Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Julie Salis Schwabe

Manfred Berger

 

I.

Juli(a)e Ricke Rosetta Schwabe wurde am 31. Januar 1819 (a.O. wird 1818 genannt) in Bremen (a.O. wird Hamburg genannt) geboren, "der Familie eines hochangesehenen Patricierhauses entstammend" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv). Ihr Vater war ein wohlhabender Kaufmann, der 1821 mit seiner Familie nach Hamburg übersiedelte. Da seinerzeit assimilierte jüdische Familien großen Wert auf eine gediegene Bildung ihrer Töchter legten, besuchte Julie Schwabe bis zu ihrem 16. Lebensjahr eine der besten Schulen der Hansestadt. Nach dem Schulabschluss ging sie für zwei Jahre nach Leipzig, wo sie im Hause einer befreundeten Familie vielseitigen Privatunterricht genoss.

Im Alter von 18 Jahren heiratete Julie Schwabe ihren überaus vermögenden und reich begüterten Cousin aus Oldenburg, den Großindustriellen Adolf Salis Schwabe (1800-1853), der in der Nähe von Manchester eine große Kattunfabrik (mit 800 bis 900 Arbeitern) besaß. Ihr Mann musste, wie Marie Simon konstatierte, "von seltenen Herzens- und Geistesgaben gewesen sein, [der; M. B.] reichlich Gelegenheit fand, sich in dem philanthropischen England bei Wohlfahrtseinrichtungen aller Art zu beteiligen" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv). Aus der als glücklich geltenden Ehe gingen sieben Kinder hervor (drei Töchter und vier Söhne). Wie ihre Biografin mitteilte, "sprach Frau Schwabe noch im hohen Alter mit größter Verehrung... von der Großherzigkeit ihres Mannes" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv).

Julie und Adolf Salis Schwabe waren überzeugte Unitarier, in deren gastfreien und hoch gebildeten Hause, ob im Wohnsitz bei Manchester oder später auf dem herrlichen Schloss am Seegestade auf der Insel Anglesa in North-Wales, bedeutende Persönlichkeiten der gehobenen Gesellschaftsschicht verkehrten, "besonders aber waren außer den Koryphäen der Kunst und Wissenschaft die Vertreter humaner Bestrebungen stets hochwillkommen" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv). Zum Freundeskreis der Familie gehörten beispielsweise Frédéric Chopin (1810-1849), Richard Cobden (1804-1865), Johanna Kinkel (1810-1858) und ihr Mann Gottfried Kinkel (1815-1882), Jenny Lind (1820-1887) und ihr Mann Otto Goldschmidt (1829-1907), Victoria von Großbritannien und Irland, spätere Kaiserin Friedrich (1840-1901), Florence Nightingale (1820-1910), Clara Schumann (1819-1896), Richard Wagner (1813-1883), Fanny Lewald (1811-1889), Georg von Bunsen (1824-1896), Ferdinand Gregorovius (1821-1891), Ary Scheffer (1795-1858) und Friedrich Fröbel (1782-1852), um nur einige der vielen zu nennen. Den "Stifter" des Kindergartens lernte Julie Salis Schwabe im Hause einer nahen Verwandten, der Fröbelpädagogin Johanna Goldschmidt (1806-1884), kennen. Letztgenannte, eine geborene Schwabe, konnte Friedrich Fröbel 1849 in Bad Liebenstein persönlich erleben. Noch im gleichen Jahr organisierte Frau Goldschmidt in Gemeinschaft mit Doris Lütkens (1793-1858) einen Aufenthalt Fröbels in Hamburg, um dort den "Ersten deutschen Bürgerkindergarten" zu eröffnen sowie Kindergärtnerinnen auszubilden. Folgend studierte Julie Salis Schwabe die Schriften des "Kindergartenstifters". Ferner unternahm sie mehrere Studienreisen durch Deutschland, Holland, England, Italien, Spanien und die Schweiz und besuchte dort Kindergärten, Schulen und andere Einrichtungen der Wohlfahrtspflege.

1865 übersiedelte Julie Salis Schwabe, seit 1857 Witwe, nach London und verstärkte ihr soziales Engagement, entsprechend ihrer Lebenseinstellung "Reichtum verpflichtet". Nicht nur für die Bildung und Erziehung verwahrloster Kinder und Jugendlicher setzte sie sich ein, sondern ebenso für Krankenhäuser, Irrenanstalten und allgemein für in Not geratene Menschen, egal welcher Hautfarbe und Religion sie angehörten. "Das Studium menschlichen Elends einerseits, und menschlicher Hilfe andererseits füllt sie ganz aus", so ihre Biographin. Die Philanthropin starb am 20. Mai 1896 im 76. Lebensjahr an den Folgen einer Lungenentzündung in Neapel. Dort wurde sie wenige Tage später auf den britischen Friedhof der Stadt beigesetzt. "Ihr Begräbnis soll dem einer Königin gleichgekommen sein", schrieb ihre Biographin Marie Simon.

Noch kurz vor ihrem Tode hatte Julie Salis Schwabe über ihr mühevolles soziales Engagement geschrieben: "Ich bin zahllose Treppen umsonst gestiegen, habe viele Stunden verwarten müssen und war oft froh, wenn man mir eine Tasse Thee anbot. Unzählige Briefe schrieb ich umsonst, bei vielen klopfte ich vergebens an und verbrachte manche Nacht schlaflos, weil ich fürchtete, mein Werk nicht zu ende führen zu können" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv).

II.

Vor allem die miserablen sozialen Verhältnisse in Neapel, die Julie Salis Schwabe durch ihre vielen Italienreisen kennen lernte, versuchte sie zu lindern - nicht durch Almosen sondern durch die Errichtung von Erziehungs- und Bildungseinrichtungen, da sie der Ansicht war, "dass Bildung für die Massen das sicherste Mittel ist, um ein Land, eine Gesellschaft zu verbessern", wie sie an einen Brief an Giuseppe Garibaldi (1807-1882) schrieb (Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv). Als Letztgenannter sich im Jahre 1860 in einem Aufruf an die italienischen Frauen wandte und diese zur Mitarbeit für das Wohl der verwahrlosten unteren Volksschichten namentlich Süditaliens aufforderte, war Julie Salis Schwabe "eine der ersten, an welche sich das Turiner philanthropische Frauenkomité behulfs Beitritt zu demselben wandte... 'Kommt, laßt uns unsern Kindern leben!' Dieser Mahnspruch Fröbel's that besonders not in einem Lande wie Italien, wo auf dem Gebiete der Pädagogik noch recht wenig geschehen war" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv). Zur Linderung der Not sollte eine allumfassende Erziehungs- und Bildungsanstalt ins Leben gerufen werden.

Die "edle Frau" schrieb an ihre "Sponsoren" in Deutschland, England, Frankreich u. a. Ländern: "Indem auf diese Weise die menschenfreundlichen, aufgeklärten und ernsten Denker der verschiedenen Nationen sich vereinen, einen Zustand der tiefsten menschlichen Versunkenheit zu verbessern, wage ich zu hoffen, daß das Institut in Neapel auch die erste Grundlage eines Bündnisses edler Menschen werde, die ohne Unterschied der Nationalität und des Glaubens sich vereinigen, jenen unheilvollen Mächten entgegenzuwirken, die statt des Reiches Gottes und alles Guten und Wahren auf Erden nur ihre eigene Macht und Herrschaft durch Unwissenheit der Massen zu begründen suchen" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv).

In London gab die weltberühmte Opernsängerin Jenny Lind und ihr Mann, der Pianist und Komponist Otto Goldschmidt, ein Benefizkonzert, das 1.000 Pfund Sterling einbrachte. Daraufhin konnte Julie Salis Schwabe 1861 in Neapel sofort eine Mädchenschule errichten, der bald ein Kindergarten und ein Lehrerinnenseminar folgten. Einen Teil der Lehrkräfte/ Kindergärtnerinnen italienischer, deutscher und englischer Nationalität schickte sie zur Ausbildung nach Hamburg zu Emilie Wüstenfeld (1817-1874) und Johanna Goldschmidt (1806-1884). Bereits zwei Jahre später mussten die sozialen Einrichtungen infolge einer Cholera-Epidemie geschlossen werden.

Nach zehnjährigem Kampf gelang es Julie Salis Schwabe endlich, mit Hilfe der italienischen Regierung das "Istituto Froebeliano" wieder aufzubauen (vgl. Asch 1897). In den achtziger Jahren konnte sie für Leitung des Instituts die Fröbelpädagogin Adele von Portugall (1828-1910) gewinnen (vgl. Portugall 1905, S. 107), die getreu dem Grundsatz Fröbels folgte, "dass die Erziehung nachgehend sein muß" Demzufolge ist die "Aufgabe des Kindergartens und der Schule... nicht so sehr, fertige Kenntnisse und Tatsachen dem Gedächtnis einzuprägen, als vielmehr den Denk- und Assimilationsapparat zu bilden, die Wißbegierde anzuregen und den Grund zu legen, auf dem das Kind selbst aufbauenden kann... und die den Fähigkeiten genau angepaßte Forderung wirkt kraftbildend... Man muß etwas von den Kindern verlangen" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv).

Die Anstalt, ein ehemaliges Kloster, umfasste einen Volkskindergarten mit drei hellen Kindergartenklassen, ausgestattet mit: "Tische und Stühlchen von kleinstem Format... freundliche Bilder an den Wänden, niedrige Schränke mit lockendem bunten Material für Kinderhände, überall noch reichlicher Bewegungsraum für zahlreiche kleine Füßchen" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv). Ferner gehörten zur Institution eine Elementarschule mit Vermittlungsklasse, welche die Kinder vom Kindergarten in die Schule überleitete, eine Volksschule, eine Präparandie für Knaben, die die Schüler bis zur Quarta des Gymnasiums vorbereitete, und eine höhere Mädchenschule, der sich Ausbildungsklassen für Kindergärtnerinnen anschlossen. In allen Einrichtungen wurde nach Friedrich Fröbels "Einheitsidee" gearbeitet. Alle Elementarlehrerinnen stimmten darin überein, "daß ihnen die Schüler aus dem Kindergarten lieber waren und sie leichtere Arbeit mit ihnen hatten als mit denen, die ohne jede Vorbereitung aus dem Elternhause zu ihnen kamen" (Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv).

Nur das weibliche Geschlecht erachtete Julie Salis Schwabe für die Erziehung und Bildung kleiner Kinder als geeignet, ganz im Sinne Friedrich Fröbels, wie sie konstatierte, der in "den ersten Kursen junge Männer, ebenso wie Frauen, 'zur Pflege des Beschäftigungstriebes' ausbildete. Durch Enttäuschungen belehrt und im vollen Bewusstsein seiner bisherigen Blindheit wandte sich der Pädagoge im Jahre 1840 an die gesamte Frauenwelt Deutschlands, die ihn unterstützen und helfen möge, sein Werk der Erziehung und Bildung kleiner Kinder zu verwirklichen. Diesem Rufe haben die Frauen im vollen Masse entsprochen" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv).

Durch königlichen Erlass erhielt die neapolitanische allumfassende Erziehungs- und Bildungsinstitution 1887 den ehrenvollen Titel "Istituto Froebeliano Internazionale Emanuele II" verliehen. Großen Wert legte Julie Salis Schwabe darauf, dass im Kindergarten Jungen und Mädchen wie in der Familie gemeinsam im Sinne der Fröbelpädagogik erzogen und gebildet werden. Betreut wurden Kinder im Alter von drei bis sechs Jahren. Im Jahre 1890 zählte die öffentliche Einrichtung, die mit neun Kindern ihren Anfang nahm, weit über 170 Kinder. Sie war "später von über 1000 Kindern aller Alterstufen belebt" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv).

In ihrem segensreichen Wirken wurde Frau Salis Schwabe von Helene Klostermann (1858-1935) - "das Kind eines geistig sehr lebendigen deutschen Elternhauses in Italien, [die; M. B.] als junge Lehrerin in England Frau Schwabes Sekretärin und Mitarbeiterin geworden [war; M. B.]" (zit. n. Dokument, archiviert im Ida-Seele-Archiv) - unterstützt. Diese war eine bedeutende Kindergarten- und Fröbelpädagogin, die in ihren unveröffentlichten "Erinnerungen aus meinem Leben" über die neapolitanische Einrichtung vermerkte: "Die natürliche gesunde Entwicklung im Kindergarten bereitete den späteren Schulunterricht in der glücklichsten Weise vor, und dieser verließ seinerseits nicht die im vorschulpflichtigen Alter geübte schaffende Tätigkeit, sondern stellte darin nur allmählich wachsende höhere Anforderungen und verband dadurch mit der Entwicklung der Hand die des Geistes, mit dem Tun das Erkennen. Fortschreitend trat dann immer mehr das eigentliche Lernen in seine Rechte, doch wurde in allen Klassen Handfertigkeiten und Hausfleiß gelehrt und in besonderen dafür angesetzten Stunden durchgeführt... Jeder Blick in die Kindergärten und Schulklassen gab Gelegenheit, die geordnete und doch freie Art der kindlichen Tätigkeiten mit den dargebotenen [Fröbelschen Spiel- und Beschäftigungs-; M.B.] Mitteln zu beobachten" (zit. n. Dokument, Ida-Seele-Archiv).

III.

Der Erfolg von Neapel spornte Julie Salis Schwabe dazu an, im Jahr 1892 auch in Großbritannien eine "Fröbel-Society" zur Förderung des Kindergarten-Systems mit einer Gruppe gleichgesinnter Frauen und Männern ins Leben zu rufen. Diese konnte 1896 in Colet Gardens, im Londoner Stadtteil Kensington, sowohl einen großen Volkskindergarten, d.h. ein "Muster-Erziehungsinstitut im Geiste Friedrich Fröbels und William Ellis" (1794-1872), als auch ein nicht-konfessionell gebundenes Lehrerseminar, feierlich eröffnen. Eingeweiht wurde das "Fröbel-Educational-Institute" in Anwesenheit seiner hohen Protektorin, Kaiserin Friedrich. Die Institution sollte die Entwicklung des Kindergartens mit Berücksichtigung der Fröbelpädagogik in England unterstützen, verbreiten und fördern. Das einstige Fröbel-Lehrerseminar existiert noch heute als "Ibstock Place School" (siehe: http://www.ibstockplaceschool.co.uk/), die inzwischen in Roehampton angesiedelt ist und sich nach wie vor den Fröbelschen Grundideen verpflichtet fühlt (vgl. Lawrence 2012, S. 31 ff.).

Literatur

Asch, J.: Eine Fröbelsche Erziehungsanstalt in Neapel (Istituto Froebliano Vittorio Emanulle II). Breslau 1897

Lawrence, E.: Friedrich Froebel and Englisch Education. Abingdon 2012

Portugall, A. von: Friedrich Fröbel sein Leben und Wirken. Leipzig/Berlin 1905

Archiv

Ida-Seele-Archiv, 89407 Dillingen