Schulfrei für unsere Kindergartenkinder! Ein Plädoyer für den familienergänzenden, nicht den vorschulischen Kindergarten

Helga Lindner

 

Schon seit mehr als zwei Jahrzehnten buhlen in Bayern auf politischer Ebene zwei Ministerien um die Hoheit über unsere Kindergärten: Das Sozialministerium mit einem familienergänzenden Auftrag auf der einen Seite, das Kultusministerium mit einem vorschulischen Auftrag auf der anderen. Beide Ministerien entwickeln immer wieder neue Konzepte und Modelle, die viel Zeit und Geld verschlingen und Eltern, Erzieherinnen, aber auch die Kinder eher verunsichern als stärken.

Ich möchte alle an der Erziehung unserer Kinder Beteiligten sowie die entscheidenden Politiker hiermit auffordern, sich folgende Frage zu stellen: Was brauchen unsere Kinder heute für ihre Bildung, damit sie morgen eine gebildete Gesellschaft gestalten können?

Der Kindergarten ist mehr denn je gefordert, seinen familienergänzenden Auftrag zu erfüllen

Die Kindheit und das familiäre System haben sich in den letzten 20 Jahren sehr verändert. Trennung der Eltern, Alleinerziehung, Berufstätigkeit von beiden Elternteilen, Fehlen von Geschwistern, wenig Verwandtschaft, Arbeitslosigkeit, Fehlen von sozialen Erfahrungsräumen, Finanznot, großer Einfluss der Medien usw. sind nur einige Faktoren, denen unsere Kinder ausgesetzt sind und die ihre Bildungschancen entscheidend beeinflussen. Gerade heute ist es demnach für unsere Gesellschaft eine notwendige, aber auch wertvolle Aufgabe, in allen sozialen Einrichtungen familienergänzend erzieherisch einzuwirken und somit Aufgaben zu übernehmen, die die Familie heute nicht mehr alleine leisten kann.

"Familienergänzend arbeiten" bedeutet in der heutigen Zeit:

  • dem Kind Stabilität und Kontinuität vermitteln
    Lernen und Bildung können nur in einer sicheren Atmosphäre erfolgen. Viele Kinder erleben diese Lernsituation im Elternhaus nicht mehr. Im Kindergarten muss daher gerade auf stabilisierende Faktoren verstärkt Wert gelegt werden: Festes Personal, feste Regeln, feste Gruppen bieten hilfreiche Orientierungspunkte für Kinder. Innerhalb der großen Kindergartengruppe (die einem kleinen Kind sehr schwer ein Zugehörigkeitsgefühl vermitteln kann) könnten kleine "familienähnliche Zellen" geschaffen werden, die konkrete Zugehörigkeit vermitteln, Verantwortungsbewusstsein schaffen und individuelle Werte und Normen erarbeiten.
    Der Kindergarten als Einrichtung könnte auf diese Weise als Spiegel der Gesellschaft fungieren und den Kindern täglich Toleranz, aber auch Anpassung und Offenheit für andere vermitteln. Kinder könnten sich verstehen lernen als Teil eines Mikrokosmos, der wiederum Teil eines größeren Ganzen ist. Wo kann diese Fähigkeit besser erlernt werden als im Kleinkindbereich?
    Schon in diesem Punkt stecken so viele Bildungs- und Erziehungsinhalte, die Erzieherinnen in Ergänzung zu und zusammen mit den Familien ausarbeiten können. Der Vereinsamung der Familie z.B. durch Medienkonsum oder durch gesellschaftliche Strukturen könnte so wirksam entgegengewirkt werden. Und Kinder würden es so schätzen, wenn sich die Kontakte der Eltern und Erzieher nicht nur auf ihre Defizite beschränken würden!
  • dem Kind Kultur und Rituale vermitteln
    Der Tagesablauf im Kindergarten bietet die große Chance, sich an den kindlichen Grundbedürfnissen zu orientieren, was im heutigen familiären Ablauf häufig nicht mehr möglich ist. Miteinander leben, arbeiten, essen, spielen, entspannen sind Bereiche unseres kulturellen Lebens, die im besten Fall in der Familie vorgelebt und in Institutionen weitergeführt werden können.
    Der Kindergarten ist meiner Meinung nach Kulturträger für den musisch- ethischen, aber auch mythischen Bildungsbereich, der in vielen Familien nicht mehr abgedeckt werden kann. Das Erlernen von Volksliedern, Abzählreimen, Kniereiterversen, Gedichten, Gebeten, Märchen, Kinderspielen usw. gehört für mich ebenso zu den familienergänzenden Aufgaben wie die Vermittlung grundlegender naturwissenschaftlicher oder allgemeinbildender Inhalte sowie lebenspraktischer Abläufe. Die Kindergartenpädagogen haben sich in einem Labyrinth von hoch wertvoller Methodik mit unzähligen Angeboten verlaufen - sie sollten sich wieder mehr auf ihren Begründer Friedrich Fröbel besinnen, der in genialer Weise gesellschaftliche Erziehung mit kindlichen Entwicklungsbedürfnissen verbunden hat!
  • dem Kind Wertschätzung, Annahme, Emotionalität vermitteln
    Diesen Punkt möchte ich gerade als familienergänzende Aufgabe an die Erzieherinnen des Kindergartens aus folgendem Grund stellen: Kinder erfahren in ihren Familien heute oft aufgrund starker Verunsicherung der Eltern und der hohen Anforderungen unserer Leistungsgesellschaft nicht mehr die elementare Wertschätzung, die sie als Wunder der Schöpfung begreift und Vertrauen in ihre individuellen Entwicklungsmöglichkeiten setzt. Gar zu schnell werden Experten hinzugezogen, und das Kind erlebt sich von klein an als menschliches Wesen, das anderen so nicht genügt.
    Im Kindergarten sollte daher versucht werden, gerade nicht bewertend, vergleichend, defizitsuchend, rational auf das Kind zuzugehen, sondern individuelle Stärken herauszufinden und die Persönlichkeit und die Würde des Kindes zu wahren. Das Kind erlebt sich sowieso den ganzen Kindergartenalltag im Vergleich zu anderen Kindern und weiss bzw. spürt genau, wo es nicht mithalten kann. Warum müssen wir Erwachsene ständig in diese Wunden stoßen?
    Der Nährboden für Reifung und Bildung muss von uns Erwachsenen geschaffen werden, und wir müssen uns jedem Kind individuell dieser Verantwortung stellen, auch im Kindergarten!
  • dem Kind Freiheit und Eigenentfaltung ermöglichen
    Hier liegt ein weiteres familienergänzendes Element, das heute in der Kernfamilie oft keine Berücksichtigung mehr finden kann. Kinder sind in ihrem Tagesablauf so verplant von den Erwachsenen, dass sie sich im freien Spiel, alleine oder mit anderen Kindern, nicht mehr ohne Kontrolle kennen lernen und erleben können. Sie haben häufig keine "pädagogischen Nischen" mehr, um Verhalten ohne moralische Beurteilung durch den Erwachsenen auszuprobieren. Gerade diese Erfahrungen legen aber Grundsteine für eigenverantwortliches Handeln, Teamfähigkeit etc., die im späteren Schul- und Berufsleben als Voraussetzung für erfolgreiches Bestehen bekannt sind. Jedes Kind braucht ein anderes Tempo, in dem es seine Entwicklungsschritte geht und zwar nach dem Motto Maria Montessoris: Hilf mir, es selbst zu tun. Jeder der Kinder weiss, wie anstrengend und zeitaufwendig, aber wie effektiv Lernen auf diese Weise vollzogen werden kann. Schafft in den Kindergärten wieder diese Freiräume, versteht erzieherische Kompetenz wieder mehr im Loslassen der kindlichen Energie als im Klammern derselben und Abtesten von kognitiven Fertigkeiten!
  • dem Kind echte, keine pseudo-integrativen Werte vorleben
    Unsere Kinder haben es verdient - und zwar auch alle ausländischen, andersgläubigen, behinderten, benachteiligten Kinder -, als wertvolles Mitglied in die Gesellschaft aufgenommen zu werden. Der erste Übergang, das erste Aufgenommenwerden in unsere Gesellschaft, geschieht von der Familie in den Kindergarten. Hier kann man echte, ehrliche Integration vorleben.
    Das bedeutet für mich, sich zu interessieren für die Kultur, die Sprache, die Gebräuche, die Tänze, die Religion eines ausländischen Kindes und diese Inhalte ganz gleichwertig in die Kindergartenpädagogik aufzunehmen. "Bruder Jakob, Bruder Jakob" kann auch auf griechisch und türkisch gesungen werden; der Ablauf eines Zuckerfestes interessiert auch ein christliches Kind usw.
    Ein ausländisches Kind lernt die deutsche Sprache gerne, wenn es auch etwas zum Mitteilen gibt! Viele deutsche Mitbürger vermissen den Wunsch der ausländischen Bürger, sich in Deutschland zu integrieren und die deutsche Sprache lernen zu wollen. Und ich vermisse von vielen deutschen Mitbürgern den Wunsch, die ausländischen Bürger wirklich kennen lernen zu wollen und sie zu einem kulturellen Austausch einzuladen. Kinder aller Nationen besitzen diese Neugierde am Anderen noch, und es ist Aufgabe auch unserer Erzieherinnen, den Raum zum Austausch zu schaffen und zu bewahren.. Hier könnte ein wertvoller und anhaltender Beitrag gegen Ausländerfeindlichkeit geleistet werden.
    Es macht deutschen wie ausländischen Kindern einen Riesenspaß, sich gegenseitig Zungenbrecher zu lehren und mit den verschiedenen Sprachen zu "spielen"! Hier könnte man gezielt Kommunikation einüben, ohne eigene Sprachförderprogramme und ohne benachteiligte Kinder auszugrenzen. Der deutsche Staat macht es sich zu einfach, wenn er nur sagt: Ihr müßt die deutsche Sprache lernen!
    Ebenso könnte ein behindertes Kind in den Kindergarten, in die Gesellschaft integriert werden - und zwar mit viel Engagement und mit dem Gefühl des Willkommenseins, das diese Kinder so notwendig brauchen und in diesem Sinne als familienergänzende Herausforderung angesehen werden kann. Gebt den Erzieherinnen Unterstützung, lasst sie nicht allein mit solchen schwierigen gesellschaftlichen Aufgaben!

Ich möchte mit diesem Beitrag nur in einigen Punkten verdeutlichen, wie viele Lernbereiche und wie viele pädagogisch hoch anspruchsvollen Aufgaben einer familienergänzenden Einrichtung gegenüberstehen. Es sollte Ziel eines allgemeinen Erziehungs- und Bildungsplans sein, dass sich jeder Kindergarten spezifisch auf "seine" Kinder und deren Familien einstellt und eine bedürfnisorientierte Konzeption entwickelt.

Lernen entsteht durch miteinander Gestalten und miteinander Leben - und daraus wächst Bildung!

Vor dem Hintergrund der Änderung des Kindergartengesetzes und der lauten Diskussion über PISA, Ganztagsbetreuung und Berufstätigkeit der Frau sowie einen Erziehungs- und Bildungsplan für Kindergärten möchte ich hier nun einige konkrete Forderungen an die verschiedenen Adressaten stellen. Ich würde mir wünschen, wenn über diesen Weg ein Forum geschaffen werden könnte, um ein neues Bewusstsein zu schaffen für die Erziehung und Bildung vor der Schule in Abgrenzung zur vorschulischen Erziehung.

Forderungen an das Sozialministerium:

  • Kämpft um die Hoheit unserer Kindergärten und nehmt die Herausforderung an, Kindergärten als familienergänzende Einrichtung zu definieren und sie dahingehend zu fördern.
  • Gebt Studien von Entwicklungspsychologen, Familientherapeuten, Pädagogen in Auftrag, die die Bedeutung der Familie und der Erziehung der Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren verdeutlichen und den Wandel der Kindheit beschreiben.
  • Erarbeitet anhand des Erziehungs- und Bildungsplans Handwerkszeug für die Kindergärten, bietet den Erzieherinnen professionelle Begleitung bei der inhaltlichen Gestaltung ihrer Konzeption.
  • Macht Werbung für den Berufsstand des Kindergartenerziehers, schafft eine Lobby, die die hoch anspruchsvolle Tätigkeit des Erziehers von heute propagiert, stellt Geld für einen besseren Verdienst zur Verfügung, so dass die so wichtigen Männer mehr an der Erziehung beteiligt werden können.
  • Grenzt Euch ganz deutlich von dem Vorgehen des Kultusministeriums ab, das mit aller Macht in die Kindergärten Einzug halten will und die Kinder nur noch früher selektieren und preparieren will für die Schule.

Forderungen an das Kultusministerium:

  • Investiert mehr Zeit und Geld in unsere Schulen, verändert Strukturen im Schulsystem, stellt mehr Lehrer in den Schuldienst ein, wo unzählige Aufgaben zur Bearbeitung anstehen.
  • Überlasst die Kindergärten der Kindergarten- und Sozialpädagogik, die professionell mit kleineren Kindern umzugehen weiß.
  • Bildet Lehrer in den Bereichen Entwicklungspsychologie, Neurobiologie etc. fort, damit sie unsere Kinder besser verstehen und fördern können.
  • Reformiert die SVEs - die Schulvorbereitenden Einrichtungen. Macht aus ihnen, was der Name verspricht! Diese Einrichtungen könnten Förder- und Bildungszentren für die Kinder werden, die aus einem homogenen Elternhaus stammend schon im Kindergartenalter bereit und interessiert sind für kognitive, schulische Inhalte und frühzeitig in die Schule gehen möchten oder sollen.
  • Versucht, nicht ausgrenzende Schulsysteme aus anderen Ländern in unser Land zu transferieren. Berücksichtigt dabei, dass dort Familie oft nach anderen Gesetzmäßigkeiten "funktioniert", dies muss zum Thema Lernen stets einbezogen werden.

Forderungen an die Erzieherinnen:

  • Reformiert unsere Kindergärten bzw. kehrt zu den Wurzeln der Kindergartenpädagogik zurück, aber mit einem anderen beruflichen Selbstverständnis! Ihr seid die Profis im Kleinkindbereich und wisst genau, wie das natürliche Wachstum des Kindes begleitet und gefördert werden kann.
  • Sammelt alte Bräuche, Lieder, Spiele, die ihr immer wieder mit den Kindern wiederholt, denn nur dann kann die Familie auch zu Hause miteinander singen und spielen. Schafft Rituale, die immer wiederkehren und die Kinder so notwendig brauchen.
  • Bildet Euch fort in der Elternberatung, damit die Eltern ohne Schuldzuweisung in ihrer häuslichen Erziehung begleitet werden können und jedes Kind mit seinem fämiliären Hintergrund verstanden werden kann.
  • Bildet Euch fort in therapeutischen Bereichen, damit Ihr entwicklungsverzögerte, behinderte und problematische Kinder besser verstehen und ihnen innerhalb des Kindergartens gezielt helfen könnt.
  • Grenzt Euch ab gegen abgehobene Förderprogramme, sondern lebt ganzheitliche Erziehung: Kauft ein, kocht, backt, putzt, hämmert, baut, näht, wascht, bügelt usw. mit den Kindern, denn Kinder wollen teilhaben am täglichen Leben. Ihr werdet sehen, wie viele Förderaspekte in den einzelnen Tätigkeiten enthalten sind und wie viele Tätigkeiten im täglichen Familien- bzw. Kindergartenleben erlernt werden müssen.
  • Schafft Euch Freiräume, lasst Euch nicht von den Erwartungen der Eltern auf der einen und der Lehrer auf der anderen Seite erdrücken, sondern erklärt ihnen Eueren pädagogischen Weg bis zur Einschulung des Kindes.
  • Schafft einen fließenden Übergang in die Schule für jedes Kind, indem Ihr als Partner das Kind und seine Eltern begleitet.

Forderungen an die Eltern:

  • Vertraut den Fähigkeiten Eurer Kinder; sie werden ihr Potenzial ausschöpfen, wenn sie sich von Euch ganz angenommen fühlen.
  • Versteht Bildung als Vorbild, d.h. Euer Fernsehkonsum, Euer Bewegungs-, Lese-, Arbeits- und Freizeitverhalten werden von Euren Kindern sehr schnell übernommen.
  • Versucht, Eure Kinder in Euer Leben miteinzubeziehen. Kinder lernen täglich an der Beobachtung und am Ausprobieren!
  • Schafft Euch Räume, wo Ihr den Kindern Familie vorleben könnt und vermittelt Eure Werte - sie werden gerne von den Kindern übernommen.
  • Sucht die geeigneten Lernfelder für Eure Kinder, sucht Euch Einrichtungen, wo Ihr Euer Kind gerne abgeben wollt und wo Ihr Euch selbst als Kind wohlfühlen würdet.
  • Vereint Euch mit Eltern und anderen Familien und bringt Euere Ideen und Wünsche verstärkt in den Kindergarten ein. Mitgestalten bildet!

Erziehung ist ein komplexer Prozess, der auf verschiedensten Ebenen immer wieder neue Gedanken hervorruft und mit alten bewährten Modellen verbunden werden kann. Ich hoffe, dass ich dies in meinem Beitrag verdeutlichen konnte und dass wir niemals stehenbleiben werden auf der Suche nach den besten Entwicklungschancen für unsere Kinder.

Abschließen möchte ich mit dem Motto Friedrich Fröbels, das wir uns gerade in der heutigen Zeit (200 Jahre nach Fröbel!) zum gesellschaftlichen Auftrag machen sollten:

Lasst uns unseren Kindern leben!

Autorin

Helga Lindner ist seit 22 Jahren als Sozialpädagogin in der Kinder- und Jugendhilfe tätig. Sie arbeitet derzeit an einer Frühförderstelle und bietet nebenberuflich Elternkurse des Kinderschutzbundes und Fortbildungen für Erzieherinnen und Ergotherapeuten an. Über Anregungen und Meinungen zu ihrem Beitrag würde sie sich sehr freuen.

Adresse

Helga Lindner
Aunkofener Siedlung 18
93326 Abensberg
Email: LindnerHelga@web.de