Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Clara Grunwald

Manfred Berger


Was die Montessori-Pädagogik betrifft, erleben wir heute eine wahre Renaissance. Dass sich diese Konzeption in Deutschland so erfolgreich entwickeln konnte, ist sicherlich u.a. das Verdienst von Clara Grunwald. Ihr Name ist untergegangen, wie der so vieler Frauen, die sich für die Pädagogik der Maria Montessori einsetzten.

Clara Grunwalds Engagement für die Montessori-Pädagogik wurde ausgelöst durch das 1913 erschienene Beststellerwerk der Reformpädagogik: "Selbsttätige Erziehung im frühen Kindesalter. Nach den Grundsätzen der wissenschaftlichen Pädagogik methodisch dargelegt von Dr. Maria Montessori". Für die Jüdin, bekennende Atheistin, Pazifistin und Sozialistin war Maria Montessoris epochales Buch, das wir heute unter dem Titel "Die Entdeckung des Kindes" kennen, "die Antwort auf ihre pädagogischen Fragen...Die Montessori-Methode erschien ihr als adäquatere Lösung sowohl für die drängenden sozialpolitischen Probleme als auch für die Gestaltung des öffentlichen Erziehungswesens. Auf diese beiden für Grunwald fundamentalen Probleme konnte ihr Fröbels Pädagogik keine Antwort geben, vor allem wegen der metaphysischen Begründung seiner pädagogischen Theorie, die nach ihrer Ansicht an der sozialistischen Wirklichkeit vorbeiging. Für diese Wirklichkeit wollte Clara Grunwald leben und arbeiten" (Harth-Peter 1996, S. 71).

Clara Grunwald wurde am 11. Juni 1877 in Rheydt geboren. Sie war die Erstgeborene einer kinderreichen jüdischen Kaufmannsfamilie. Da der Vater nicht gerade ein guter Geschäftsmann war, wechselte die Familie öfters ihren Wohnsitz, um schließlich 1883 endgültig eine Heimat in Berlin/Schöneberg zu finden. Nach der seinerzeit üblichen Schulbildung für jüdische Mädchen ihres Standes, absolvierte Clara Gunwald eine Ausbildung zur Lehrerin. 1896 hatte sie erfolgreich das Lehrerinnenexamen bestanden und war bis Hitler an die Macht kam als Lehrerin tätig. Zusätzlich engagierte sie sich für die Montessori-Pädagogik. Der Erste Weltkrieg machte ihre Pläne zur Verbreitung der Montessori-Pädagogik zunächst zunichte. Kurz nach Kriegsende gründete Clara Grunwald den ersten deutschen Montessori-Verein, genannt "Montessori-Komitee". Ebenso war sie maßgebend an der 1919 erfolgten Eröffnung des ersten Montessori-Kinderhauses in Lankwitz beteiligt. Leider wurde diese Einrichtung 1922 wegen "Mangel an Mitteln" geschlossen. Verhältnismäßig spät, 1921, besuchte Clara Grunwald den von Maria Montessori in London durchgeführten Montessori-Kurs, "um 'ihrer eigenen Bewegung' in Deutschland noch mehr Nachdruck zu verleihen" (Harth-Peter 1996, S. 72).

Mit Billigung der "Dottoressa", wie Maria Montessori ehrfurchtsvoll genannt wurde, organisierte Clara Grunwald 1923 den ersten auf deutschem Boden durchgeführten Montessori-Kurs, der folgende Lehrinhalte umfasste:

  1. "Theorie der Montessori-Methode, wöchentlich 3 Doppelstunden;
  2. Praxis der Montessori-Methode, wöchentlich 3 Doppelstunden;
  3. Hospitieren im Montessori-Kinderhaus, wöchentlich 1 Vormittag;
  4. Kenntnis der Kinderkörpers. Hygiene des Kindes. Soziale Hygiene; wöchentlich 2 Doppelstunden;
  5. Zeichnen nach der Montessori-Methode, wöchentlich 2 Doppelstunden;
  6. Musikalische Erziehung und rhythmische Übungen, wöchentlich 1 Doppelstunde"

(zit. n. Berger 2000, S. 53).

Auf Drängen von Clara Grunwald kam die "Dottoressa" im Winter 1926/27 selbst nach Berlin um einen Kurs abzuhalten, der schließlich mit einem Eklat endete. Der Veranstalter des Kurses, die "Deutsche Montessori-Gesellschaft (1925 von Clara Grunwald gegründet), den Clara Grunwald präsidierte, erschien Maria Montessori sozialistisch unterwandert: "Montessori fürchtet, dass ihre Pädagogik vor einen bestimmten politischen Karren gespannt worden ist und trägt mit dieser Einschätzung zur Spaltung der Montessorianer in Deutschland bei" (Holtz 1997, S. 106).

Maria Montessori verweigerte, die Diplomurkunden zu unterschreiben. Daraufhin drohte ihr Clara Grunwald mit rechtlichen Schritten. Erst 1929 bequemte sich die "Dottoressa" die Zeugnisse zu signieren. Trotz dieser herben Enttäuschung, blieb Clara Grunwald der Montessori-Pädagogik treu. Sie hielt viele Vorträge, gab Werbebroschüren heraus, setzte sich publizistisch für die Ideen Maria Montessoris ein und unterstütze die Gründung von Montessori-Einrichtungen (Kinderhäuser und Schulen) in Deutschland. Besondere Beachtung fand Clara Grunwalds, zusammen mit ihrer Freundin Elsa Ochs verfasste Broschüre: "Montessori-Erziehung in Familie, Kinderhaus und Schule". Darin forderten die beiden Montessorianerinnen:

"Unsere vereinten Bestrebungen müssen darauf gerichtet sein, dass immer mehr Montessori-Kinderhäuser entstehen, bis ihre Zahl groß genug ist, dass jedem Kinde sein Recht wird auf diese bestmögliche Erziehung und Pflege in den Jahren der zartesten Kindheit, die die entscheidenden für das ganze Leben sind. Zu wünschen ist, dass diese Erziehung und Pflege nicht mit dem sechsten Lebensjahr abgebrochen wird, sondern dass sich an das Montessori-Kinderhaus die Montessori-Schule schließe mit ihren Möglichkeiten des einsichtigen, natürlichen Lernens auf der Grundlage der Selbstbetätigung und des Interesses an der eigenen Tätigkeit" (Grunwald o.J., S. 39f).

Die Nazis bereiteten Clara Grunwalds pädagogischem Wirken ein jähes Ende. Sie pflegte aber weiterhin ihre Kontakte zu den Montessori-Einrichtungen, bis diese Anfang 1936 verboten wurden. 1941 kam Clara Grunwald auf das Gut Neuendorf bei Fürstenwalde. Von dort aus deportierte man sie April 1943 nach Auschwitz-Birkenau. Ihr Tod wurde von der akribisch arbeitenden Lagerverwaltung nicht registriert. Wie und wann Clara Grunwald starb, ob bereits in einem Viehwaggon auf dem Transport, an einer der Rampen von Auschwitz oder in einer der lodernden Gaskammern, wissen wir nicht. Ihr Leben dürfte zwischen dem18. und 20. April 1943 "ausgemerzt" worden sein.

Literatur

Berger, M.: Clara Grunwald. Eine Wegbereiterin der modernen Erlebnispädagogik? Lüneburg 1994

ders.: Frauen in der Geschichte des Kindergartens, Frankfurt 1995

ders.: Jüdische Frauen im Kreis um Maria Montessori, in: Unsere Jugend 1999/H. 10

ders.: Clara Grunwald. Wegbereiterin der Montessori-Pädagogik, Frankfurt 2000

Grunwald, C.: Montessori-Erziehung in Familie, Kinderhaus und Schule, Berlin o.J.

Harth-Peter, W.: "Kinder sind anders". Maria Montessoris Bild vom Kinde auf dem Prüfstand, Würzburg 1996

Holtz, A.: Grunwald, Clara, in:Steenberg, U. (Hrg.): Handlexikon zur Montessori-Pädagogik, Ulm 1997