Rezension

Reinhart Lempp: Generation 2.0 und die Kinder von morgen. Stuttgart: Schattauer-Verlag 2012, 178 Seiten, EUR 18,99 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Ein 92jähriger Kinder- und Jugendpsychiater schreibt ein Buch über Kindheit. Das hört sich interessant an: Was hat uns dieser Mann mit der lebenslangen Erfahrung gerade für die Zukunft zu sagen? Laut Klappentext resümiert der Autor "die umwälzenden technischen und soziologischen Veränderungen der letzten Jahrzehnte und leitet Prognosen und Desiderate für die Erziehung unserer Kinder und Enkel ab". Das macht neugierig, vor allem das letzte.

"Generation 2.0" - wer ist damit gemeint? Nach einer Begriffsklärung sucht man vergeblich. Man denkt vielleicht an den Begriff "Web 2.0", der die neue interaktive Qualität der Internet-Anwendungen bezeichnet, aber diese gibt es noch nicht lange und wird wohl kaum eine längere Periode umfassen wie z.B. die "Generation Golf". Und was ist dann eigentlich die "Generation 1.0"?

Umwälzende technische und soziologische Veränderungen der letzten Jahrzehnte

Zunächst werden die bisherigen Entwicklungen ausführlich dargestellt: es geht um Familie und die nur allzu bekannten Trends, um die Scheidungsrate, um Familienformen, die Rolle der Frau und um Beziehungen. Beschrieben werden auch gesellschaftliche Veränderungen in Bezug auf Tagesrhythmen, Werte, Globalisierung, Mobilität, Berufstätigkeit der Eltern, Kinderbetreuung, Berufsausbildung, z.T. mit vielen Zahlen. Schön und gut, aber das kennt man schon aus vielen anderen Texten.

Nun wird man langsam ungeduldig, schon 75 Seiten von 172 gelesen und noch immer nichts zur Zukunft der Kindheit! Da helfen auch so persönliche Erinnerungen nicht, z.B. dass der Vater des Autors täglich eine Zeitlang von Neckarsulm nach Heilbronn zum Gymnasium fahren musste, die Mutter dagegen "von einem Dorf auf der Schwäbischen Alb täglich zu Fuß acht Kilometer zur Lateinschule nach Müsingen gehen (musste), wenn sie nicht der Postbote auf dem Fahrrad mitnahm" (S. 51 f.). Hier und an mehreren anderen Stellen scheint das - vielleicht alterstypische? - Mitteilungsbedürfnis in Bezug auf lebensgeschichtlich weiter zurückliegende Erlebnisse durchzuschlagen. Auch dass man zwischendurch beim Thema "technische Veränderungen" über die verschiedenen Funktionen eines modernen Handys aufgeklärt wird, scheint verzichtbar.

Im Gegensatz zur unbestrittenen Fachlichkeit des Autors in Bezug auf entwicklungspsychologische und psychiatrische Themen stehen seine Äußerungen zur Elementarpädagogik, die auf pauschalen, unbegründeten Vorstellungen beruhen und schlichtweg falsch sind:

  • So wird behauptet, die Kinder im Kindergarten hätten jeweils das gleiche Alter wie bei einer Schulklasse. Grundlage dieser Behauptung sind seine zufälligen Begegnungen mit Kita-Gruppen in der Stadt (S. 100). In Kindergarten und Hort befinde sich das neu aufgenommene Kind in einer Situation der Rivalität, das verhindere die Entwicklung der Empathiefähigkeit; und "Das freiwillige und verantwortliche gerechte Teilen lernen Kinder in einer Geschwisterschar von ganz allein. In der Kita und im Kindergarten ist das nicht erlernbar, denn dort wird gerecht zugeteilt" (S. 101).
  • In der Ganztagsschule haben die Kinder "weniger Möglichkeiten und Zeit, ganz eigene Erfahrungen zu machen" (S. 111) im Vergleich zur Familie.

Diese Äußerungen, die wie ich glaube für sich sprechen, zeigen, dass der Autor im Bereich dieser pädagogischen Institutionen keinerlei Kompetenz besitzt. Wichtigste Alternative bleibt für ihn die "Geschwisterschar", denn dort herrsche die "von vorn herein selbstverständliche Verpflichtung zur Liebe" (S. 103) - da ist inzwischen sogar die CSU weiter.

Prognosen und Desiderate für die Erziehung unserer Kinder und Enkel

Ausgehend von der Zunahme der Diagnosen mit Asperger-Syndrom, die z.T. durch die Auflösung der klassischen Familienform, z.T. aber auch durch den zunehmenden Leistungsdruck erklärt wird, vermutet der Autor, dass bei den Kindern der Egoismus weiter zunimmt und Empathiefähigkeiten abgebaut werden, auch die Anpassung an Gleichaltrigen-Gruppen werde zunehmen. Es könne bei einem Teil der Kinder aber auch zu mehr Selbstständigkeit, mehr Individualismus und Originalität führen. Insgesamt seien viele Varianten möglich; die Gesamttendenz gehe aber zur Egozentrizität und zu autistoiden Charakterzügen, die nicht zuletzt durch neue Medien gefördert würden. Der Autor erhofft sich dabei eine "vernünftige und angemessene Form des Umgangs" mit elektronischen Geräten.

Folgerungen aus dieser Prognose werden kaum deutlich. Gefordert wird mehr Medienpädagogik, um der Bedeutung der neuen Medien gerecht zu werden. Konkret wird mehr Anerkennung für Frauen gefordert, die sich um ihre Kinder kümmern, mit der Absicht, diese länger in der Familie zu halten. Zum Abschluss gibt es noch - man kann's kaum anders formulieren - ein "Wischiwaschi" zur Entwicklung des Erziehungs- und Bildungssystems. Wie war nochmal das Thema?

Gesamtbewertung

Insgesamt gesehen erweckt das Buch Erwartungen, die es bei weitem nicht erfüllt. Die Ausführungen zur aktuellen Situation bringen nichts Neues und sind in Bezug auf das Thema Kita falsch. Die Schlussfolgerungen für die Zukunft der Kindheit sind sehr allgemein, z.T. an überkommenen Idealen orientiert, sodass sich daraus kaum konstruktive Ideen für die Zukunft ableiten lassen.

Erwartet hätte ich z.B. Argumentationen zur Änderung im Denken und Kommunizieren von Kindern (multitasking, Denken in verschiedenen Ebenen u.ä.) gerade in Bezug auf die oft im Buch angesprochenen neuen Medien. Auch die Veränderung von Beziehungen durch die technische Vernetzung wäre interessant. Gerade diese Thematik wird von Sherby Turkle in ihrem Buch "Verloren unter 100 Freunden" (engl. Alone Together) ausführlich behandelt.

Rezensent

Heinz Schlinkert ist am Alice-Salomon-Berufskolleg in Bochum in der Erzieher/innen-Ausbildung tätig. Homepage: www.algodon.de