Aus: was + wie? 1996, Heft 3, S. 157-164

Sonntag und Feiertag. Soziologische und psychologische Überlegungen zur Sonn- und Feiertagsgestaltung

Michael Schnabel

 

1. Der Angriff auf den Sonn- und Feiertag

"Bitte beeilen Sie sich", fordern Plakate die Passanten in der Fußgängerzone und am Marienplatz in München auf. Eine Frau und vier Männer des "Vereins zur Verzögerung der Zeit" wollen damit einen Anstoß zum Nachdenken mitten in der Hektik des Weihnachtsgeschäfts geben.

Sind die Menschen unfähig geworden, mit der Zeit sinnvoll zurecht zu kommen? Ist den meisten heute Ruhe und Besinnlichkeit verloren gegangen? Laut Focus-Umfrage sehnen sich 57 % der Erwachsenen nach mehr Ruhe, 58 % leiden am Arbeitsplatz und 27 % in der Freizeit unter Hektik und Stress (Gebert, F. 1995).

Bei der sogenannten Feiertagsdebatte wurde von den Kirchen immer wieder darauf verwiesen: Sonn- und Feiertage sind nicht nur zur Erholung und zum Ausruhen da, sondern sie sind wesentlicher Bestandteil der menschlichen Lebensgestaltung. Zum Sonn- und Feiertag gehöre unverzichtbar der Gottesdienst. Und somit ist für den Christen der Sonn- und Feiertag nicht Freizeit sondern Zeit für Gott.

Wer heute in die Familien schaut, denkt: Alles nur ein frommer Wunsch!

Wer geht von den jungen Familien am Sonntag noch in den Gottesdienst? Und wie frei ist der Sonntag, wenn statistisch gesehen 40 % der Arbeitnehmer von gelegentlicher Wochenendarbeit betroffen sind?

Aber fragen wir uns ehrlich: Sind die überalterten Vorstellungen von der Sonntagsgestaltung noch durchzuhalten, wie sie in pastoralen Überlegungen und Praktiken weiterhin herumgeistern? (Zentralstelle Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.) 1996.)

Beispielsweise: Samstag, 16.00 Uhr, es läuten die Kirchenglocken und damit beginnt der sonntägliche Feierabend: Sonntag Vormittag gemeinsamer Kirchgang, nachmittags ein Spaziergang durch Park, Flur oder Wald.

Das ist das Wunschdenken noch vieler Seelsorger: Übrigens hat diese angeblich so heilige Ordnung schon damals manchmal nicht gut getan (Moser, T. 1989).

2. Neue Freiräume nicht übersehen!

Wer sich etwas umschaut, der wird einsehen: Das Arbeits- und Freizeitverhalten der Menschen hat sich grundlegend verändert. Die Lebensgewohnheiten in den Familien sind vielschichtiger und komplexer geworden. Die Auffassungen, was dem Familienleben zuträglich ist und welche Wertvorstellungen entscheidend sind, haben sich geändert.

Schlagwörter, die unsere Zeit charakterisieren, richten den Blick auf Prozesse, die heute Fest- und Freizeitgestaltung mit prägen: Keine einheitlichen Lebensgewohnheiten, Ausweitung der Freizeit, Mobilität der Familien, Abnahme der Bindungen, Bildung neuer Gruppen, Veränderung von Interessen, neue Sensibilität.

Es gibt sie nicht mehr: die einheitliche Gestaltung des Sonntags in einer Wohngegend, in einem Dorf, ja nicht einmal mehr in einer Familie. Wenn die Kinder noch nicht zur Schule gehen, dann ist es möglich, dass Eltern und Kinder miteinander das Wochenende verbringen. Gleich nach dem Kindergarten, manchmal schon während der Kindergartenzeit beginnen die Termine der Kinder eventuelle Vorhaben der ganzen Familie zu durchkreuzen.

Die Anlasse zu feiern, die Art des Feierns und die Beteiligung verschiedener Menschengruppen haben sich geändert. Die Ergebnisse einer soziologischen Untersuchung (Haas, E. 1993) an der Universität München zeigen: Feiern geschieht größtenteils im Kreis der Verwandten und Bekannten. Das Feiern besteht gewöhnlich im gemütlichen Zusammensitzen, Essen und Trinken und in einer zwanglosen Unterhaltung. "Der Sonntag ist ein besonderer Tag. Da passiert nix ...", meint ein Befragter. Die Untersuchung konnte folgende Typen der Fest- und Feierpraxis benennen: Der traditionelle Typus: Menschen dieser Personengruppe sind mit der herkömmlichen Fest- und Feierpraxis zufrieden. Es handelt sich meist um Menschen, die auf dem Land leben.

Der moderne, arbeitsorientierte Typus: Menschen, die ihre Freizeit ebenso organisieren, wie den Arbeitstag mit einer Vielzahl von Aktivitäten, Freizeitaktionen oder auch liegengebliebenen Arbeiten. Es handelt sich vorwiegend um aufstrebende Mittelschichtler.

Der selbstreflexive, situative Typus: Manche Menschen laden spontan oder zu bestimmten Anlässen eine größere Anzahl Bekannte und Freunde, teilweise mehrere Familien zum Feiern ein. Sie organisieren mit viel Phantasie und Einfallsreichtum eine private Fete. Traditionelle Feste werden mit neuen Inhalten gefüllt und sehr bewusst gestaltet.

Auffällig ist bei den Aussagen zur Fest- und Feierpraxis: Bei allen Befragten - außer die, die zum traditionellen Typus gehören - spielen religiöse und kirchliche Momente keine Rolle.

Die Befragten waren fast ausschließlich Personen mit Kindern. Inwieweit Kinder ein Fest beeinflussen, wurde zusätzlich ausgewertet: Einerseits stören Kinder den bequemen und gemütlichen Festablauf, zum anderen fordern sie aber besonders die Kreativität der Erwachsenen heraus und können verschüttete Phantasie und Einfallsreichtum neu beleben. Den Kindern ist es meist zu verdanken, wenn Feste ausgetretene Spuren verlassen, wenn Spontaneität, Ausgelassenheit und Spielwitz ein Fest zum nachhaltigen Erlebnis werden lassen.

Fest und Feier sind in den Familien nicht auf den Sonntag oder auf einen Feiertag beschränkt. Mehrere Tage des Wochenendes stehen zur Verfügung und immer neue zeitliche Freiräume bieten sich an. Für viele Menschen beginnt das Wochenende bereits Donnerstag Mittag. Und denken Sie an die vielen Kurzarbeitszeitmodelle, die vier Tage Arbeit vorsehen (Schneider, L. 1990). Die verlängerte Freizeit ist nicht gleichzusetzen mit Leben im Sonnenschein. Immer mehr Menschen wird die Freizeit zum Übel, sie wissen damit nichts anzufangen und leiden unter Langeweile. "Inzwischen gibt jeder dritte Befragte zu, dass er sich am Sonntag langweilt und dies als einen enormen Stress empfindet, dass er nicht in völliger Stille mit sich allein sein kann, dass er gerne am Wochenende etwas Größeres unternehmen würde, doch dazu keine Lust und Energie habe" (Nuber, U. 1990). Von 1958 bis 1983 habe sich die Zahl der "Sonntagsneurotiker" von 23 % auf 38 % erhöht, und viele Freizeitforscher befürchten, in den 90er Jahren wisse die Mehrheit der Bevölkerung nichts mehr mit ihrer freien Zeit anzufangen.

Wäre es für die Planung der Seelsorge nicht überlegenswert, wie in dieser immer umfänglicher werdenden Freizeit überlegte Angebote eingebracht werden könnten? Forderung daraus an die Sonn- und Feiertagspastoral sollte sein, gezielt alle Freiräume in die Gestaltung einzubeziehen. Nur Gottesdienste am Samstag und Sonntag führen in die Sackgasse. Es ist ein alter Zopf, der noch an den Schildern am Straßenrand zu lesen ist: "Gottesdienst um 9.00 Uhr, 10.00 Uhr, 11.00 Uhr".

Wie Familien ihre Freizeit verbringen, was sie unter einem schönen Fest verstehen und mit welchen Menschen sie zusammen feiern möchten, hat in den letzten Jahrzehnten einen Wandel durchgemacht. Sich in Gemeinschaften, kirchlichen Vereinen oder Verbänden zu organisieren und dann an Großveranstaltungen, Kundgebungen, religiösen Treffen teilzunehmen, ist passé. Viele Familien treffen sich im kleinen überschaubaren Kreis von drei bis sieben Familien. Freitage und Samstage sind verplant mit Grillpartys, Nachbarschaftsfesten, Straßenfesten, Feste des Hauseinzugs, Spielfesten u.a. Natürlich trifft man die gleichen Familien auch beim Pfarrfest und Kindergartenfest. Leider hat sie Seelsorge diese umfängliche Kultur des privaten Feierns noch nicht wahrgenommen, geschweige denn gezielt für ihre Anliegen aufgegriffen. "Mehrmals habe ich unseren Pfarrer eingeladen und eindringlich gebeten, er soll doch auf unsere Gartenparty kommen", beklagt ein Pfarrgemeinderat. "Er könnte viele Leute treffen, die er sonst nicht sieht."

Ähnliche Veränderungen zeigen sich in der Gruppenbildung. Die Kirchengemeinde ist kaum noch eine Gruppe mit Wir-Gefühl. Zusammengehörigkeit und enge Bindungen an die kirchliche Gemeinde sind bei den meisten Christen nicht mehr vorhanden. Dagegen gibt es Gemeinden mit hoher Identität und großer Bindungskraft, z.B. die Gemeinde der Fußballspieler, die Eltern-Kind-Gruppengemeinschaft, Familienzentrum, Kindergarteneltern, Alternativkostler ...

Besonders zuträglich für eine religiöse Gestaltung des Sonn- und Feiertages ist die Hinwendung junger Familien zu einem ganzheitlichen Lebensstil. Neuerdings machen sich immer mehr Menschen Gedanken, wie sie gesund leben können, wie die Umwelt geschützt werden solle, wie Entspannung, Besinnung gepflegt werden kann (Decker, F. 1992). Angebote der Kontemplation und Meditation, der Ruhe und Besinnung werden immer beliebter, Mehrere Zehntausende begeben sich laut Schätzungen jährlich auf Zeit ins Kloster. Es gibt neuerdings Gruppen, die sich für Gemächlichkeit, Langsamkeit und Zeithaben stark machen, und - wie eingangs der "Verein zur Verzögerung der Zeit" genannt - Aktionen starten, Kurse anbieten und Aufsätze über Langsamkeit und Bedächtigkeit schreiben. Zeit füreinander haben, Zeit für sich reservieren, um besinnlich und ruhig eigenen Gedanken nachgehen zu können, nimmt in den Familien und sogar Chefetagen einen immer höheren Rang ein.

Ausweitung der freien Zeit, private Fest- und Feierkultur, bestehende Kleingruppen mit engen Bindungen und ein zunehmendes Bewusstsein für ganzheitliche Lebensgestaltung sind hervorragende Vorbedingungen, den Familien Lebensprinzipien nahe zu bringen, die üblicherweise mit Sonntagsgestaltung aus dem Glauben einhergingen.

3. Sonntag: Ein Aufgabenfeld des Kindergartens?

"Sonntag ist kein Kindergartentag", werden die meisten Pädagoginnen denken. Die Sonntagsgestaltung ist in erster Linie Aufgabe der Familien und - im Hinblick auf die religiöse Praxis - der Pfarrei.

Kann der Sonntag zu einem Thema, zu einem Projekt im Kindergarten werden?

Ganz sicher kann der Kindergarten nichts dazu beitragen, die alten Strukturen einer Sonntagsgemeinde zu stützen oder zu beleben. Diese Vorstellungen gehören ein für allemal der Vergangenheit an. Jeder Versuch, sie zu beleben, ist vertane Liebesmüh - nur Frust.

Aus allen Gesprächen mit Pädagoginnen des Kindergartens konnte ich entnehmen, dass die "Montagsgespräche" mit Kindern ein fester Bestandteil sind. Kinder erzählen ihre Erlebnisse vom Wochenende. Dieser Austausch sagt viel, wie die Familien leben, und zugleich können Kinder gute und schlechte Erfahrungen los werden.

Nun könnte jedoch eine geplante thematische Einheit über den Sonntag den Kindern bewusst werden lassen, welche Gestaltungsmöglichkeiten sich bieten, und vor allem, Sonntag ist für Christen die Feier der Auferstehung Jesu (Longardt, W. 1975). Es ist zweifelhaft, ob eine thematische Einheit im Kindergarten das Familienleben berührt, wenn nicht zusätzlich in einem Elternabend Fragen der Sonntagsgestaltung behandelt werden. Ein Elternabend über den Sonntag bringt die Chance für Pädagoginnen und Kindergartenträger, die Eltern darüber zu informieren, was das Gemeindeleben für die Familien bietet. Diese Infos unbedingt mit Hilfsmitteln unterstützen! Austeilen eines Pfarrbriefes, Veranstaltungskalender, Handzettel, Begrüßungsbrief für neue Familien, u.a. nicht vergessen!

"Am Freitag vor Erntedank gebe ich allen Kindergartenkindern einen Apfel mit", erzählt ein Pfarrer. "Wenn die Kinder von den Eltern abgeholt werden, erzählen sie vom Apfel und der geplanten Erntedankfeier am Sonntag." Erfindungsgabe und Einfallsreichtum sollten eine Vielzahl derartiger Praktiken auf den Weg bringen, damit durch den Kindergarten für das pastorale Angebot der Pfarrei geworben wird.

Nach den oben erwähnten Untersuchungen sind es die Kinder, die in den Familien Fest und Feier zu einem überraschenden und einfallsreichen Ereignis werden lassen. Dies sollte auch für die Gemeinde gelten. Wenigstens der Familiensonntag müsste so gestaltet sein, dass Kinder mit Freude und Begeisterung dabei sind und dass er für Eltern zu einem erholsamen und stressfreien Tag wird. Familiensonntage und Pfarrfeste könnten ungemein profitieren, wenn sie Ideen aus den Privatfesten der Familien aufnehmen würden.

Die beschriebenen Veränderungen in der Lebensgestaltung von Familien und die Vielfalt der unterschiedlichen Bedürfnisse verlangen zwingend eine genaue Kenntnis darüber, was Familien vom Pfarrleben erwarten. Die Pädagoginnen im Kindergarten können mit ihren Kontakten zu Kindern und Eltern erste Kundschafter für pastorale Planungen sein. Eine partnerschaftliche Kooperation zwischen Pädagoginnen und Verantwortlichen der Gemeindepastoral sollte die Aktionen durchwegs an den Erwartungen der Familien ausrichten. Denn sonst verkommen viele Veranstaltungen der Pfarrei zu Selbstläufern.

Ein hilfreiches Angebot für Familien sind Wochenendseminare, die der Kindergarten zusammen mit der Pfarrei veranstalten kann. In einem derartigen Seminar können Eltern und Kinder eine beispielhafte Gestaltung des Wochenendes erleben. Sicher werden dabei neue Bindungen unter den Familien entstehen, die zur gegenseitigen Hilfe und Unterstützung führen können. Gleichzeitig können mit den Eltern Fragen der religiösen Ereziehung beraten werden, und Eltern und Kinder können einen ansprechenden Familiengottesdienst gestalten.

Die vorgetragenen Überlegungen zeigen: Sonn- und Feiertage verlieren ihr herkömmliches Gepräge. Zugleich eröffnet der sich abzeichnende Wandel neue Chancen einer Fest- und Feierkultur. Ganz entscheidend wird sein, dass die Konzepte der Seelsorge diese Freiräume aufspüren und nutzen. Die kirchliche Kindergartenarbeit könnte hilfreich sein, dass die entstehenden Chancen gesehen und genutzt werden.

Literatur

Gebert, Frank: Ruhe. Sehnsucht nach einem verlorenen Gefühl, in: Focus Nr. 51, 1995, S. 137

Zentralstelle Pastoral der Deutschen Bischofskonferenz (Hrsg.): Kultur des Sonntags in der Familie. Familiensonntag 1996, Bonn 1996.

Moser, Tilmann: Gottesvergiftung, Frankfurt 1989.

Haas, Erika; Tatschmurat, Carmen: "Der Sonntag ... da passiert nix". Aspekte alltäglicher Festkultur, in: Jurczyk, Karin (Hrsg.): Die Arbeit des Alltags: Beiträge zu einer Soziologie der alltäglichen Lebensführung, Freiburg 1993, S. 375-400.

Schneider, Lothar: Subsidire Gesellschaft, Paderborn 1990.

Nuber, Ursula: Warum wir uns langweilen, in: Psychologie heute 17 (1990) 22.

Decker, Franz: Mind Fitness. Mentalgestaltung und Mentalberatung, Südergellersen 1992, S. 41.

Longardt, Wolfgang: Sonntag kann schön sein, in: was+wie? 4 (1975) 54-60.