Inszenierte Märchenstunde mit einer Mütze voller Fantasie

Gabriele Schunke

 

Vorwort

In der Eingangshalle des Kindergartens ist auf der Mitteilungstafel groß zu lesen: Am Dienstag kommt die Märchenerzählerin zu uns. Heute ist Dienstag, und ich bin die Erzählerin. Kinder wieseln um mich herum und überhäufen mich mit Fragen: Bist du die Märchenerzählerin? Was erzählst du uns denn für ein Märchen? Warum hast du denn einen Koffer, was ist denn da drin? Denis, guck mal, da ist die Märchenerzählerin.

Denis schmollt: Ich mag aber keine Märchen! / Du bist ja blöd, Märchen sind doch schön. / Ich mag sie aber trotzdem nicht! / Hahaha, Denis mag keine Märchen, Denis mag keine Märchen!

Denis stellt sich mir breitbeinig in den Weg. Ich zwinkere ihm zu und sage: Warte nur ab, vielleicht erzähle ich ja gar kein Märchen. Er mustert mich, macht mir Platz und ruft im Fortlaufen: Aber wenn es keine Äääkschon gibt, höre ich sowieso nicht zu.

Wie ich erfahre, hat Denis drei ältere Brüder. Oh je, ob ich ihm da genug Action bieten kann?

Auftakt

Dauer: 10-12 Min.

Erwartungsvoll kommen die Kinder in den Raum. Noch fruchten die gutgemeinten Ermahnungen der Erzieherinnen, auch ja still zu sitzen und gut zuzuhören. Die Kinder sitzen sogar mucksmäuschenstill, das will ich schnell ändern: Ich freue mich, daß ihr alle hier zusammengekommen seid. Ja, ich bin die Märchenerzählerin. Ich heiße Frau Schunke, aber es gibt Leute, die sagen zu mir nicht Frau Schunke sondern Frau Mütze.

Die Kinder lachen, das Eis ist gebrochen, ihre Anspannung lockert sich. Doch, doch, fahre ich fort, wer zu mir Frau Mütze sagt, der weiß, daß ich immer eine große Mütze bei mir habe, wenn ich erzähle. Das ist keine Mütze zum Aufsetzen, nein, dazu wäre sie viel zu groß. Heute habe ich die große Mütze auch dabei. Sie liegt hier auf dem Podest unter dem blauen Tuch.

Behutsam ziehe ich das Tuch herunter. Alle bestaunen die große, rote Pludermütze. Ich habe euch die Mütze aus dem Theater mitgebracht. Im Theater gibt es lustige Dinge. Ihr wundert euch wohl, weil die Mütze so dick ist? Nun, es wohnt jemand in der Mütze. Es ist ein lustiger, kecker Puppenwicht, mein kleiner Freund. Er schläft viel in der Mütze und träumt dabei für mich Geschichten. Mal sehen, ob er noch schläft.

Ich zupfe an der Mütze herum. Auaaaa, quakt es. Ich zupfe noch einmal, diesmal quakt es lauter: Auuutsch, laß das, ich schlafe noch.! Die Kinder sind begeistert. Na, so was, du bist aber ein Spaßvogel. Wie kannst du denn schlafen und rufen, Autsch, laß das. Komm lieber raus, hier wartet man schon auf dich.

Die Kinder glucksen vor Freude und Erwartung. Vielleicht sollte ich erst einmal die Mütze umdrehen und meinen kleinen Freund mit Musik heraus locken. Leise beginnt die Musik zu spielen. Je lauter sie wird, desto heller wird das Licht über der Mütze. Unbemerkt für die Kinder drehe ich nämlich einen Dimmer. Der Lichtkegel zielt genau auf die Mütze. Staunend verfolgen die Kinder dies alles. Die Spannung knistert im Raum. Als die Musik verklingt, fängt die Mütze an zu wackeln. Ich zupfe erneut an der Mütze und rufe: Aufwachen, aufwachen! Es regt sich aber nichts. Ich zupfe ungeduldiger: Komm heraus, du Schlingel, hier wartet man wirklich auf dich. Die Kinder kichern vor Vergnügen.

Jetzt ziehe ich ganz langsam den Wicht hoch. Als er keck über den Mützenrand guckt, stellt er fest: Ach du grüne Kartoffel, da sitzen ja lauter Kichererbsen. Das Gelächter ist groß. Entschuldigung, Ihr seid wohl Radieschen? Die Kinder prusten vor Begeisterung. Du bist selber ein Radieschen, höhnt Denis am lautesten. Nein, nein, ich bin kein Radieschen, ich bin eine Theaterpuppe, und ich heiße Mütze, weil ich in der Mütze wohne. Wenn ich im Kühlschrank wohnen würde, würde ich Kühlschrank heißen. Großes Gelächter, die Stimmung ist jetzt sehr heiter. Das wollte ich erreichen.

Doch nun muß ich der Fröhlichkeit Grenzen setzen, sonst kippt die Stimmung, weil einige Kinder schon zu sehr albern. Beschwichtigend übernehme ich das Wort: Mütze, wir beide müssen den Kindern noch erklären, warum du eigentlich in der großen Mütze wohnst / Na, das ist doch so klar wie Kartoffelsuppe. Ich träume darin und denke mir Geschichten aus, auch sammele ich Märchen in meinem Mützenhaus. / Das stimmt, Kinder, Mütze träumt Geschichten in seiner Mütze. Oft sitzen wir beide zusammen auf dem Sofa, und Mütze erzählt mir, was er geträumt hat. Zur Belohnung muß ich ihm dann ein Märchen aus dem Märchenbuch vorlesen. Wenn ihm das gut gefällt, hält er seine Mütze so weit auf, daß alle Wörter von dem Märchen in die Mütze fallen. Wörter kann man nur sehen, wenn sie aufgeschrieben sind. Wenn man sie hört, sind sie unsichtbar, nicht wahr. Weißt du was Mütze, horch jetzt mal in deine Mütze hinaus und sage mir, was ich den Kindern erzählen soll. Wird es ein Märchen oder eine Geschichte sein?

Ich lasse nun Mütze ausführlich horchen. Gespannt warten die Kinder, wie es weitergeht. Als der Wicht wieder auftaucht, ruft er fröhlich: Ich weiß es, ich weiß es, erzähle doch ein Geschichtenmärchen. / Na, was ist das denn, entweder erzähle ich eine Geschichte oder ein Märchen. / Weißt du nicht, ich habe dir doch von dem dicken König geträumt, der immer nur den ganzen Tag in seiner goldenen Badewanne sitzt und singt. / Oh ja, das ist eine lustige Geschichte, die erzähle ich. Aber bevor ich anfange, wollen wir es uns schön gemütlich machen und uns zusammen auf den Stuhl setzen. Das Licht ist etwas zu hell. Kinder, Kinder, bitte pustet doch ein wenig dort zur Lampe hin, vielleicht wird es ja etwas dunkler. Halt, nicht so stürmisch pusten, das Licht flackert ja schon. Ganz darf es nicht ganz ausgehen. Ich werde noch eine schöne Musik anstellen, dann wird es wirklich gemütlich bei uns.

Hauptteil - Erzählung

Dauer: 25 bis max. 30 Min.

Durch die Musik, das abgedunkelte Licht beruhigen sich die Kinder merklich. Die aufgeregte Fröhlichkeit hat sich gelegt. Nun ist die Atmosphäre anheimelig genug, um mit dem Erzählen zu beginnen. Mütze tritt in den Hintergrund, er muß mit zuhören. Nur spärlich bringe ich ihn wieder ins Spiel, indem er vorlaut dazwischen redet. So sorgt er spielerisch für notwendige Entspannungsmomente, womit ich vor allem den jüngeren Kindern gerecht werde.

Für mich beinhaltet Erzählen immer auch Zuwendung und Wärme geben. Die Zuwendung gebe ich durch meine intensive Augensprache, die Wärme durch meine ruhige Stimme, auch durch meine Geduld.

Zum Abschluß der Erzählung erklingt eine fröhliche Musik Automatisch klatschen die Kinder vergnügt im Takt dazu. Das ist für alle eine gute Entspannung nach dem langen Zuhören.

Ausklang

Dauer: 10 Min.

Nur mein Wicht MÜTZE klatscht nicht mit. Regungslos sitzt er auf meinem Schoß. Was ist denn mit dir los? frage ich ihn. Ich möchte in mein Mützenhaus, ich bin so müde. / Nein, nein, Mütze, bleib hier, ruft Denis laut; andere Kinder stimmen ihm zu. Ich aber sage: Wenn Mütze müde wird, dann muß ich ihn wirklich in sein Mützenhaus stecken. Er ist doch nicht so groß wie ihr. Außerdem ist es gut, wenn er schlafen will. Habt ihr vergessen, was er in der Mütze macht? Vielleicht träumt er heute eine neue Geschichte. Wißt ihr was, wir summen ihm zusammen ein Schlaflied, vielleicht "Schlaf Kindchen, schlaf"!

Entrüstet meldet sich der Puppenwicht zu Wort: Dir geht es wohl nicht gut, ich bin doch kein Kindchen, ich bin Mütze! / Entschuldigung, Entschuldigung, wir werden "Schlaf Mütze, schlaf" summen, einverstanden? Sagst du den Kindern jetzt noch "Auf Wiedersehen"? / Klar doch, Auf Wiedersehen, ihr Kicherradieschen!

Die Kinder johlen vor Vergnügen. Jetzt albern sie herum und überhäufen Mütze mit Zurufen: Du bist eine Tomate, eine Kartoffelnase, eine Gurke, eine Kürbissuppe usw. usf. Ohne darauf weiter zu reagieren, stecke ich den Wicht in seine Mütze, die ich zurück auf das Podest lege. Liegst du richtig, kannst du so gut schlafen? / Ja, aber ich warte auf mein Schlaflied, quäkt es aus der Mütze. Wir summen ihm das Schlaflied, am Schluß flüstere ich den Kindern zu: Pustet mir bitte jetzt das Licht ganz aus. Aber bitte nur nicht so stürmisch. Ich werde für Mütze und für euch noch eine schöne Traummusik anstellen. Wenn ich euch dann ein Zeichen zum Aufstehen gebe, steht bitte möglichst leise auf und geht hinaus.

Meine Märchenstunden enden immer so. Noch nie habe ich es erlebt, daß Kinder hinaustoben Im Gegenteil, stets schleichen sie auf Samtpfoten davon.

Nachtrag

Als ich meine Utensilien zusammengepackt habe, platzen ein paar Kinder herein, unter ihnen auch Denis. Neugierig beäugen sie meine Sachen. Wo ist denn Mütze, schläft er noch? / Ja, er schläft ganz fest in diesem Koffer hier. / Muß er da jetzt immer drin bleiben? / Aber nein, heute Abend hole ich ihn mir da wieder heraus. Ich will doch hören, was er geträumt hat. / Kommst du dann wieder zu uns? / Das wird leider nicht gehen, es warten doch auch andere Kindergärten auf mich.

Draußen werden die Kinder gerufen, sie springen davon, nur Denis zögert noch. Schließlich stellt er fest: Mütze fand ich am besten, aber die Geschichte war auch schön cool! Tschüüüüß, Frau Mütze!

Welch köstliche Erkenntnis, in meiner Mütze steckte offenbar genug Äääääkschon!

Autorin

Erzähltheater Gabriele Schunke
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