"Dienet einander, jeder mit der Gabe, die er von Gott empfangen hat" - 90 Jahre Kindergärtnerinnen-/ Erzieher/innenausbildung in Dillingen/Donau

Manfred Berger

 

Am 16. Mai 1913 riefen die Dillinger Franziskanerinnen, deren karitativer Dienst am Menschen bis auf das Jahr 1774 zurückreicht, einen "Kindergärtnerinnenlehrkurs" ins Leben. Die Gründung dieser Institution war seinerzeit für den Orden ein Gebot der Stunde. Man erkannte an verantwortlicher Stelle, dass eine professionelle Ausbildung klösterlicher "Erziehungsschwestern" erforderlich sei, da ein "mütterliches Herz" und "frommer Sinn" allein für die Erziehung von Kleinkindern nicht mehr ausreiche. In diesem Schuljahr kann die Dillinger Ausbildungsstätte auf eine 90-jährige Tradition zurückblicken. Dies ist Grund genug zu Fest und Feier, zu Rück-, Um- und Ausschau.

Im Gegensatz zu den bereits 14 im Königreich Bayern (einschließlich der damals dazugehörenden linksrheinischen Pfalz) bestehenden Ausbildungsstätten für Kindergärtnerinnen, die als Aufnahmebedingungen u.a. den Abschluss der "Höheren Mädchenschule" ("Lyzeum") verlangten, konnten demgegenüber den "Kindergärtnerinnenlehrkurs der Franziskanerinnen" auch "begabte Volksschülerinnen" besuchen. Aufgenommen wurden nur junge Mädchen und Frauen, die schriftlich erklärten, in den Orden der Dillinger Franziskanerinnen einzutreten. Die Ausbildungszeit war auf knappe zehn Monate beschränkt. Die Lehrkurse wurden im Durchschnitt von 6 bis 8 Schülerinnen besucht.

Inhaltlich orientierte man sich überwiegend an der Pädagogik des Kindergartenbegründers Friedrich Fröbel. Dazu vermerkte Generaloberin Sr. M. Innocentia Mußack (1845-1924), die bis 1924 als Lehrkursleiterin, neben ihren vielfältigen klösterlichen Aufgaben, verantwortlich zeichnete: "Auf dem Gebiet der geistigen Erziehung ist immer noch unser Altmeister Fröbel tonangebend. Er ist ja auch keineswegs unzeitgemäß, als ihn jugendliche Gemüter hinstellen möchten. Fröbel will eben auch aus seiner Zeit heraus verstanden sein, und es ist nicht seine Schuld, wenn seine Nachfolger sein tiefes und feines Verständnis für das Kind nicht auf die neue Zeit anwenden können. Er gibt uns doch Anhaltspunkte, die mit den modernsten Zeitideen übereinstimmen. Der Begründer des Kindergartens war ein Vertreter des Familiengedankens, er hat in seinen berühmten Spielgaben zum erstenmal ein festgefügtes System der geistigen Erziehung im Kleinkindalter erdacht, er hat vor allem die sittlich-religiöse Seite der Erziehung in den Mittelpunkt der Arbeit gestellt. Darum ist Friedrich Fröbel uns auch heute noch Vorbild in der täglichen Erziehung im Kindergarten."

1924 übernahm für fünf Jahre Generaloberin Sr. M. Laurentia Meinberger (1873-1937) die Verantwortung für die Schule. Wie auch ihre Vorgängerin leitete sie die Kindergärtnerinnenlehrkurse zusätzlich zu ihren Verpflichtungen als Generaloberin. Da die staatliche Anerkennung der Lehrkurse bevorstand, musste Sr. M. Laurentia Meinberger einen neuen Lehrplan entwerfen. Dieser umfasste 33 Wochenstunden, die sich in "Theoretische Fächer" (9 Stunden), "Technische Fächer" (12 Stunden) und "Praktische Arbeiten" (11-12 Stunden) aufteilten. Zur Theorie gehörten Erziehungs-, Kindergarten- Gesundheits- und Volkswirtschaftslehre sowie Deutsch, Kinderliteratur und Bürgerkunde. Die technischen Fächer erstreckten sich auf theoretische und praktische Kindergartenbeschäftigungen und, davon noch gesondert, auf Turnen, Gesang, Musik sowie Bewegungsspiele. Das vorgeschriebene vierwöchige Praktikum wurde im klostereigenen Kindergarten in Dillingen oder in den von den Franziskanerinnen geleiteten vorschulischen Einrichtungen in Lauingen, Höchstädt oder anderen nahen Orten abgeleistet.

Unabdingbare Vorraussetzung für die staatliche Anerkennung der Lehrkurse war eine eigene, von weiteren klösterlichen Aufgaben unabhängige Schulleitung. So übertrug man im Mai 1929 der in Freiburg/ Breisgau ausgebildeten Jugendleiterin Sr. M. Siena Heidel (1882-1951) die Verantwortung für die Bildungsstätte. Die Ausbildungsdauer wurde auf zwei Jahre erhöht. Das sich nun nennende "Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenseminar" erhielt am 20. Oktober 1931 die staatliche Anerkennung.

Ab 1933 musste sich das Seminar immer mehr der vorgeschriebenen völkischen Ideologie anpassen, wie die folgende Auswahl von Prüfungsthemen 1940/41 belegt: "Ermittle die Erbformeln des unten angegebenen Stammbaumes, bei dem es sich um erbliche Taubstummheit handelt (rezessiver Erbgang)! Und nenne die Gründe, die ein Zurückgehen der nordischen Rasse im deutschen Volk bedingen!". Im Fach Kindergartenlehre wurde beispielsweise die Frage gestellt: "Warum ist Friedrich Fröbel ein Ehrenplatz in der pädagogischen Ahnengalerie des Nationalsozialismus einzuräumen?"

Trotz aller Anpassungsstrategien verfügte am 11. Februar 1941 das "Bayerische Staatsministerium für Unterricht und Kultus": "Die konfessionell gebundenen sozialpädagogischen Seminare sind noch im Laufe dieses Jahres in die Hand eines öffentlichen körperschaftlichen Schulträgers überzuleiten... Den Leiterinnen... ist mitzuteilen, daß mit Beginn des Schuljahres 1941/42 Neuaufnahmen nicht mehr stattfinden dürfen."

Somit ging am 31. März 1941 eine fast 30-jährige Ära abrupt zu Ende. In die frei gewordenen Schulräume wurden verwundete Soldaten einquartiert, und ein Teil der Lehrschwestern wurde zu Lazarettdiensten eingezogen.

Da sich nach dem Zusammenbruch im Mai 1945 viele Kinder ohne Aufsicht auf den Straßen herumtrieben, war der Bedarf an ausgebildeten "Aufsichtspersonen" sehr groß. Sie sollten die "streunenden Kinder vor körperlicher und seelischer Verwahrlosung, Unreinlichkeit, Verkrüppelung und Unglücksfällen aller Art" bewahren. Diese Not erkennend, nahmen die Franziskanerinnen ihren Ausbildungsauftrag sofort wieder wahr. Bereits am 19. Oktober 1945 kam, nach Überprüfung der Schule und der gemeldeten Lehrschwestern, das benötigte "Approval for the reopening of the seminary for kindergarden teachers". In Schnellausbildungskursen von sechs Wochen und halbjährlichen Sonderkursen versuchte man, der schwierigen personellen Situation Herr zu werden.

Am 1. September 1948 konnte wieder mit der obligatorischen zweijährigen Ausbildung von Klosterfrauen und -kandidatinnen begonnen werden. Die Leitung wurde erneut Sr. M. Siena Heidel übertragen, die diese noch im gleichen Monat aus Krankheitsgründen an Sr. M. Dietgard Weißenberger (1923-2003), einer in Freiburg/ Breisgau ausgebildeten Jugendleiterin, übergab.

Gegen einigen klösterlichen Widerstand öffnete sich 1952 das Seminar auch weltlichen Bewerberinnen. Dieser Schritt der Schulleitung war notwendig und richtig, da es mit den Jahren immer mehr an klösterlichen Kandidatinnen mangelte. Sr. M. Dietgard Weißenberger unterstützte die Umwandlung des "Kindergärtnerinnen- und Hortnerinnenseminars" in eine "Fachschule für Sozialpädagogik", die schließlich nach langer Vorbereitungszeit im September 1968 erfolgte. Die Ausbildungszeit wurde auf drei Jahre erhöht (zwei Jahre Theorie, ein Jahr Berufspraktikum) und berechtigte zu der Berufsbezeichnung "Staatlich anerkannte/r Erzieher/in". Eine Folge davon war, dass sich die Fachschule auch männlichen Bewerbern öffnete.

Mit der Änderung zur Fachschule war aber noch kein Ende erreicht: Bewegte Jahre standen bevor. Die "Fachschulen für Sozialpädagogik" wurden in Bayern zu "Fachakademien für Sozialpädagogik", die bis heute neben der beruflichen Ausbildung der Erzieher/innen auch den Erwerb der fachgebundenen Fachhochschul- bzw. Hochschulreife ermöglichen. Im März 1973 wurde die "Fachakademie für Sozialpädagogik der Franziskanerinnen" mit Wirkung vom 1. Januar 1973 staatlich anerkannt. Durch das 1972 erlassene "Bayerische Kindergartengesetz", das einen verstärkten Ausbau des Kindergartenwesens bedingte, stieg der Bedarf an ausgebildeten Erzieher/innen. Demzufolge erweiterte Sr. M. Dietgard Weißenberger das Angebot an Ausbildungsplätzen erheblich. Im Schuljahr 1975/76 hatte die klösterliche Bildungsinstitution mit 283 die höchste Zahl an Studierenden - in Vergangenheit und Gegenwart. Darin inbegriffen waren 14. sog. Telekollegiaten, die noch zusätzlich mitausgebildet wurden, und die in jenem Jahr das Berufspraktikum absolvierten.

Das "Telekolleg" betreffend, schrieb am 22.11.1972 das Bayerische Kultusministerium an die Schulleitung: "Das Telekolleg Erzieher ist in seiner Struktur kompliziert und führt in der Anfangsphase zu mancherlei Schwierigkeiten. Die Teilnehmerinnen machen geltend, daß sie durch den Kollegtag am Samstag und weitere Kollegstunden an zwei oder drei Abenden neben ihrem Beruf sehr stark in Anspruch genommen seien. Berufstätige, die sich neben ihren sonstigen Pflichten einer anspruchsvollen Ausbildung, wie sie das Telekolleg-Erzieher darstellt, unterziehen, bedürfen der Ansprache und der Ermutigung. Der erhebliche Bedarf an Erziehern wird sich künftig noch stärker bemerkbar machen, wenn die Zielsetzungen des Kindergartengesetzes erfüllt werden sollen."

Nach 27 Jahren legte Sr. M. Dietgard Weißenberger die Leitung der Bildungsinstitution in jüngere Hände. Sie hatte vielen Studierenden und "Lehrkräften ein großes Erbe hinterlassen, das den Namen Aktivitätsfreude, Risikobereitschaft und Freiheit tragen könnte."

Mit dem Schuljahr 1975/76 übernahm die in München ausgebildete Dipl. Sozialpädagogin (FH) Sr. M. Vera Fischer (*1943), ohne jegliche Vorbereitung, die Verantwortung für die Fachakademie, die sie durch "turbulente Zeiten" führte, u.a. bedingt durch die sich stets ändernden Ausbildungsbedingungen und -inhalte.

Ein besonderer Einschnitt war die Übergabe der 87 Jahre unter der Trägerschaft des Klosters der Dillinger Franziskanerinnen stehenden Bildungsinstitution an das "Schulwerk der Diözese Augsburg". Trotz aller Wehmut sagte Sr. M. Vera Fischer anlässlich der Feierstunde zur Übergabe der Schulträgerschaft am Josefstag 2001 hoffnungsvoll: "...Nun ist die Zeit gekommen; der bewährte Träger muss abgeben, sein liebes Kind, welches das seine war, in andere stärkere Hände geben und es breiteren Schultern überlassen. Das FAKS-Kind, nun dem Gewohnten entrissen, verunsichert und neugierig, will weiterhin die Welt entdecken, Menschen begegnen in aller Vielfalt, mit Toleranz und Akzeptanz, gültige Werte erleben und verstehen, Freude erfahren am Leben, an der Schöpfung und an Gottes Wort, will nicht für sich leben, sondern den Weg zu anderen finden, will akzeptiert sein, am Bewährten festhalten und sich frei entwickeln dürfen gemäß dem Bauplan des Schöpfers. Das FAKS-Kind braucht weiter Freiheit und Führung."

Gegenwärtig ist wieder mal eine "Reform" der Ausbildung in vollem Gange (Stichwort: "lernfeldstrukturierter Lehrplan"), die der Schulleitung und dem Lehrerkollegium sicherlich noch genügend "Kopfzerbrechen" bereiten wird. Wie wird es wohl weitergehen? Wird der neue Lehrplan zu einer wirklichen Reform führen? Werden sich in Zukunft noch genügend junge Leute für den Erzieher(innen)beruf interessieren? Kann die Ausbildung, trotz "Reform", so bestehen bleiben? Fragen, die kaum zu beantworten sind, denn wer kann schon in die Zukunft sehen und vor allem die Entwicklung eines so sensiblen Gebildes wie die einer Bildungsinstitution voraussagen.

Aber was ich mir für unsere Schule wünschen würde, könnte vielleicht so lauten: Die Dillinger Fachakademie für Sozialpädagogik wird sich mit wachen Augen den gesellschaftlichen und ideellen Veränderungen der Zeit stellen, aber sich diesen (hoffentlich) nicht unreflektiert anpassen, und darauf konstruktive Antworten suchen und geben müssen. Sie wird weiterhin "missionarisch" sein müssen, jedoch in vornehmer Zurückhaltung und geübter Toleranz gegenüber Andersdenkenden. Sie wird weiterhin christliche Werte anbieten müssen, ohne sie aufzuzwingen. Sie muss zudem noch intensiver um den Prozess der Persönlichkeitsentwicklung bemüht sein. Wenn gilt, dass der Mensch am Menschen zum Menschen wird, das Ich sich am Du entfaltet, dass Vorbild mehr ist als Reden, dann müssen diese Grundlagen in Zukunft weiterhin Priorität in der Ausbildung haben. Und so hoffe ich, dass das Motto von Sr. M. Innocentia Mußak zur Eröffnung des "Kindergärtnerinnen-Lehrkurs" im Jahre 1913 auch weiterhin seine Gültigkeit haben möge: "Dienet einander, jeder mit der Gabe, die er von Gott empfangen hat (1. Petr. 4,10)."

Literatur

Berger, M.: Recherchen zur Ausbildungssituation der Kindergärtnerin im Dritten Reich. Ein Beitrag zur Vertiefung der "historischen Identität" der heutigen Erzieher/innen, in: Unsere Jugend 1985/H. 11

Berger, M.: Vorschulerziehung im Nationalsozialismus. Recherchen zur Situation des Kindergartenwesens 1933-1945, Weinheim/ Basel 1986

Berger, M.: 75 Jahre Erzieher/innen-Ausbildung in Dillingen, in: Unsere Jugend 1988/H. 5

Berger, M.: 75 Jahre Kindergärtnerinnen- und Erzieher(innen)ausbildung in Dillingen/ Donau, in: Rundbrief der Bundesarbeitsgemeinschaft katholischer Ausbildungsstätten für Erzieher 1988/H. 1

Berger, M.: 75 Jahre Kindergärtnerinnen- und Erzieherausbildung in Dillingen, in: Informationsdienst für Dozenten an sozialpädagogischen Ausbildungsstätten 1988/H. 1+2

Berger, M.: Im Herzen die Liebe zum Kind. Jubiläum bei den Dillinger Franziskanerinnen, in: Schulreport 1992/H. 5+6

Berger, M.: Vom Kindergärtnerinnen-Lehrkurs zur Fachakademie für Sozialpädagogik, in: Christ und Bildung 1993/H. 5

Berger, M.: Vom Kindergärtnerinnenlehrkurs zur Fachakademie für Sozialpädagogik. Ein Beitrag zur Geschichte der Erzieher/-innenausbildung in Dillingen/ Donau, in: Jahrbuch des Historischen Vereins Dillingen an der Donau, 101 Jg., Dillingen 2000

Berger, M.: 90 Jahre Fachakademie für Sozialpädagogik in Dillingen, in: Christ und Bildung 2003/H. 7

Fachakademie für Sozialpädagogik Dillingen des Schulwerks der Diözese Augsburg (Hrsg.): 1 Jahr beim Schulwerk der Diözese Augsburg, Dillingen 2001