Reflexion eines männlichen, studierten Frühpädagogen über Ausbildung und Berufseinstieg

Christoph Kairies

 

Anlass und Motivation

Ein konkreter Anlass, Kinder und Kindheit als Themenfeld überhaupt wahrzunehmen, ist in meinem Falle mit der Geburt meines ersten Neffen deutlich auszumachen. Mit 18 Jahren bekam ich erstmalig in meinem familiären Umfeld Gelegenheit, das Aufwachsen eines Kindes von Anfang an hautnah mitzuerleben. Dies war eine völlig neue Situation für mich, hatte ich zuvor mit Kindern bis zum 8. Lebensjahr nicht im entferntesten Kontakt. Nun war dieser kleine Mensch geboren, um den sich das Familienleben drehte und der eine ganze Reihe Fragen aufwarf: Wie soll/kann ich mit ihm umgehen? Was kann er schon? Wie entwickelt er sich? Ich erlebte mich als völligen Laien in dieser für mich plötzlich so aktuellen Thematik, was mich neugierig stimmte.

Im ersten Lebensjahr meines Neffen erlangte ich die Hochschulreife und leistete den Zivildienst ab. Die riesige Entwicklung, die Felix in diesem relativ kurzen Zeitraum machte, faszinierte mich; ich fand sie ungeheuer spannend. Gegen Ende des Zivildienstes (Herbst 2006), den ich in einem Krankenhaus leistete, ging es für mich in die entscheidende Phase der Berufsfindung, welche noch keine eindeutige Tendenz aufwies und auch noch nicht das Arbeitsfeld der frühen Kindheit mit einbezog.

Erst als ich bei den Studienangeboten der Hochschulen auf die noch recht jungen Bachelorstudiengänge zu diesem Themenfeld stieß, zog ich zum ersten Mal die Möglichkeit in Betracht, meinen Berufsweg in diese Richtung zu lenken. Schnell konnte ich mich mit diesem Gedanken anfreunden. Mein Praktikum in einer Frühförderstelle und die Zusage aus Gießen, dort "Bildung und Förderung in der Kindheit" ab dem Wintersemester 2007/2008 studieren zu können, brachten dann für mich endgültig die Gewissheit, diesem Weg einschlagen zu wollen. Finanzielle Aspekte oder die Sicherheit, einen Arbeitsplatz nach dem Studium zu finden, standen bei den Überlegungen zur beruflichen Zukunft hinten an. Mir ging es vor allem darum, mir ein Berufsfeld zu eröffnen, das mich erfüllt und in dem ich einen Sinn sehe.

Aus heutiger Sicht finde ich es interessant, dass ich eine Erzieherausbildung zu diesem Zeitpunkt überhaupt nicht in Betracht gezogen habe, obwohl die Mutter meiner Freundin schon lange Zeit als Erzieherin arbeitete. Grund dafür sehe ich vor allem in dem gewissen Reiz, den ich mit der Möglichkeit dies zu studieren verband, ohne diesen aber konkretisieren zu können.

Studium im frühpädagogischen Bereich

Für meinen pädagogischen Werdegang und meine persönliche Entwicklung möchte ich die sechs Semester an der Universität Gießen als wertvoll einstufen. Mir wurde mit dem Bachelorstudium der "Bildung und Förderung in der Kindheit" (http://www.uni-giessen.de/cms/studium/studienangebot/bachelor/kindheit) die Gelegenheit gegeben, einen breit gefächerten Über- und Einblick in das Theoriefeld der frühkindlichen Pädagogik zu erlangen und mich in das wissenschaftliche Arbeiten einzufinden.

Durch das Vollzeitstudium waren in diesen drei Jahren nur sehr sporadische Einblicke in die und Verknüpfungspunkte mit der Praxis möglich (insgesamt zwölf Wochen Praktikum: sechs davon im Rahmen des Studiums und sechs auf eigene Initiative). Meiner Meinung nach ist dies Sachverhalt ist für die Qualität des Studiums auf der einen Seite bedauerlich, liegt möglicherweise aber auch in der Natur der Hochschulausbildung. Kritisch angemerkt muss auch der mehrfache Einsatz fachfremder Dozenten (vor allem aus dem Primarbereich), die zu geringe Anzahl an Lehrveranstaltungen zu speziellen Themenbereichen, die eine echte Profilbildung verhindern, und die zu hohe Prüfungslast, die zu wenig Raum zum selbstbestimmten Lernen lässt.

Des Weiteren erfüllt es einen Studenten teilweise schon mit großen Unbehagen, wenn seine Universität und er selbst überhaupt nicht die Perspektiven, die ihm seine derzeitige Ausbildung ermöglicht, einschätzen kann. Dies war sicherlich vor allem der Situation der Neueinrichtung der frühpädagogischen Studiengänge geschuldet, kann aber auch heute nur sehr vage beantwortet werden. Ich befand mich im zweiten Jahrgang, der das Studieren dieses Angebots überhaupt aufnahm. Heute sehe ich meine Qualifikation dort als eine gute Basis für meinen späteren beruflichen Werdegang an, die es aber noch auszubauen gilt.

Erwähnenswert ist sicherlich noch das Geschlechterverhältnis unter den Studierenden: Von etwa 300 Studenten zu Beginn des Studiums schätze ich die absolute Zahl der männlichen auf 15 ein. Die "Exotenrolle" war im Studium allgegenwärtig: zum Teil, weil ich nicht selten als einziger Mann in Seminarraum saß, zum Teil aber auch, weil ich häufiger in meiner Besonderheit als männlicher Pädagoge im Elementarbereich in den Blick genommen wurde.

Bei meinen Praktika setzte sich dieser Eindruck fort. Überwiegend war ich der erste Mann, der als (wenn auch erst als angehender) Pädagoge in der Einrichtung tätig war, des Weiteren durchlief ich mit dem Studium eine neue Ausbildungsform, deren Existenz zu diesem Zeitraum in der Praxis noch weitgehend unbekannt war. Es galt aus diesen Gründen immer wieder Aufklärungsarbeit zu leisten: einerseits über meine Motive, in das Berufsfeld einsteigen zu wollen, und andererseits über meine studiumsbezogenen Qualifikationen.

Die Neugier, aber auch der skeptische Unterton ("Was kann der jetzt als Student und als Mann? Kann der das mit Kindern überhaupt ohne Praxis?"), waren dabei im Praktikum auf Ebene der Leitungen, der Kollegen bzw. Betreuer/innen und der Eltern mein ständiger Begleiter. Nur die Kinder gingen von Anfang an vorbehaltlos auf mich zu und stürzten sich regelrecht auf mich. Aus diesem Grund hatte ich neben der Aufklärungsarbeit auch immer wieder von Neuem Überzeugungsarbeit bezüglich meines Könnens und meiner Eignung in den Praktika zu leisten.

Einstieg in die Praxis

Gegen Ende des Bachelorstudiums konnte ich mir durchaus vorstellen, den universitären Weg unmittelbar weiterzugehen und beispielsweise in Gießen den Master "Elementar- und Integrationspädagogik" zu studieren. Jedoch entschied ich mich für den Weg in die Praxis, weil ich endlich über die Praktikantenrolle hinaus in einer pädagogischen Einrichtung längerfristig tätig sein wollte. Zudem sprachen auch persönliche Motive für diesen Schritt. Des Weiteren konnte ich, wie schon beim Bachelorstudium, nicht absehen, welchen Stellenwert dieses noch höher qualifizierende Studium (ohne nennenswerte Praxiserfahrung) auf dem Arbeitsmarkt besitzt und welches Spektrum an Arbeitsstellen mir im Anschluss tatsächlich offen steht.

Bei der Suche meines zukünftigen Arbeitsplatzes stand für mich im Vordergrund, eine Einrichtung zu finden, die qualitativ hochwertige pädagogische Arbeit leistet - also weniger persönliche Aspekte wie Bezahlung oder Stundenanzahl. Als mögliches Arbeitsfeld kamen dabei der Bereich der Kindertageseinrichtungen und der Kleinstwohngruppen der Jugendhilfe mit Kleinkindern in Frage.

Durch meinen erstgeborenen Neffen wurde ich dann auf eine vielversprechende Kindertageseinrichtung aufmerksam, die Personal für den Aufbau einer Krippengruppe suchte. Türöffner war neben meinem Neffen und dessen Eltern ein Praktikum, das ich in der Einrichtung machte. Auch hier galt es wieder, Aufklärungs- und Überzeugungsarbeit betreffs meiner Eignung und meiner Qualifikation zu leisten. Vorerfahrungen mit männlichen Fachkräften gab es dort zwar schon ein wenig, jedoch nicht allzu positive.

In Folge meines dreiwöchigen Praktikums wurde ich zu einem Vorstellungsgespräch eingeladen und durfte für die neue Krippengruppe gleich im Anschluss an mein Studium arbeiten. Mir wurde somit ein nahtloser Übergang von der universitären Ausbildung zum Praxiseinstieg ermöglicht. Zudem benötigte ich nur eine Bewerbung, um überhaupt einen Arbeitsplatz zu finden, der meinen pädagogischen Ansprüchen auch gerecht wurde.

Dass ich mein Arbeitsfeld in der Betreuung und Bildung der Ein- bis Dreijährigen fand, ist einerseits durch diese Begebenheiten zu erklären, jedoch auch eine bewusst getroffene Entscheidung gewesen. Meine Vorerfahrungen mit meinen drei Neffen im privaten Rahmen und das Praktikum in einer Krippe machten es mir leicht, die Vorstellung zu entwickeln, selbst mit dieser Altersgruppe zu arbeiten, und nach einem dreiviertel Jahr Berufsausübung hat sich dieses Bild auch nicht verändert.

Die Arbeit mit Kindern unter drei ist für mich äußerst spannend, fröhlich und fordernd: Spannend, weil ich es sehr interessant finde, wie einzigartig Kinder in diesem Alter bereits sind und welche Faktoren ihr Handeln beeinflussen können. Fröhlich, weil es einfach Spaß macht, mit den Kindern gemeinsam Dinge zu erleben und ihren Humor zu teilen und weil sie einem in diesem Alter auch viel zurückgeben. Fordernd, weil die Arbeit viel Geduld, Flexibilität, Empathie und soziale Kompetenzen von einem selbst einfordert.

Aussichten

Nach einem dreiviertel Jahr im Beruf rücken die eigenen beruflichen und finanziellen Perspektiven, die bei der Einstellung noch ganz hinten anstanden, allmählich mehr in den Vordergrund. Dies hängt mit der eigenen Familienplanung und -situation zusammen, die mich in einem halben Jahr selbst Vater werden lässt, aber auch mit der selbst erlebten Wertschätzung, wobei ausschließlich der finanzielle Aspekt gemeint ist. Meiner höheren Qualifikation, welche zweifelsohne meine Berufstätigkeit bereichert, wird in der Bezahlung keinerlei Rechnung getragen. Dadurch finde ich mich in Niedersachsen als Erzieher-Zweitkraft in der Tarifgruppe S3 wieder, was ich schon jetzt als unbefriedigend erlebe und was mich sicherlich mit der Dauer meiner Berufstätigkeit noch unzufriedener machen wird. Die große Diskrepanz zwischen Qualifikation und Bezahlung zaubert die tollsten Gesichtsdrücke auf die Gesichter der Menschen, mit denen ich über diesen Sachverhalt rede, und fördert Gedanken, die in die Richtung gehen, die Ebene der direkten Arbeit am Kind im Berufsfeld schneller als zunächst gedacht zu verlassen.

Eine zusätzliche Barriere in den berufsfeldbezogenen Karrieremöglichkeiten ist, dass ich derzeit mit meinem Studium der Frühpädagogik keine Gruppenleiterposition einnehmen kann, da mir die dafür erforderliche Erzieher/innenausbildung fehlt. Dem viel benutzten Slogan "Die Besten für die Kleinsten" stehe ich sehr skeptisch gegenüber, da es aus meiner Sicht noch großer Anstrengungen bedarf, die am besten ausgebildeten Fachkräfte in der Bildungsarbeit mit den Jüngsten zu integrieren und dort zu halten.

Abschließend möchte ich noch darauf hinweisen, dass ich mich nach ungefähr fünf Jahren Praxiserfahrung weiter qualifizieren möchte, etwa durch ein Masterstudium. In welche Richtung dies dann gehen wird (Projektarbeit, Forschung, spezialisierte Arbeit am Kind), halte ich mir aber noch offen.

Autor

Christoph Kairies (24) studierte an der Justus-Liebig-Universität Gießen den Bachelorstudiengang "Bildung und Förderung in der Kindheit" und arbeitet seit August 2010 als Zweitkraft in der Krippengruppe der Kindertagesstätte Fingerhut e.V. in Osnabrück.