Rezension

Josef Kraus: Helikopter-Eltern. Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung. Reinbek: Rowohlt 2013, 221 Seiten, EUR 18,95 - direkt bestellen durch Anklicken

 

"Helikopter-Eltern" - ein interessanter Titel, doch schon der Untertitel gibt zu denken: "Schluss mit Förderwahn und Verwöhnung".

Josef Kraus ist seit 1987 Präsident des Deutschen Lehrerverbandes, leitet ein bayrisches Gymnasium und ist schon durch andere Bücher für seine konservativen pädagogischen Ansichten bekannt geworden.

Die angesprochene Thematik ist sicher aktuell und auch ein Buch wert. Nur schimmern immer wieder die frustrierenden Erfahrungen des Autors als Gymnasialdirektor durch, der seinen Ärger mit juristisch versierten Mittelschichtseltern und deren verwöhnten Kindern zum Maßstab aller Dinge erhebt, und der daraus nun ein Buch mit einem Anspruch auf Allgemeingültigkeit gemacht hat.

Differenzierung bleibt da ein Fremdwort. Statt seine Erfahrungen zu relativieren und in Bezug auf das begrenzte soziale Umfeld zu analysieren, holt der Autor zu einem Rundumschlag aus, der - mal wieder - die gesamte moderne Pädagogik trifft. Es ist stets nur von Kindern der Mittelschicht die Rede, nur wird das nirgendwo gesagt; das Wort "Kinderarmut" wird man vergeblich suchen. Am Ende bleibt dann nur der Aufruf, Erziehung mit Leichtigkeit und Humor zu betreiben. Im Jahre 2013 könnte man da doch einiges mehr erwarten!

Josef Kraus bezieht sich auf eine Unmenge von Literatur, um die "Beweiskette" für seine Behauptung zu untermauern, die da - auf den Punkt gebracht - lautet:

Die Kinder von heute sind unterfordert, verwöhnt, ichbezogen und nicht leistungsfähig.

Schuld daran sind:

  • der ursprünglich behavioristisch begründete allgemeine Machbarkeitswahn
  • der Narzissmus der selbst narzisstisch erzogenen Eltern
  • die Reformpädagogik, die 68er
  • der wachsende Einfluss des Staates auf die Erziehung
  • der gesellschaftliche Hedonismus
  • die Psychologisierung der Pädagogik

Willkommen in den 1950er Jahren!

Außerdem drängt sich beim Lesen der Verdacht auf, dass der Autor nicht in allen angesprochenen Gebieten kompetent ist. Die Ergebnisse der Hirnforschung werden von ihm zu Recht relativiert, undeutlich bleiben aber z.B. der Unterschied zwischen Neuronenwachstum und Synapsenverstärkung und die Bedeutung der Zeitfenster. Der von ihm als Kritikpunkt angeführte "Mythos" von den 90% ungenützter Hirnkapazität kann man nun wirklich nicht mehr als Argument anführen, weil dies schon längst widerlegt ist. Andere Einwände, die wirklich relevant wären, wie die Problematik der Aussagekraft von Hirnscans und die weitgehend fehlende soziale Dimension, werden nicht angeführt. Noch ärger sieht es bei seinen Angriffen auf die Bücher von Elschenbroich und Hüther aus. Es drängt sich der Eindruck auf, dass Herr Kraus hier gar nicht verstanden hat, worum es geht. Oder will er es nicht verstehen, weil es nicht in sein Weltbild passt?

Heinz Schlinkert, www.algodon.de