Rezension

Frances Hodgson Burnett: Der geheime Garten. Stuttgart: Urachhaus 2008, 280 Seiten, EUR 22,90 - direkt bestellen durch Anklicken

 

Dieser Klassiker der Kinderliteratur - in viele Sprachen übersetzt und mehrfach verfilmt - wurde bereits 1911 unter dem Titel "The Secret Garden" veröffentlicht. Die Autorin, Frances Hodgson Burnett (1849-1924), schrieb auch das bekannte Kinderbuch "Der kleine Lord".

Hauptperson der Geschichte ist Mary Lennox. Sie wuchs in Indien in einer Villa auf. Ihre Eltern kümmerten sich kaum um sie - dafür waren ein Kindermädchen und die vielen Bediensteten da. Sie wurden von Mary durch die Gegend gescheucht, beschimpft und sogar geschlagen. Und so war Mary "mit sechs Jahren das starrköpfigste und herrschsüchtigste kleine Ding, das man sich vorstellen kann". Selbst die englischen Gouvernantinnen, die ihr das Lesen und Schreiben lehren sollten, hielten es immer nur wenige Woche in ihrer Nähe aus.

Als Mary neun Jahre alt war, starben ihre Eltern, ihr Kindermädchen und einige Bedienstete während einer Cholera-Epidemie; die übrigen Beschäftigten flüchteten. Mary bemerkte dies zunächst nicht, und wurde schließlich als einzige Person in der Villa von einigen britischen Offizieren gefunden. Nach einem kurzen Aufenthalt in der Familie eines Pfarrers wurde sie zu ihrem buckligen Onkel Archibald Craven nach England gebracht. Ihm gehörte das einsam im Moor gelegene Gut Misselthwaite mit einem riesigen Gutshaus - inklusive Eingangshalle mit Rüstungen und Ahnengalerien. Dort "waren sich alle einig: Einem so unsympathisch wirkenden Mädchen war dort noch niemand begegnet. Und es stimmte. Sie hatte ein kleines, schmales Gesicht, einen schmächtigen Körper, helles, dünnes Haar und einen missmutigen Blick". Aufgrund ihres unangenehmen Charakters wurde sie von allen gemieden - bis auf Martha, die ihre beiden Zimmer putzen und ihr das Essen bringen musste. Ihr Onkel, der seit dem Tod seiner Frau die meiste Zeit im Ausland weilte, reiste direkt nach ihrer Ankunft wieder ab.

Da es kein Spielzeug in den beiden ihr zugewiesenen Zimmern gab und sie die übrigen, zumeist ungenutzen und in der Regel abgeschlossenen Räume des riesigen Gutshauses nicht betreten durfte, blieb Mary nichts anderes übrig, als alleine draußen in dem riesigen Park und in den Küchengärten zu spielen. Da es Spätwinter und dementsprechend kalt und windig war, rannte sie viel im Garten herum und lernte dank eines ihr von Marthas Mutter geschenkten Seils auch das Hüpfen. Die viele Bewegung an der frischen Luft tat ihrer Gesundheit gut; sie blieb aber einsam. Nur mit dem wortkargen Gärtner Ben Weatherstaff wechselte sie gelegentlich einige Worte - und mit dem Rotkehlchen "Robin".

Als Mary erfuhr, dass es einen "geheimen Garten" gäbe, der seit zehn Jahren - ab dem Zeitpunkt, an dem dort Mrs. Craven verunglückte und an den Folgen des Unfalls starb - verschlossen war, machte sie sich auf die Suche nach ihm. Sie fand die hinter Efeu verborgene Tür und den von Mr. Craven vergrabenen Schlüssel. Schon bei ihrem ersten Besuch begann sie, den gänzlich verwilderten Garten wieder schön zu machen. Sie gab Martha ihr Taschengeld und ließ sie dieses an ihre Mutter senden - mit dem Auftrag, für sie Gartengeräte und Saatgut zu besorgen. Die Einkäufe wurde ihr heimlich von Marthas zwölfjährigem Bruder Dickon gebracht, der im Moor den Umgang mit Wildtieren gelernt und einige von ihnen gezähmt hatte - so begleiteten ihn oft zwei Eichhörnchen, ein Fuchs und eine Krähe. Mary weihte ihn in ihr Geheimnis ein, und beide arbeiteten von da an in dem verwilderten Garten.

Nachdem Mary schon mehrmals geglaubt hatte, Schreie und Weinen im Gutshaus gehört zu haben - was Martha und andere Beschäftigte mit dem Heulen des Windes erklärten -, machte sie sich in einer stürmischen Nacht auf die Suche nach dem Ursprung der Schreie. So entdeckte sie Colin, ihren Cousin, dessen Existenz vor ihr geheim gehalten worden war (und ihre Anwesenheit vor ihm). Er war direkt nach dem Unfall seiner Mutter geboren worden, und da er ein sehr schwächliches und kränkelndes Baby bzw. Kind war und sein Vater befürchtete, er könne auch einen Buckel bekommen, verbrachte Colin die meiste Zeit im Bett, war ansonsten auf den Rollstuhl angewiesen und hielt sich selbst für todkrank. Weil jeder glaubte, der Junge würde bald sterben, wurde ihm jeder Wunsch erfüllt. So wurde er "der schlimmste Quälgeist der Welt", der mit seinen Wutanfällen seine Krankenschwester und die Bediensteten terrorisierte.

Da das Geheimnis gelüftet war und Colin darauf bestand, dass Mary ihn besuchen durfte, konnten die Kinder nun einander etwas besser kennen lernen. Als Mary aber entgegen dem Wunsch von Colin den Tag draußen im geheimen Garten verbrachte, bekam dieser einen schrecklichen Wutanfall - sogar der Arzt musste gerufen werden. Mary ließ sich aber weder einschüchtern noch ein schlechtes Gewissen machen. Vielmehr sagte sie Colin die Meinung über sein hysterisches Benehmen - und zum ersten Mal erkannte dieser, dass die meisten seiner Ängste nur Einbildung waren. So wollte er von nun an zumindest an die frische Luft - und dies erst recht, als Mary ihm vom geheimen Garten erzählte.

Als endlich das Wetter besser wurde, fuhren Dickon und Mary Colin im Rollstuhl zum Garten - Letzterer hatte zuvor allen Gärtnern und Bediensteten verboten, sich in dem Teil des Parks blicken zu lassen, in dem der Garten lag. Dennoch wurde Mary dort von Ben Weatherstaff entdeckt, der sich nach dem Tod von Mrs. Craven noch jahrelang um den Garten gekümmert hatte, bis er wegen seines Rheumas nicht mehr über die hohe Mauer klettern konnte. Als er mit Mary schimpfte, ließ sich Colin zur Mauer schieben und herrschte den alten Gärtner an. Als dieser ihn in seiner Verwirrung als Krüppel bezeichnete, wurde Colins Wut so groß, dass er zum ersten Mal aufstand, mehrere Schritte ging und Ben zeigte, dass er keinen Buckel hatte. Und so begann Colin zu laufen - und der Gärtner wurde zum Mitwisser...

In den folgenden Monaten wurde Colin im geheimen Garten immer gesünder und kräftiger. Dies wurde aber vor den Bediensteten geheim gehalten - auch dank Marthas Mutter, die Dickon Lebensmittel mitgab, sodass Colin wie früher Mahlzeiten verweigern konnte. Als Mr. Craven aufgrund eines Briefes von Dickons Mutter und eines Traumes unangemeldet nach Hause kam und sich auf die Suche nach seinem Sohn in den Garten begab, rannte ein gesunder Zehnjähriger in seine Arme...

Fazit

Dieses Kinderbuch, das auf nahezu jeder Seite wunderschöne, detailreiche und liebevoll gestaltete Zeichnungen von Inga Moore enthält, verdeutlicht, wie Gedanken das Wesen prägen und dieses zu unterschiedlichen Reaktionen der Umwelt führt: "Solange Colin sich in seinem Zimmer wie in einer Höhle verkroch und sich pausenlos Gedanken über seine Ängste, den Tod und seine Abneigung gegenüber allen Menschen machte, war er ein lebensüberdrüssiger, hysterischer und unerträglicher Kerl... Dann begegnete er Menschen, die ihn auf andere, schönere Gedanken brachten und die alten vertrieben. Das Blut in seinen Adern begann wieder zu fließen und sein Körper wurde kräftiger." Eine ähnliche Entwicklung durchlief Mary. In beiden Fällen haben aber auch die "Magie" des Gartens, die frische Luft, die Gartenarbeit, die Wunder der Natur zur körperlichen und seelischen Gesundung beigetragen.

Das alles sind wichtige Botschaften für die Kinder von heute, die jeden Tag viele Stunden in ihrem Zimmer, vor dem Fernseher und am Computer verbringen...

Martin R. Textor