Rezension

Herbert Renz-Polster: Menschenkinder. Artgerechte Erziehung - was unser Nachwuchs wirklich braucht. München: Kösel 2016, 256 Seiten, EUR 17,99 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Geht man in eine Buchhandlung, so findet man Erziehungsratgeber, Leitfäden für Eltern, Handbücher für Pädagog/innen, die Anpreisung immer wieder neuer und alter Theorien. Viele Menschen schreiben über Kinder, aber oft fragt man sich, ob sie Kinder überhaupt kennen. Rezepte werden verteilt, was man bei welchem Verhalten zu tun oder zu lassen habe. In der frühen Bildung löst ein Trainingsprogramm das andere ab und verspricht klügere, bessere, erfolgreichere Kinder.

Stattdessen sollten Eltern und Erzieher/innen das neue, alte Lieblingsbuch von Herbert Renz-Polster lesen! Schon der Untertitel fordert auf, das Buch in die Hand zu nehmen. Der/die Leser/in sollte sich mitreißen und einfangen lassen von seinen Gedanken, denn dann würde sich der Blick auf Erziehung und in der Konsequenz auf das eigene Verhalten bestimmt verändern. Vielleicht würde der/die Leser/in dann erkennen, was sein/ihr Kind wirklich braucht und wie eine artgerechte Umwelt für Kinder sein sollte. Klar haben wir nicht immer die Möglichkeit, diese zu verändern. Aber zumindest in unserem nächsten Umfeld ist dies machbar.

Angst macht Eltern verrückt. Sie haben Angst, etwas zu versäumen, und deshalb lassen sie ihre Kinder nicht frei. "Wenn unsere Kinder wirklich auf ihrem jahrtausendelangen Weg bestehen konnten, dann nicht, weil sie mit Problemen beladene Mimosen waren, sondern deshalb, weil sie gute Antworten auf die Herausforderungen gefunden haben, die sich ihnen stellten. Deshalb, weil sie Stärken entwickelt haben" (S. 25). Gut, dass der Autor die Eltern auffordert, ihre Ängste endlich als das zu sehen, was sie sind: als unsere eigenen Erfahrungen.

Ich will hier das Buch nicht in einer Kurzfassung wiedergeben. Vielmehr verstehe ich diese Rezension als Appetizer, als Ermunterung und Weckung der Neugier, das ganze Buch zu lesen.

Spannend sind die Ausführungen zur "eingebauten Förderung". In der augenblicklichen Bildungsdiskussion werden Kinder Experimentierobjekte für Förderprogramme. Und niemand schaut vorher hin, was Kinder alles können und von selbst lernen - alle Kinder auf der Welt. Herbert Renz-Polster schreibt zu Recht: "Sie (Kinder) saugen sich aus ihrer alltäglichen Umwelt all die Erfahrungen heraus, die sie für den selbsttätigen Aufbau von Kompetenzen brauchen. Sie tun das aus sich heraus - ohne spezielle Unterstützung! Es braucht dazu nur eines: eine normale, artgerechte Umwelt. ... So unterschiedlich die Umwelten sind, in denen Kinder aufwachsen, so sind es doch die immer gleichen Grundlagen, die ihnen eine adäquate Entwicklung ermöglichen. ... Kinder, die einen solchen, artgerechten, Rahmen vorfinden, können sich entfalten" (S. 125).

Sind Sie als Leser/in bereit Erziehung neu zu denken? Dann halten Sie sich an den Vorschlag von Herbert Renz-Polster. Vergessen Sie eine Erziehungsdebatte, bei der es zugeht wie an der Diätfront: "Groß raus kommt, wer Großes verspricht. Je größer, desto besser. Abnehmen im Schlaf!" (S. 216).

Orientieren Sie sich stattdessen an die 12 Thesen am Ende des Buches. Nur die Überschriften stelle ich vor - das erspart nicht das Lesen!

  • Erziehung ist eine Spielwiese für Spekulanten!
  • Neu Maß nehmen!
  • ...und ausmisten!
  • Grenzen als Allzweckwaffe?
  • Neuer Blick auf das Investitionsklima!
  • Kinder schützen - vor einem verstaubten Bildungsbegriff!
  • Bildung mit welchem Ziel?
  • Die PISA-Ranglisten in Ehren
  • Leistung, Leistung, Leistung - was für eine tragische Entwicklung!
  • Zeit uns neu zu besinnen!
  • Spiel ist Kinderrecht!
  • Lassen wir die Kinder über uns Große hinauswachsen!

Ich habe versucht, meine Lieblingsthese zu finden. Das ist schwierig - ich kann mich nicht entscheiden. So bleibt Ihnen als Leser/in nur, das Buch selbst zu lesen. Sie werden es nicht bereuen!

Ingeborg Becker-Textor