000); Materialien zur Suchtprävention (Best. Nr. 33 110 100); Gesundheit von Kindern und Jugendlichen (Best. Nr. 95 006 000); Kinder stark machen- Informationsmappe (Best. Nr. 33 520 000)

Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Baden-Württemberg, Stafflenbergstr. 44, 70184 Stuttgart: Eltern stark machen, Bausteine für Elternabende

Materialien für den Kindergarten, Sozia-Verlag Talstr. 32, 79102 Freiburg: Ganzheitlich orientierte Suchtprophylaxe als Hilfe zur Persönlichkeitsentfaltung von Kindern. Ordner mit umfangreichem Material für die Arbeit in Kindertageseinrichtungen im Auftrag des Sozialministeriums Baden-Württemberg (1994)

Aktion Jugendschutz, Landesarbeitsstelle Bayern, e. V. Fasaneriestr. 17, 80636 München: Materialmappe "Suchtprävention"

Stadt Nürnberg, Jugendamt, Prävention und Suchtberatung, Comeniusstr. 8, 90459 Nürnberg: Keine Angst vor Eltern! Suchtpräventive Anregungen zur Elternarbeit in Kindertagesstätten

Katholische Landesarbeitsgemeinschaft Kinder- und Jugendschutz NRW e.V. Salzstr. 8, 48143 Münster: Tolzmann, Rolf: Suchtvorbeugung im Vorschulalter