Aus: Theorie und Praxis der Sozialpädagogik (TPS) 2003, Heft 1

Am Anfang war die Hand...

Alfred Weinrich

 

Die Geschichte der Hände ist noch kaum geschrieben. Sie soll uns hier auch nur von einer - freilich zentralen - Frage aus interessieren: Welche Rolle spielen die Hände in der Entwicklung der menschlichen Intelligenz?

Unser pädagogisches Interesse an dieser Frage leitet sich von einer alten Grundannahme der Evolutionsforschung (der Wissenschaft von der Entwicklung des Lebens auf der Erde) her: Dass die Individuen in ihrer Entwicklung die Entstehung ihrer Gattung, in unserem Falle also die Urgeschichte der Gattung Mensch, wiederholen. Wir fragen uns also, ob wir die Lerngeschichte des einzelnen Kindes besser verstehen können, wenn wir die Geschichte der Gattung Mensch als Lerngeschichte betrachten. Klar, dass hier nur Raum ist für einen thesenartig verkürzten Abriss - und einige Seitenblicke auf die Hirnforschung.

Manche Forscher vermuten - und vieles spricht dafür - dass den Händen schon in der Evolution, also auf dem langen Weg der Entstehung der Menschheit, der über Millionen Jahre zurückreicht, eine Schlüsselrolle zukommt. Der aufrechte Gang und der Schritt aus dem Wald, von den Bäumen, in die Savanne, machte die Hände der ersten Vor- oder Frühmenschen frei zum Sammeln von Nahrung, zum Ergreifen von Beutetieren und zum allmählichen Erlernen des Gebrauchs von Werkzeug und Waffen. Die neuen Funktionen der Hände wiederum setzten den Mund frei zur Entwicklung der Stimme und der Sprache. Die enorme Vergrößerung des Hirnvolumens der Frühmenschen im Zuge dieser langen Vorgeschichte sei, so meinen die Forscher, wahrscheinlich mittelbar durch die Entwicklung dieser Fähigkeiten stimuliert worden, unmittelbar durch den Überlebensvorteil der großzügiger mit Hirn ausgestatteten Individuen. Schon der gezielte Wurf eines Steins auf einen auffliegenden Vogel setzt nicht nur viel Übung, sondern eine eigene, unzählige Generationen übergreifende Evolutionsgeschichte der komplizierten Koordinierungs- und Steuerungsvorgänge von Auge, Arm und Hand und damit auch der Gehirnkapazität voraus.

Nun gab es aber nicht nur die eine Wurftechnik, sondern vielerlei Techniken, die die Frühmenschen für ihr Überleben entwickelt haben. Davon ist wenig überliefert. Völkerkundliche Berichte über das Leben der so genannten "Naturvölker", die selbst alle schon zu den modernen Menschen (homo sapiens) gerechnet werden, geben eine Vorstellung davon. Schon die Zähmung des Feuers erforderte ausgebildete Handfertigkeiten. Die Vielfalt der Techniken und deren Anpassung an die jeweiligen Klima- und Umweltbedingungen sorgten dafür, dass die Hände sich nicht spezialisierten, sondern allseitig entwickelten, zum Universalorgan wurden.

Von den vielen verwendeten Materialien sind naturgemäß am vollständigsten die Werkzeuge aus Stein erhalten geblieben. Viele Funde bezeugen, dass die Verwendung und Bearbeitung von Steinen sich über ungefähr eine Million Jahre entwickelt und vervollkommnet hat - bis hin zur Abspaltung von feinen Spitzen und Klingen aus Feuersteinknollen durch besondere, spitzwinklige Abschlagtechniken. Die dazu erforderliche Geschicklichkeit - d.h. die Präzision der Führung des Schlagwerkzeugs mit der Schlaghand und der Fixierung des Rohlings mit der Haltehand - ist für uns heute kaum mehr erreichbar. Die Funde bezeugen ferner, dass die Entwicklung in den bekannten frühmenschlichen Siedlungsräumen etwa gleichzeitig verlief und dass die Herstellung von Steinwerkzeugen sich auf bestimmte Plätze konzentrierte und in großem, fast schon industriellem Maßstab erfolgte. Es muss also frühe Formen des weiträumigen Informationsaustauschs, der Arbeitsteilung und des Handels gegeben haben.

Die aber sind ohne Sprache nicht denkbar. Möglicherweise haben die Menschen sprechen gelernt, indem sie sich die Operationen und Techniken der Hände vormachten. Das wird umso plausibler, wenn wir uns vorstellen, dass Handgesten die ersten Mittel sprachlicher Verständigung waren, dass die Stimme erst später hinzukam. Tatsächlich kann man Ähnlichkeiten feststellen zwischen Werkzeuggebrauch und Sprache - in ihren Grundstrukturen. Auch bezweifelt heute niemand mehr, dass es sich bei der Gebärdensprache der Gehörlosen um eine vollständige menschliche Sprache handelt.

Denn offensichtlich waren es die Hände und deren erstaunliche Fähigkeiten, die dem weder starken, noch schnellen, sondern eher wehrlosen und nackten Lebewesen Mensch die Selbstbehauptung gegen eine übermächtige Natur ermöglichten. Natürlich spielten sie in diesem überlangen Prolog des Erfolgsstücks Menschheit keine Solorolle, aber sie waren - unter der Regie und in ständigem engem Austausch mit dem Gehirn - die Hauptdarsteller. Und die Inhaltsangabe dieses Prologs? Die Menschheit beginnt, indem sie durch die Erfindung eines Systems von Mitteln und Techniken zur Selbstbehauptung der wilden Natur ihre eigene, menschliche Welt abgewinnt und daran die Hände zu kreativen Alleskönnern entwickelt.

Können wir also tatsächlich die Frühgeschichte der Menschheit als eine Art selbst initiierten Lernprozess verstehen, in dem den Händen die Schlüsselrolle als Schrittmacher zukommt?

Die Hirnforschung scheint uns das zu bestätigen. Sie erklärt uns individuelles menschliches Lernen von seinen ersten Anfängen im Mutterleib an als einen aktiven, aber großenteils unbewussten und vorsprachlichen Prozess der Verarbeitung von Wahrnehmung und Erfahrung, in dem das in Gefühlsmustern und Bildern gespeicherte Erfahrungsmaterial immer neu geordnet und gedeutet wird, und in dem körperlicher Bewegung die Rolle des Antriebs zukommt.

Wenn wir diese allgemeine Sicht auf die konkreten Hände richten, dann sehen wir in ihnen die Organe, in denen sich Funktionen der Wahrnehmung und der Bewegung wie nirgends sonst im menschlichen Körper sichtbar bündeln. Die Hände ergreifen im Verbund mit allen anderen Sinnesorganen die Welt buchstäblich und immer wieder neu und suchen sie der individuellen Bedürfnislage anzupassen.

Auch die Forschung über die so genannte Händigkeit oder Seitigkeit des Menschen legt nahe, diese als Ergebnis eines Lernprozesses zu verstehen. Der Ursprung des Vorrangs einer Hand scheint irgendwo in der Frühzeit zu liegen. Schon die Überreste der Herstellung von Steinwerkzeugen deuten darauf hin. Es lässt sich sogar auszählen, dass der Anteil der Linkshänder ähnlich war wie heute: Um die 15 Prozent.

Die Händigkeit stellt eigentlich eine Aufgabenverteilung dar, eine Arbeitsteilung zwischen der greifenden und werkzeugführenden einen (meist der rechten) und der spürenden, haltenden, zureichenden anderen Hand. Ähnlich verhält es sich mit der Seitigkeit der Hirnhälften, die mit ihren unterschiedlichen, assymetrisch verteilten Aufgabenschwerpunkten ebenfalls eng zusammenarbeiten. Die Händigkeit steht mit ihr in engem Zusammenhang, hat diese vielleicht sogar verursacht. Schließlich ist auch das Sprachvermögen überwiegend in der - für die rechte Hand zuständigen - linken Hirnhälfte angesiedelt. Auch das spricht für die These von der engen Wechselbeziehung zwischen Hand und Sprache in ihrer Entwicklung.

In dem individuellen Aspekt dieses Verständnisses von Lernen, nämlich dem des Lernens als je eigener Schöpfung der Welt, steckt auch die Möglichkeit zu verstehen, warum Lernen sich von Individuum zu Individuum nicht etwa - wie bei den Tieren - einfach nur endlos wiederholt, sondern über sich selber hinaustreibt, zu neuen Praktiken, Lösungen, Erkenntnissen findet und wieso neue Talente entstehen und ausgebildet werden können. Gerade den begabten und geschickten Hersteller von Steinwerkzeugen muss es in den Fingern gejuckt haben, noch feinere Pfeilspitzen und noch längere Klingen zu erzielen und damit, vielleicht sehr zum Verdruss eines älteren Meisters oder vielleicht sogar gegen ein Verbot, neue Maßstäbe zu setzen.

Der andere Aspekt dieses Lernverständnisses, nämlich von Lernen als einem aktiven Austauschprozess aller Sinne und des ganzen Körpers mit der Welt, auch bei scheinbar rein "geistigen" Lernvorgängen, stellt uns Pädagogen vor ein Problem: Ist dann nicht das Leben an sich schon der Lernprozess? Und die Welt an sich schon Lernumgebung genug? Und das Kind ein geborener Forscher und sein eigener Lehrer? Und Pädagogik überflüssig oder jedenfalls eine Illusion?

Zweifellos hat das für die längste Zeit der Menschheitsgeschichte so gegolten, und es gilt heute noch ganz überwiegend für solche erstaunlichen und noch kaum erklärbaren Lernleistungen wie den Spracherwerb, der, wie wir nun schon ahnen, auch kein passives Aufnehmen, sondern ein Ergreifen der Welt ist. Die Frühgeschichte brauchte kein Bildungswesen. Mütter, Verwandte oder sonst damit Betraute versorgten die Kinder und beteiligten sie nach deren Kräften und Fähigkeiten an den Aufgaben der Lebensbewältigung.

Pädagogik, wenn es denn so etwas gab, bestand zum einen in der Anerkennung der Naturtatsache, dass Menschenkinder ihre eigene Zeit brauchen, um in die Fertigkeiten und Aufgaben der Großen hineinzuwachsen; dann wohl auch in der Markierung von Stufen auf diesem Weg (denken wir an die "Initiationsriten" der "Naturvölker"); und schließlich sicher auch in Anleitungen und Hilfestellungen durch Erwachsene oder ältere Kinder, die vermutlich in den Vollzug der jeweiligen Verrichtungen eingebettet waren.

Die Kinder lernten, indem sie ihre engere und weitere Umgebung ertasteten, ergriffen, sich aneigneten, dabei - wie auch heute noch - beginnend an der Brust und auf dem Arm der Mutter. Mit dem laufen und sprechen Lernen fingen sie - auch das ist heute noch so - an, die Tätigkeiten der Erwachsenen, nachzuahmen: Nahrungssuche und -zubereitung, Körper- und Säuglingspflege, Jagd und Verwertung der Beute, Vorratshaltung, Herstellung von Werkzeugen, Waffen, Jagdgerätschaften, Behältern, Gefäßen und Kleidung, Bau und Ausstattung von Unterkünften, Bewahrung des Feuers und in der größeren Gemeinschaft Spiele und Rituale, Lieder und Geschichten.

Denkbar, dass es gerade in Bezug auf die für das Selbstbild des Gemeinwesens bedeutsamen Riten und Mythen schon frühe Formen einer systematischen Unterweisung durch besondere Personen (Älteste, Schamanen) gegeben hat. Ansonsten aber, so können wir uns vorstellen, spielten, übten und arbeiteten die Kinder neben den und unter dem Schutz der Erwachsenen und wuchsen so in deren Wissen und Aufgaben hinein. Kaum ein Abenteuer, das sie nicht zu bestehen hatten, und kaum eine Tätigkeit, die nicht die Hände einbezog!

In manchen Verrichtungen mögen die Hände der Kinder und ihre feineren Finger schon recht früh die Geschicklichkeit der Erwachsenen erreicht oder übertroffen haben, was ihnen dann sicher auch schon eigene Alltagsaufgaben auferlegte.

Die angedeutete Aufgabenfülle der Lebensbewältigung verweist auf den entscheidenden Punkt: Die Kinder, auch die jüngeren, waren mittendrin und zugleich, je nach Alter, noch mehr oder weniger freigestellt. Es gab keine Kindheit als abgesonderten Schonraum. Sie hatten Teil an der Fülle, aber auch an den Nöten des Lebens.

Wenn sich dennoch - genährt auch durch gewisse Berichte über Kindheit bei "Naturvölkern" - das Bild einer Idylle eingestellt haben sollte, so stimmt das allenfalls für die sehr frühe Kindheit. Mag sich auch eine Atmosphäre der wohlwollenden Duldung und Ermutigung kindlichen Tatendrangs als entwicklungsfördernd bewährt haben, bei älteren Kindern ging es den Erwachsenen bzw. dem Gemeinwesen sicher nicht mehr um die freie Entfaltung aller Fähigkeiten und Möglichkeiten, sondern um die Notwendigkeit ihrer Tauglichkeit für die Erhaltung des Gemeinwesens . Dabei hatte die Einpassung und Einbindung des einzelnen Heranwachsenden in den Stamm sicher auch einschränkende, repressive, ja zuweilen grausame Züge - etwa im Rahmen der Initiationsriten.

Denkbar, ja wahrscheinlich, dass Regeln und Verbote des Gemeinwesens schon sehr früh auch über schmerzliche Einschränkungen der Hände körperlich verankert wurden. Etwa durch die Diskriminierung der linken ("unreinen") Hand. Diese ist, wie wir heute nachweisen können, eher für spürende, gebende, haltende, sensible Funktionen zuständig. Der Überlebenskampf des Stammes forderte jedoch die Stärkung und den Vorrang der aggressiveren, Waffen und Werkzeug führenden Rechten schon bei den Heranwachsenden - zu Lasten von Sensibilität und allseitiger Entfaltung.

Das soll nicht heißen, dass in der Frühzeit nur die Zwänge des nackten Überlebens und die Ängste vor den unberechenbaren Mächten einer feindlichen Natur geherrscht und keinen Überschuss an Sinnen- und Lebensfreude zugelassen hätten. Trotz aller notwendigen Zwänge müssen immer auch lustvoll schöpferische Momente wirksam gewesen sein. Ohne hier näher auf sie eingehen zu können, sei nur auf die Zeugnisse der steinzeitlichen Kunst hingewiesen. Die technische und künstlerische Vollendung von Skulpturen und Höhlenmalereien zeugen jedenfalls von sehr gut ausgebildeten gestalterischen Talenten. Fast könnte man vermuten, dass es schon recht früh von den Alltagsaufgaben freigestellte Künstler gab, die vielleicht zugleich Priester waren.

Und bestimmt hat es auch noch andere Formen des spielerischen kulturellen Ausdrucks gegeben: Gesänge, Tänze, Instrumentalmusik. Womit wir wieder bei den Händen wären. Wer weiß, vielleicht sind die Bearbeiter der Steine schon sehr früh darauf gekommen, dass ein gleichmäßiger, gemeinsamer Rhythmus des Schlagens nicht nur Spaß macht, sondern auch die Arbeit erleichtert und die Ergebnisse verbessert? Und vielleicht haben sie dazu auch noch gesungen, Geschichten gesungen?

Wir haben die Schlüsselrolle der Hände in der Entstehungsgeschichte der menschlichen Gattung sowohl als Werkzeug wie auch als Antrieb ihrer Entwicklung hervorgehoben und dann versucht, die Bedeutung dieser beiden auch ganz realen Funktionen der Hände (Werkzeuge und Beweger) auch für das individuelle Lernen der Kinder am Beispiel der frühen Kulturstufe der Jäger und Sammler aufzuzeigen. Und wir haben in der individuellen Verknüpfung oder Verschaltung, wie die Hirnforscher sagen, von Hirn und Hand, von Denken und Handeln, in ihrem engen Zusammenwirken in jedem einzelnen Menschen, den Ursprung neuer Lösungen und überraschender Talente ausgemacht, eine - wenn man an den Reichtum aller menschlichen Kunstfertigkeiten denkt - schier unausschöpfliche Quelle von Entfaltungsmöglichkeiten. Hat diese Kombination von Gehirn und Händen, dieser "Geniestreich der Evolution" (Frank R. Wilson), vielleicht auch eine emanzipatorische Dynamik, ist sie auch die Keimzelle von menschlicher Freiheit und Autonomie?

"Die Götter haben dem Menschen Verstand und Hände gegeben und ihn nach ihrem Bilde geschaffen," schrieb der Philosoph und Ketzer Giordano Bruno im 15. Jahrhundert, "sie haben ihm eine den Tieren überlegene Fähigkeit geschenkt, durch die er nicht nur nach der gewöhnlichen Natur, sondern auch jenseits ihrer Gesetze zu handeln vermag, auf dass er vermöge seines Geistes und seiner Freiheit, ohne die ihm solche Gott-Ähnlichkeit nicht zukäme, neue Naturen, neue Abläufe und neue Ordnungen schaffe oder zu schaffen verstehe und sich so als Gott auf Erden betrage" (zitiert nach: Serge Moscovici, S. 170).

Aber die Geschichte der Menschheit - oder befinden wir uns etwa doch noch in ihrer Vorgeschichte? - ist ja nun keineswegs ein einziger Triumphzug des Fortschritts dank dieser wunderbaren Grundausstattung. Es deutete sich schon an, dass sich der thematische Leuchtfaden namens Entfaltung der Fähigkeiten der Hände schon recht früh mit einem zweiten, dunklen, aus Einschränkung und Disziplinierung gewobenen Faden verflochten hat.

Entsprangen solche Beschränkungen immer Überlebens-Zwängen, wie wir es für die Frühzeit vermutet haben, oder dienten sie auch Zwecken, die nicht allen gleichermaßen zugute kamen? Die Frage enthält schon ihre Antwort. Macht haben bedeutet schon sehr lange, sich der Hände anderer zu bemächtigen, sich ihrer zu bedienen, sie für sich arbeiten oder kämpfen zu lassen: als Sklaven, als Knechte, als Söldner, als unfreie Bauern usw.

Bevorzugt war und ist, wer sich die Hände nicht schmutzig machen muss, jedenfalls nicht durch Arbeit. Handschuhe und Handschmuck waren Kennzeichen von Privilegien. Handarbeit wurde also zum Kennzeichen von Benachteiligung und Unterwerfung. Die Unterworfenen wurden zu Werkzeug führenden Werkzeugen der Mächtigen, also ihrer Hände enteignet. Aber: Musste die Unterwerfung der Hände unter fremde Zwecke nicht an eine innere Grenze stoßen in ihrem eigenen emanzipatorischen Potential? Entstand so nicht auch ein andauernder innerer Widerspruch, ein Spannungsverhältnis zwischen Entfaltung und Entfremdung, eine Chance?

Die Feudalherren des Mittelalters waren so privilegiert, dass sie nicht einmal lesen und schreiben zu lernen brauchten. Das Abfassen von Urkunden zur Legitimierung ihrer Herrschaft besorgten Kleriker. Dass deren Kunst, das Schreiben, noch zu viel mehr taugte und sogar zu einem wirksameren Mittel werden konnte als Reiten, Waffenkünste und Burgenbau, zeigten die Machtkämpfe des Mittelalters.

Das Feudalsystem ist nach wenigen Jahrhunderten seinen Gegenkräften Kirche, Städte, Territorialherrschaft erlegen, die sich das Wissen und die Künste der Antike besser zunutze machten. Offenbar können sich nackte Gewaltverhältnisse nur begrenzt gegen die subversiven Künste der Hände halten.

Eine nachhaltigere Einschränkung hat sich aus den Leistungen der Hände selbst entwickelt, nämlich aus der fortscheitenden Erweiterung und Verfeinerung der Werkzeuge und Arbeitsmittel und der damit einhergehenden Differenzierung ihrer Tätigkeiten. Man nennt sie vereinfachend auch die Trennung von Kopf- und Handarbeit, und trifft dabei doch den entscheidenden Punkt. Als Beispiel mag hier der (sehr lange) Übergang von der Epoche der Bauern und Handwerker zu der der Handwerker und Ingenieure dienen. Schon seit der frühen Antike waren Städte entstanden, hatten sich Schriften, Ziffern und Naturwissenschaften entwickelt und somit die Mittel herausgebildet, die geeignet waren, um in zwei Elemente zu zerlegen, was bisher eine Kunst und zunächst Erfahrungswissen der Hände eines einzelnen und irgendwann dann aller war: die technische Erfindung.

Es fing an mit der Planung und dem Bau von Mühlen, Brücken und großen Kathedralen. Technisches Wissen konnte sich - so schien es zumindest! - von den Händen ablösen und in Pläne, Berechnungen und Bücher eingehen, also durch ein Medium, ohne direkte Nachahmung der Hände bei ihrer Arbeit, weitergegeben werden. Vielleicht hätte sich das Bewusstsein, dass auch in diesen abstrakten Arbeitsformen die Hände noch im Hintergrund wirksam waren, halten können, wenn es nicht schon die andere Geschichte der Entwertung der Handarbeit gegeben hätte. So wurde sie zur Geschichte des Aufstiegs der Ingenieure und Architekten durch Befreiung von der Handarbeit, während die Handwerker zu Arbeitern abstiegen, denn ihnen ging nach und nach auch noch die Verfügung über ihre Werkzeuge und Arbeitsmittel verloren. Also eine verfeinerte, durch die komplizierte Vermittlung verdeckte Form der Enteignung der Hände.

Dass die Trennung von Kopf- und Handarbeit ein tiefes, unverarbeitetes Trauma ist, davon kann jeder eine Ahnung bekommen, der erlebt, mit welcher Begeisterung Hand- und Heimwerker wieder zu Erfindern werden, wenn sie sich in Diskussionen über die Lösung von Konstruktionsproblemen vertiefen.

Wir können die geschichtlichen Verfilzungen von technischem Fortschritt, gesellschaftlicher Arbeitsteilung und Herrschaft hier nicht komplett aufdröseln. Aber wir können darin die Wurzel des Aberglaubens an die Rangfolge der Intelligenzen erkennen. Es ist ein gesellschaftliches Vorurteil, dass die menschliche Intelligenz hierarchisch eingeteilt sei in Intelligenzen von unterschiedlichem Rang, die jede für sich ausgebildet oder gefördert werden könnten. Dass die rein geistigen die hochwertigsten seien, während die praktische Intelligenz der Sinne, des Körpers und der Hände, weniger wert sei und ruhig vernachlässigt werden könne!

Das ist der eine, abwertende Aspekt. Zugleich aber setzte an den Händen immer auch Disziplinierung an. Es ist noch gar nicht so lange her - unsere Eltern und Großeltern erzählen uns noch davon -, dass Kinder in der Schule durch Schläge auf die Hände gezüchtigt wurden!

Auch die weitere Entwicklung dieser Geschichte können wir hier nicht bis in die Gegenwart verfolgen. Wenn wir auf unsere Hände schauen, so spüren wir kaum mehr etwas von beschämender Entwertung oder gewaltsamer Unterdrückung. Aber auch kaum eine Erinnerung daran, dass die Welt der Menschen aus ihren Händen hervorgegangen ist. Die modernen gesellschaftlichen Produktions- und Austauschprozesse scheinen sich selbst zu reproduzieren, sind nicht mehr nachvollziehbar; die Hände in vielen Lebensbereichen geradezu stillgelegt oder auf die Bedienung von Tastaturen reduziert.

Stilllegung der Hände? Bedeutet das Degeneration? Möglich, aber in Jahrtausenden! Handelt es sich nur um eine besonders raffinierte Form der Unterdrückung? Was geht uns da verloren, oder was geben wir auf? Existentielle Fragen, die wir doch nach unserem gegenwärtigen Wissensstand (noch) nicht beantworten können. Mit ziemlicher Sicherheit aber können wir annehmen, dass in unseren Händen unausgeschöpfte Entfaltungs- und Entwicklungspotentiale stecken!

Ob sich die Hände selbst mit ihren tiefgründig-subversiven Talenten wieder einen Weg auf die Bühne der Geschichte bahnen können? Etwa in Gestalt von vielerlei sportlicher und musischer Virtuosität?

Wer möchte die Hand dafür ins Feuer legen? Noch die Sprache unserer Eltern und Großeltern war voller Redewendungen, die auf die Hände anspielten. Fangen wir an, darüber nachzudenken, so stellen sich im Handumdrehen die ersten ein: Erst eine Handvoll, dann, greifen wir nur zu, finden wir uns kurzerhand nicht mehr mit leeren, sondern mit vollen Händen. Es ist wirklich allerhand!

Das Stichwort Hand umfasst in dem großen etymologischen Wörterbuch, das die Brüder Grimm begonnen haben, 41 (!) klein gedruckte Spalten! (Ausgabe von 1877). Die deutsche Sprache hatte eine Vorliebe für die Hände. Im Alltagsbewusstsein unserer Vorfahren war die Schlüsselrolle der Hände tief verwurzelt. Sie waren immer im Blick. Ganz vorbei scheint es damit noch nicht zu sein. Abgesehen vom Handy, sprechen die Computer-Leute immer noch von händischem Vorgehen, wenn es ans Programmieren geht.

Was es für das Lernen der Kinder und für ihr ganzes Leben bedeuten würde, wenn die Gelegenheiten, dies forschend, nachahmend, konstruierend mit den eigenen Händen zu tun, immer weiter schwinden? - Das Problem hat die moderne Pädagogik von ihren Anfängen an gesehen.

Johan Amos Comenius hat im 17. Jahrhundert für die Erziehung der kleinen Kinder empfohlen, deren Tätigkeits- und Forschungsdrang Raum und Stoff zu geben, und konnte dabei offenbar noch auf die Alltagswirklichkeit zurückgreifen: Denn ab dem dritten Jahr "lernen sie verstehen, was da ist laufen, springen, sich umdrehen, mit etwas spielen, etwas anzünden, auslöschen, Wasser aufgießen, mit etwas fochern, von einem Ort zum andern legen, aufheben, niederlegen, umreißen, bauen, zusammenbinden, aufbinden, krümmen, aufgerichtet stellen, brechen, schneiden, etc. Und das alles kann man ihnen wohl vergönnen, auch nachdem es die Notdurft fordert, zeigen.
Das vierte, fünfte und sechste Jahr wird voll Handwerksarbeit sein. Denn es ist kein gutes Zeichen, wenn das Kind allezeit stille sitzet; herumlaufen und allezeit etwas vorhaben, ist ein gewisses Zeichen eines gesunden Leibes und frischen Gemütes.
Darum, wie gesagt, alles was sie versuchen, soll man ihnen gönnen und dazu verhelfen, damit alles, was sie tun, etwas Verstand habe und zu weiteren größeren Dingen nützlich sei" (Hervorhebungen von mir - zitiert nach: Quellen, S. 49 f.).

Im 20. Jahrhundert empfiehlt Célestin Freinet die Anlage von "Kinderreservaten" als Vorschuleinrichtungen in den Städten und malt sie liebevoll aus: "...eine Art großer wild wachsender Park ..., der die wesentlichen Lebenselemente, ..., enthält: einen Fluss, Sand, nach Möglichkeit einen Hügel mit Felsen und Höhlen, Bäume - aber echte Bäume -, eine richtige Waldecke, wilde Tiere, die weglaufen, wenn man sich ihnen nähert, und die man zu fangen versucht, Nester und Vögel - und ... die gezähmte Natur mit ihren Wiesen, ihrem Getreide, dessen wechselnde Farben den ewigen Rhythmus der Jahreszeiten markieren, mit Gemüse, Blumen, Haustieren, mit Bauernhöfen; das Ganze sollte harmonisch um ein Kinderzentrum angeordnet sein, eine Art Krippe oder Kinderhaus als Zufluchtsort für all die kleinen Enterbten, deren häusliche Umgebung zu arm für die Anforderungen ihrer Entwicklung und Bildung ist" (C. Freinet, Pädagogische Texte, S. 103).

Wie andere Reformpädagogen auch erliegt Freinet hier der Versuchung zur romantischen Verklärung längst vergangener Zustände. Seit der Romantik vor zweihundert und der Lebensreformbewegung vor hundert Jahren ertönt dieser Chor: Zurück zur Natur, zurück aufs Land, zurück zum Handwerk, zurück zur Kunst, zurück zum ganzen Menschen, als dessen Inbegriff manchen gar das heilige Kind galt!

Wer den Kindern allen Ernstes jede Berührung mit der modernen Welt ersparen wollte, könnte sie nur konsequent absondern oder selber resignieren. Aber: Die Abenteuer der Erfahrungs- und Anregungspotentiale der Frühzeit lassen sich nicht zurückholen; und sowieso hat es das reine, ursprüngliche Biotop artgerechter Aufzucht für Menschenkinder nie gegeben. Immer schon waren die Milieus des Aufwachsens mitgeprägt vom Stand dessen, was die Menschen der Natur gerade hinzufügen oder abtrotzen konnten. Deren Widerständigkeit scheint sogar als stimulierender Faktor gewirkt zu haben. Man nimmt an, dass der Einbruch der letzten Eiszeit in Europa als Anschub für einen kulturellen Sprung wirkte.

Freinet und die anderen, auch die jüngeren Reformpädagogen bis hin zu Malaguzzi, verbindet miteinander, dass sie immer schon, längst vor den Erkenntnissen der Evolutions- und der Hirnforschung, von einem ganzheitlichen, körperlich begründeten Lernbegriff ausgegangen sind.

Wir können sie nun auch so lesen: Die Reformpädagogen haben immer schon vertreten, dass die Wiederherstellung sinnlich-körperlicher Erfahrungs- und Handlungsmöglichkeiten das kindliche Lernen bereichert, ihm Chancen zu individueller Entfaltung verschafft. Und sie haben vorgeschlagen, die für ein ganzheitlich-körperliches Lernen erforderliche Lernumgebung künstlich zu inszenieren.

Es spricht vieles dafür, auf diese Chancen zu setzen! Es spricht manches dafür, dass dies ein guter Start ist in ein selbst bestimmtes, erfülltes Leben. Wir könnten also überlegen, welche verallgemeinerbaren Strukturmerkmale eine verkörpertem Lernen angemessene Lernumgebung ausmachen, und welche Aspekte davon in den reformpädagogischen Konzepten bereits enthalten und bewährt sind.

Wir sollten dafür eintreten, gerade unsere moderne Welt wieder für die Kinder zugänglich, erfahrbar, handhabbar wird. Wir sollten dabei immer die Hände besonders in den Blick nehmen. Nicht nur die der Kinder, auch die der beteiligten Erwachsenen. Und das wären alle, mit denen Kinder in deren (der Erwachsenen) Tätigkeiten in Berührung kommen (sollten).

In der pädagogischen Diskussion ist viel von Ganzheitlichkeit, Wahrnehmung mit allen Sinnen, Körperlichkeit die Rede, aber, wenn man genau hinhört, verblüffend wenig von den Händen! Wird etwas, das nicht benannt wird, noch mitgedacht? Zweifel sind erlaubt.

Die Hände wieder in den Blick nehmen! Etwas mit den Händen anfangen! Das sagt sich so leicht. Es kostet die Überwindung eingefleischter Vorurteile und Gewohnheiten. Die aber lohnt sich nicht nur um der Kinder willen. Es macht auch Spaß!

Literatur

Donata Elschenbroich: Weltwissen der Siebenjährigen. München 2001

Célestin Freinet: Pädagogische Texte. Mit Beispielen aus der praktischen Arbeit nach Freinet. Reinbek 1980

André Leroi-Gourhan: Hand und Wort. Die Evolution von Technik, Sprache und Kunst. Frankfurt a. M. 1988

Serge Moscovici: Versuch über die menschliche Geschichte der Natur. Frankfurt a. M. 1990

Gerd E. Schäfer: Sinnliche Erfahrung bei Kindern. In: Materialien zum 10. Kinder- u. Jugendbericht, Bd. 1, München 1999

Rik Smits: Alles mit der linken Hand. Geschick und Geschichte einer Begabung. Reinbek 1995

Marco Wehr/ Martin Weinmann (Hrsg.): Die Hand. Werkzeug des Geistes. Heidelberg, Berlin 1999

Frank R. Wilson: Die Hand - Geniestreich der Evolution. Ihr Einfluß auf Gehirn, Sprache und Kultur des Menschen. Stuttgart 2000; Reinbek 2002

Quellen zur Geschichte der Vorschulerziehung. Zusammengestellt und eingeleitet von Margot Krecker. Berlin 1971

Autor

Alfred Weinrich, Fachberatung zur Gestaltung von Spiel-, Lern- u. Erfahrungsräumen; Fortbildung, Entwicklung von Raumkonzepten, Planung, Ausführung.

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