Frauen in der Geschichte des Kindergartens: Margarete Schmaus

Manfred Berger

 

Die pädagogischen Leistungen der Österreicherin Margarete Schmaus fanden in Deutschland insbesondere in den 1950er und 1960er Jahren hohe Anerkennung. Einen wesentlichen Beitrag dazu leisteten die von ihr und ihrer Freundin und Mitarbeiterin, Mater Margarete Schörl, herausgegebenen Fachbücher, welche seinerzeit die Theorie und Praxis der Kindergartenpädagogik entscheidend und innovativ beeinflussten: "Bildungsarbeit der Kindergärtnerin" (1958), "Die sozial-pädagogische Arbeit der Kindergärtnerin" (1964) und "Erneuerung der Glaubenserziehung im Kindergarten" (1968). Auszüge aus genannten Publikationen wurden vorab in der renommierten Fachzeitschrift "Kinderheim" (heute "Welt des Kindes") veröffentlicht (z.B. 1958/H. 2 u. 1964/H. 6).

Margarethe (laut Geburtsurkunde mit h geschrieben), von frühester Kindheit an Grete genannt, erblickte am 23. Mai 1903 als zweites Kind des Arbeiters Karl Eduard Schmaus und dessen Ehefrau Katharina, geb. Trauer, in Wien-Döbling das Licht der Welt. Obwohl die Familie in äußerst bescheidenen Verhältnissen lebte, ermöglichten die Eltern ihrer Tochter die Ausbildung zur Kindergärtnerin. Anschließend trat Margarete Schmaus in die Dienste der Stadt Wien und leitete verschiedene Gemeindekindergärten. Nebenbei absolvierte sie einen Montessori-Kurs. Dadurch bedingt, errichtete die Pädagogin in den von ihr tätigen Kindergärten Gruppen, die sich an der Montessori-Konzeption orientierten. Als Maria Montessori, "die Künderin der 'selbsttätigen Erziehung' (Schmaus 1952, S. 527) am 6. Mai 1952 starb, veranschaulichte Margarete Schmaus (1952, S. 530 ff.) kurz und bündig die Montessori-Konzeption durch folgende Darstellung:

"1. Montessori ging aus vom
Naturgesetz,
sie pflegte Beobachtung
und Experiment

2. Sie erkannte den Sinn des
funktionalen Tuns, die Existenz der
sensitiven Perioden und schuf das
Kinderhaus, in dem

Freiheit und Arbeit
durch nachgehende Erziehung (Fröbel) und durch Selbsttätigkeit des Kindes
praktisch verwirklicht werden.
Als direkte Folge ergibt sich die
Ordnung (äußere und innere),
ein Ineinandergreifen von
Sammlung, Schaffen, Entdecken, Freude und Güte,
in der Abfolge verschieden in jedem Fall, damit aber gekennzeichnet als echtes Leben.

Aus solchem Leben nun erwächst die Fähigkeit zur aktiven Verantwortlichkeit, zum Menschsein unter Menschen. Das ist es, was bleiben wird von Maria Montessori, wenn wir es pflegen werden"

Im Februar 1934 wurde Margarete Schmaus die Leitung des Kindergartens in Wien 21 übertragen, den sie bis zu ihrer Pensionierung führte.

Als 1938 die Nazis in Österreich einmarschierten, wurde die Pädagogin zu Büroarbeiten verpflichtet und sie durfte wegen "politischer Unzuverlässigkeit" nicht mehr mit Kindern arbeiten, noch publizieren. Margarete Schmaus lebte mutig ihren katholischen Glauben und unterstützte gefährdete Juden mit Nahrungsmittel (vgl. Berger 1997, S. 128).

Nach dem Zusammenbruch der Nazi-Gewaltherrschaft kehrte Margarete Schmaus wieder an ihre frühere Arbeit zurück. Zusammen mit Mater Margarete Schörl entwickelte sie das sog. "Raumteilverfahren", als eine "sozialpädagogische Methode der Spielführung", d.h. die Teilung des Gesamtspielraumes in mehrere kleinere Spielräume (z.B. Puppenstube, Bauplatz, Küche). Das Raumteilverfahren fand allgemein im deutschsprachigen Raum große Beachtung und Verwendung, über dessen Bedeutung nachzulesen ist:

"Wesentlich am Raumteilverfahren ist vor allem, dass es vorwiegend das soziale Leben der Kinder beeinflusst: Es bedient sich sozialpädagogischer Lehrprozesse und fördert vorwiegend soziales Lernen der Kinder - und das innerhalb des Spielens; insbesonders fördert es die altersgemäße Gesellung der Kinder zu kleinen spontan sich bildenden Spielgruppen.
In solchen spontan zustande kommenden kleinen Spielgesellungen - zu zweit oder zu dritt, wie es dem Kindergartenalter entspricht -, lernen die Kinder, miteinander zu sprechen und zu spielen, miteinander friedlich auszukommen, sich einander unterzuordnen, aufeinander einzugehen - kurz: sie lernen Koordination und Kooperation, grundlegende sozialkulturelle Leistungen. Diese überschreiten die einfache Sozialisation bedeutend, weil sie schon im Kindergartenalter vollbracht werden, einer sehr prägsamen Lebensphase; auch weil sie spontan geschehen, als unbewusste Leistung und noch nicht rationalen Überlegungen, sondern den ursprünglichen Impulsen folgen, dem kindlichen Verlangen nach Spielen und menschlicher Gesellung.
Das Raumteilverfahren darf also als eine sozialpädagogisch orientierte Methode der Spielführung im Kindergarten bezeichnet werden, letztlich als ein Weg zur Führung kleiner Kinder zu Mitmenschlichkeit - in den Grenzen kleinkindlicher Formen und Ausmaße und in der Spontaneität der Gesellung und des Spielens" (Schmaus/ Schörl 1978, S. 17).

Im Jahre 1959 ging Margarete Schmaus aus gesundheitlichen Gründen in den Ruhestand, blieb aber weiterhin publizistisch tätig. Ferner unterstützte sie Mater Margarete Schörl in ihren Vorbereitungen für Kurse im deutschsprachigem Raum zum "Raumteilverfahren" sowie allgemein zur Kindergartenpädagogik.

Mit dem Buch "Erneuerung der Glaubenserziehung im Kindergarten" konnte seinerzeit eine religionspädagogische Lücke geschlossen werden. Erstmals wurde versucht, einen vollständigen Überblick über die anthropologischen Bedingungen religiöser Erziehung im Kindergarten zu geben, maßgebliche Modelle zur Glaubenserziehung vorzustellen und auf diesem Hintergrund eine Theorie zur Erziehung aus dem Glauben und der Glaubenserziehung im Kindergarten in kirchlicher Trägerschaft systematisch darzustellen und mit praktischen Beispielen zu illustrieren. Konkret schrieben die Autorinnen im Vorwort über die Absicht ihres Buches:

"Dieses Buch wendet sich in erster Linie an gläubige Kindergärtnerinnen, darüber hinaus aber auch an Eltern, die sich für die Arbeit des Kindergartens interessieren und in der Kindergärtnerin eine bei der Erziehung ihrer Kinder wesentlich und entscheidend mitgestaltende Kraft erkennen.
Dieses Buch ist geschrieben in dem Bemühen um Neubesinnung auf die Aufgabe der Kindergartenerziehung, wie es sich ja als eine Notwendigkeit in unserer nachkonziliaren Zeit für die gläubigen Berufserzieher und Eltern gibt...
Im besonderen gilt unsere Arbeit jenen Kindern, für deren Hinführung zu Gott von Seiten ihrer Familie nicht das Richtige oder nicht genug oder auch gar nichts getan wird. Viele der Kindergartenkinder sind ja heute in solcher Lage" (Schmaus/ Schörl 1968, S. 9).

Nach langer schwerer Krankheit starb Margarete Schmaus, seit 1984 liebevoll umsorgt und gepflegt von Mater Margarete Schörl, am 24. März 1988 im Wilhelminenspital in Wien-Ottakring. Ihre letzte Ruhestätte fand die Verstorbene auf dem Friedhof Heiligenstadt.

Literatur

Berger, M.: Margarete (Grete) Schmaus. Porträt aus der Serie "Pionierinnen der Kleinkinderpädagogik, in: Unsere Kinder 1997, S. 127 f.

Schmaus, M./ Schörl, M.: Bildungsarbeit der Kindergärtnerin, Wien 1958

Dies.: Die sozial-pädagogische Arbeit der Kindergärtnerin, München 1964

Dies.: Erneuerung der Glaubenserziehung im Kindergarten, München 1968

Dies.: Sozial-pädagogische Arbeit im Kindergarten, München 1978

Schmaus, M.: Maria Montessori, in: Erziehung und Unterricht 1952, S. 527 ff.

Dies.: Volksgut als geistiges Bildungsgut des Kindergartens, in: Kinderheim 1958, S. 80 f.

Dies.: Den Frühling aufwecken, in: Kinderheim 1958, S. 82 f.

Dies.: Gelenkte Gruppierung, in: Kinderheim 1964, S. 260 ff.